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Auftaktveranstaltung "Wissenschaft" des Jahres "Deutschland + Brasilien 2013-2014"

Bundespräsident Joachim Gauck bei einer Podiumsdiskussion mit Stipendiaten des Programms 'Ciência sem Fronteiras' Rio de Janeiro, Brasilien, 15. Mai 2013 Reise des Bundespräsidenten nach Brasilien - Podiumsdiskussion mit Stipendiaten des Programms 'Ciência sem Fronteiras' auf der Auftaktveranstaltung 'Wissenschaft' von 'Deutschland + Brasilien 2013-2014' © Jesco Denzel

Ich bin nun schon seit ein paar Tagen bei Ihnen in Brasilien und total beeindruckt – am meisten von den Menschen. Mir gefällt die Energie Ihres Landes, Ihre Entschlossenheit, die Möglichkeiten der Globalisierung zu nutzen – den Fluss an Informationen, Waren und Ideen; und Ihr Wille, das Leben von Millionen von Menschen nachhaltig zu verbessern.

Brasilien gehört – wie Deutschland – zu den großen Volkswirtschaften dieser Erde. Unsere beiden Nationen sind Mitglieder der G20, wir sind also globale Akteure. Brasilien und Deutschland verbindet aber noch weit mehr als eine strategische Partnerschaft und exzellente Wirtschaftsbeziehungen. Unsere wichtigste Gemeinsamkeit sind die Werte, denen wir uns verpflichtet fühlen. Wir wissen, dass mit der Freiheit, die wir wollen, auch Verantwortung einhergeht – Verantwortung dafür, dass diese Welt offen, frei und friedlich sein kann; dafür, dass der Wohlstand nachhaltig gesichert und gemehrt wird und allen Menschen zugute kommt. Das sagt sich leichter als es getan wird – denn es sind riesige Aufgaben. Die Menschheit wächst beständig, alle wollen berechtigterweise teilhaben, brauchen Nahrung und Strom, möchten mobil sein und konsumieren. Auf langfristig nachhaltige Weise wird das nur mit großen, vor allem großen technologischen Veränderungen möglich sein. Zudem sind wir mehr denn je aufeinander angewiesen: Isoliert voneinander können wir unseren Wohlstand und unser Wohlergehen längst nicht mehr sichern.

Darum gehört es zu unserer gemeinsamen Zukunftsverantwortung, nicht nur in Politik und Wirtschaft, sondern auch in Wissenschaft und Technologie eng zusammenzuarbeiten. Und deshalb war es mir auch so wichtig, das Deutschlandjahr in Brasilien nicht nur einmal in São Paulo, zusammen mit der Wirtschaft und mit einem kulturellen Glanzpunkt zu eröffnen, sondern hier und heute ein zweites Mal, im Dialog mit Ihnen! Ich bin sehr beeindruckt, wie viele ambitionierte Veranstaltungen zum Thema Wissenschaft und Forschung es im Laufe des Jahres geben wird – ein herzlicher Dank an alle Partner in Brasilien und Deutschland, die dieses großartige Programm möglich machen. Es ist gut zu sehen, wie sehr brasilianische und deutsche Forscher gemeinsam die Verantwortung für eine bessere Zukunft in unserer einen Welt wahrnehmen.

Gestern, beim Blick von der Dachterrasse des "Museum de Arte Moderna do Rio", konnte ich einige der Herausforderungen mit bloßen Augen sehen: Wie können sich die Lebensbedingungen in den ärmeren Vierteln der Stadt verbessern? Wie kommen täglich Millionen Bewohner dieser Stadt verlässlich und möglichst umweltverträglich von A nach B? – gigantische Herausforderungen, alleine das! Spätestens im kommenden Jahr, bei der Fußball-Weltmeisterschaft, wird Ihre Stadt – wie Ihr ganzes Land – unter den neugierigen Augen der Weltöffentlichkeit stehen. Und, wenn man den Blick weiter, über die Bucht, schweifen lässt: Wie können die für Mensch und Tier so wichtigen Ökosysteme erhalten werden, etwa ein artenreiches Meer hier vor Ihrer Haustür und anderswo oder der atlantische Regenwald?

In all diesen Fragen stecken zugleich Erwartungen an Sie, liebe Wissenschaftler. Wir wünschen uns von Ihnen Ideen für saubere, sichere und erneuerbare Energiequellen und für eine umweltverträgliche Landwirtschaft, für bessere Therapien gegen möglichst viele Krankheiten, Zugang zu guter Bildung für alle und kluge Rezepte gegen die Spannungen in einer Welt der sozialen und kulturellen Gegensätze. Angesichts solcher Erwartungen mögen manche den Kopf einziehen. Sie nicht – da bin ich mir sicher. Weil ich dieses Land als energiegeladen und innovationsfreudig kennengelernt habe. Und weil ich heute hier unter Menschen bin, die es zu ihrer Berufung gemacht haben, Probleme zu analysieren und Lösungen zu entwerfen, mit Leidenschaft und Kreativität. Sie werden dabei manchmal der Mehrheit der Gesellschaft voraus sein – gerade das müssen junge Wissenschaftler wollen!

Ich bin kein Wissenschaftler, aber ich bin fasziniert und staune, wenn ich mir berichten lasse, welche Fortschritte es gibt, bei ressourcensparenden Technologien, umweltfreundlichen Werkstoffen und erneuerbaren Energien, bei der Gestaltung großer Städte und der Landwirtschaft.

Unsere beiden Länder haben das Potential, zu Vorreitern einer umweltverträglichen Wirtschaftsweise zu werden – und dies auch zu einem ökonomischen Erfolgsmodell zu machen! Und darum ist es gut, dass Brasilien und Deutschland gerade in Fragen der Nachhaltigkeit besonders intensiv kooperieren. Der Name "Rio" ist ja weltweit verknüpft mit der Aufbruchstimmung bei der großen Konferenz vor über 20 Jahren.

Damals formulierten erstmals Vertreter fast aller Staaten der Welt gemeinsam die zwei Ziele, die es heute noch genauso – und sogar unter verschärften Bedingungen – in Einklang zu bringen gilt: Entwicklung ermöglichen und zugleich die Wirtschaft nachhaltig umgestalten.

Ich weiß, dass gerade ein Land wie Ihres – mit großen inneren Ungleichheiten – immer beides im Blick behalten muss: die technologischen wie auch die sozialen und gesellschaftlichen Innovationen. Eines ist jedenfalls auch auf dem Folgegipfel im letzten Jahr, "Rio+20" klar geworden: Eine "Green Economy" entsteht nicht allein durch Deklarationen oder internationale Protokolle. Sie braucht auch und vor allem innovative Forschung und Unternehmen, aufgeklärte Konsumenten, kurz: Abermillionen von Einzelnen, die ihre Ideen entwickeln und einbringen und von ihrer Freiheit einen verantwortlichen Gebrauch machen.

Demokratien sind dafür der geeignete Nährboden – verteidigen und vertiefen wir also unsere Demokratien!

Sie merken vielleicht schon: Sie werden mich nicht finden im Lager der Bedenkenträger, die den wissenschaftlich-technischen Fortschritt am liebsten anhalten oder gar zurückdrehen würden. "Fortschritt" bedeutet für Milliarden Menschen auf dieser Welt nicht etwa "noch raffiniertere elektrische Fensterheber fürs Auto", sondern schlicht Zugänge zu einem etwas besseren Leben. Aber Sie werden mich sehr wohl finden im Lager derer, die daran erinnern, dass Fortschritt immer des Nachdenkens bedarf. Denn nicht alles, was möglich ist, sollte auch getan werden und es ist auch kein Selbstzweck. Es soll das Leben der Menschen verbessern, mit erkennbaren, vollziehbaren Schritten. Es gibt – in Ihrem wie in meinem Land – die warnenden Stimmen, die auf die Kehrseiten aufmerksam machen, zum Beispiel dann, wenn es nicht um Fortschritte geht, sondern um einen manchmal naiven, abstrakten Fortschrittsgedanken. Ich möchte Sie, liebe Forscherinnen und Forscher, ermutigen, solchen Diskussionen nicht auszuweichen – und bei aller Faszination für das Detail Ihrer Forschungen nie das große Ganze aus dem Blick zu verlieren. So wünsche ich mir die Verantwortung für Wissenschaft in einer offenen Gesellschaft!

Unsere Länder verbindet eine lange Geschichte der wissenschaftlichen Beziehungen und der Neugier aufeinander. Im frühen 19. Jahrhundert war ein Brasilienaufenthalt fast schon ein Muss für deutsche Naturwissenschaftler. Wenn wir von heute aus schauen, können wir uns allerdings kaum noch vorstellen, unter welchen Bedingungen diese Pioniere damals forschten – das begann schon bei der Anreise. Damals musste der Ozean zwischen unseren Ländern ja noch per Schiff überquert werden! Übrigens: Nicht jedes Schiff ist angekommen. Und wie mühsam mussten die Wissenschaftler ihre Schätze – die gesammelten Informationen – transportieren und aufbereiten!

Heute genügt ein Mausklick und riesige Datenmengen können in Sekundenbruchteilen quer über alle Kontinente und Meere hinweg geteilt werden. Und Kooperationen zwischen brasilianischen und deutschen Forschungseinrichtungen sind eine Selbstverständlichkeit geworden. Ihre Regierung hat Möglichkeiten der Begegnung geschaffen, von denen frühere Generationen nur träumen konnten – ich denke an Ihr großes, bewunderungswürdiges Programm "Wissenschaft ohne Grenzen". Auf deutscher Seite fördern vor allem DAAD, Deutsche Forschungsgemeinschaft und Alexander von Humboldt-Stiftung Austausch und Kooperation. Ich bin sehr dankbar für diese Aktivitäten in meinem Heimatland.

Tausende brasilianische und deutsche Akademiker konnten dadurch im jeweiligen Gastland forschen. Und mit den gewonnenen Erkenntnissen haben manche vielleicht auch den so wichtigen Schritt vom Labor in die Produktion gemacht. Solche Kooperationen sind von unschätzbarem Wert für Nationen wie unsere, deren Zukunft ganz wesentlich von innovativen Technologien abhängt! Ein schönes praktisches Beispiel habe ich mir schildern lassen:

Das Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung in Potsdam entwickelt zusammen mit einer brasilianischen Firma Solarzellen, die schichtweise auf flexibles Trägermaterial aufgedruckt werden, rollenweise – Sonnenenergie vom Meter, könnte man sagen. Das könnte letztlich auch Bildungschancen in entlegene Gebiete bringen, etwa wenn Taschen aus diesem Material dafür sorgen, dass Laptops mit Solarstrom betrieben werden können.

Ich habe eingangs von den Ressourcen Ihres Landes gesprochen. Eine der wichtigsten Ressourcen sind Sie, meine Damen und Herren – ganz besonders die Jüngeren unter Ihnen! Denn was wären die anderen Ressourcen ohne den menschlichen Forscher- und Erfindergeist, ohne den Willen, zu verändern, was wir vorfinden, die Dinge immer besser zu verstehen und sie immer besser zu machen und vor allem: ohne die Entschlossenheit, voneinander zu lernen? Das Schöne ist: Die Ressourcen, die in unseren Herzen und Köpfen stecken, schwinden nicht, sondern sie vermehren sich, wenn wir sie nutzen und mit anderen teilen.

Und genau das wollen wir miteinander tun!