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Preisverleihung des Wettbewerbs "Starke Schule"

Bundespräsident Joachim Gauck bei seiner Rede Berlin, 5. Juni 2013 Preisverleihung des Wettbewerbs "Starke Schule" © Clemens Bilan

Wie schön, Sie alle hier in diesem wunderbaren Raum im Jüdischen Museum begrüßen zu können! Ich hätte Sie alle liebend gerne auch in diesem Jahr im Schloss Bellevue zu Gast gehabt, aber etwas Gutes hat das verhindert: Die Zahl der Teilnehmer am Wettbewerb "Starke Schulen" ist so groß geworden, dass die Kapazitäten dort nicht ausgereicht hätten. Dass das Interesse so groß ist, hängt auch damit zusammen, was wir mit dieser Preisverleihung ehren: dass es Fortschritte gegeben hat. Es gibt also im wahrsten Sinne einen guten Grund, dass wir miteinander hier sind.

Gut ist es deshalb, weil wir etwas tun, was in der Gesellschaft nicht so verbreitet ist: Wir hören, reden über "Starke Schulen" und zeichnen sie aus. Was wir sonst hören und auch lesen in den zahlreichen Büchern, die über Schule und Schulen geschrieben werden, ist ja manchmal doch bedrückend, zum Teil ist es auch alarmistisch und dann weniger hilfreich. Eine kleine Auswahl an aktuellen Buchtiteln der letzten Jahre: "Schlaue Kinder, schlechte Schulen", "Dichter, Denker, Schulversager" oder "Letzte Chance für gute Schulen". Sicher gibt es auch Schwächen in unserem Bildungssystem. Aber manchmal denke ich an den alten Schüler-Seufzer: "Alle reden von der Schule – doch keiner tut was dagegen!"

Aber stimmt das: Keiner tut etwas? Das stimmt nun ganz gewiss nicht – und ganz gewiss nicht, wenn ich mich hier umschaue. Die für den Bundespreis nominierten Schulen sind herausragende Beispiele dafür, was man alles tun kann und was tatsächlich nicht nur versucht, sondern getan wird – natürlich nicht gegen die Schule, sondern im Gegenteil: für die Schule. Für eine Schule, die Kinder und Jugendliche mit ganz unterschiedlichen Begabungen und aus ganz unterschiedlichen Elternhäusern so gut wie möglich fördert und fordert: eine Schule, die Schülerinnen und Schülern etwas zumutet, aber damit auch gleichzeitig Zutrauen gibt. Zutrauen zu sich selber, das braucht jeder, um selbstbewusst und eigenverantwortlich durchs Leben zu gehen.

Wenn wir die nüchternen Zahlen betrachten, müssen wir konstatieren: Das gelingt nicht an allen Schulen. Immer noch verlassen zahlreiche junge Leute die Schule ohne Abschluss. Immer noch haben bei uns zu viele, auch trotz eines Abschlusses, nur schlechte Chancen auf einen direkten Übergang in Ausbildung und Beruf – eine entmutigende Erfahrung für den Einzelnen und ökonomisch schädlich für die ganze Gesellschaft. Aber – und jetzt kommt die gute Nachricht: Es sind weniger geworden, weniger als noch fünf Jahre zuvor – und auch und vor allem, weil sich immer mehr Schulen auf den Weg machen, hieran etwas zu ändern.

Und das sind Schulen wie Ihre. Da wird nicht nur über Probleme geklagt, sondern da wird etwas zu ihrer Lösung getan. Hier finden couragierte Leitungen couragierte Lehrerinnen und Lehrer, die Schüler ermutigen und ermächtigen können; die sich nicht im Wettbewerb darüber befinden, wer am intelligentesten stöhnen und klagen kann. Sondern es sind diejenigen, die sich nicht durch Probleme unterbuttern lassen, die Reformen als Chance ansehen und nicht als Bedrohung ihrer Existenz. Es sind Menschen, die im besten Sinne des Wortes klug sind.

Wir brauchen solche Schulen, die weit über die Grenzen ihres Schulhofs hinaus denken, und die gemeinschaftliche Verantwortung von Schule, Wirtschaft und Gesellschaft. Das müssen wir immer wieder ganz konkret einfordern. Und wo es Bereiche gibt, in denen dieses Gemeinsame existiert, wollen wir uns darüber freuen – und so ist dies hier heute, bei dieser Begegnung mit Schülern, Lehrern, Schulleitungen und Trägern, die dieses Bildungskonzept fördern. Das ist für mich eine herausragende Begegnung, das ist etwas Heilendes für unsere Gesellschaft. Ich freue mich darüber, wie unsere Stiftungen hier eingestiegen sind. Ich freue mich über Einzelne, die sich ganz privat aufgefordert fühlen, Verantwortung zu übernehmen, indem sie Lesepaten werden oder die Schulen unterstützen, die Helfer bei Sommercamps sind oder die in der mobilen Jugendarbeit die Arbeit der Schulen unterstützen. Stadtjugendämter, Kultureinrichtungen, Bibliotheken, vieles andere ist hier zu nennen.

Aber in unserem Zusammenhang heute ist es wichtig, dass wir einen Fokus richten auf diejenigen, die wir besonders brauchen. Und das sind unsere Partner in den Unternehmen, in den Betrieben.

Wir können ja gar nicht genug dankbar genug dafür sein, wie erfolgreich sich in Deutschland das Prinzip des dualen Lernens durchgesetzt hat, wie gut die Berufsschule verankert ist, auch in unserem Denken, und wie das Miteinander von Berufsschulen und Betrieben organisiert wird. Und wie gut ist es, dass wir hier in Deutschland eine Tradition der Achtung vor handwerklicher und facharbeitlicher Ausbildung haben. Wenn gesellschaftlicher Erfolg gleichgesetzt wird mit einer akademischen Ausbildung, dann entsteht eine Menge von Problemen.

Die Unternehmen und Betriebe, die nun bei dem doch recht schwierigen Programm diejenigen mit einbeziehen, die nicht gut ausgebildet sind, verdienen deshalb unsere besondere Anerkennung. Es gibt aber auch für die Unternehmen viele Gründe dafür, nicht nur mit Berufsschulen eng zusammenzuarbeiten, sondern auch mit den Schulen selbst – gerade für die kleinen und mittelständischen Betriebe, die oft über die "Jugend von heute" klagen und zugleich oft über unbesetzte Lehrstellen. Ihr, liebe Schülerinnen und Schüler, profitiert alle enorm davon, dass Eure möglichen künftigen Arbeitgeber nicht nur Eure – vielleicht nicht immer perfekte – Bewerbungsmappe zu sehen bekommen, sondern dass Sie Euch persönlich kennenlernen. Das Papier, das über uns Auskunft gibt, stellt ja nur ein Teil unserer Persönlichkeit dar. Ich weiß aus meiner Jugend, aus den vielfältigen Kontakten, die ich früher hatte, um die Bedeutung eines Lehrmeisters, der auch bei schwierigen Jungen eine große Kehrtwende im Leben einleitet – der sagt: Junge, Du kannst das. Eltern und Schule, alle haben ihn aufgegeben, aber in der praktischen Ausbildung gibt es einen neuen Blick auf den Menschen, der wichtiger ist als der Blick in eine Bewerbungsmappe. Und da, wo diese Tugend noch gelebt wird, hat die ganze Gesellschaft einen großen Gewinn davon.

Was "Starke Schulen" nun besser machen, ist für uns alle sehr wichtig zu wissen, denn der Preis soll ja nicht nur Beispielhaftes auszeichnen, sondern er soll auch allen anderen zeigen, die nicht ausgezeichnet werden: Schaut her, so kann man es machen! Ich fand es interessant zu lesen, was das Gemeinsame ist: Lehrer arbeiten im Team, sie verzahnen ihren Unterricht mit den Kollegen, stellen klare Regeln auf, fördern Respekt und Wertschätzung, gehen individuell auf jeden Schüler ein – und nehmen dabei auch die Eltern mit. Besonders schön fand ich den Befund, dass es nicht nur um Abschlüsse ginge, sondern um Anschlüsse!

Eine Gemeinsamkeit habe ich in diesem Katalog, den ich eben aufgezählt habe, allerdings vermisst – sie scheint mir allerdings ziemlich wichtig zu sein: "Starke Schulen" haben Ansprüche! Und sie haben auch das Recht darauf, Ansprüche zu erheben: Ansprüche an sich selbst, an das Lehrerkollegium, Ansprüche an Eure Eltern, aber vor allem Ansprüche an Euch selbst, liebe Schülerinnen und Schüler, liebe Jugendliche. Irgendwann im Leben muss man begreifen, dass es wichtig ist, solche Ansprüche zu stellen, sich selber zu fordern, sich selber etwas zuzutrauen. Denn wenn wir uns etwas vornehmen, wenn wir uns Ziele setzen, dann gelingt uns so vieles besser und wir können Leistungen erbringen, die wir uns überhaupt nicht zugetraut haben. Das geht aber nur, wenn wir uns nicht treiben lassen, sondern wenn wir uns ernst nehmen. Und wenn wir uns ernst nehmen, heißt das, dass wir nicht nur ein Leben suchen, in dem wir uns amüsieren können, sondern dass wir uns ein Leben suchen, indem wir Aufgaben erfüllen können. Und jeder, der das probiert hat, merkt, wenn er sich das zugemutet hat, dann kann er glücklicher werden. Das ist ein ganz einfaches Prinzip. Man kann es aber nur erfassen und erfahren, wenn man reingeht, wenn man sich selber fordert und sich selber Ansprüche stellt. Wer das begreift, begreift auch: Für Misserfolge kann ich nicht nur die anderen verantwortlich machen, die Schule, die Gesellschaft oder irgendwelche gleichgültigen Menschen, sondern wir alle, die Schule, die Gesellschaft, die Eltern, aber auch wir selbst als Person gehören zu diesem System. Und wenn wir über Ansprüche sprechen – und ich möchte, dass wir das tun – dann müssen wir begreifen: Ich bin gemeint, ich gehöre in dieses Spiel hinein. Ich lasse mich nicht nur fördern, sondern ich fordere mich selbst.

Du kannst etwas erreichen – wenn Du Dich anstrengst! Das sollten Kinder und Jugendliche normalerweise im Elternhaus vermittelt bekommen. Aber vielen müssen unsere Schulen das heute mitgeben, weil immer mehr Eltern das nicht mehr möglich ist. Und jetzt möchte ich, dass wir das auch nicht nur als Schwierigkeit ansehen, sondern dass wir diese Lust am Lernen, diese Lust an Beharrlichkeit, die manche Elternhäuser nicht vermitteln können, dass wir die vielleicht mit den Eltern eintrainieren. Eben das tun die "Starken Schulen", von denen heute und in dieser ganzen Wettbewerbsphase die Rede ist.

Es ist eigentlich doch selbstverständlich, es ist so wichtig, es ist in unserem Grundgesetz eingeschrieben, dass die Pflege und Erziehung von Kindern hauptsächlich den Eltern obliegt. Die Eltern sind also in der Pflicht! Und wir tun unserer Gesellschaft auch nichts Gutes, wenn wir den Eltern sagen: "Ach, macht nichts, wenn Ihr nicht funktioniert, wir übernehmen das schon für Euch." Das wäre nicht Verantwortung, und das wäre auch nicht Toleranz. Mich regt es zum Beispiel wirklich jedes Mal auf, wenn ich höre, dass in vielen Elternhäusern die Verantwortlichen es nicht mal schaffen, die Kinder rechtzeitig zur Schule zu schicken und ihnen ein Frühstücksbrot zu machen.

Der erste Impuls ist, darüber zu schimpfen. Das erleichtert einen dann, bringt aber gar nichts. Erfahrene Pädagogen wissen das schon länger, sie wissen es auch besser: Beschimpfung hilft selten. Deshalb finde ich die Schulen interessant, die es vermocht haben, die Eltern mit einzubeziehen und den Eltern ein Gefühl dafür zu vermitteln, dass es doch schön ist, wenn die Chancen ihrer Kinder gefördert werden und dass sie dabei eine eigene Funktion haben. Deshalb lobe ich auch die, die die Eltern in die Schule gebracht haben, die es geschafft haben, sie soweit an die pädagogischen Konzepte heranzubringen, dass man davon ausgehen kann, sie haben eben auch etwas dazu gelernt. So wie ich es in meinem 73. Lebensjahr gemerkt habe, dass man fortwährend dazulernen kann, so wird es Ihnen auch mit den Eltern gelingen, liebe Lehrerinnen und Lehrer, vielleicht nicht bei jedem Elternteil, aber bei sehr vielen. Denn die Eltern, die versagen, sind in ihrem Versagen ja nicht glücklich. Und deshalb lohnt sich diese zusätzliche Aufgabe sehr. Ich weiß, dass das zusätzlich Zeit bindet. Und deshalb bin ich besonders dankbar über die Schulen, an denen dieses Konzept eben gewollt und durchgeführt wird.

In einer Gesellschaft, die immer pluraler wird, müssen Schulen für die Kinder, die schlechtere Startchancen haben als andere, besonders viel tun. Das liegt auf der Hand. Chancengerechtigkeit im Bildungssystem heißt eben nicht, alle gleich zu behandeln. Vergleichbare Bildungschancen wird es nur geben, wenn ungleiche Startchancen so gut wie möglich ausgeglichen werden. Ich habe es vor wenigen Wochen bei einer Ordensverleihung im Bildungsbereich erlebt und schon einmal gesagt, und ich wiederhole das hier gerne: Hier, an dieser Stelle, leisten Lehrerinnen und Lehrer Enormes! Ich habe besonders hohen Respekt vor denen, die sich nicht nur im Bereich der Elitenförderung, sondern in der Förderung der Abgehängten besonders hervorgetan haben.

Dabei ist mir völlig klar, liebe Lehrerinnen und Lehrer, dass ich nicht nur von sommerlichen Tagen und schönen Erlebnissen spreche. Jeder, der irgendwann einmal auch nur etwas mit Pädagogik oder auch Menschenführung zu tun gehabt hat, weiß: Wenn wir uns wirklich um den Menschen kümmern, dann erleben wir auch Tage und Situationen von Enttäuschung. Ich gehe davon aus, dass jeder, der hier sitzt, solche Frustrationserfahrungen kennt. Und ich gehe davon aus, dass Sie hier sitzen, weil Sie sich davon nicht haben entmutigen lassen. Und dieses Beharrliche und Unermüdliche im Engagement ist es, das heute mit dem Preis für "Starke Schulen" gewürdigt wird!

Jetzt kommt es noch darauf an, dass möglichst viele andere Schulen von Ihnen lernen. Ich habe mich gefreut, dass das auch der Fall ist, dass es ein Netzwerk gibt für den Austausch der unterschiedlichen Schulen. Und ich appelliere an Sie: Werfen Sie ruhig Ihre Netze weiter aus, um andere einzufangen für Ihre guten Ideen! Veränderungen brauchen einen geeigneten "großen", politischen Rahmen und sie kosten etwas, aber sie wachsen vor allem in der Arbeit am Konkreten und durch die Anstrengung vieler Einzelner. Ich bin zuversichtlich, weil ich sehe, dass die Diskussionen um den Bildungsstandort Deutschland schon vieles verändert haben – in den Köpfen, in den Ansprüchen, in der Haltung vieler Schulen. Man kann das sehr schön auch an den Bewerberzahlen zum Wettbewerb „Starke Schule“ erkennen: Über die Jahre hinweg gab es kontinuierlich mehr Bewerbungen, in diesem Jahr fast 700, insgesamt über 3.000. Ich bin ziemlich sicher, es gibt in Deutschland noch viel mehr starke Schulen und auch solche, denen Sie, die "Starken Schulen" von heute, Beispiel und Vorbild sein werden.

Liebe Vertreterinnen und Vertreter der nominierten Schulen, Ihnen ein ganz großes Dankeschön! Aber mein Dank gilt auch Ihnen, den Kooperationspartnern innerhalb und außerhalb der Schulen, den Verbänden und Stiftungen. Denn erst in einer gemeinsamen großen Anstrengung sind diese Erfolge möglich geworden. Mein Dank gilt auch den Trägern dieses Schulwettbewerbs, ohne die diese Vorbilder im Verborgenen geblieben wären. Und mein Dank gilt natürlich und vor allem ganz besonders Euch, liebe Schülerinnen und Schüler, Ihr habt hervorragende Schulen und Ihr habt Euch ganz toll angestrengt, das ist kein Zufall, dass Ihr heute hier sitzt. Denn eins muss man sagen: Ich habe die Lehrer sehr gelobt, das will ich auch nicht zurücknehmen. Aber ohne Euch und Euer Mitmachen hätte ich die Lehrer nicht loben können. Also machen wir alle das Beste daraus: Wir haben zusammengefunden aus unterschiedlichen Ebenen und wir wollen gemeinsam Verantwortung übernehmen und zeigen, wie es weitergehen kann mit einer guten, mit einer starken Schule.