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Empfang für die Stipendiaten der Alexander von Humboldt-Stiftung

Bundespräsident Joachim Gauck bei seiner Ansprache Schloss Bellevue, 6. Juni 2012 Empfang für rund 550 Stipendiatinnen und Stipendiaten der Alexander von Humboldt-Stiftung aus mehr als 70 Ländern und für ihre Familien © Steffen Kugler

Einen wunderschönen guten Morgen, herzlich willkommen im sonnendurchfluteten Park von Schloss Bellevue.

Ich habe noch nicht viele Dinge in meinem Leben als Präsident zweimal getan, aber dieser Empfang geschieht nun zum zweiten Mal.

Ich erinnere mich noch gut an die Begegnung letztes Jahr, und meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben mir gesagt, sie hätten nicht ohne Grund diese Kordeln hier gezogen, weil einige von Ihnen so sehr nach Nähe mit mir trachten, dass das für mein Leben bedrohlich sein könnte. Ich habe dann gesagt, ja, aber das ist doch nur Herzlichkeit und Freundschaft. Und Sie meinen auch gar nicht mich, sondern Deutschland. Dann haben die Mitarbeiter gesagt, trotzdem, sie wollten ihren Präsidenten noch etwas länger haben und deshalb gibt es hier diese Sicherungsmaßnahmen, die dafür sorgen sollen, dass ich diesen wunderschönen Tag überlebe. Es wäre ja übrigens ein schöner Tod, im Glück zu sterben.

Aber kommen wir zum eigentlichen Anlass unserer Begegnung. Ein Name steht dafür und Menschen stehen dafür: Wilhelm und Alexander von Humboldt hier in Berlin. Man kann sie nicht übersehen, jedenfalls wenn man seine Schritte lenkt. Sie haben ihre Spuren hinterlassen, ihr Denkmal steht vor unserer großen innerstädtischen Universität, die seit langem Humboldt-Universität heißt. Auch ein neues Projekt, nämlich der Wiederaufbau des ehemaligen Schlosses, die Grundsteinlegung wird in wenigen Tagen sein, wird mit dem Namen Humboldt verbunden, denn das Schloss wird dann den Namen Humboldtforum tragen, und es wird ein Ort der Begegnung mit den unterschiedlichen Kulturen der Welt sein.

Der Name Humboldt aber weist, das wissen Sie alle, über Berlin hinaus – wie man auch wiederum hier in Berlin symbolisch an einem berührenden Zeichen erkennen kann. Vor der Universität, da stehen doch die Denkmäler beider Brüder – und auf dem Sockel des einen, nämlich Alexanders, da hat die Universität Havanna 1939 eine Widmung anbringen lassen und sie lautet: "Dem zweiten Entdecker Kubas".

Mit diesem seltenen Ehrentitel brachte die Universität zum Ausdruck, dass es eines ist, ein Land zu vermessen und die Daten in einer Karte einzutragen – und dass es etwas anderes ist, eine tiefere Erkenntnis zu gewinnen, seine Gestalt und seine Besonderheiten zu erblicken, seine Geheimnisse und Schönheiten zu entdecken. Sich so der Landschaft, den Pflanzen, den Tieren und dem Klima dort zuzuwenden, als sei das Land vorher noch nie gesehen worden. Für diese tatsächliche Entdeckung wird Alexander von Humboldt mit diesem Denkmal dort geehrt – aber sein Ruf geht ja weit über Kuba hinaus. Und das habe ich nun selber erfahren, während meiner kürzlichen Reise: Ich war in Kolumbien und in Brasilien und bin noch nicht lange zurück. Dort in Südamerika ist mir wieder dieser unglaubliche Ruf des großen Entdeckers und Weltenbeschreibers Alexander von Humboldt deutlich geworden. Überall, auch dort, wo wir es nicht erwartet hatten, ist uns dieser Name begegnet.

So ganz fern von Berlin ist mir noch einmal bewusst geworden, wie wichtig dieser Name für den Ruf Deutschlands, für den Ruf der deutschen Kultur ist. Die Menschen fasziniert diese Mischung aus Wissensdrang, Können und Abenteuerlust. Deshalb können auch Filme oder Bücher über Humboldt so ungemein populär werden. Aber uns fasziniert auch mit Recht die Entschlossenheit, sich fernen Welten zu öffnen und die gedankliche und wissenschaftliche Präzision der Entdeckungsunternehmungen.

Ich finde: Das passt zu uns. Wir sind ein Wissenschaftsland und wir möchten, dass sich dieser Geist des Humboldtschen Denkens in Deutschland weiter erhält.

Deshalb freue ich mich darüber, dass wir uns einmal im Jahr hier treffen können. Dass Sie sich untereinander treffen können, die Humboldt-Stipendiaten und die Preisträger und dass die Familien mitkommen. Liebe Kinder, liebe Jungen und Mädchen, ich freue mich, dass Ihr mich mit den Erwachsenen nicht alleine lasst. Herzlich willkommen auch Euch.

Die Stiftung, lassen Sie mich darauf zurückkommen, hat in den Jahren ihres Bestehens in der ganzen Welt herausragende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler als Stipendiaten gewinnen können – und so wohl auch als Freunde Deutschlands.

Es gibt Gründe dafür, dass das geklappt hat, zunächst durch die kluge Förderpolitik der Stiftung und ihrer Partner. Und wenn ich klug sage, dann meine ich es in dem Sinne, dass man erkennt, wo Veränderungen, wo Innovationen notwendig sind, wo sich neue Forschungsgebiete eröffnen.

Ein anderer Erfolgsgrund ist eine gute und erfolgreiche Mischung. Auf der einen Seite fördert und unterstützt die Stiftung mit Forschungsstipendien und Forschungspreisen junge Wissenschaftler am Beginn ihrer Karriere, auf der anderen Seite gewinnt sie auch immer international schon ausgewiesene Forscher für Kooperationen.

Und wichtig für den Erfolg sind zudem noch die speziell für bestimmte Länder und bestimmte Regionen gedachten und konzipierten Programme mit ihrer gezielten Ansprache.

Bewährter Grundsatz ist stets die Förderung von Exzellenz, also von hochbegabten und hochqualifizierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern wie Sie es sind. Vielfalt, Exzellenz und Persönlichkeit: Das sind weltweit die Kennzeichen der Gemeinschaft der Humboldtianer.

In erster Linie hat Sie zwar die wissenschaftliche Arbeit nach Deutschland geführt. Aber dazu kommen ganz selbstverständlich der persönliche Austausch, die Begegnung mit den Menschen, mit ihren Ansichten, mit ihren Gebräuchen und Denkweisen, die Ihnen, wenn Sie von weit her kommen, sicher manchmal seltsam, hoffentlich aber auch manchmal liebenswert erscheinen. Das ist ebenso wichtig – und diese Begegnungen und Erfahrungen machen sicher auch den Charme der Förderung durch die Stiftung aus. Und das lässt mich hoffen, dass Sie jetzt und dass Sie in Zukunft gute Nachrichten über unser Land in die Welt bringen und dort verbreiten. Sie sollen diese guten Nachrichten nicht erfinden, sondern es genügt uns völlig, wenn Sie das, was Sie erfahren haben, mit anderen Menschen teilen.

Damit wir aber exzellente Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wie Sie für einen Forschungsaufenthalt in Deutschland gewinnen können, bemühen wir uns, gute Angebote zu machen: gewiss bei der Ausgestaltung Ihres Aufenthaltes, vor allem aber in der Forschung selbst. Ob uns das gelingt, erkennen wir ganz einfach daran, ob Sie kommen und ob Sie gerne hier sind und ob Sie sagen, dass Sie am Ende davon profitiert haben.

Unser Land unternimmt große Anstrengungen, um als Wissenschafts- und Forschungsstandort attraktiv zu sein und zu bleiben. Diese Attraktivität zeigt sich eben auch daran, wie begehrt die Angebote der Alexander von Humboldt-Stiftung und des Deutschen Akademischen Austauschdienstes sind.

Gerade in den letzten Jahren hat sich eine Menge getan. Unsere Hochschulen sind innovativer geworden, Forschungseinrichtungen und Universitäten bündeln ihre Ressourcen. Und so sind hochwertige Forschungsbedingungen entstanden. Das hat sich inzwischen in der Welt weitgehend herumgesprochen. Das deutsche Wissenschaftssystem ist heute so wettbewerbsfähig wie es seit Bestehen der Bundesrepublik Deutschland nie zuvor war. Vielfalt und Wettbewerb setzen schöpferische Kräfte frei und Zusammenarbeit verbessert diese Ergebnisse noch.

Ich habe eben erwähnt, dass ich in Lateinamerika war, in Kolumbien und Brasilien. Und auch dort habe ich für dieses Element im Wissenschaftsbetrieb geworben, für Austausch und Kooperation.

Wenn wir an Kolumbien denken, dann fällt uns sofort ein, dass Wissenschaft nicht in einem luftleeren Raum, in einem neutralen Umfeld stattfindet. Dieses Land z.B. hat heute eine ganz neue historische Chance, einen so bitter notwendigen Friedensprozess erfolgreich abzuschließen. Wir hoffen alle, die wir da waren und in Kontakt mit dieser Region sind, wir hoffen sehr auf einen erfolgreichen Abschluss dieses Friedensprozesses.

Denn eines ist mir und hoffentlich uns allen klar: Nur wenn Menschen in Frieden und in Freiheit zusammenarbeiten, wenn die Menschenrechte für alle gelten, können auch alle die vielfältigen und wertvollen Erträge der Wissenschaft für ein gutes, würdiges Leben in Freiheit nutzen.

Das weltweite Netzwerk der Humboldtianer wird sich der Wissenschaft genauso verpflichtet fühlen wie der Freiheit und der Sorge um das Wohl der Menschen. Dieses Netzwerk der Humboldtianer wird – hoffentlich auch durch die Begegnungen heute in Berlin – weiter wachsen und es soll weiter wachsen. Vielleicht, und das wäre mein letzter Wunsch, gibt es dabei künftig auch noch mehr als bisher Stipendiaten und Forschungspreisträger aus afrikanischen oder aus mittel- und südamerikanischen Ländern.

Aber nun nochmals herzlich willkommen, ich freue mich, dass Sie da sind!