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Abendessen für die Mitglieder des Ordens Pour le mérite für Wissenschaften und Künste

Bundespräsident Joachim Gauck bei seiner Ansprache Schloss Bellevue, 9. Juni 2013 Abendessen für die Mitglieder des Ordens Pour le mérite für Wissenschaften und Künste © Henning Schacht

Dieses Haus kennt viele Veranstaltungen und Ereignisse, bei denen sich illustre Gäste begegnen. Das geschieht dann aber immer sozusagen im Vollzug eines anderen, eines sogenannten "gegebenen" Anlasses.

Einmal im Jahr ist das anders. Da fallen der Anlass und das, was nebenbei im Vollzug geschieht, sozusagen in eins: Das Abendessen der Mitglieder des Ordens Pour le mérite dient neben der Begegnung auch der Würdigung illustrer Gäste.

Ich gestehe gerne, dass ein solcher Abend sehr dazu angetan ist, dem Bundespräsidenten die Freude an seinem Amt wieder einmal ganz deutlich spüren zu lassen. Wer sonst kann schon stolzer Gastgeber einer solchen Gästeschar sein!

Es geht aber nicht nur um die persönliche Freude und Ehre, bedeutenden und verdienten Menschen wie Ihnen Gastgeber zu sein. Je mehr sich nämlich der Bürger Gauck persönlich darüber freut, Ihnen zu begegnen, umso mehr muss ich mich selber daran erinnern, dass ich heute Abend vor allem anderen eine – sit venia verbo – amtliche Freude empfinde und zum Ausdruck bringe.

Denn Sie, die Sie in diesem Orden verbunden, mit diesem Orden ausgezeichnet und darum heute Abend hier versammelt sind, sind selber eine hohe Auszeichnung für unser Land – und darum eine große Freude für das Staatsoberhaupt dieses Landes.

Die inländischen Mitglieder stehen für die herausragenden geistigen Schöpfungen dieses Landes, sie geben sozusagen der Kulturnation, als die wir uns selber bezeichnen und als die wir auch von außen gesehen werden, ein Gesicht und eine wahrnehmbare Gestalt.

Und die auswärtigen Mitglieder spiegeln uns gleichsam, was unser Land besonders schätzt und ehrt, indem nämlich gerade Sie und nicht andere ausgewählt wurden, dabei zu sein, um diesem Orden Gestalt und Gesicht zu geben.

Eine kleine Frage will ich mir und uns heute Abend stellen: Wissenschaft und Künste – dass Repräsentanten dieser beiden geistigen Kreativitätsformen zusammen eingeladen, ja oft immer noch in einem Atemzug genannt werden – ist das eigentlich noch selbstverständlich?

In der Vergangenheit war es ziemlich klar: Ein Orden für Wissenschaft und Künste – das kam sowohl bei seiner ersten Gründung wie auch bei seiner Neugründung auf Initiative von Bundespräsident Theodor Heuss allen ganz und gar selbstverständlich vor. Wissenschaft und Künste – sie erscheinen als die beiden Gestalten geistiger Schöpfungen oder geistiger Auseinandersetzung, die die Welt und die jeweiligen Gesellschaften ihrer Länder beleben, die sie voranbringen, die sie immer wieder erneuern. Insofern sind sie immer noch Partner.

Die Wissenschaft durchdringt heute unsere Welt wie noch nie zuvor in der Menschheitsgeschichte. Ungeheure Entdeckungen vom Allerkleinsten im Nano-Bereich bis zum Allergrößten in den Weiten des Universums stehen dafür beispielhaft. Und wenn wir nur kurz überlegen, welches fast alleskönnende Wunderwerk wir in Händen halten, wenn wir eigentlich nur mal kurz jemanden anrufen wollen: Dann kommt man einerseits aus dem Staunen nicht heraus, andererseits kann einen aber auch Sorge erfassen über Manches, was durch Wissenschaft auch möglich geworden ist.

Das punktgenaue Heilen in bis dato unzugänglichen Regionen des menschlichen Körpers gehört ebenso zu den Ergebnissen avancierter Wissenschaft wie auch das Erkennen praktisch jeder Bewegung eines jeden Objektes, auch in den unzugänglichsten Regionen der Erde.

Segen und Fluch der menschlichen Wissenschaft, des menschlichen Erkenntnisdrangs, beides ist wohl auf immer untrennbar miteinander verwoben. Schon im antiken Griechenland wurde es mit gültigen Worten beschrieben: "Vieles ist gewaltig, nichts aber ist gewaltiger als der Mensch". So ließ schon Sophokles in seinem Stück "Antigone" den Chor eine, wie wir auch heute wissen, ewig gültige Wahrheit aussprechen.

Wissenschaft und ihre praktisch gewordene Anwendung, die Technik, bestimmen wie nie zuvor unser gesamtes Leben, von der Geburt bis zum Tod, vom Kleinsten bis zum Größten, von der gelingenden Kommunikation über alle Grenzen hinweg bis zum winzigen USB-Stick, auf dem ganze Bibliotheken Platz finden, die zu lesen unsere gemeinsame Lebenszeit nicht ausreicht.

Sind die Künste hier überhaupt noch ein ebenbürtiger Partner? Sind sie nicht längst nur noch ganz kleine, unscheinbare Geschwister der gewaltigen Wissenschaft, nur noch eine Zierde, ein Ornament im durchtechnisierten und durchrationalisierten Alltag, im algorithmenbestimmten und regelgeleiteten tagtäglichen Kommunikationsgeschehen?

Mir kommen dazu schlichte Fragen – Fragen, die sich übrigens die Wissenschaft auch selbst stellt.

Ist alles richtig, was klappt? Ist alles schön, was reibungslos funktioniert? Tut alles gut, was das Leben leichter macht?

Es gibt Fragen, die nicht mit Algorithmen zu beantworten sind. Es gibt Geschichten, die unvorhergesehen und unplanbar sind, die erzählt werden müssen. Es gibt ein Bedürfnis nach Schönheit und Stimmigkeit, das über die Freude an Benutzerfreundlichkeit hinausgeht. Und es gibt auch ein Bedürfnis nach Störung, nach Irritation, nach Konflikt, wo alles allzu glatt aufzugehen scheint.

In all diesen zu beantwortenden Fragen, in all diesen zu erzählenden Geschichten, in all diesen bleibenden Bedürfnissen eröffnet sich ein großer Raum. Es ist der Raum der Kunst, also der Raum der Phantasie und der Poesie, der Raum des Schönen und des Irritierenden, der Raum des Gestalteten und des Sperrigen. In der Kunst, wie wir sie heute brauchen und für die wir dankbar sind, hat der Charme des Gelungenen genau so Platz wie der geniale Entwurf. Harmonie und Dissonanz, Fragment und Gesamtwerk.

Die Kunst führt immer neu ins Offene, hält – wie die Religion – die Sehnsucht wach. Die Kunst träumt immer noch eine Wirklichkeit weiter – aber so trifft sie sich auch wieder mit den tiefsten Intentionen wissenschaftlichen Arbeitens. Denn die Neugier der Wissenschaft ist unstillbar, auch sie ist immer wieder auf der Suche nach dem Offenen, nach dem Unbegangenen, nach dem Neuland.

Gerade weil sie heute so sehr verschieden sind, gerade weil sie von sehr verschiedenen Punkten aus auf die Wirklichkeit schauen und die Wirklichkeit verändern, gerade deswegen ist es nicht nur erlaubt, sondern ist es notwendig, dass Wissenschaft und Kunst zusammen kommen, wie es an immer mehr Orten geschieht: Ich habe von visiting artists in Forschungslaboren ebenso gehört wie von Wissenschaftlern, die sich künstlerischer Arbeitsweisen bedienen, um ihre Forschungsergebnisse zu vermitteln. Ich habe von Dichtern gehört, die sich von den Neurowissenschaften inspirieren lassen und von Forschern, die ihre besten Ideen im Gespräch mit Musikern entwickeln. Der Orden Pour le mérite ist für diese Begegnung, für diesen wechselseitigen Austausch eine wunderbare Blaupause – und auch deswegen achten und ehren wir ihn.