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Mittagessen aus Anlass des 70. Geburtstages von Michael Otto

Bundespräsident Joachim Gauck gibt ein Mittagessen zu Ehren von Michael Otto anlässlich seines 70. Geburtstages Schloss Bellevue, 20. Juni 2013 Mittagessen zu Ehren von Michael Otto anlässlich seines 70. Geburtstages © Guido Bergmann

Als allererstes: Herzlichen Glückwunsch nachträglich zum 70. Geburtstag!

Wenn der Bundespräsident ein Ehrenessen gibt, dann mischt sich im günstigen Fall der offizielle Dank für Verdienste um unser Land mit einem persönlichen Interesse an dem zu Ehrenden. In Ihrem Falle, lieber Herr Dr. Otto, geht mir das eindeutig so.

Als Staatsoberhaupt gratuliere ich einem der erfolgreichsten Familienunternehmer unseres Landes. Sie haben mit Ihrem Vermögen – und das meine ich in beiderlei Sinne des Wortes – viel für das Allgemeinwohl getan und tun es noch immer.

Als ehemaliger Bewohner der DDR habe ich eine ganz eigene Beziehung zum Namen „Otto“. Damals wurden ja nicht nur Bücher von Biermann oder Bahro in den Osten geschmuggelt, sondern häufig und gern auch der Otto-Katalog! Langfristig war das vielleicht sogar die subversivere Lektüre. Denn die vielen bunten Fotos von den schönen Dingen haben auch den Unpolitischen unter uns gezeigt: Das alles könnten wir haben, wenn sich bei uns unternehmerische Kreativität frei entfalten dürfte!

Weder Ihnen noch Ihren Gästen muss ich erzählen, wie gut und erfolgreich Sie Ihre unternehmerische Freiheit genutzt haben. Schon der Aufstieg Ihres Vaters – vom Schuhverkäufer mit selbst gebasteltem Katalog zum großen Versandhändler – gehört zu den westdeutschen Nachkriegs-Wirtschaftswunder-Geschichten. Sie haben diese Geschichte in den vergangenen drei Jahrzehnten um viele, inzwischen sehr internationale Kapitel ergänzt.

Es ist aber nicht Ihr Erfolg, der uns hier zusammengeführt hat, so sehr wir ihn bewundern. Es ist auch nicht nur Ihre Freigiebigkeit als Stifter. Es ist vor allem Ihre Bereitschaft zur Verantwortung. Wir ehren Sie also, weil Sie mit dem von Ihnen erwirtschafteten Geld Gutes tun – und mehr noch, weil Sie dieses Geld konsequent auf möglichst gute – sprich verantwortungsvolle – Weise erwirtschaften.

Sie haben Verantwortung für die sozialen und ökologischen Folgen Ihres unternehmerischen Handelns zu einer Zeit in den Unternehmenszielen verankert, als man dafür noch milde belächelt wurde. Heute kann keine Firma mehr ohne wohlklingende Nachhaltigkeitsverpflichtungen agieren. Ihr Unternehmen aber verkauft die gesammelte Expertise inzwischen sogar gewinnbringend. Wo wären wir näher am alten Traum, Gutes zu tun und damit Geld zu verdienen!

Die Reichweite unserer Verantwortung hat sich mit der globalen Arbeitsteilung enorm vergrößert. Multinationale Unternehmen wie Ihres machen nicht nur einfach Umsatz, sie sind auch wichtige Akteure der Gesellschaft. Sie prägen Produktionsbedingungen und damit auch das Leben vieler Millionen Menschen. Sie wissen um die „Kraft Ihrer Verantwortung“ – im Unternehmensalltag wie auch in der Stiftungsarbeit. Sie nutzen sie ganz bewusst, zum Beispiel beim Projekt „Cotton made in Africa“. Nicht immer trifft solches Bemühen auf offene Ohren seitens der Länder, die davon eigentlich profitieren sollen: Ich habe mir sagen lassen, Sie hätten schon vor mehreren Jahren eine sozial und ökologisch mustergültige Textilfabrik in Bangladesh geplant. Vielleicht mögen Sie uns nachher berichten, warum und woran das Projekt scheiterte.

Auch im Inland gibt es vieles, was Unternehmen direkt betrifft: Fachkräftemangel, Ausbildungsreife von Jugendlichen, Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Und die Guten verlangen nicht einfach nur nach Lösungen vom Staat, sondern übernehmen selbst ihren Teil der gesellschaftspolitischen Verantwortung – so wie Sie, mit Initiativen im Konzern und auch als Stifter, gern auch gemeinsam mit Partnern. Inzwischen kommen nicht nur Hamburger Jugendliche in den Genuss der Initiative für einen guten Übergang in eine Berufsausbildung. Gibt es eigentlich etwas, wo man sagen könnte: Da tut der Otto nichts?

Jedenfalls freuen wir uns sehr, heute jemanden zu ehren, der zeigt: Ökonomischer Erfolg und das Bemühen um das soziale wie ökologische Umfeld vertragen sich nicht nur, sie können einander verstärken. Wir wollen ja glauben, dass Robert Bosch Recht behält damit, dass „eine anständige Art der Geschäftsführung (…) auf die Dauer das Einträglichste“ ist. Mit Franz Fehrenbach sitzt immerhin ein weiterer Beweis hier unter uns! Ich fand es sehr nett, wie Sie, lieber Herr Fehrenbach, in einer Laudatio mal gesagt haben: “Robert Bosch hätte Otto auch gut gefunden!“ Ich finde gut, dass wir mit Herrn Otto ein Vorbild für das haben, was wir uns an vielen Orten und in vielen Unternehmen wünschen: ein Vorbild für einen verantwortlichen Kapitalismus!

Sie sind als Unternehmer die Personifizierung des Spagats: Hier die Welt des globalen Handels- und Dienstleistungskonzerns mit rasantem Innovations- und Veränderungsdruck, da die traditionsverbundene Welt des hanseatischen Familienunternehmens. Einige Familienmitglieder haben Sie mitgebracht – das ist ein schönes Zeichen. Überhaupt ist es beeindruckend, wie wenig Klagen man über Sie hört. Die schlimmste, die ich gelesen habe, lautet: Sie seien geradezu „aggressiv bescheiden“! Was sagt man dazu?

Es bliebe jetzt noch viel zu sagen – über den Stifter und Mäzen, den Bürger Michael Otto. Aber ich glaube, ich habe deutlich gemacht: Sie sind nicht zu trennen, sie sollen und wollen nicht getrennt sein, der Bürger und der Unternehmer. Trotzdem danke für alles, was Sie mit Ihrer Stiftung und in Ihrem Ehrenamt als Vorsitzender des Stiftungsrats beim World Wildlife Fund for Nature (WWF) für den Schutz der Natur auch vor unserer Haustür getan haben.

Ich habe vor zwei Wochen mit den Vertretern der deutschen Umweltverbände zusammengesessen und war beeindruckt davon, wie viele Ehrenamtliche es da gibt, wie viel Leidenschaft und Engagement. Und auch war ich bewegt davon, in wie vielen Gebieten sich dieses Engagement zeigt: vom Arktischen Rat zu Fragen der Bürgerbeteiligung beim Bau von Stromtrassen und Windparks, vom Vogelschutz bis hin zum Kampf gegen die Wilderei, die gerade in Afrika immer mehr um sich greift.

Ebenfalls werde ich an Sie denken, wenn ich das nächste Mal zu Gast in der Hamburger Staatsoper oder dem Schleswig-Holstein-Festival sein werde. Ja, die Kultur, die Musik, sie gehören zu einer guten Umwelt dazu. Daher meinen herzlichen Dank auch für Ihre großzügigen finanziellen Beiträge zum kulturellen Leben Ihrer Stadt und unseres Landes!

Ich bin mir sicher, Sie werden sich auch in Ihrem nächsten Lebensjahrzehnt nicht zufrieden zurücklehnen – obwohl Sie ja allen Grund dazu hätten – sondern immer weiter nach dem noch Besseren suchen: mit all Ihrem Mut, der sich für mich darin zeigt, dass Sie auch Missionen annehmen, bei denen es keine Blumentöpfe zu gewinnen gibt – ich sage nur „Hamburger Schulstreit“.

A propos Blumen: Die brauche ich Ihnen nicht zu überreichen. Sie haben, so las ich, inzwischen sogar ganze Wiesen voll mit Otto-Habichtskraut, Ihnen zu Ehren so benannt. Auch Preise haben Sie schon reichlich bekommen. Ich sage darum ganz schlicht noch einmal: Vielen Dank und alles Gute!