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Festakt des XII. Deutsch-Koreanischen Forums

Bundespräsident Joachim Gauck beim XII. Deutsch-Koreanischen Forum Goslar, 21. Juni 2013 Festakt beim XII. Deutsch-Koreanischen Forum © Guido Bergmann

Wenn zwei Nationen ein Jubiläum ihrer Beziehungen feiern, tun sie das meistens im Glanze ihrer Hauptstädte. Wir aber begehen den Festakt heute nicht nur sehr gern, sondern auch ganz bewusst und aus sehr guten Gründen hier in Goslar. Denn hier, nicht weit von der einstigen innerdeutschen Grenze entfernt, sind wir ganz nahe bei der Erfahrung, die unsere Länder in besonderer Weise verbindet: die Erfahrung der Teilung. Den Ort dieses 12. Deutsch-Koreanischen Forums verstehe ich also als ein Zeichen der Ermutigung: Menschen können sich ermächtigen, sie können Grenzen überwinden!

Sie spüren: Korea bewegt mich. Es ist sogar mehr, als dass es mich bewegt. Es geht mir zu Herzen, dass Ihr Land immer noch geteilt ist, weil es eine grausame Diktatur in einem Teil Ihres Landes gibt. Und mich bewegt es deshalb, weil ich die meiste Zeit in meinem Leben in dem deutschen Staat verbracht habe, der sich vom anderen ideologisch abgrenzte, der seine Bürger durch Mauer und Minenfelder einsperrte und ihnen die Freiheit vorenthielt, so wie Nordkorea seinen Bürgern ihre Freiheit vorenthält. Ich erinnere mich sehr gut, dass ich 2011 – also noch bevor ich Bundespräsident wurde – zugesagt hatte, mich in einen Gedankenaustausch in dem deutsch-koreanischen Beratungsgremium mit einzubringen. Wer weiß, vielleicht wäre ich im darauf folgenden Jahr zu Ihnen nach Korea gekommen. Ich fände das sehr schön, wenn ich einen Besuch in meiner Amtszeit nachholen könnte. Denn was ich an Erfahrungen mit einer nicht einfachen, aber doch gelungenen Transformation beitragen kann, das will ich gerne tun.

Heute aber ist unser Zusammentreffen mehr. Die deutsch-koreanischen Verbindungen sind, wie es das Thema dieses Treffens sagt, sehr, sehr viel älter. Sie reichen weit zurück, lange vor den Kalten Krieg. Vor 130 Jahren nahmen unsere Länder offizielle Beziehungen auf.

Deutsche Berater, Wissenschaftler und Künstler, so erinnern wir uns, wirkten an der Modernisierung Koreas mit – und kehrten ihrerseits dann höchst fasziniert von der koreanischen Kultur nach Deutschland zurück. Auch in der für Korea so schrecklichen und traumatischen japanischen Kolonialzeit brachen die persönlichen Kontakte zwischen unseren beiden Ländern nicht gänzlich ab.

Wir erinnern in diesem Jahr auch an ein weiteres Jubiläum. Vor einem halben Jahrhundert brauchte die Bundesrepublik Deutschland dringend Arbeitskräfte. Und viele der koreanischen Landsleute ergriffen die Chance, der Armut im Korea der Nachkriegszeit zu entkommen und hier ihr Glück zu versuchen. 50 Jahre liegt die Unterzeichnung dieser Abkommen nun zurück, mit denen die Anwerbung von Bergarbeitern und Krankenschwestern aus Korea geregelt wurde. Bis 1977 kamen rund 8.000 Bergleute und 10.000 Krankenschwestern nach Deutschland. Das war ein Gewinn für unser Land! Aber auch ein Gewinn für Korea. Denn das Kapital aus dem Ausland half mit beim sogenannten „Wunder vom Han-Fluss“, so Ihre koreanische poetische Version dessen, was wir schlicht „Wirtschaftswunder“ nennen.

Es lohnt sich, diese Geschichte auch vor dem Hintergrund heutiger Debatten um Arbeitskräftemangel, Armutsbekämpfung und Zuwanderung genau zu studieren. Für mich belegt sie: Migration kann, wenn sie klug gestaltet wird, die Interessen der Zuwanderer und die der Aufnahmegesellschaft vernünftig und zum gegenseitigen Vorteil miteinander verbinden.

Heute sind rund 40.000 Menschen mit koreanischen Wurzeln ein zwar kleiner, aber nicht weg zu denkender Teil der Vielfalt, die unser Land schon früher geprägt hat – derer wir uns aber heute nach und nach immer deutlicher bewusst werden. Es ist gut, dass immer mehr der damaligen Gastarbeiter heute über ihre Erfahrungen sprechen – über ihre Hoffnungen und Sehnsüchte, über die Schwierigkeiten, sich in der unbekannten Umgebung in Deutschland zurechtzufinden, aber auch über die Erfolge ihres Durchhaltewillens, ihres Fleißes. Mit diesem Festakt sagen wir auch all ihnen Respekt. Und wir sagen ihnen danke!

Auch dafür, dass umgekehrt auch Deutsche Korea als Lebensmittelpunkt wählen und dort erfolgreich sind, dafür habe ich ein schönes und prominentes Beispiel vernommen: Ich denke an den deutschstämmigen Leiter der nationalen Tourismusbehörde von Korea.

Sie hören, ich bin schon in der Gegenwart unserer Beziehungen angekommen. Heute setzt Korea weithin sichtbare politische und wirtschaftliche Signale: eine vom Konfuzianismus geprägte Gesellschaft, die sich zu ihrer demokratischen Verfassung bekennt. Das ist ein wichtiges Zeichen für alle, die unter Berufung auf asiatische Werte ihren Bürgerinnen und Bürgern bis heute Mitbestimmungsrechte verwehren. Sie kennen die Debatte. Besonders beliebt bei Despoten ist das Argument, dass Menschenrechte und Demokratie eine westliche Erfindung seien. Und darum bin ich besonders dankbar für Ihr Land, das im asiatischen Raum mit asiatischen Wurzeln den Weg zu einer freiheitlichen Demokratie gefunden hat. Wenn ich an Korea denke, steht mir die Entwicklung besonders vor Augen. Ein ehemaliges Empfängerland internationaler Hilfe, geprägt durch Armut – dieses Land leistet heute selber Entwicklungshilfe. Und es konkurriert mit anderen Industrienationen auf wichtigen Märkten. Ist das nicht eine großartige Ermutigung? Es heißt: Es ist möglich, sich aus Armut zu befreien. Wenn wir an 1950 denken, da lag das Pro-Kopf-Einkommen Koreas noch auf der Höhe vieler afrikanischer Länder. Heute ist Korea das wohlhabende Industrieland, das Ihnen Heimat bietet. Und: Eine hoch entwickelte Volkswirtschaft mit guter Bildung und Ausbildung und mit viel kreativem Potential – das birgt die Hoffnung auf neue Ideen für den Umbau einer Volkswirtschaft hin zu mehr Ressourceneffizienz. Mit Incheon als Standort des Grünen Klimafonds erwartet die Welt auch im Klimaschutz neue Impulse von Korea.

Unsere beiden Länder übernehmen als G-20-Mitglieder gemeinsam globale Verantwortung. Das Freihandels- und Rahmenabkommen zwischen Korea und der Europäischen Union zeigt, wie weit wir unsere Wirtschaft verflechten können. Unsere Firmen kooperieren. Natürlich konkurrieren sie auch. Aber faire Konkurrenz belebt das Geschäft – das wissen wir. Das gilt in der Wirtschaft eben genauso wie im Sport.

Zu den wichtigsten Bindegliedern zwischen unseren Ländern gehören nun aber Sie, die Aktiven, Sie, meine Damen und Herren, die Sie hier sich im deutsch-koreanischen Forum versammeln. Natürlich gibt es zwischen Vertretern unserer Regierungen, unserer Unternehmen, unserer Forschungseinrichtungen und Zivilgesellschaften einen intensiven Austausch. Aber einmal im Jahr Experten aus all diesen Bereichen zusammenzubringen, um dann Empfehlungen an die Regierungen zu formulieren, das halte ich für eine kluge und wichtige Fokussierung vieler Diskussionen. Es freut mich ganz besonders, dass in diesem Jahr das zweite Mal zusätzlich auch ein deutsch-koreanisches Jugendforum tagt. Herzlich Willkommen an alle Teilnehmer. Durch das Working Holiday Programm ist es ja schon leichter, auch in jungen Jahren das jeweils andere Land kennenzulernen. Mich würde sehr interessieren, welche Ratschläge das Jugendforum hat, um die Beziehungen weiter auszubauen. Der anschließende Empfang gibt uns hoffentlich die Gelegenheit, auch dazu kurz ins Gespräch zu kommen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, die Jüngeren unter Ihnen erleben die Teilung Ihres Landes nun schon in der zweiten Generation. Bis heute zerschneidet eine 250 Kilometer lange Grenze mit Stacheldraht und Minenfeldern Korea, lässt Familien nicht zueinander kommen und verhindert den Kontakt zwischen den Bürgern von Nord und Süd. Was das bedeutet, können wir Deutsche gut nachfühlen, auch wenn unserem Land zum Glück ein Bürgerkrieg erspart geblieben ist. Auch die Trennung bei uns war brutal, aber nicht so schlimm wie bei Ihnen in Korea.

Die lange deutsche Teilung hat – über die Schmerzen für die direkt Betroffenen hinaus – auch in den Herzen der Menschen tiefe Spuren hinterlassen. In der ehemaligen DDR wurden Anpassung und Gehorsam belohnt, kritisches Nachdenken und eigene Verantwortlichkeit hingegen bestraft. Auch wenn sich die Methoden des stalinistischen Terrorsystems im Laufe der Jahre in der DDR abmilderten – Überwachung und Einschüchterung durch den Staatsapparat blieben bis zuletzt alltägliche Erfahrung. Aus Sorge vor gegenseitiger Bespitzelung und staatlicher Repression lernten wir im Osten, privates und öffentliches Leben zu trennen.

Umso mehr hat mich bewegt, was mir Herr Shin Dong-hyuk aus den Straflagern Nordkoreas Anfang des Jahres bei meinem Besuch in Genf erzählte: Er erzählte von der Grausamkeit und Folter, die er erleiden musste. Er erzählte davon, wie er als 14-jähriger gezwungen wurde, seine eigenen Eltern zu denunzieren. Wir wissen nicht viel über die Unterdrückung in den zahlreichen Straf- und Umerziehungslagern. Doch was wir wissen – sei es durch die Berichte von Augenzeugen, Flüchtlingen oder durch Bilder von Satelliten – was wir wissen, das reicht, um es einem eiskalt den Rücken herunterlaufen zu lassen. Nicht umsonst hat die Hochkommissarin der Vereinten Nationen, Navi Pillay, die Menschenrechtslage in Nordkorea kürzlich als eine der schlimmsten und zugleich am schlechtesten dokumentierte weltweit bezeichnet. Der internationalen Gemeinschaft ist der Zugang zu Informationen im Land und zur Bevölkerung fast gänzlich versperrt.

Umso wichtiger ist es, alle bekannten Menschenrechtsverstöße zu beobachten, zu dokumentieren und sie zu verurteilen. Dazu gehört auch, das Schicksal nordkoreanischer Flüchtlinge bekannter zu machen, die in China oft in die Hände von Schleppern und Ausbeutern fallen. Selbst wenn ihnen die Ausreise aus China gelingt, sind sie nicht immer sicher, wie die jüngste Abschiebung nordkoreanischer Flüchtlinge aus Laos zeigt.

Sehr geehrte Damen und Herren, ich bin mir bewusst, dass sich Deutschland und andere westeuropäische Länder in den 70er- und 80er-Jahren manchmal schwer damit taten, Menschenrechtsverletzungen in Mittel- und Osteuropa beim Namen zu nennen, auch aus Sorge, einen angestrebten „Wandel durch Annäherung“ zu gefährden. Wer aber von Menschenrechtsverletzungen schweigt, lässt seine eigenen Werte verstummen und läuft Gefahr, sich selbst stärker zu wandeln als sein Gegenüber.

So sehen wir die Strategien eines Wandels durch Annäherung in aller Regel als eine Gratwanderung. Aber auch die muss man oft wagen. Trotz schwieriger Rahmenbedingungen unterhalten wir als einer der wenigen Mitgliedsstaaten der Europäischen Union eine Botschaft in Nordkorea. Deutsche Nichtregierungsorganisationen helfen bei Nahrungsmittelsicherheit oder beim Umweltschutz. Politische Stiftungen nutzen auch die kleinsten Dialogmöglichkeiten. Humanitäre Hilfe und eine klare Sprache bei Menschenrechten schließen sich nicht aus.

Der Kalte Krieg in Europa hat uns gelehrt, dass die Alternativen zu einer kritischen Annäherung – nämlich pure Aggression oder schlichte Nicht-Beachtung – auch in Korea nicht zum Ziel führen können. Wir müssen die Sichtweisen und Ängste der jeweils anderen Seite hören, auch wenn wir sie in keiner Weise teilen. Diese Haltung darf uns nicht dazu verführen, schwach oder unentschieden oder gar unentschlossen zu sein, sondern wir müssen klar und entschlossen reagieren, wenn Nordkorea etwa mit atomaren Angriffen droht. Dennoch, es bleibt es ein Gebot der Vernunft: Trotz aller jüngsten Drohungen, trotz aller Versuche, die wenigen Verbindungen zwischen dem Norden und dem Süden weiter zu kappen – die Hand zum Dialog muss ausgestreckt bleiben, so wie dies Ihre neue Regierung tut. Ich sehe daher die Überlegungen der neuen Präsidentin Park zu einer neuen „Trust-Politik“ gegenüber Nordkorea und einem „Seoul-Prozess“ gegenüber der gesamten Region in Anlehnung an den Helsinki-Prozess in Europa, ich sehe diesen Prozess mit Interesse und mit Sympathie. Wir erinnern uns, auch die westdeutsche und westeuropäische Entspannungspolitik war jahrelang voll Mühsal und voller schwerer Kompromisse. Aber sie hat dann doch dazu beigetragen, den Boden für den Wandel zu bereiten.

Wohl kein Land der Welt hat wie Ihres, wie Korea, die deutschen Erfahrungen der Wiedervereinigung so genau studiert – und kein Land tut das nach wie vor so intensiv wie das Ihrige. Viele dieser Erfahrungen werden relevant sein, vieles wird aber – wenn sich die Lage in Korea einmal bewegt – wohl ganz anders kommen. Eine gute Vorbereitung ist wichtig, sollte sich aber nicht auf Experten beschränken. Am wichtigsten vielleicht sind die menschlichen Kontakte. Hass auf den angeblichen Klassenfeind und Ignoranz über die eigene Lage gedeihen am besten in der Isolation – jede Begegnung aber stellt ein kleines Fragezeichen auf.

Derzeit geschieht dies hauptsächlich über den Kontakt Nordkoreas mit China. Das wird für die Menschen in Nordkorea nicht ohne Folgen bleiben. Denn je mehr Informationen über die Welt außerhalb der Grenzen des Landes nach Nordkorea eindringen, desto eher besteht eine Chance, dass sich dort auch in den Menschen so etwas wie ein Wandel vollzieht. Umgekehrt gilt: Je mehr die Menschen in Südkorea über den Norden wissen, desto besser. Natürlich fällt es schwer, einem System, das extrem aggressiv auftritt, nicht feindlich gegenüberzustehen. Es bedarf des Selbstvertrauens und auch der Bereitschaft, so weit wie möglich auf Feindbilder zu verzichten, jedenfalls im Blick auf die Masse der nordkoreanischen Bevölkerung. Dabei hilft, sich immer vor Augen zu führen, dass jenseits der Demarkationslinie eben nicht nur ein menschenverachtendes System existiert und die Clique der Diktatoren, der herrschenden Klasse, sondern dass dort Menschen leben, die die gleiche Sprache sprechen.

Es ist aber alles andere als einfach, nach so langer und bitterer Trennung das Interesse am „Anderen“ aufrecht zu erhalten. Als Bürger der ehemaligen DDR kann ich mich noch gut an das wachsende Desinteresse vieler Menschen in der alten Bundesrepublik erinnern. Manchen jungen Koreanern geht es wohl so ähnlich wie den jungen Westdeutschen in den 70er und 80er Jahren, denen Amsterdam oder Paris gefühlt und auch tatsächlich viel näher lagen als Magdeburg oder Dresden. Das hat die Wiedervereinigung nicht blockiert, aber das Zusammenwachsen danach hat es nicht erleichtert.

Wer würde es jungen Koreanern aus dem Süden verdenken, im Zuge der Globalisierung die Welt zu erkunden, aber das abweisende Nordkorea mental links liegen zu lassen? Aber Desinteresse kann die Teilung in den Herzen der Menschen zementieren.

Regierungen können nun kein Interesse anordnen. Was sie aber können, ist dazu beizutragen, dass die Bürgerinnen und Bürger das Schicksal ihrer Brüder und Schwestern, die in Unfreiheit leben, nicht vergessen.

Die Aussicht auf eine friedliche Wiedervereinigung erscheint angesichts der Lage auf der koreanischen Halbinsel zurzeit wie eine Illusion. Aber lassen wir uns nicht irre machen. Es erschien uns doch vor 25 Jahren im Herzen Europas auch wie eine Illusion, dass das Imperium der Sowjetmacht zusammenbrechen könnte. Es ist aber zusammengebrochen. Auch in Korea gab es in der Vergangenheit unerwartete Wendungen. Aus meiner persönlichen Erfahrung werbe ich von ganzem Herzen für Geduld, für Zuversicht und für Mut: Ich habe selber erlebt, was geschehen kann, wenn viele Menschen gemeinsam die Furcht verlieren und ein übermächtiges System von innen verändern. Diese Hoffnung kann uns alle weiter tragen. Ein Land, das wie Korea in seiner langen Geschichte überaus erfolgreich vermochte, seine kulturelle und nationale Eigenständigkeit trotz aller Widrigkeiten zu bewahren, ein solches Land wird auch seine Einheit wiederherstellen. Davon bin ich fest überzeugt.