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"Erinnerung: Fundament für die Zukunft" – Diskussionsveranstaltung im Museum der Okkupationen

Bundespräsident Joachim Gauck nimmt an der Diskussionsveranstaltung "Erinnerung: Fundament für die Zukunft" in Tallinn teil Tallinn, 9. Juli 2013 Staatsbesuch in der Republik Estland - Teilnahme an der Diskussionsveranstaltung "Erinnerung: Fundament für die Zukunft" © Steffen Kugler

Zu Beginn möchte ich Ihnen gratulieren: Ich bin beeindruckt von diesem Ort des Gedenkens und des Zusammentreffens verschiedener Generationen. Dieser Freiraum für Diskussionen, der hier entstanden ist, beeindruckt mich sehr.

Das Museum und viele wiederhergestellte Denkmäler sind selbst ein Beispiel für die "Zukunftswirkung der Vergangenheit", die hier heute diskutiert werden soll. Denn welche Sicht wir auf die Welt entwickeln, hängt wesentlich davon ab, welche Erfahrungen wir als Individuen, als Gesellschaft, als Nation gemacht haben. Bis heute bedingen die Jahre der sowjetischen Herrschaft in Mittel- und Osteuropa einen tiefgreifenden Unterschied zwischen dem westlichen und dem östlichen Europa. Für Deutschland, das Land, von dem der Vernichtungskrieg und der Mord an den Juden ausgingen, wird die Erinnerung an den Holocaust immer eine prägende Bedeutung haben. Die Bürger hingegen im ehemaligen sowjetischen Machtbereich tragen vor allem die Erinnerung an die sowjetische Herrschaft in sich. Sie hat tiefe Spuren in fast jeder estnischen Familie hinterlassen, Spuren, die sich selbst mit Zensur und Tabuisierung nicht beseitigen lassen. Denn "es gibt Erfahrungen, – so der deutsche Historiker Reinhard Koselleck – die sich als glühende Lavamasse in den Leib ergießen und dort gerinnen. Unverrückbar lassen sie sich seitdem abrufen, jederzeit und unverändert."

Was wir als Nation erinnern, hängt davon ab, was wir erinnern wollen. Nicht der Wunsch nach möglichst umfassendem Wissen bestimmt, auf welche historischen Ereignisse wir uns beziehen, sondern der Wunsch nach Sinnstiftung für heute und nach Erwartungen an die Zukunft. Die Einen beziehen sich dabei vor allem auf heroische Vorbilder, auf Siege oder Helden- oder Widerstandstaten. Anderen dient der Bezug auf Niederlagen, Verfolgung, Flucht oder andere Traumata zur Begründung einer Opfer-Identität. In beiden Fällen geht es darum, das positive Selbstbild zu befestigen, manchmal auch zu steigern.

In den Transformationsgesellschaften Osteuropas dient der Rückgriff auf die Vergangenheit in erster Linie der erneuten Selbstvergewisserung, der erneuten Nationenbildung. Nach langer Fremdherrschaft schafft sich die befreite Nation ein Geschichtsbild, das Opfer Opfer und Täter Täter nennen darf. Irgendwann allerdings kann und darf dieses stabilisierende, aber doch vereinfachende Bild an Tiefenschärfe gewinnen. Es reicht nicht mehr, nur von der Schuld der Okkupanten zu reden, sondern auch von den Verwicklungen ihrer Unterstützer und Sachwalter im eigenen Land. Es reicht nicht mehr, die Angehörigen der eigenen Nation allein in ihrer Opferrolle zu sehen, sondern auch die Verblendung von Teilen ihrer Bürger, ihrer Verführbarkeit, auch in ihrem Opportunismus und ihrer Angst. Die Geschichtserzählung wird weniger heroisch. Aber sie wird Größe, Mut und Menschlichkeit, wo es sie gegeben hat, noch mehr leuchten lassen.

Am schwersten fällt es den Völkern wohl, Momente von Schuld und Scham in das nationale Gedächtnis zu integrieren.

Es hat sehr lange gedauert, bis die Mehrheit in Deutschland annehmen konnte, dass die Deutschen nicht Verführte oder Unterdrückte, also Opfer des Hitler-Regimes waren, sondern als Bürger jenes verbrecherischen Staates oft selbst schuldig geworden sind: die einen im kriminellen, die anderen im politischen oder auch moralischen Sinn.

Das wünsche ich mir von unserem Blick in die Vergangenheit: dass er uns für die Zukunft lehrt, was der Mensch dem Menschen antun kann – im Guten wie im Bösen. Um uns zu warnen und um uns anzuspornen. Und um zu erkennen, dass Frieden und Menschenrechte nur dann garantiert sind, wenn nicht nationale, sondern universelle Werte letztlich unser Denken und Tun bestimmen.