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Staatsbankett im Rahmen des Staatsbesuchs der Republik Estland

Bundespräsident Joachim Gauck beim Staatsbankett des Präsidenten der Republik Estland in Tallinn Tallinn, 9. Juli 2013 Staatsbesuch in der Republik Estland - Staatsbankett des Präsidenten der Republik Estland © Steffen Kugler

Da bin ich nun gerade einmal einen Tag bei Ihnen in Estland – und schon kann ich ausrufen: welch ein Land! Mit Menschen, die zugleich der Welt zugewandt und in der heimatlichen Landschaft tief verwurzelt sind, die alte Traditionen pflegen und zugleich so offen für Neues sind. Wir sehen, es kann gelingen, unsere Chancen zu nutzen, ohne dabei den Boden unter den Füßen zu verlieren. Wir können uns verändern, können Ängste überwinden und gleichzeitig bei uns bleiben.

Ihr Land hat in den letzten zwei Jahrzehnten einen unglaublichen Weg zurückgelegt. Es hat nach Jahrzehnten sowjetischer Besatzung den Übergang von einem autoritären Staats- und Wirtschaftssystem hin zu parlamentarischer Demokratie und Marktwirtschaft gemeistert. Solche Sätze sprechen sich leicht, aber ich weiß aus eigenem Erleben: dahinter stecken unendlich viele Abschiede, Anstrengungen und Aufbrüche. Wie viele Lebensplanungen mussten revidiert werden, wie viele Institutionen neu aufgebaut, Häuser restauriert und Straßen erneuert werden! Und vor allem, wie viele Menschen haben trotz vieler Sorgen, trotz mancher Rückschläge, gesagt: Wir schaffen das, wir orientieren uns neu, wir engagieren uns für unser Land, wir gründen Unternehmen, wir nutzen die Freiheit von Unterdrückung als Freiheit zu eigenverantwortlichem Handeln!

Es haben schon viele bewundert, wie die Esten über Jahrhunderte der Fremdherrschaften hinweg ihre Sprache, ihre Kultur und Traditionen und ihre Werte bewahrt haben. Ich bewundere am meisten, dass Sie uns gezeigt haben: Es ist möglich, nicht den Ängsten zu folgen, sondern den Mut zu wählen. "Wir sind das Volk", so haben wir Ostdeutsche auf Transparente geschrieben und ausgerufen. Sie, die Esten, haben die Liebe zu Ihrem Vaterland und Ihre Sehnsucht nach freier Selbstbestimmung laut und mutig herausgesungen. 25 Jahre ist das jetzt bald her! Es war für mich sehr bewegend, vorhin im Museum der Okkupationen den Zeugnissen von fünf Jahrzehnten der Unterdrückung durch Nazi-Deutschland und das Sowjetregime zu begegnen – und dann die Stationen der Selbstbefreiung Ihres Volkes zu sehen.

Wir alle wissen und werden es niemals vergessen: Es war Deutschland, das mit dem deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt Estland und die anderen bis dahin freien baltischen Republiken der Sowjetunion auslieferte. Das freie, demokratische Deutschland hat die Rückkehr Estlands in den Kreis des demokratischen Europa und den Wiederaufbau des Landes mit besonderer Bewegung verfolgt und über viele Jahre auch materiell unterstützt. Dieses Engagement war richtig und nötig. Es war kein Versuch, die historische Schuld unseres Landes aufzurechnen, abzutragen oder gar zu tilgen, aber es war auch geleitet von der Hoffnung, die Beziehungen zwischen Estland und Deutschland neu zu gestalten und zu stärken. Dass Sie, die Esten, uns darauf seit zwei Jahrzehnten eine so positive Antwort geben, ist eine beglückende Erfahrung nicht nur für Deutsche meines Alters.

Das Land unserer Geburt können wir uns nicht aussuchen. Aber wir sind frei zu entscheiden, ob wir seine Geschichte ergründen und Verantwortung dafür übernehmen wollen. Mein Land hat sich – anfangs zögerlich, später immer intensiver – gründlich selbst befragt. Es war wegen der übergroßen eigenen Schuld ein schmerzhafter, aber am Ende segensreicher Prozess. Er hat uns inneren Frieden finden lassen und ein neues Verhältnis zu unseren Nachbarn in Europa ermöglicht. Ich bin froh, dass er auch von anderen Gesellschaften anerkannt wird, und kann nur dafür werben, offen und tabulos mit den Lasten der Vergangenheit umzugehen.

Und weil Präsident Ilves und ich überzeugt sind, dass es gut ist, Geschichte über die Ländergrenzen hinweg zu erforschen und die Erfahrungen miteinander zu teilen, begrüßen wir, dass das "Estnische Institut zur Historischen Erinnerung" und die deutsche "Bundesstiftung Aufarbeitung" künftig zusammenarbeiten werden.

Ihr Volk hat viel erlitten und erduldet, erstritten und erreicht. Vielen Menschen in Estland werden die Schatten der Vergangenheit noch gegenwärtig sein. Aus der Wissenschaft ist uns bewusst, dass wir Menschen manche unserer erlebten Ängste und Lasten auch von einer Generation zur anderen weitergeben. Das ist manchmal belastend, aber natürlich menschlich. Ich freue mich aber zu sehen, dass diese dunklen Schatten des Vergangenen die Menschen in Estland nicht daran hindern, nach vorn zu schauen und nicht davon abhalten, die eigene Kraft zu erleben und zum Positiven zu nutzen.

Diese Kraft und den Willen, Positives zu gestalten, sehen wir auch heute, auch in politischen Debatten und Entscheidungen. Stark von der Wirtschaftskrise 2008/09 getroffen, hat sich Estland nicht in Resignation geflüchtet, sondern schwierige Entscheidungen debattiert und getroffen. Mit Investitionen in verlässliche Institutionen, in Rechtssicherheit, in Bildung und die digitale Infrastruktur haben Sie den Blick nach vorn gerichtet und können auf wichtige Erfolge blicken. Und es ist gut, wenn Sie diese Erfolge ermutigen, auch künftige Herausforderungen anzugehen – etwa Perspektiven für die Jugend zu schaffen, mit Arbeit und Aufstiegsmöglichkeiten im eigenen Land.

Ich weiß, dass inzwischen aus ganz Europa Delegationen zu Ihnen nach Estland kommen, um sich über E-Government zu informieren. Auch die Mitglieder unserer Wirtschaftsdelegation registrieren Ihre besondere Kompetenz auf diesem Gebiet hier sehr aufmerksam. Nicht umsonst sind sie so zahlreich und gern zu Ihnen gekommen und auch heute unter uns. Und nicht umsonst ist die deutsche Wirtschaft in Estland schon gut vertreten.

Ich will Ihnen, liebe Gastgeber, mit meinem Besuch bei Ihnen nicht nur sagen "Respekt!", sondern ich will zugleich den anderen Europäern zurufen: Schaut, wie innovativ und solide hier mit an unserem Europa gebaut wird!

Lieber Herr Präsident, ich sage herzlichen Dank für Ihre Gastfreundfreundschaft und für die guten Gespräche – auch im Namen von Daniela Schadt und meiner Delegation. Erheben wir unsere Gläser: auf das Wohl von Präsident Ilves und seiner Frau Evelin! Auf das Wohl Estlands! Und auf ein herzliches Miteinander von Esten und Deutschen im vereinten Europa!