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Empfang für die Teilnehmer der Botschafterkonferenz

Bundespräsident Joachim Gauck begrüßt die Teilnehmern der Botschafterkonferenz Bellevue, 26. August 2013 Empfang für die Teilnehmer der Botschafterkonferenz - Begrüßung der Leiterinnen und Leitern der deutschen Auslandsvertretungen © Jan Philipp Eberstein

Seien Sie herzlich willkommen in Schloss Bellevue!

Ich freue mich, dass wir einen so regen Austausch pflegen: Einige von Ihnen haben mich während einer meiner Auslandsreisen auf kundige Weise vor Ort begleitet, mit anderen wiederum bin ich kürzlich zusammengetroffen, um Ihnen vor Ihrem Aufbruch zum neuen Dienstort viel Erfolg bei der neuen Aufgabe zu wünschen. So ist es für manche von Ihnen bereits ein Wiedersehen mit Daniela Schadt und mir! Wir freuen uns nun sehr, Sie alle heute zu empfangen.

Dieser Austausch ist wichtig. Denn die großen Handlungsfelder der internationalen Politik lassen sich nicht isoliert voneinander betrachten. Ich begrüße es deshalb sehr, dass Sie während der Botschafterkonferenz intensiv den Kontakt suchen zu jenen, die außerhalb des Auswärtigen Amtes und der Bundesregierung Deutschlands Bild in der Welt prägen und gestalten: die Vertreter der deutschen Wirtschaft und des vielfältigen kulturellen und wissenschaftlichen Lebens in Deutschland zum Beispiel.

Unsere Gestaltungsmöglichkeiten und damit auch unsere Verantwortung in der Welt hier in Deutschland bewusst zu machen, das ist Ihnen, wie auch mir, ein großes Anliegen. In einer Welt, in der die starke internationale Vernetzung und unsere feste Verankerung in der Europäischen Union eine klare Trennung von Innenpolitik und Außenpolitik zunehmend illusorisch macht, brauchen wir eine kohärente Außenpolitik, die soliden Rückhalt zuhause hat.

Die informellen Gespräche am Rande Ihres dichten Programms werden Ihnen willkommene Gelegenheiten bieten, Ihr Wirken in den Gastländern untereinander – aber eben auch mit anderen wichtigen Akteuren – abzustimmen, und zwar außerhalb der strengen Form von Drahtberichten. Denn bei allen Vorzügen moderner Technik ist die Begegnung von Angesicht zu Angesicht doch unverzichtbar, wenn es darum geht, sich intensiv miteinander auszutauschen. Das gilt auch für Daniela Schadt und mich: Wir würden uns freuen, wenn Sie uns heute Abend an Ihren Gedanken und Ihrer – gerne auch ganz persönlichen – Sicht auf die Entwicklungen in der Welt teilhaben ließen.

Mit großer Sorge blicken wir alle auf die zahlreichen aktuellen Konfliktherde. Die Lage in Syrien ist weiterhin verzweifelt. Ich bin entsetzt darüber, dass in Syrien offenbar chemische und damit international geächtete Waffen eingesetzt wurden. Mein Mitgefühl gilt den Angehörigen der Opfer. Diese grausame und menschenverachtende Tat muss nun dringend aufgeklärt werden. Ich hoffe dabei und bei der Frage, welche Konsequenzen daraus gezogen werden, auf die internationale Gemeinschaft, die hierbei ohne Zweifel vor außerordentlichen Herausforderungen steht. Die Bilder von neuer Gewalt in Ägypten haben uns in den letzten Wochen alle bewegt, neue Wellen der Gewalt in Irak, aber auch in Pakistan, die Lage im Kongo, in Somalia machen uns alle betroffen. Gern würde ich mich hierzu mit Ihnen austauschen.

Mich beschäftigt das Thema der Menschenrechte in besonderer Weise, weil ich einen großen Teil meines Lebens in einem System verbracht habe, das sich eben nicht zur Freiheit und zur Würde des Einzelnen bekannte, sondern in dem Willkür und Unterdrückung herrschten. Auch deshalb ist dieses Thema von so persönlicher Bedeutung für mich. Und wenn wir uns die außenpolitische Tradition der Bundesrepublik vergegenwärtigen, dann sehen wir, dass das Eintreten für Menschenrechte stets ein integraler Bestandteil und ein entscheidender Anspruch der bundesdeutschen Diplomatie gewesen ist.

Ich habe in diesem Jahr bereits mehrere Institutionen besucht, in denen sich dieser hohe Anspruch auf internationaler Ebene manifestiert: den Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen in Genf, den Europarat in Straßburg und die internationalen Gerichtshöfe in Den Haag. Dabei ist mir bewusst geworden, dass es in der Regel an gemeinsamen Zielen und Erklärungen nicht fehlt, jedoch noch zu oft an jenen mutigen Pionieren, die ihre Spielräume in der Menschenrechtsarbeit erkennen und nutzen.

Mit dieser Erkenntnis verbinde ich eine herzliche Bitte an Sie: Weniger Zurückhaltung und mehr Entschlossenheit beim Thema Menschenrechte – diese Haltung sollte an deutschen Auslandsvertretungen ein Markenzeichen sein. Es sind die Zivilgesellschaft und ihre Akteure, die nach meiner Erfahrung ein wichtiger Ansprechpartner und ein richtiger Anknüpfungspunkt sind. Schöpfen Sie Ihre vielfältigen Möglichkeiten aus, so oft Sie können!

Ein besonderes Anliegen in diesem Zusammenhang ist mir der enge Austausch mit den Frauen und Männern in aller Welt, die für Menschenrechte einstehen und sie entschlossen verteidigen. Auf meinen Reisen als Bundespräsident habe ich bereits viele dieser Menschen getroffen und werde den Kontakt zu ihnen auch weiterhin intensiv pflegen.

Es ist eine Sache, über staatliche Repression, über Folter und Freiheitsberaubung zu sprechen. Das ist wichtig. Doch eine andere Sache ist es – und die halte ich für entscheidend –, denen in die Augen zu blicken, für die diese schrecklichen Dinge Realität sind. In Genf begegnete ich zum Beispiel Menschenrechtsverteidigern, die mir über die nordkoreanischen Gefangenenlager, die Flüchtlinge Eritreas und die tunesische Gesellschaft nach dem Umsturz berichteten. Ihre Stimmen müssen Gehör finden. Und dabei will ich helfen.

Sie können sich vorstellen, dass mir neben dem aktiven Einsatz für Menschenrechte auch die Aufarbeitung bereits geschehener Menschenrechtsverletzungen sehr wichtig ist. Dies ist stets ein langer, mühsamer und schmerzvoller Weg – aber zugleich eine ungemein lohnende Aufgabe. Historische Wahrheit aufzudecken und vor allen Dingen zuzulassen, ist notwendig, wenn das weitere Zusammenleben der Opfer und der Täter von Menschenrechtsverletzungen innerhalb einer Gesellschaft gut gelingen soll. Das habe ich bei meiner Reise nach Kolumbien im Mai erlebt. Meine dortigen Gespräche mit jenen, die sich für dieses Ziel einsetzen, haben einen tiefen Eindruck bei mir hinterlassen. Und ich werde sie im Dezember in Berlin fortsetzen, wenn wir den 65. Jahrestag der Menschenrechtserklärung feiern.

Eines muss uns stets bewusst sein: Menschenrechte sind keine Selbstverständlichkeit. Sie müssen täglich behauptet werden, durch verantwortungsbewusste Menschen – zu Hause und in aller Welt. Jeder, der sich für die Menschenrechte einsetzt, egal ob als Einzelperson oder als Organisation, verdient daher unsere Anerkennung und Unterstützung. Sie können darauf zählen, dass ich meine Kraft und Zeit gerne für dieses Ziel einsetze, und ich ermutige Sie deshalb: Geben Sie mir Hinweise zu Ihrem Gastland, wen ich – im Inland oder bei Auslandsreisen – treffen sollte und welche Aktivitäten ich fördern könnte.

Unser eigenes Land hat einen langen Weg zur freiheitlichen Demokratie und zu den unantastbaren Rechten jeder und jedes Einzelnen zurückgelegt. Lassen Sie uns das Verpflichtung sein, uns für Menschenrechte in der Welt einzusetzen.

Ich möchte an diesem Abend die Gelegenheit nicht versäumen, Ihnen für Ihr Engagement für unser Land zu danken!

Deutschland repräsentieren und seine Interessen vertreten, die bilateralen Beziehungen pflegen – das füllen Sie in Ihrer täglichen Arbeit mit Leben. Hier sind Empathie, Kreativität und natürlich Kompetenz gefragt. Von Ihrer Expertise profitiert unser Land auf vielfältige Weise. Deshalb möchte ich heute meine Anerkennung für Ihre Arbeit zum Ausdruck bringen.

Ganz besonders denke ich an jene unter Ihnen, die in den noch immer zahlreichen Krisengebieten ihren Dienst tun. Sie nehmen Risiken auf sich, nehmen oftmals wochenlange Trennungen von Ihren Familien in Kauf. Für diesen Einsatz danke ich Ihnen.

Sie alle stehen für ein Land, das verlässlicher Partner sein will für alle, die unsere Werte, unseren Wunsch nach Frieden, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit teilen oder danach streben. Sie stehen damit aber heute nicht mehr nur für Deutschland allein, sondern für unser Land als Teil einer Europäischen Union, die eine Gemeinschaft eben dieser Werte ist. Viel zu oft wird heute über Europa ausschließlich im Zusammenhang wirtschaftlicher Krisen berichtet. Das ist eine bedauerlich einseitige Sichtweise. Viel zu selten trifft man auf die positiv belegten Begrifflichkeiten der europäischen Werte – ich denke an Versöhnung, an Solidarität und an Menschenrechte. Denn die Europäische Union ist allen Herausforderungen und Schwierigkeiten zum Trotz eine Erfolgsgeschichte.

Deshalb freue ich mich sehr, dass Sie Ihr Zusammentreffen in dieser Woche dafür nutzen, das heutige „Europa in der Welt“ zu beleuchten. Denn welche Rolle wir in Europa spielen wollen, welche Rolle Europa in der Welt spielen soll – dieser Prozess ist noch längst nicht abgeschlossen.

Ich werde meinerseits weiterhin in Deutschland, in den europäischen Ländern und in der Welt für die europäische Idee werben. Das tue ich aus tiefster Überzeugung. In wenigen Tagen breche ich zu einem Staatsbesuch nach Frankreich auf. Präsident Hollande und ich möchten deutlich machen, dass die Freundschaft unserer Länder, ebenso wie die Verbundenheit der Länder der EU insgesamt, gerade darauf beruht, dass wir unsere Werte leben – dass wir nämlich gerade in schwierigen Zeiten einander zugewandt, standhaft und verlässlich bleiben!

Unsere Anerkennung und unser Dank gilt auch in ganz besonderer Weise den Partnerinnen und Partnern, von denen viele heute Abend anwesend sind. Daniela Schadt und ich wissen auch um Ihren persönlichen Einsatz und um die Einschränkungen, die das Leben in einer „Diplomatenfamilie“ zweifellos mit sich bringt.

Wir freuen uns, dass wir Ihnen heute begegnen können.

Gestatten Sie mir ganz zum Schluss noch eine Bitte:

Unsere Landsleute im Ausland, für die Sie Ansprechpartner sind, sollen sich auch dann, wenn sie zeitweise oder dauerhaft in einem anderen Staat leben, als Bürger unseres Staates fühlen. Dazu gehört, dass ihre Rechte grundsätzlich gelten wie die der Bürger in Berlin oder anderswo hierzulande. Und dazu gehört: das Wahlrecht. Ich wünsche mir, dass unsere deutschen Landsleute in allen Ländern und Kontinenten ihr Stimmrecht genauso selbstverständlich wie im Inland wahrnehmen. Gerade in Ländern, die unsere demokratischen Standards nicht kennen, wird vielen Deutschen bewusst sein, welch hohes Gut das allgemeine, freie, gleiche und geheime Wahlrecht ist. Aber auch in anderen Ländern sind die dort lebenden Deutschen aufgerufen, ihr Parlament, den Deutschen Bundestag, frei zu wählen. Ob die Stimme in Berlin-Mitte abgegeben wird oder in einem afrikanischen Land, in Asien oder wo auch immer – sie ist gleich viel wert, und zwar eine Menge. Sie entscheidet mit über den Weg unseres Landes in den kommenden vier Jahren. Also: Helfen Sie bitte mit, dass alle im Ausland lebenden Deutschen wählen!