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Ehrenessen für Walter Kardinal Kasper und den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch

Bundespräsident Joachim Gauck würdigt Walter Kardinal Kasper und Robert Zollitsch bei einem Mittagessen  Bellevue, 29. August 2013 Bundespräsident Joachim Gauck würdigt Walter Kardinal Kasper und Robert Zollitsch bei einem Mittagessen © Guido Bergmann

Mir ist bekannt, dass unter frommen Katholiken eher der Namenstag eine Rolle spielt und der Geburtstag oft eher so nebenbei gefeiert wird, wenn überhaupt. Aber ganz nebensächlich ist ein Geburtstag eben doch nicht. Er kann sogar politisch, kirchenpolitisch von ganz erheblicher Bedeutung sein.

Alle hier wissen, dass Sie, verehrter Herr Kardinal Kasper, nur wenige Tage früher Geburtstag hätten haben müssen, und Sie wären nicht mehr dabei gewesen, als der neue Papst gewählt wurde. So aber sind Sie sozusagen in letzter Sekunde noch in das Konklave gekommen. Da deutsche Kardinäle bei dieser letzten Wahl nicht so ganz ohne Einfluss gewesen sein sollen, wie man hört, - wer weiß, wie die Wahl ausgegangen wäre, wäre Ihr Geburtstag also ein paar Tage früher gewesen.

Aber auch ohne solche historischen Spekulationen bleiben für mich, bleiben für den Bundespräsidenten Geburtstage wichtig, weil sie mir einfach den Anlass bieten, verdiente und bedeutende Zeitgenossen zu würdigen für das, was sie für das Land, was sie für die Gesellschaft geleistet haben.

Es fügt sich, dass wir das heute gleich doppelt tun können. Zwei katholische Kirchenmänner, die vieles verbindet. Sie, Herr Erzbischof Zollitsch, sind Bischof von Freiburg, Sie Herr Kardinal Kasper, waren Bischof von Rottenburg. Beide Bistümer sind aufeinander bezogen, denn es sind die Nachfolgebistümer des aufgelösten früheren Bistums Konstanz.

Der südwestdeutsche Katholizismus, dem Sie beide zugehören, ist ein sehr selbstverständlicher Katholizismus. Er nimmt sein Selbstbewusstsein aus dieser Selbstverständlichkeit, mit der er im Alltags- und im Feiertagsleben der Katholiken lebendig ist – und er hat darum nichts auftrumpfendes, er leidet nicht an verkrampfter Selbstbehauptung. Da er fest in der Tradition verwurzelt ist, hat er gar keinen Anlass, traditionalistisch zu sein.

Wenn man gelegentlich also den Eindruck hat, der südwestdeutsche Katholizismus sei ein eher liberaler, ein weltzugewandter Katholizismus, dann muss man immer mit bedenken, dass diese Liberalität aus der Bodenständigkeit kommt, mit der man im Schwäbischen, im Badischen, im Alemannischen katholisch ist. Ich hoffe, dass ich, der ich aus dem nordöstlichen Rostock stamme und dazu als evangelischer Pfarrer also gleich zweifach das Gegenteil Ihrer Biografie darstelle, diesen Sachverhalt richtig sehe und formuliere.

An unseren Biografien kann man sehr schön sehen, wie unterschiedlich man als Deutscher sein kann, wie geradezu gegensätzlich die Herkunft uns prägen kann. Dazu kommt: Deutschland ist als Ursprungsland der Reformation immer ein besonderer Fall in der Christenheit gewesen. Konfessionelle Spannungen haben regionale Gegensätze oft noch verstärkt oder erst recht zugespitzt. Die Geschichte der Christenheit in unserem Land ist geprägt durch konfessionelle Konkurrenz, wie aber auch durch immer wieder aufkommende Bemühungen um ökumenischen Ausgleich, um ökumenische Gemeinsamkeiten.

Seitdem aber gerade nach dem Zweiten Weltkrieg durch Flucht, Vertreibung und große Migrationsbewegungen die Konfessionen sich in unserem Land so vermischt haben, dass man so richtig konfessionell geprägte Regionen kaum noch findet, ist die ökumenische Bewegung immer kräftiger und drängender geworden.

Wenn wir also zu Recht sagen können, dass gerade von Deutschland aus in den letzten Jahrzehnten die wichtigsten und kräftigsten ökumenischen Impulse ausgegangen sind, dann liegt das nicht nur an der konfessionellen Vermischung, dann liegt das – auf katholischer Seite – auch an solchen Christenmenschen wie Ihnen beiden. Sie verkörpern durch Ihr ganzes Wesen einen ökumenisch ausgerichteten Glauben – und Sie, Herr Kardinal Kasper, waren für die Katholische Weltkirche bis vor kurzem überhaupt der wichtigste Mann der Ökumene. Ihren vatikanischen Beruf hat man – bürokratisch nicht ganz korrekt, aber sachlich doch sehr treffend – als „Ökumeneminister“ bezeichnet.

Das freut mich ganz besonders. Denn ich bin zwar als evangelischer Christ sehr gerne evangelisch, ich weiß aber auch, dass wir in der Gegenwart und in der Zukunft als entschieden ökumenisch ausgerichtete Kirchen der Welt die christliche Botschaft überzeugender und angemessener vermitteln können. Ich finde es im Übrigen gut, dass – mit wie viel Einschränkungen auch immer – das kommende Reformationsjubiläum keine evangelische, keine protestantische Kampfveranstaltung werden soll, sondern dass diesem Jubiläum soviel ökumenische Dimension wie möglich gegeben werden soll.

Sie, Herr Kardinal Kasper, sind aber auch durch Ihre nun jahrzehntelange ökumenische Erfahrung als Theologieprofessor, als Bischof und als Kurienkardinal hier am Tisch der beste Zeuge dafür, dass wir die ökumenische Bewegung und Herausforderung nicht nur durch die deutsche Brille sehen dürfen. Sie haben immer wieder die Begegnung vor allem mit der orthodoxen Kirche gesucht und Sie haben immer wieder darauf hingewiesen, welche ungeheuer dynamische und kirchengeschichtlich vollkommen neuartige Bewegung die pfingstlichen und charismatischen evangelischen und evangelikalen Bewegungen außerhalb Europas darstellen. Wie und ob dort Ökumene eine Chance hat, ist offenbar noch einmal eine ganz andere Frage als hier bei uns.

Sie, Herr Kardinal Kasper, haben durch intensives theologisches Nachdenken und durch Ihre weltweit geschätzten theologischen Bücher über zentrale Gegenstände des christlichen Glaubens immer wieder wertvolle Beiträge zur Unterscheidung der Geister geliefert. Es geschieht Theologen wohl sehr selten, dass ihre Publikationen durch den Papst selber öffentlich hoch gelobt werden. Aber was Papst Franziskus in seiner ersten Angelus-Ansprache geäußert hat, das haben Leser in aller Welt seit Jahrzehnten bemerkt: In Ihren Büchern wird nüchtern und sachlich dargelegt, wie unter den Bedingungen der Moderne christlicher Glaube denkbar und lebbar ist. Ihre Theologie spiegelt nicht die Freude an der eigenen Intelligenz, sondern dient entschieden der Auferbauung, wie man etwas altertümlich sagen würde, der Auferbauung des Einzelnen und der kirchlichen Gemeinschaft.

Der Auferbauung der Kirche in einem sehr praktischen Sinne dient besonders Ihr Wirken, Herr Erzbischof Zollitsch. Sie wissen und Sie haben es durch Ihr priesterliches und bischöfliches Leben immer wieder gezeigt: Die Kirche, der christliche Glaube leben letzten Endes nicht nur, sondern eher weniger durch kluges Reden und tiefes Nachdenken, Glaube und Kirche leben durch die praktische Tat, durch die gelebte Nächstenliebe, durch die sichtbare und überzeugende Gemeinschaft der Gläubigen.

Sie sind ein besonders tatkräftiger Mensch, der es nicht liebt, große Sprüche zu machen oder durch besonders fromme Parolen Aufsehen zu erregen. So wie sich der ganz normale Christ einen guten Priester, einen guten Bischof vorstellt, so sind Sie: von tiefem Glauben erfüllt, von einem klaren Auftrag bewegt, von Bescheidenheit und Freundlichkeit geprägt.

Die Caritas als nationale katholische Organisation hat traditionell ihre Zentrale in Freiburg. Aber die caritas als christliche Haltung, die immer danach drängt praktisch zu werden, die hat mit Ihnen, Herr Erzbischof Zollitsch, einen überzeugenden Botschafter auf der bischöflichen cathedra von Freiburg. So sind Sie von Ihren bischöflichen Mitbrüdern 2008 zum Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz gewählt worden – und seitdem sind Sie mit Ihrem freundlichen aber gleichwohl entschiedenen Auftreten zum Gesicht der deutschen Katholischen Kirche geworden.

In diesem Amt als Vorsitzender haben Sie sich besonders für den sogenannten Dialogprozess stark gemacht. Sie haben es bei vielen Gelegenheiten betont: Die Kirche braucht die Gaben, die Fähigkeiten und die Ideen aller Gläubigen. Sie kann einen segensreichen Weg nur gehen, wenn sich alle gemeinsam um die Richtung kümmern, wenn man aufmerksam und guten Willens aufeinander hört.

So entschieden, wie wir in unserem Land Staat und Kirche getrennt haben, so entschieden, wie wir darauf achten, dass beide in ihren Bereichen das ihre tun und nicht übergriffig werden, so entschieden ist uns aber auch klar, wie wichtig der Beitrag der Christen, der Kirchen und Religionsgemeinschaften für das Funktionieren des staatlichen und gesellschaftlichen Lebens ist.

Deswegen freue ich mich, dass ich heute zwei Repräsentanten der Kirche ehren kann, die auf ihre jeweils sehr eigene Art und Weise zur Auferbauung der Kirche – aber damit eben auch zur Stabilität von Staat und Gesellschaft beigetragen haben und beitragen.

Es ist mir eine Freude und es ist mir eine Ehre, das Glas auf Sie beide zu erheben.