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Besuch in Oradour-sur-Glane

Bundespräsident Joachim Gauck besucht die Mahn- und Gedenkstätte Oradour-sur-Glane Oradour-sur-Glane, 4. September 2013 Staatsbesuch in der Französischen Republik - Besuch der Mahn- und Gedenkstätte Oradour-sur-Glane © Sandra Steins

Oradour lebt. Es gibt ein neues Oradour, einen neuen Ort des menschlichen Zusammenlebens. Aber: Die Erinnerung an das alte Oradour bleibt hier unauslöschlich gegenwärtig.

Dieser Ort und seine Bewohner wurden in einem barbarischen, in einem zum Himmel schreienden Verbrechen vernichtet. Nur wenige überlebten.

Das Verbrechen, das hier geschah, wurde von Soldaten unter deutschem Befehl verübt. Deswegen ist es für jeden Deutschen ein schwerer Gang, hierher zu kommen. Egal wie viel Zeit auch immer vergangen ist.

Zum ersten Mal ist nun der höchste Repräsentant Deutschlands eingeladen worden, Oradour-sur-Glane zu besuchen und hier vor Ihnen zu sprechen. Als Bundespräsident ahne ich und als Mensch fühle ich, was diese Entscheidung für Frankreich und die Franzosen bedeutet. Ganz besonders aber für diejenigen, die das Massaker überlebt haben und für die Angehörigen derer, die grausam ermordet worden sind.

Denn ich weiß: Ihre Einladung an den deutschen Präsidenten ist eine Geste des Willkommens, des guten Willens, eine Geste der Versöhnung, eine Geste, die man nicht erbitten kann, die man nur geschenkt bekommen kann. Und ich bin dankbar für dieses Geschenk. Ich schaue Sie an, Herr Präsident Hollande, ich schaue Sie an, Herr Hébras und Herr Darthout, und ich schaue Sie an, die Familien der Ermordeten. Ihnen allen danke ich im Namen aller Deutschen dafür, dass Sie uns mit dem Willen zur Versöhnung entgegentreten. Ich werde das niemals vergessen.

Ich war als deutscher Bürger froh über die frühen und die wiederholten Akte und Symbole der Versöhnung. Und ich bin heute als Präsident genauso froh und dankbar, Ihnen heute zu begegnen, Ihnen, den Überlebenden und Angehörigen der Opfer.

Es kann wohl niemand ermessen, was es für Sie als Zeitzeugen wirklich bedeutet, sich immer wieder neu an die Geschehnisse in Oradour zu erinnern – für sich alleine, aber auch, wenn Sie Nachgeborenen berichten. Ihr Zeugnis, wie ich es selber gerade erlebt habe, spricht mehr als alles andere für die Notwendigkeit der Erinnerung, aber auch für den Geist der Versöhnung, von dem Sie erfüllt sind.

So großherzig diese Geste der Versöhnung ist, so kann sie mich doch nicht von dem tiefen Entsetzen befreien angesichts der großen Schuld, die Deutsche an diesem Ort auf sich geladen haben.

Vor mir haben viele andere Repräsentanten und Bürger Deutschlands bereits diese Schuld, wie auch die gesamten Verbrechen Nazideutschlands, anerkannt. Und auch ich stehe heute in dieser Tradition und bekenne: Wir werden Oradour und die anderen europäischen Orte des Grauens und der Barbarei nicht vergessen.

Ich denke an das Limousin, an Tulle, Lidice, Sant’Anna di Stazzema, Kalavrita – Orte erschreckender, brutaler Gewaltverbrechen, denen Frauen und Männer, Alte und Kinder, Gesunde und Kranke zum Opfer fielen. Nur mit Mühe können wir Heutigen begreifen, wie “ganz normale Männer“ zu gewissenlosen Mördern werden konnten. Und doch ist es geschehen, mitten in Europa, hier in Oradour und an vielen anderen Orten in Europa.

Der deutsche Philosoph Karl Jaspers formulierte 1946 in seiner Schrift „Die Schuldfrage“, in der verschiedene Varianten von Schuld besprochen und bearbeitet wurden, seine These einer „moralischen Kollektivschuld“ der Deutschen für die Geschehnisse der Jahre 1933-45: „Daß in den geistigen Bedingungen des deutschen Lebens die Möglichkeiten gegeben waren für ein solches Regime, dafür tragen wir alle eine Mitschuld“.

Sein Gedanke war klar: Für die „geistigen Bedingungen des deutschen Lebens“ trugen alle Teile der damaligen Gesellschaft eine Mitschuld, also auch für die Taten, die aus diesen geistigen Bedingungen entstehen konnten. Eine kontroverse These, der harte Debatten folgten.

Geblieben ist bis heute auch die Frage nach der individuellen Schuld der einzelnen Täter an Orten wie Oradour. Es waren Täter aus der Mitte des Volkes – mit Namen und Gesicht. Sie sind nicht anonym. Der Ort für die strafrechtliche Aufarbeitung ihrer individuellen Schuld ist das Gericht. Die gerichtliche Aufarbeitung von Verbrechen, die Deutsche oder unter deutschem Befehl stehende Einheiten begangen haben, ist nicht abgeschlossen – auch nicht, was Oradour betrifft. Neuerdings wird wieder ermittelt und zwar gegen Personen, die sich an dem Massaker beteiligt haben sollen. Dem Ergebnis der Staatsanwaltschaft Dortmund möchte ich nicht vorgreifen.

In der Vergangenheit wurden manche Täter nicht zur Verantwortung gezogen. Ich bin mir auch der intensiven Debatte in Frankreich bewusst, die um die Frage der Zwangsrekrutierung von Elsässern kreist, die an dem Massaker teilgenommen hatten.

So müssen wir feststellen: Gerechtigkeit bei der Aufarbeitung von Kriegsverbrechen kann auch der Rechtsstaat nicht vollständig garantieren. Nur widerwillig und schleppend hat er seinerzeit begonnen, die großen Gewaltverbrechen aus der Zeit des Nationalsozialismus zu behandeln. Dies passt zu der Tatsache, dass in unserer deutschen Gesellschaft nach dem Krieg zunächst Schuld vielfach verdrängt und verharmlost worden ist.

In einem schwierigen Prozess begann dann die junge Generation hartnäckig nachzufragen. Die Nachgeborenen suchten das Gespräch mit den Älteren. Sie fragten, sie stritten, sie klagten an – ihre Eltern, ihre Großeltern, ihr Land. Sie forschten nach den geistigen Bedingungen jener Zeit und wollten wissen, warum sich ihre Eltern und ihre Anverwandten auf persönliche Unschuld beriefen.

Auch ich habe so meine Eltern gefragt nach ihrem Leben in der NS-Diktatur und im Weltkrieg. Die Unzufriedenheit der nachkommenden Generation mit der unvollständigen Aufarbeitung der Schuld der Väter und Mütter ist eine der großen Erfahrungen jedenfalls der westdeutschen Nachkriegsgeschichte und eine der Triebfedern ihrer Fortentwicklung.

Was die Kinder und Enkel der Täter suchten, waren Wege, mit der eigenen Geschichte und der Schuld ihrer Vorfahren umzugehen. Nicht nur juristische Wege, sondern politische und kulturelle, man könnte auch sagen: menschliche Wege. Nicht in der Annahme, angesichts der Mordtaten der Vergangenheit sei Gerechtigkeit zu erlangen. Aber doch im Willen, das neu zu gestalten, was Karl Jaspers die „geistigen Bedingungen des deutschen Lebens“ nannte. Nämlich so, dass unser Land nie wieder Hort ideologisch motivierter Menschenfeindlichkeit, von Rassenwahn, Verbrechen, Mord und Krieg werden kann, sondern ein „Volk guter Nachbarn“ werden möge, ein fruchtbarer Teil Europas und der Völkergemeinschaft, eine stabile Demokratie und eine Kraft des Friedens.

Das war die Antwort nicht nur auf die Gräueltaten und den Krieg, sondern auch auf späte Aufarbeitung, auf ungesühnte Verbrechen, auf Verdrängung, auch auf schlichte Ignoranz.

Wenn ich heute in die Augen derer blicke, die von diesem Verbrechen gezeichnet sind, kann ich hier in Oradour sagen: Ich teile die Bitterkeit darüber, dass Mörder nicht zur Verantwortung gezogen wurden, dass schwerste Verbrechen ungesühnt blieben. Sie ist meine Bitterkeit. Ich nehme sie mit nach Deutschland und werde in meinem Land davon sprechen und ich werde nicht verstummen. Aber aus der ernsthaften Auseinandersetzung mit dieser bitteren Geschichte haben die Menschen in Deutschland die Kraft gewonnen, mein Heimatland zu einem guten Land zu machen. Es will „nicht über und nicht unter anderen Ländern“ stehen. Es will Europa bauen, aber nicht beherrschen. Und ich wünsche mir, dass Sie einen Teil meiner Freude darüber teilen oder sogar zu Ihrer Freude machen können, dass uns dieses Gute bis heute trägt und stärkt und zusammenführt.

Ich möchte heute meine Freude darüber zum Ausdruck bringen, dass sich Bürgermeister Frugier seit Jahren für Versöhnung einsetzt – mit Deutschland und mit den französischen Landsleuten aus dem Elsass. Der Bürgermeister von Straßburg ist heute unter uns. Und auch der Bürgermeister von Dachau und eine Abordnung aus der Region Mittelfranken, Sie sind alle hier mit uns zusammen. Sie wollen ihre Solidarität zum Ausdruck bringen und Ihnen nahe sein. Ich erwähne die jungen Leute aus Deutschland, die mit der „Aktion Sühnezeichen“ hier in der Gedenkstätte und auch an vielen anderen Orten Frankreichs freiwilligen Dienst geleistet, an Sommercamps teilgenommen haben oder auf andere Art und Weise am Werk der Verständigung und Versöhnung mitgewirkt haben und mitwirken. Auch im nächsten Jahr werden junge Deutsche mithelfen, die Erinnerung an die Verbrechen von Oradour zu bewahren.

Dass es überhaupt noch einmal einen Weg in die Zukunft, in eine gemeinsame, eine friedliche, ja partnerschaftliche Zukunft zwischen Deutschland und Frankreich geben könnte, das musste in den Nachkriegsjahren doch wie ein Wunder wirken. Aber es war kein Wunder, es war Menschenwerk, es war das Werk von tapferen, weitsichtigen, versöhnungsbereiten Menschen.

Gerade hier darf ich daran erinnern, dass es sehr früh schon von französischer Seite aus Versöhnungsbereitschaft gab. Ich darf an Albert Camus’ „Briefe an einen deutschen Freund“ erinnern, wo er unterscheidet zwischen Deutschen und Nazis und wo er nachdrücklich betont, dass es bei einem Menschen auf die Haltung ankommt, nicht auf Nationalität oder Herkunft. Und wir haben in Frankreich und Deutschland die Mahnung in Albert Camus’ allegorischem Roman „Die Pest“ verstanden, dass der „Pestbazillus“ der Grausamkeit oder des Krieges jederzeit wieder ausbrechen kann, wie lange es sich auch versteckt hält.

Diese Mahnung haben unsere Völker beherzigt, als wir die ersten Schritte auf dem Weg der deutsch-französischen Freundschaft gegangen sind. Diese Mahnung haben wir beherzigt, als wir Europa anfingen zu bauen. Und: Diese Mahnung beherzigen wir heute, wenn wir im Geiste der Wahrheit und Wahrhaftigkeit an die Vergangenheit erinnern und die Erinnerung auch dann wach halten, wenn die Zahl der Zeitzeugen immer geringer wird. Und wir beherzigen diese Mahnung, wenn wir an diesem Europa festhalten und weiterbauen, an diesem Europa, das nur Bestand haben kann auf der Grundlage der Freiheit, der Menschenwürde, der Gerechtigkeit und der Solidarität.