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Festakt "50 Jahre Deutsch-Französische Freundschaft"

Bundespräsident Joachim Gauck hält eine Rede beim Festakt anlässlich 50 Jahre deutsch-französische Freundschaftin Bonn Bonn, 12. September 2013 Festakt "50 Jahre deutsch-französische Freundschaft. Der Beitrag der deutsch-französischen Partnerschaften für ein vereintes Europa" © Guido Bergmann

Heute Abend schließt sich ein Reigen unter dem Leitmotiv "50 Jahre Elysée-Vertrag". Ich war sehr glücklich, dass Sie, lieber Herr Oberbürgermeister, uns eben in so bewegenden Worten noch einmal in die Wirklichkeit dieser Freundschaftsbeziehungen hineingenommen haben. Wir feiern mit dieser Konferenz noch einmal unsere Freundschaft und all das, was unsere Väter und Vorväter und Gründungsmütter geschaffen haben, auf das wir aufbauen können. Und ich bin besonders denen dankbar, die in den ganz frühen Zeiten dabei waren und die sich an die frühen Bilder vielleicht auch besser erinnern können als ich.

Anfang des Jahres haben wir in Berlin in einem festlichen Konzert an den Elysée-Vertrag erinnert – an dieses beispiellose Abkommen, das vor einem halben Jahrhundert die Freundschaft zwischen Frankreich und Deutschland zugleich besiegelt und beflügelt hat. Die Umarmung von de Gaulle und Adenauer bei der Unterzeichnung ist eine der symbolischen Gesten unserer Beziehung geworden. Wohl jeder von Ihnen kennt das Foto.

Doch die Geschichte der Wiederannäherung, Versöhnung und schließlich der Freundschaft zwischen unseren Ländern, sie wäre nicht vollständig, würde sie eben nur von Staatsmännern und deren symbolischen Gesten gestaltet werden. Sie muss auch von den Bürgerinnen und Bürgern berichten, die damals nicht auf die große Politik warteten, um aufeinander zuzugehen. Sie muss erzählen von den Begegnungen und Initiativen, in denen das Vertrauen wuchs, das unseren Freundschaftsvertrag ermöglichte – einen Vertrag, der dann seinerseits wiederum ein einzigartiges Netz von Partnerschaften begründete. Und das ist vor allem Ihre Geschichte, meine Damen und Herren, die Sie sich hier versammeln! Der heutige Festakt verbindet Erinnerung an das Erreichte mit der Ermutigung für eine Zukunft, in der die Netzwerke der Zivilgesellschaft und die Verbindungen der Städte und Gemeinden vielleicht wichtiger sind denn je.

Beginnen wir mit dem Erreichten: Ich kenne überhaupt keine anderen zwei Länder mit einem so dicht und dauerhaft geknüpften Netz von persönlichen und institutionellen Beziehungen. Vielleicht kann man sogar sagen: Die Institutionen und Initiativen, die Sie hier vertreten – die deutsch-französischen Gesellschaften, die Clubs und Freundeskreise, die Städte- und Regionalpartnerschaften – bilden zusammengenommen so etwas wie eine deutsch-französische Bürgerbewegung! Das ist einzigartig – auch wenn wir inzwischen dazu neigen, all das, was wir erreicht haben, für selbstverständlich zu halten. Und wie alles vermeintlich Selbstverständliche schätzen wir es vielleicht dann gar nicht mehr so, wie wir es doch tun sollten.

Darum will ich Ihnen heute ebenso deutlich wie herzlich „Danke“ sagen für all die Zeit und die Energie, die Sie in die vielfältigsten Projekte hineingesteckt haben: ob es nun ein Boule-Turnier in Bonn ist oder eine gemeinsame Studienfahrt, ob es ein Schüleraustausch ist oder eine Kooperation zwischen den Verwaltungen von Partnerstädten. Sie, Herr Oberbürgermeister, haben Beispiele von besonders funktionierender Gemeinsamkeit sehr deutlich herausgestellt in Ihren Begrüßungsworten.

Danke auch für die Vernetzung der Vernetzten – im Rat der Gemeinden und Regionen Europas und in der Vereinigung deutsch-französischer Gesellschaften für Europa. Dank all dieser Bemühungen ist der bürgerschaftliche Unterbau unserer politischen Beziehungen so breit, dass er ein solides Fundament darstellt – und das ist besonders wichtig in Zeiten wie diesen, in denen wir eine Krise in Europa haben und es gelegentlich zu kontroversen Auffassungen und Debatten kommen kann, auch zwischen unseren Regierungen.

Wie wertvoll ist es deshalb, ein solches Fundament zu besitzen! Und, wenn wir zurückschauen: Wie wenig konnte man sich das damals, nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, vorstellen, als viele Franzosen noch das Getrampel der deutschen Wehrmachtsstiefel in den Ohren hatten und viele Deutsche sich noch weigerten zu begreifen, welche Gräuel von unserem Land verübt worden waren!

Ich erwähne das, weil mir natürlich noch immer unauslöschlich mein Besuch in Oradour vor Augen steht. Gerade mal vor einer Woche habe ich dort in den Ruinen gestanden. Mit solchen Bildern vor Augen versuche ich zu erahnen, wie weit der innere Weg für die Französinnen und Franzosen gewesen sein muss, die nach dem Krieg auf die einstigen Aggressoren zugehen konnten. Es gibt dafür bewegende Zeugnisse.

Lucien Tharradin etwa, Bürgermeister von Montbéliard, der mit seinem Amtskollegen in Ludwigsburg die allererste deutsch-französische Städtepartnerschaft nach 1945 abschloss. Ausgerechnet er, der Widerstandskämpfer, der Buchenwald-Überlebende, er sagt gerade einmal fünf Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges: "Auf Hass kann man nichts aufbauen". Oder Joseph Rovan – nach dem Ihr Verband, lieber Herr Fritz, einen jährlichen Preis benannt hat – ein früherer Häftling von Dachau, der die Franzosen schon 1945 eindringlich warnte, Deutschland nicht „unter Ungerechtigkeit derselben Natur leiden zu lassen wie die, welche Deutschland Frankreich zugefügt hatte.“ Viele andere bekannte und weniger bekannte Persönlichkeiten wären hier zu nennen, auf französischer wie auch auf deutscher Seite.

Vielleicht hat noch der eine oder andere von Ihnen im Ohr, wie Präsident de Gaulle damals in seiner Ludwigsburger Rede, das war 1962, die jungen Deutschen zu begeistern vermochte. Bewegende Appelle, die das Herz erreichen, sie sind ja heute eher selten. Immer weniger Menschen haben noch eigene Erinnerungen an die Schrecken des Krieges. Kaum ein Jugendlicher heute versteht noch, wie sich Deutsche und Franzosen einmal voller feindseliger Vorurteile, ja voller Hass, gegenüberstehen konnten. Versöhnung ist für sie heute nicht mehr die Triebfeder dafür, sich füreinander zu interessieren und miteinander etwas zu tun.

Manche fragen sich deshalb schon etwas besorgt, ob unsere Partnerschaft noch so gut ist wie früher. Aber würden wir eine vertraute Beziehung als abgekühlt bezeichnen, nur weil wir den anderen inzwischen besonders gut kennen und vieles wie selbstverständlich mit ihm teilen? Vor allem aber: Was ist unser Maßstab – eine verklärte Vergangenheit? Oder das, was wir erreicht haben – und vor allem das, was wir in Zukunft gemeinsam gestalten wollen?

Da fiele mir vieles ein. Viele unserer Herausforderungen sind doch ähnlich, oft können wir voneinander lernen. Ich nenne nur Stichworte, die in den heutigen politischen Debatten eine Rolle spielen: Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit, Bildung, Familien, Energieversorgung oder das Zusammenleben von Einheimischen und Zugewanderten in von Einwanderung geprägten Gesellschaften. Wir haben eine Fülle weiterer Möglichkeiten, gute Ideen und Erfahrungen auszutauschen, auch von besseren Ideen und Erfahrungen zu lernen.

Und das ist eben nicht nur die Sache von Regierungskonsultationen, die es ja Gott sei Dank gibt, oder von Gipfeltreffen. Ebenso wichtig ist der länderübergreifende Gedanken- und Erfahrungsaustausch zwischen einzelnen handelnden Bürgerinnen und Bürgern, in den Kommunen und Regionen, in Kultur, in Wissenschaft und in einzelnen Unternehmen. Ich will gerne hinzufügen, dass es nützlich wäre, wenn unsere Gewerkschaften sich intensiv miteinander unterhalten und austauschen würden.

Hinzu kommt: Von den heute rund zweieinhalb tausend Partnerschaften zwischen deutschen und französischen Gemeinden sind zwar viele in den 60er Jahren entstanden, genauso viele aber in den vergangenen 20 Jahren. Das zeigt: Städtepartnerschaften – eine echte Innovation der Nachkriegszeit! – sie sind kein Auslaufmodell.

Und doch machen sich die Verantwortlichen, wie ich gehört habe, Sorgen. Die Aktiven der Städtepartnerschaften und deutsch-französischen Gesellschaften gehen inzwischen in vielen Fällen aufs Rentenalter zu. Das muss noch nicht viel bedeuten, wie man an mir sehen kann. Aber es sollte uns doch zum Nachdenken bewegen. So fragen sie sich, wie man die Jungen für die Idee der Städtepartnerschaft begeistern kann, wie man die deutsch-französische Freundschaft in ihren Herzen und Köpfen verankern kann. Der rein gesellschaftliche Austausch zwischen Vereinen wird als nicht mehr ausreichend angesehen. Es geht um nichts weniger als um einen Generationenwechsel, und es ist gut, dass Sie, meine Damen und Herren, sich damit während Ihrer Tagung beschäftigen.

Denn gerade in der heutigen Phase, in der es Zweifel an Europa gibt, sind die direkten, persönlichen Verbindungen und Netzwerke wichtig, die konkreten Projekte, durch die man gemeinsam etwas erreichen oder voneinander lernen kann, sei es nun in der beruflichen Bildung oder in der Stadtplanung oder wo auch immer. Diese hunderttausendfachen Kontakte sind ein stabilisierendes Element für die Beziehungen auf staatlicher Ebene. Sie beugen auch dem Wiedererstarken nationaler Ressentiments vor. Aus manchen bilateralen Partnerschaften sind übrigens inzwischen sogar trilaterale geworden – ich denke etwa an die Partnerschaften zwischen deutschen, französischen und polnischen Kommunen, unter dem Symbol des Weimarer Dreiecks. Ich begrüße das sehr. Schließlich sind Deutschland und Frankreich zwar ein wichtiger Bestandteil des vereinten Europas, aber sie sind nicht Europa alleine.

Manche jungen Leute mögen es heute spannender finden, für eine Weile nach Singapur zu gehen oder nach São Paolo – warum denn auch nicht, könnte man ihnen zurufen: Ergreift Eure Möglichkeiten, trefft einander dort und entdeckt, wie sehr Ihr Euch in der Ferne gemeinsam als Europäer fühlt! Seht, was Ihr an Europa habt: das friedliche und tolerante Miteinander unterschiedlicher Nationen, unterschiedlicher Kulturen, Lebensweisen, seht die persönliche Freiheit an, das Streben nach sozialem Ausgleich, die vielen Möglichkeiten der Teilhabe an der Demokratie! Und dann steckt Eure Energie, Eure Kreativität und Euren Schwung da hinein, diese, unsere europäische Art zu leben, zu erhalten und weiterzuentwickeln, im Dialog gerade auch mit unseren französischen Nachbarn.

Einer der vielen weniger bekannten Wegbereiter deutsch-französischer Freundschaft hat einmal gesagt: "Ein geeintes Europa wäre das schönste Erbe, das wir unseren Kindern hinterlassen könnten." Unsere Aufgabe ist es, unser Europa weiter zu vereinigen und alles dafür zu tun, dass auch unsere Kinder es künftig mitgestalten können. Danke für Ihren Beitrag dazu!