Navigation und Service

Eröffnung der Weltleitmesse EMO


Ich freue mich über diese Einladung nach Hannover und darüber, hier bei Ihnen sein zu können. Wenn ich mich im Saal umschaue, dann sehe ich einen großen Schatz – einen Schatz aus Erfahrungen und Wissen. Sie stammen zwar aus aller Welt und aus unterschiedlichen Kulturen, doch was Sie alle verbindet, ist dies: Sie bemühen sich täglich darum, Innovationen den Weg zu bahnen. Sie knüpfen neue Kontakte und erschließen neue Geschäftsfelder. In Deutschland gibt es den Begriff des "Machers": jemand, der aktiv wird, jemand, der etwas anzuschieben imstande ist. Sie sind Macher im besten Sinne, und das imponiert mir. Es ist schön, dass Sie alle hier in Deutschland unsere Gäste sind. Seien Sie alle herzlich willkommen!

Deutschland ist der weltweit führende Messestandort. Darauf bin ich als Bundespräsident natürlich auch ein wenig stolz, nicht zuletzt, weil das zeigt, wie weltoffen unser Land ist. Eine Messe, das ist ja nicht immer nur ein Ort des Handels, sondern auch ein Ort der Begegnung. Hier entstehen neue Impulse und neue Ideen. Gegenüber den Händlern oder den Unternehmern früherer Zeiten, die beschwerlich lange Wege zurücklegen mussten, sind Sie, meine Damen und Herren, eindeutig im Vorteil: Denn Sie können vieles telefonisch, per Videokonferenz oder mit den Möglichkeiten des Internets mit Geschäftspartnern erledigen. Aber trotzdem haben Messen auch in den Zeiten globaler Kommunikation nichts von ihrer Attraktivität verloren. Gerade in Hannover weiß man das.

Aus der Vorbereitung auf den heutigen Tag ist mir eine Geschichte besonders in Erinnerung geblieben, die aus der Zeit nach dem Vulkanausbruch in Island vor drei Jahren stammt. Damals stand der Flugverkehr in Europa ja weitgehend still. So konnten nicht alle Teilnehmer zur Hannover Messe einfliegen. Und doch, so habe ich vernommen, ließ sich kaum jemand abhalten: Busse holten Aussteller aus Mailand und aus Istanbul ab. Aus Spanien kamen sogar einige im Konvoi bis nach Hannover. Das sagt viel über die heutige Bedeutung von Messen aus. Wer eine Messe besucht, der weiß eben: Hier geht es um die beste Idee, um das beste Produkt – so auch bei der Weltleitmesse der Werkzeugmaschinenindustrie EMO. Sie ist ein globales Schaufenster für Ingenieurskunst und für technologische Innovation. Sie ist ein Zeugnis von Unternehmergeist und von Schaffenskraft. Ich freue mich, dass ich diese wichtige Messe heute eröffnen darf.

Etwas besser zu machen – dafür steht mit ihren fast 70.000 Mitarbeitern die deutsche Werkzeugmaschinenindustrie. Sie exportiert ihre Produkte in alle Welt. Und sie steht für technische Innovationen auf höchstem Niveau. Sie bildet gleichsam den Maschinenraum der Industrie, der das Schiff der deutschen Wirtschaft antreibt – und zwar entscheidend. Das Qualitätssiegel "Made in Germany", das ist für Ihre Branche Anspruch, Verpflichtung und Ansporn zugleich.

Maschinen herzustellen, die zu noch effizienteren und präziseren Werkzeugen und Produktionsverfahren für die Industrie führen – das ist Ihr Kerngeschäft.

Nun gehört zu meinen Kerngeschäften, grundsätzlichen Fragen der Gesellschaft, der Politik und der Wirtschaft nachzugehen. Und da spricht mich das Bild eines Werkzeugs an, das wir eben auf verschiedene Weise nutzen können.

Wenn es um den technologischen Fortschritt, um wirtschaftlichen Wohlstand und damit auch um gesellschaftlichen Zusammenhalt geht, so kann man fragen: Was sind die wesentlichen Instrumente, mit denen wir möglichst viele Menschen befähigen können? An welchen Stellschrauben müssen wir drehen, um eine gute Zukunft für uns und für die nachfolgenden Generationen zu ermöglichen?

Ich bin zutiefst davon überzeugt: Freiheit eröffnet Räume für Kreativität in der Wirtschaft. Freiheit ist deshalb auch entscheidend für den Wohlstand. Doch wenn wirtschaftliche Entwicklung nachhaltig sein soll, dann ist sie immer mit dem Prinzip der Verantwortung zusammenzudenken.

Das gilt noch stärker im Verbund einer globalisierten Wirtschaft. Deshalb sind Verlässlichkeit und rechtliche Rahmenbedingungen entscheidende Standortkriterien, wenn es um Investitionen, Wachstum und Wohlstand geht. Mit diesem Verständnis haben wir uns hier in Deutschland und hier in Europa für freien Handel und für offene Märkte entschieden. Dafür wollen wir fest und verlässlich einstehen.

Freier Warenverkehr und offene Märkte sind aber bedeutsam für die wirtschaftliche Entwicklung aller Nationen. Gerade wir Europäer tun gut daran, jenen entgegenzutreten, die Mauern um Märkte errichten und so freien Handel behindern. Protektionismus, unfaire Handelspraktiken, Produktpiraterie – all dies ist dem Wohlstand langfristig abträglich. Wir sollten auch klar und deutlich aussprechen: Gegen den Diebstahl von Patenten werden wir unsere Kräfte bündeln. Auch den Diebstahl von Daten innovativer Unternehmen werden wir nicht hinnehmen. Hier sind internationale Verabredungen notwendig, um Verlässlichkeit sicherzustellen. 

Ich möchte hier erinnern an die etwas in Vergessenheit geratene Rede von US-Präsident John F. Kennedy in der Frankfurter Paulskirche vor fünfzig Jahren. Kennedy entwarf damals den weitsichtigen Gedanken einer "Atlantischen Gemeinschaft", die auch den freien Handel einschließen sollte. Vor kurzem sind die Europäische Union und die Vereinigten Staaten von Amerika in Verhandlungen eingetreten über dieses ambitionierte Projekt einer Transatlantischen Handels- und Investitionspartnerschaft. Das empfinde ich als ermutigendes Signal.

Damals ging es Präsident Kennedy um mehr als nur wirtschaftliche Interessen. Eigentlich ist das auch heute so. Denn die Vereinigten Staaten und Europa setzen ein Zeichen: Freiheit und Offenheit sollen in allen Bereichen gelten. Und da ist es ganz folgerichtig, dass wir uns keine Märkte wünschen, deren zahlreiche Handelsschranken wie ein Hindernisparcour wirken. 

In diesem Geiste wollen wir weitere Freihandelsvereinbarungen etablieren, etwa mit Japan oder auch mit Kanada. Und wenn ich nun höre, dass sich auch Brasilien als aufstrebende Demokratie an einer derartigen Partnerschaft interessiert zeigt, dann begrüße ich das sehr – gerade vor dem Hintergrund der positiven Erfahrungen, die ich bei meinem Besuch in São Paulo und Rio de Janeiro vor wenigen Monaten gemacht habe.

Mich besorgt aber nicht nur Protektionismus. Es ist ja etwas anderes aus dem Lot geraten. Ich meine die Balance zwischen Freiheit und Verantwortung. Wir haben es doch erlebt, dass Maß und Mitte in den vergangenen Jahren an vielen Stellen in der globalen Wirtschaft verloren gingen – keineswegs nur im Finanzsektor, sondern leider auch in vielen öffentlichen Haushalten. Das ist ein wichtiger Grund für die Finanz- und Wirtschaftskrise, die uns Europäer immer noch beschäftigt.

Freiräume wurden dabei überdehnt und Grenzen verletzt. Verantwortungsloses Handeln, das keinen Rahmen und kein Tabu kennt, gefährdet aber letztlich die Freiheit selber. Deshalb brauchen wir verlässliche Regeln, wenn wir Freiheit – ob wirtschaftlich oder politisch verstanden – bewahren wollen. Und wir brauchen einen Kompass – sagen wir ruhig einmal: einen moralischen Kompass – der uns Orientierung gibt und der uns davor bewahrt, Maß und Mitte zu verlieren.

Für uns Menschen sind die wichtigsten "Werkzeuge", die wir haben, unser Verstand und unser Wissen, aber auch unsere Haltung gegenüber der Welt um uns herum. Nur wenn wir Veränderung offen und mit einer optimistischen Grundhaltung annehmen, nur dann werden wir auch gestalten können!

Ich wünsche mir, dass wir alle der Globalisierung – gerade auch in Deutschland, gerade auch in Europa – noch offener begegnen. Die deutsche Wirtschaft hat doch durch die Globalisierung ganz erfolgreiche Schritte unternehmen können. Deutsche Unternehmen haben vom Wandel in der Welt profitiert, weil sie sich offen und flexibel gezeigt haben. Denken wir an den "German Mittelstand": Das ist heute im Englischen ein Ehrentitel, weil der Mittelstand international für Innovation und wirtschaftliche Dynamik steht. Ob in Brasilien, in den USA oder in Osteuropa – deutsche Mittelständler lassen sich auf die Gegebenheiten in anderen Ländern und Kulturen ein. Sie denken global und handeln lokal. 

Kleinere und mittlere Unternehmungen sind in Deutschland fest verwurzelt. Und das soll so bleiben. Wenn sie sich zuhause im und für das Gemeinwesen engagieren, dann ist auch das ein schöner Beweis dafür, dass selbst in einer globalen Wirtschaft ein Unternehmen eine Heimat hat und dort verwurzelt ist. Und durch diese Heimat sind "Wirtschaften" und "Erwirtschaften" in Deutschland kein Selbstzweck, sondern fügen sich in einen gesellschaftlichen, in einen menschlichen Zusammenhang. Das ist nicht überall so. 

Aus all dem erklärt sich, weshalb beim Mittelstand kein Widerspruch besteht zwischen regionaler Prägung und globalem Erfolg. Denn die Verantwortung gegenüber den eigenen Mitarbeitern und die Verbundenheit mit der Heimatregion, das sind keine Schwächen, sondern – wie zahlreiche Beispiele bei uns zeigen – ein Schlüssel zu unternehmerischem Erfolg!

Das Deutschland von heute – es ist ein buntes und vielfältiges, ein aufgeschlossenes und dynamisches Land. Besonders viele junge Menschen kommen nach Deutschland. Die angehende Ingenieurin aus Madrid, der Informatiker aus Tel Aviv oder die Studentin aus Shanghai – sie alle sind uns herzlich willkommen. Sie bereichern unsere Unternehmen, unsere Hochschulen und das Leben in unseren Städten. Wir führen intensive Debatten über unser Zusammenleben, einschließlich der Zugewanderten im Land. Alle sind wichtig für unsere Gesellschaft. 

Durch Reformen ist Deutschland vor zehn Jahren weitergekommen. Durch harte Entscheidungen wurden wichtige Weichen gestellt. Durch vielfältige Anstrengungen sind wir wettbewerbsfähiger geworden. Ein gutes Stück Zukunft haben wir uns so gesichert.

Die Präsenz deutscher Unternehmen in so vielen Regionen der Welt ist höchst erfreulich. Doch sie darf Investitionen zu Hause nicht ersetzen. Heute wissen wir: Es war richtig und wichtig – daran ist heute schon erinnert worden –, dass die deutsche Wirtschaft sich ihren traditionellen industriellen Kern erhalten hat. Wir haben gelernt, die Besonderheiten der Industrie im Blick zu behalten. Diese Position vertreten wir auch auf europäischer Ebene, wenn es um die gemeinsame Industrie-, Wettbewerbs- und Strukturpolitik geht. Industrielle Produktion, verzahnt mit modernen Dienstleistungen, schafft eine besonders robuste und innovative Wirtschaftsstruktur. Auch das ist eine Lehre aus der Krise. 

Wir dürfen andererseits nicht die falschen Schlussfolgerungen aus der Krise ziehen. Deshalb sage ich hier mit Bedacht: Die stärkeren Volkswirtschaften in Europa zu schwächen, das wird nicht zu einer Stärkung Europas führen. 

Für mich steht allerdings fest: Uns auf dem Erreichten ausruhen  dürfen wir nicht. Und wenn wir es tun, dann verwirken wir das Recht, über die Folgen zu klagen. Wir befinden uns beständig und zunehmend in einem globalen Innovationswettbewerb. In vielen Ländern der Welt wachsen die Investitionen in Forschung und in Entwicklung rasant. Neue Wettbewerber entstehen auf dem Weltmarkt. Diese Wettbewerber müssen wir ernst nehmen. Zwar freut mich, dass die Forschungsausgaben in den Unternehmen in Deutschland zuletzt eine Rekordhöhe erreicht haben. Es besorgt mich aber, wenn Ökonomen immer wieder aufzeigen, dass in Deutschland und auch im übrigen Europa zu wenig investiert wird. Europa hat den Anspruch, eine führende und gestaltende Rolle in der Welt zu spielen. Wir wollen und müssen diesem Anspruch gerecht werden. Das aber können wir nur, wenn wir in die Zukunft investieren.

So möchte ich Sie alle ermutigen: Belassen Sie es nicht dabei, den Standort Deutschland zu nutzen. Bauen Sie diesen Standort vielmehr gezielt aus!

Wenn wir über Wettbewerbsfähigkeit sprechen, dann sprechen wir immer auch über die Lebenschancen junger Europäer. Und nichts, das wissen wir alle, schafft so viele Chancen wie Bildung. Eine der größten Herausforderungen ist es deshalb, die hohe Jugendarbeitslosigkeit in vielen europäischen Staaten zu bekämpfen. Europa wird nur eine gute Zukunft haben, wenn wir unserer Jugend die Chance geben, ihre Talente zu nutzen. Darüber haben wir in den vergangenen Monaten auf vielen Ebenen in Politik und Wirtschaft diskutiert.

Wir diskutieren dabei auch insbesondere die berufliche Ausbildung. Bei meinen Reisen in der Welt habe ich erfahren, wie wichtig es ist, dass wir das deutsche duale System immer wieder ins Gespräch bringen, und wie wichtig es für uns ist, dieses System zu  erhalten. Es hat sich bewährt, dass junge Menschen nicht nur in den Berufsschulen, sondern auch in den Betrieben ausgebildet werden. So gehen Theorie und Praxis Hand in Hand. Und hier, das sehen wir, geht es um die Verantwortung von Unternehmen für den Nachwuchs an Fachkräften. Es hat der Industrie geschadet, als sie diesen Aspekt eine Zeitlang in den Hintergrund gerückt hatte. Aber wir sehen auch: Die Werkzeugmaschinenindustrie leistet auf diesem Gebiet  Vorbildliches. Ich werde mich nachher auf dem Eröffnungsrundgang davon überzeugen – und zwar bei Ihrer Sonderschau Jugend.

Es bleibt eine entscheidende Aufgabe, junge Menschen für die Technik- und Naturwissenschaften zu begeistern, auch für die Mathematik. Denn wenn wir hier in Deutschland keine Wendung zum Besseren erreichen, dann gehen wir schwierigen Zeiten entgegen. So ist es eine gemeinsame Aufgabe von Politik und Wirtschaft, aber auch von Schulen und Hochschulen, für diese Verbesserungen zu arbeiten. Wir brauchen dabei kreative Ansätze, wie wir Unternehmen und Wissenschaft mit jungen Menschen zusammen bringen. Ich wünsche mir auch ganz ausdrücklich, dass mehr Frauen ihren Weg in diese Bereiche finden und ihre Talente dort verwirklichen können.

Arbeits- und Berufsforscher weisen uns auf eine kommende Herausforderung hin, die mit dem demographischen Wandel einhergeht: Schon heute fehlen Fachkräfte, das ist doch die Realität. Denn wir Deutschen sind bereits die Ältesten in Europa und die Zweitältesten in der Welt hinter Japan. Dieser Wandel allerdings muss uns keine Angst machen, aber er sollte uns beschäftigen. Das "lebenslange Lernen", über das so viel gesprochen wird, die Weiterbildung auch älterer Arbeitnehmer – und das sehen Sie ja an mir – all das wird für uns immer wichtiger werden, auch in unserer Wirtschaft. Das wissen Sie nur allzu gut: Wenn Produktzyklen immer kürzer werden und technologische Sprünge dicht an dicht folgen, heißt es auf dem Laufenden zu bleiben. Weiterbildung im Betrieb und Fortbildung für Berufsschullehrer – das sind Wege, die wir in Deutschland beschreiten und ausbauen müssen.

Denn die Innovationsfähigkeit unserer Unternehmen und unserer Gesellschaft lässt sich nicht allein an der Zahl der Patente und Lizenzen messen. Die Fähigkeit zu Innovation ist eine Haltung, die uns ermöglicht, mit sich wandelnden Bedingungen besser umzugehen und sich von Althergebrachtem, wo es nötig ist, zu lösen. Früher war es so: Erst Ausbildung, dann Arbeit bis zum Ruhestand. Heute brauchen wir zusätzlich Fortbildung während des Arbeitslebens. Wir müssen die immense Erfahrung älterer Arbeitnehmer nutzen und ihnen Chancen eröffnen, sich weiterzuentwickeln. 

Dinge besser zu machen – den Maschinenpark, die Arbeitswelt, das ganze Wirtschaftsleben – das muss unser Anspruch bleiben. Das bedeutet, den Blick nicht nur auf das Heute zu richten, sondern auch auf das Morgen. Das bedeutet, nicht nur auf uns selbst zu schauen, sondern auch auf die Menschen und die Welt um uns herum. Eine freie Wirtschaft in einer offenen und demokratischen Gesellschaft bietet uns allen Chancen, mehr denn je.

Dinge besser zu machen – das ist Ihre alltägliche Praxis. Sie haben Ideen, Sie schaffen Innovationen, Sie stoßen neue Entwicklungen an. Ich wünsche Ihnen, dass Sie die Offenheit des Denkens und die Klarheit des Handelns bewahren können, die Sie als Unternehmer brauchen. Nun freue ich mich auf den Rundgang durch die Messehallen und damit auf einen Einblick in die Welt der Industrie von Morgen. Allen Ausstellern und Besuchern der EMO wünsche ich positive Begegnungen, erfolgreiche Verhandlungen und gute Geschäfte. Möge diese Messe Sie zu vielen neuen Ideen anregen!

Hiermit erkläre ich die Weltleitmesse der Werkzeugmaschinenindustrie, die Exposition Mondiale de la Machine Outil 2013, für eröffnet!