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Gedenkfeier für Berthold Beitz

Bundespräsident Joachim Gauck hält eine Ansprache bei der Gedenkfeier für Berthold Beitz in der Villa Hügel in Essen Essen, Villa Hügel, 26. September 2013 Gedenkfeier für Berthold Beitz - Ansprache des Bundespräsidenten © Steffen Kugler

Wie gern hätte ich heute eine Geburtstagsrede gehalten. Für den Jahrhundertmann. In meinem Arbeitszimmer liegt noch sein letzter Brief an mich – datiert vom 5. Juli, voller Vorfreude auf das große Jubiläum, schwungvoll unterschrieben. Wir wissen alle: Es kam anders. Und so stehe ich nun vor Ihnen und versuche, 99 Lebensjahre zu würdigen und dabei "auf den Punkt" vorzutragen, wie es sich Berthold Beitz von seinen Gesprächspartnern hier in der Villa Hügel immer gewünscht hat. Bitte keine Förmlichkeiten, gleich zum Thema kommen – das wäre wohl auch heute sein Wunsch gewesen.

Keine leichte Aufgabe, dieser Jahrhundertmann war doch so vieles: Patriarch und Philanthrop, Diplomat und Visionär, Ikone und vor allem Mensch. Respekt, Anerkennung und Bewunderung hat er wohl auch erhalten für seine herausragende Leistung als Konzernlenker. Aber da war vor allem ein Bild vom Menschen, das in ihm lebte und das ihn so wach machte, so hellwach und willensstark sein ließ, sein ganzes Leben lang bis in seinen letzten Sommer hinein.

Ich glaube, die versammelten Erinnerungen hier in diesem Saal sind weitaus bunter und vielfältiger als es unsere Reden heute sein können. Berthold Beitz war Konzernlenker und er war Familienoberhaupt, Mentor und Mäzen, Freund war er und Förderer, er liebte die schöne Kunst genauso wie Fairplay und Sportsgeist, aber er war auch ein zäher Widersacher aller, die auf der anderen Seite eines Verhandlungstisches saßen. Er war lebensfroh, humorvoll und entgegenkommend, trotzdem in wichtigen Angelegenheiten beharrlich und sehr konsequent: in seinen Entscheidungen ebenso wie in seiner Haltung.

Wenn jemand so viele Orden und Auszeichnungen bekommen hat, wenn jemand Ehrenbürger, Ehrendoktor, sogar Ehrensenator und Ehrenprofessor war, dann fällt es wahrlich schwer, eine Auswahl von Erfolgen zu treffen. Deshalb will ich mich hier auf seine Haltung konzentrieren.

Berthold Beitz hat diese Haltung selbst in Worte gefasst, mit einem altgriechischen Sinnspruch, den er zu seinem Motto erklärte. Ich fand ihn in der Traueranzeige seiner Familie und war gleich davon eingenommen: "Das Geheimnis des Glücks ist die Freiheit, das Geheimnis der Freiheit aber ist der Mut."

Ein wunderbarer Satz von Perikles! Er passt besonders gut zu jenem Stück Lebensgeschichte, über das Berthold Beitz lange geschwiegen hat: die Rettung mehrerer Hundert jüdischer Zwangsarbeiter im ostgalizischen Boryslaw durch ihn, einen jungen Deutschen, der mit Ende Zwanzig noch gar keine feste politische Heimat hatte, aber der festen Überzeugung war, dass das Morden beendet werden musste. Und er beließ es nicht dabei, eine Überzeugung zu haben, sondern er vermochte aus dieser Überzeugung heraus zu handeln. Seit 1973 ist Berthold Beitz in der Liste der Gerechten unter den Völkern zu finden, auch seine Frau Else wurde mit diesem Titel ausgezeichnet. Die Geschichte des jungen Paares von damals berührt uns bis heute. Wohl kein Nachruf, in dem der Mut der frühen Jahre unerwähnt geblieben wäre. Und dieser Mut wird in der Geschichtsschreibung immer groß und erwähnenswert bleiben, weil es eben nur so wenige Menschen gab – und ich füge hinzu: gibt – die ihn aufzubringen vermochten und vermögen. Damals nach dem Krieg wurden diese Geschichten nicht erzählt. Auch Berthold Beitz hat es nicht getan, später in Israel – schon geehrt für seine Taten –, hat er sich oft gefragt: Hätte ich nicht noch mehr tun können, um noch mehr Menschen zu retten?

Als Berthold Beitz nach Essen kam, war er neu in der Branche, neu in der Region, und er sollte den Krupp-Konzern in eine neue Zeit führen – was für eine Aufgabe. Da winkten wohl die meisten ab, jedenfalls die Insider. Ein Fremdling im Pott? Aussichtslos! Sie sollten sich täuschen. Als Berthold Beitz dann nach Osteuropa reiste, um das Exportgeschäft zu beleben, zweifelte sogar Bundeskanzler Adenauer. Ein Deutscher im Osten? Ungewöhnlich! Er sollte sich täuschen. Bald schrieb der Kniefall von Willy Brandt Geschichte, Berthold Beitz gehörte damals zur Delegation. Und als es ihm schließlich gelang, den Konzern nicht nur für Europa, sondern auch für den Weltmarkt zu öffnen, mussten viele Kritiker erneut einräumen: Ja, wir haben uns getäuscht.

Solche Erfolge brachten Berthold Beitz größten Respekt ein, wenn auch sein Führungsstil, so habe ich mir sagen lassen, wohl nicht immer Zustimmung fand. Berthold Beitz war also auch streitbar und er war es souverän bis zum Ende.

Mag sein, dass sein Stil nicht immer jedermanns Sache war, doch das schmälert meine Wertschätzung für ihn in keiner Weise – im Gegenteil. Berthold Beitz gehört für mich zu einer Generation, die Widerspruch und Reibung gewagt hat, die Mut und Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, nicht im Führungsseminar, sondern in einem Leben der Brüche, der Katastophe und der Umbrüche hat lernen müssen. Da waren nicht immer alle Reaktionen kalkulierbar und kalkuliert oder Strategien schon vorher erprobt und abgewogen. Aber: Da konnte er stets er selbst bleiben, fast ein ganzes Jahrhundert lang.

Zu dieser gefestigten Identität gehörte auch die Stärke, nie zu vergessen, wo er herkam. Berthold Beitz hat sich seiner nordostdeutschen Wurzeln vielfach erinnert. Die Weltläufigkeit und Tatkraft, die er nach der friedlichen Revolution in unsere nordostdeutsche Region brachte, sie waren in so vieler Hinsicht wertvoll. Der Greifswalder Dom und die Kirche dort verdanken ihm vieles. Die Universität profitiert bis heute von seinen Zuwendungen, von seinem Interesse. Das Alfried-Krupp-Kolleg gibt Zeugnis davon. Und in Zemmin, seiner Geburtsstadt, ist eine Straße nach Berthold Beitz benannt. Er hat mit seinem Wirken so viele Spuren hinterlassen.

Wer folgt ihm nach? Der Jahrhundertmann war Realist genug, schon vor einiger Zeit zu sagen: "Nach Beitz wird es keinen Beitz mehr geben." Das war eigentlich auf die Strukturen im Konzern gemünzt. Aber es klang wie das Ende einer Ära. Das ist für uns hier kein guter Gedanke. Wenn das Ende auch für sein wissenschaftliches, soziales und kulturelles Engagement gelten würde, das könnten wir doch nicht akzeptieren. Ich war gerade vor kurzem in der Leopoldina, wo er Ehrensenator gewesen ist. Wenn wir all das, was er in Gang gesetzt hat, nicht achten, annehmen und weitertragen würden, dann wäre Deutschland um vieles ärmer. Die Voraussetzung für Freiheit und Glück – der Mut – lässt sich bekanntlich nicht kaufen. Und wir brauchen doch gerade heute so viel mehr davon! Ich wünsche jungen Führungskräften in der Wirtschaft wie in der Politik mehr Mut, mehr Verantwortungsbereitschaft, mehr Beitz. Ich wünsche mir, dass wir Berthold Beitz als jemanden in Erinnerung behalten, der für Freiheit und das Glück, das aus ihr erwächst, auch Risiken einging, wenn es nötig war. Und ich wünsche mir, dass viele Menschen sagen: Wir setzen fort, was er begonnen hat.

Wenn ich in den Saal sehe, so bin ich zuversichtlich, dass sich Frauen und Männer finden werden, die das große ideelle Erbe von Berthold Beitz antreten und bewahren werden – an erster Stelle die Familie. Aber ich denke auch an all jene, die auf verantwortlichen Posten bei ThyssenKrupp jetzt Mut für Veränderung brauchen. Ich denke an seine Nachfolger in der Stiftungsarbeit und an all die anderen Menschen, die das soziale Gewissen von Berthold Beitz, seinen Gemeinsinn, seine wunderbare Großzügigkeit für die nächste Generation weiterleben lassen wollen.

Verehrte Frau Ministerpräsidentin, sehr geehrter Herr Dr. Hiesinger, sehr geehrter Herr Oberbürgermeister und sehr geehrter Herr Rothenberg, der Sie unseren Vorsitzenden noch einmal besucht haben. Und Sie haben doch auch das Klavier Ihrer Frau Mutter hierher gebracht nach Essen und sind mit ihm zusammen gewesen. Sie alle werden nach mir all das Gute und Wichtige ergänzen, das ich in der Kürze der Zeit hier nicht erwähnen konnte.

Erlauben Sie mir zum Schluss noch einen zweiten Sinnspruch des weisen Perikles: "Das größte Denkmal", so sagte er, "ist das Gedächtnis." Ich wünsche Berthold Beitz, dass dieser Satz für ihn genauso wahr wird wie sein vorhin erwähntes geliebtes Lebensmotto.

Mein letzter Satz sagt Dank dafür, dass Berthold Beitz mit seiem Tun, mit seinem Dasein unser Land besser, schöner und menschlicher gemacht hat.