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Verleihung des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland zum Tag der Deutschen Einheit

Bundespräsident Joachim Gauck hält eine Ansprache bei der Ordensverleihung anlässlich des Tages der Deutschen Einheit Schloss Bellevue, 4. Oktober 2013 Ordensverleihung anlässlich des Tages der Deutschen Einheit - Würdigung der zu Ehrenden © Henning Schacht

Wir sind hier zusammengekommen, um zu feiern: Ihre Verdienste. Und wir tun es im Zusammenhang mit unserem Nationalfeiertag, wir feiern auch unsere Republik, das eine Deutschland und das eine Europa. Wir wollen erinnern an die Rechte, die wir in diesem Land und auf diesem Kontinent erfochten haben, und an die Werte, die uns miteinander verbinden.

Das alles sagt sich nicht leicht an einem Tag, an dem sich auf einer Insel im Mittelmeer die Leichensäcke meist afrikanischer Bootsflüchtlinge stapeln. Leben zu schützen und Flüchtlingen Gehör zu gewähren, sind wesentliche Grundlagen unserer Rechts- und Werteordnung. Zuflucht Suchende sind Menschen – und die gestrige Tragödie zeigt das – besonders verletzliche Menschen. Sie bedürfen des Schutzes. Wegzuschauen und sie hineinsegeln zu lassen in einen vorhersehbaren Tod, das missachtet unsere europäischen Werte.

Wenn wir also nun an das Wunder der deutschen und der europäischen Einigung erinnern, lassen Sie uns immer mit bedenken, dass unser Kontinent trotz aller Fortschritte alles andere als perfekt ist – genauso wenig wie unser Staat und unsere Demokratie. Es bedarf, wir wissen es alle, unseres täglichen Engagements, um dem elementarsten Recht Geltung zu verschaffen: dem Recht auf Leben.

Freiheit und Rechte fallen uns nicht einfach zu, sie wollen erstritten sein. Selten war das so augenfällig wie im Prozess der deutschen Einigung. Die Einheit kam ja nicht über uns wie eine glückliche Fügung. Sie wurde von Menschen errungen und von Menschen gestaltet – von Menschen, die sich engagiert haben, wie Sie sich engagiert haben, liebe Ehrengäste!

Gestern in Stuttgart war mir die Rolle der vielen Einzelnen, die gemeinsam einen großen Kraftakt vollbringen, noch einmal sehr gegenwärtig. Und am liebsten hätte ich allen Zweiflern und Verzagten in unserer Republik zugerufen: Schaut auf dieses Land! Es kann so viel mehr leisten, als es sich manchmal selber zutraut. Ich darf Ihnen versichern: Das ist bei mir kein Zweckoptimismus – gereiften Realitätssinn würde ich es nennen. Denn ich beziehe diese Erkenntnis und diese Meinung aus der Betrachtung der Dinge, die uns gelungen und zugewachsen sind in den letzten Jahrzehnten.

Mit 23 ist man schon lange volljährig. Und wenn wir die Demokratie-Erfahrung der alten Bundesländer hinzurechnen, dann wird klar: Wir dürfen uns in mehr als einer Hinsicht erwachsen fühlen. Dazu gehört für mich die Erkenntnis: Den perfekten Staat oder die perfekte Gesellschaft können wir nicht erwarten, denn der perfekte Mensch ist ja noch nicht geboren, der eine solche Gesellschaft hervorbringen könnte. Wir alle sind Mängelwesen, und das fällt uns öfter auf, als wir es uns wünschen. Wir verkalkulieren uns und wir machen Fehler. Wir machen übrigens nicht nur Fehler, sondern wir laden auch Schuld auf uns. Das gehört zu unserem menschlichen Maß. Aber zugleich sind wir eben in der Lage, die kühnsten Träume zu entwickeln und sie gelegentlich auch in die Tat umzusetzen. 1990 war so ein wunderbares Beispiel dafür. Und auch 2013 gibt es kühne Träume und gibt es Menschen, die sie wahr machen. 31 Frauen und Männer möchte ich dafür heute mit einem Orden ehren. Ich hoffe, dass es den meisten hier im Saal so geht wie mir und dass Sie bei jeder Ordensbegründung sagen können: Ja, das ist Deutschland. Das ist unser Land. Ja, das ist es, was uns zusammenhält.

Vielleicht werden Sie sogar folgender These zustimmen: Die Arbeit der heute zu Ehrenden spiegelt lebensweltlich Deutschlands politische Agenda. Wir haben überzeugende Beispiele dafür gefunden, wie man Probleme im Alltag bewältigen kann – und zwar für fast alle großen Herausforderungen, über die unser Land seit 1990 debattiert. Jeder Orden ist Zeugnis dafür, wie eine Gemeinschaft reift, wie sie an ihren Aufgaben wächst, wie sich Bild und Selbstbild eines Landes entwickeln können. Das reicht von der SED-Aufarbeitung bis hin zu aktuellen Fragen wie der Frauenquote oder dem Umgang mit Flüchtlingen in unseren Städten. Falls Sie eine thematische Lücke entdecken, dann sprechen Sie mich bitte nachher darauf an. Wir nehmen Ihre Hinweise, Ihre Wünsche und Bitten gerne entgegen. Es sind nämlich nicht die letzten Orden, die ich hier im Schloss Bellevue verteilen möchte. Und die politische Agenda unseres Landes, sie wird ja bekanntlich jeden Tag fortgeschrieben.

Weit oben steht nach wie vor das Thema Integration, allerdings auch weiterhin mit vielen offenen Fragen. Mit der heutigen Ordensveranstaltung möchte ich ein Zeichen setzen, am liebsten ein Ausrufezeichen, das ich aus Ihrer Arbeit, liebe Ehrengäste, ableiten kann.

Wir werden nachher von Engagierten hören, die auf ganz unterschiedliche Weise das Miteinander in unserer Gesellschaft fördern. Mal handelt es sich um einen Professor, der die Arbeit deutsch-polnischer Institutionen intellektuell und ideell beflügelt, mal um einen ehemaligen DIHK-Präsidenten, der erfolgreich die Beziehungen mit der Türkei vertieft. Wer sich solche Projekte näher anschaut, der wird feststellen, dass vieles im Kleinen funktioniert, was in der großen Politik noch diskutiert wird.

Und wer diesen zweiten Blick wagt, wird vielleicht auch eingestehen, dass die eigenen Vermutungen manchmal Vorurteile sind. Wir haben zum Beispiel den Gründer eines Mitarbeiternetzwerkes mit dem Namen "Türk-Treff" hier im Saal, jemanden, der ganz einfach eine Mitgliederliste aus der Tasche ziehen könnte, um zu zeigen: Es gibt nicht nur die viel zitierten Hilfsarbeiter mit Migrationshintergrund, es gibt auch zweisprachige Top-Manager. Das Leben ist so viel bunter, als die Schwarzmalerei es in unserem Land zeichnet.

Bei einem anderen Projekt mit dem Titel "Runder Tisch der Religionen" bin ich auch hellhörig geworden – wegen der begrifflichen Analogie zu 1989. Außerdem begrüßen wir die Mitstreiterin einer Initiative mit dem hoffnungsvollen Namen "Freundeskreis Asyl". Sie dürfen sicher sein, diese Auswahl ist kein Zufall, genau 23 Jahre nachdem wir uns auf den Weg Richtung innere Einheit gemacht haben. Und jetzt kommt ein Ausrufezeichen: Wir brauchen mehr solche guten Beispiele und wir brauchen mehr überzeugende Antworten!

Wenn man Integration in einem umfassenden Sinn versteht, dann gehören nicht nur Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religion, sondern auch Menschen mit Behinderung dazu. Zwei der heutigen Orden sind für Engagierte bestimmt, die sich der Inklusion verschrieben haben – oder um es so auszudrücken: Diese Orden sollen uns ermutigen, gemeinsam verschieden zu sein.

Die meisten der Beispiele, die ich eben genannt habe, stammen aus der ehrenamtlichen Arbeit, aus dem Teil von Engagement, der unbezahlt und zugleich unbezahlbar ist. Als wir Ende August hier draußen in unserem Park das Bürgerfest gefeiert haben, da ist uns überdeutlich geworden, wie wichtig Gesten der Anerkennung für unsere Freiwilligen sind. Damit meine ich nicht nur den Dank als solchen, sondern auch das Erkennen, das mit dem Anerkennen verbunden sein muss. Wir müssen begreifen, was dieses Land ausmacht. Und es sind eben oft nicht nur die Mitteilungen der Medien, sondern es ist die wirkliche Wirklichkeit, die wir mit diesen Netzwerken der Engagierten in unserem Land vorfinden. Das bedenken wir zu wenig. Gute Taten werden oft übersehen in unserem Land, gerade wenn sie jenseits der Vereinsvorstände an der Basis geleistet werden. Wenn ich heute Frauen und Männer aus der Welt des klassischen Ehrenamts auszeichne, verbinde ich das auch mit dem Wunsch, dass Tausende, die Ähnliches tun, jene Wertschätzung erfahren, die sie verdienen – für ihr ebenso unermüdliches wie verlässliches Engagement im Sport, in der Bildung, in Kinderprojekten, in der Jugendarbeit, im Verbraucherschutz und sozial verantwortlichen Unternehmen – und das in München genauso wie in Magdeburg.

Meine große Bewunderung gilt dabei jenen, die sogar ihre Gesundheit oder das eigene Leben riskieren, wenn sie für andere da sind, etwa als Feuerwehrmann oder -frau, als Fluthelferin oder Fluthelfer. Auch die Notfallseelsorger gehen in solchen Situationen an ihre Grenzen, wie wir wissen. Solchen Helden des Alltags gehört heute die Bühne von Schloss Bellevue!

Auch wenn die Würdigung des bereits Erreichten hier im Mittelpunkt steht, will ich die Hindernisse auf dem Weg nicht unerwähnt lassen.

Bei unserem Bürgerfest haben wir eine Litfaßsäule mit Wünschen für die Zukunft des Engagements gestaltet. Dabei sind sehr aufschlussreiche, fachlich fundierte, auch emotionale Zitate zusammengekommen. Auf einer Kommentarkarte hieß es beispielsweise: "Mehr Mut zum Anfang, auch ohne Förderung."

Ich glaube, das können diejenigen unserer Gäste bestätigen, die sich als Initiatoren verdient gemacht haben. Jeder Verein, jeder Kulturtreff, jede Bürgerstiftung braucht ja einen solchen Augenblick des Anfangs und mindestens einen Menschen, der sagt: Ich versuche es jetzt, auch wenn die Rahmenbedingungen schwierig und die Aussichten völlig unabwägbar sind. Und wenn ich daran erinnern darf: Genauso fingen fast alle kleinen und großen Revolutionen an. Wer auf den perfekten Tag und die perfekte Situation wartet, der kann leicht den entscheidenden Augenblick verpassen. Wer dagegen an seine Sache glaubt, der kann Großes erreichen.

Und ich bin überzeugt: Diese Haltung gilt auch für all diejenigen, die gleich für ihren hauptberuflichen Einsatz und ihre Exzellenz ausgezeichnet werden. Auch die sind unter uns: etwa der Direktor eines der bedeutendsten Literaturarchive der Welt, ein Hüter nationaler Schätze, oder die Professorin, die mit ihrer Forschung über gesellschaftlich so relevante Themen wie Bildungsarmut Pionierarbeit geleistet hat.

Manchmal ist die Trennlinie zwischen dem professionellen und dem sozialen Engagement gar nicht so genau auszumachen, etwa wenn eine Schauspielerin, die wir alle für ihre Charakterrollen im Fernsehen schätzen, ihr vertrautes Gesicht für eine UNICEF-Kampagne verschenkt. Ich möchte ausdrücklich all denen danken, die ihre Prominenz für einen guten Zweck einsetzen: sei es auf einer Plakatwand, sei es in einem Konzerthaus, wo ein großer Saal erst mit Spendengeldern gebaut und dann mit den schönsten Tönen gefüllt wird.

Womit wir also bei Kultur und Künstlern angekommen wären. Ja, heute müssen Sie nichts weiter tun als einfach hier nach vorne kommen, der Applaus wird Ihnen gewiss sein. Ich denke auch an den Autor, dem es seit vielen Jahrzehnten gelingt, politische und historische Themen so zu gestalten, dass Jugendliche sie verstehen. Mit ihm zusammen bin ich dankbar dafür, dass wir seit 23 Jahren kein "Krokodil im Nacken" mehr haben, um einen seiner Buchtitel zu zitieren.

Eine andere Literaturexpertin hier im Publikum möchte ich fragen: Was heißt "angstfrei" eigentlich auf Russisch? Vor knapp einem Vierteljahrhundert haben einige von uns gedacht, dass eine solche Frage in unserem Leben keine Rolle mehr spielen würde. Und nicht wenige sind heute betrübt, wenn sich das vorerst als Irrtum herausgestellt hat. Wir müssen Worte und Realität nach wie vor sorgsam abgleichen. Ich werde also einer Frau, der deutsch-russische Übersetzungen besonders gut gelingen, gleich einen Orden verleihen.

Ich denke beim Stichwort Kultur auch an eine beeindruckende Solistin. Ihr könnte ich bei der Übergabe des Ordens sagen: Dies ist die Auszeichnung dafür, dass Sie Ihr Spiel auf der Klarinette zu einer Kunstform erhoben haben, die auf internationalen Bestenlisten bestehen kann. Aber ich will nicht allein berufliche Exzellenz auszeichnen. Ganz bewusst möchte ich hinzufügen: Diese Ordensträgerin hat sich vor Jahren in einer von Männern dominierten Szene durchgesetzt, die Älteren erinnern sich noch ganz gut daran. Sie hat sich nicht aufhalten und auch nicht abhalten lassen. Und sie macht sich dafür stark, dass andere Talente ebenfalls den Weg in eine künstlerische Existenz schaffen.

Ansichten über Kunst sind bekanntlich subjektiv, die meisten mehr als subjektiv. Bei einer Ordensbegründung bitte ich Sie deshalb, besonders genau hinzuhören. Dann erschließt sich hoffentlich, warum die Forschung über sogenannte "entartete Kunst" von gestern die Toleranz von morgen fördern kann.

Bevor ich mit der feierlichen Übergabe an jede und jeden Einzelnen beginne, möchte ich Ihnen allen noch etwas sagen: 31 außergewöhnliche Menschen machen diesen Oktobertag sehr besonders. Ich weiß schon jetzt, dass ich mich im nächsten Jahr um diese Zeit mit einem Lächeln an diesen Tag erinnern werde.