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Festakt "100 Jahre Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft"

Bundespräsident Joachim Gauck hält eine Ansprache beim Festakt '100 Jahre Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft e. V.'  Berlin, 19. Oktober 2013 Festakt "100 Jahre Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft e.V." - Ansprache im Schloss Charlottenburg © Henning Schacht

Bevor ich meine Rede beginne, zwei Anmerkungen:

Zuerst: Jeden Tag, auch heute Morgen wieder in den Nachrichten, hören wir von Opfern, von Krieg und Bürgerkrieg. Oder wir denken, wenn wir ans Wasser denken, an Lampedusa. Und wir fragen: Dürfen wir überhaupt Jubiläen, dürfen wir Feste feiern? Aber es gibt nie Zeiten ohne schlechte Nachrichten. Und wenn sich die guten Menschen durch schlechte Zeiten davon abhalten ließen, ihre Feste zu feiern, dann wäre die Welt noch trauriger und uns wäre vor allen Dingen überhaupt nicht geholfen – besonders wenn wir Feste feiern mit Menschen, die sich engagieren, um der Not entgegenzuwirken, dem Elend und dem Unglück. Das war die erste Vorbemerkung.

Und die andere: Ich möchte einfach Herrn Dr. Wilkens für seine langjährige, so verdienstvolle Arbeit von ganzem Herzen Dank sagen. Er hat nicht nur der DLRG, sondern unserer ganzen Bürgergesellschaft große Dienste geleistet. Herzlichen Dank.

Und natürlich möchte ich Ihnen, lieber Herr Hatje, gratulieren. Sie haben eben gezeigt, wie ernst Sie Ihre Aufgabe nehmen, Sie sind vertraut mit dem Werk der Gesellschaft und Sie werden das gut machen. Alle unsere guten Wünsche begleiten Sie.

Redewendungen enthalten oft sehr viel Weisheit, sehr viel Lebenserfahrung, aber manchmal führen sie auch in die Irre. So sagen wir häufig von jemandem, der sich nicht richtig auskennt oder der nicht mehr genau weiß, wovon er redet: Er gerät ins Schwimmen.

Soll heißen: Er ist jetzt unsicher. Dabei ist ja eigentlich genau das Gegenteil richtig. Und wer wüsste das besser als Sie alle, die Sie hier versammelt sind: Wer wirklich ins Schwimmen gerät, um den muss man sich keine oder nur wenig Sorgen machen – vorausgesetzt natürlich: Er befindet sich im Wasser.

Im Wasser muss man sich um denjenigen Sorgen machen, der gerade nicht ins Schwimmen gerät, der gar nicht schwimmen kann und deswegen extrem in Gefahr ist. Dem – und wieder kommen wir auf eine gebräuchliche Redewendung – dem das Wasser bis zum Hals steht, ohne dass er darauf angemessen reagieren könnte.

Wer im Wasser nicht ins Schwimmen gerät, der bekommt dann hoffentlich ganz schnell Hilfe von jemandem, der solche Hilfe zu geben gelernt hat: von einem Rettungsschwimmer der DLRG.

Seit 100 Jahren gibt es nun die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft. Es war, Sie wissen es, der spektakuläre Einsturz der Seebrücke in Binz, der die letzte Motivation zur Gründung gab. Damals mussten 16 Menschen ertrinken, weil sie selber nicht schwimmen konnten und niemand dort war, der ihnen zu helfen wusste.

Seit 100 Jahren nun kümmern sich bei uns in Deutschland Menschen, die in ihrem Element sind, wenn sie ins Schwimmen geraten, um andere Menschen, die im Wasser in Gefahr geraten sind. Das ist also heute ein Festtag, den wir feiern.

Und wir feiern ihn zu Recht groß. Ich sage das als Bundespräsident, dem unser Gemeinwesen als Ganzes am Herzen liegt, dem es wichtig ist, dass sich Menschen für andere engagieren, und der übrigens die größte Freude in seinem Beruf empfindet, wenn er Menschen wie Sie außerhalb des Schlosses oder im Schloss Bellevue empfangen darf. Das ist für mich der Teil unserer Gesellschaft, auf den ich besonders stolz bin: dass Menschen ohne Entgelt freiwillig und ohne staatlichen Auftrag für Ihre Mitmenschen da sind. Das ist ein besonderer Ausweis unserer Demokratie. Man könnte auch sagen, das macht die Schönheit unserer Demokratie aus. Wo Menschen sich engagieren, wo sie anpacken, wo sie sich ein Herz fassen und sagen: Hier mache ich mit, das ist mein Deutschland.

Wenn ich so etwas sehe, dann geht mir selber das Herz auf. Dann sage ich es laut und vernehmbar: Zwar ist so vieles bei uns verbesserungswürdig, auch muss vieles reformiert werden. Auch liegt immer manches im Argen. Aber sehr vieles ist eben auch in Ordnung, sehr vieles kann sich sehen lassen, auf sehr vieles kann man aufbauen, wenn es um die Gestaltung unseres Zusammenlebens, unseres Gemeinwesens geht. Dazu gehört nun das, was in der DLRG geschieht, das, was hier an ehrenamtlichem Einsatz für andere geleistet wird. Und weil das manchem schon beinahe selbstverständlich erscheinen mag, will ich das Lob der DLRG heute ganz laut anstimmen.

Die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft gehört zu jenen großen Massenbewegungen unseres Landes, die gar nicht weiter auffallen, die sozusagen seit eh und je einfach dazugehören – deren Existenz sich aber, wenn man genauer hinsieht, gar nicht von selber versteht.

Dass es die DLRG gibt, dass es sie seit 100 Jahren gibt, und dass es sie heute in einer so beeindruckenden und neuen Stärke gibt: Das alles ist nicht selbstverständlich, das alles verdanken wir nichts anderem als dem freiwilligen Engagement von hunderttausenden von Menschen. Ja, über die ganzen 100 Jahre betrachtet, kann man sagen: von Millionen Menschen.

Millionen Menschen, die, Sie wissen es alle, niemand gezwungen hat, sich in ihrer Freizeit im Schwimmen oder im Rettungsschwimmen auszubilden, die das aus freien Stücken und mit großer innerer Überzeugung tun, die in ihrer Freizeit Sorge dafür tragen wollen, dass Menschen vor Gefahr bewahrt oder aus Gefahr gerettet werden.

Bei den Einsätzen gegen das katastrophale Hochwasser in diesem Jahr hat die DLRG immer mehr gezeigt, wie verlässlich, wie schnell und wie gut sie in der Lage ist, Hilfe zu leisten, auch im größeren Umfang als früher.

Sich also für andere einzusetzen und dabei neue und spannende Lebenserfahrungen zu machen: Das ist für viele Ehrenamtliche die Motivation mitzumachen. Und diese Haltung, sie strahlt als Vorbild offenbar auf andere aus. So muss sich, wie ich höre, die DLRG keine Sorgen darum machen, zu wenig Nachwuchs zu haben: Das würde manchem in unserem Lande durchaus als Vorbild vor Augen stehen. Das sollte es auch. Wenn ich an unsere Parteien, Gewerkschaften, an viele Aktivitäten im kirchlichen, im sozialen Raum denke – oft schauen wir: Wo bleibt die Jugend, wo bleibt der Nachwuchs? Und bei Ihnen ist das offenbar anders. Ich wusste das nicht. Das hat mich sehr bewegt. Das gefällt mir. Mehr als 350.000 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene als aktive Mitglieder – das ist eine stolze Zahl, und sie soll auch Sie stolz machen.

DLRG – jedes Kind weiß, was es mit diesem Kürzel auf sich hat, jedenfalls sobald es das Seepferdchen gemacht hat. DLRG – das klingt in unseren Ohren schon fast nicht mehr wie eine Abkürzung, sondern wie ein eigenes Wort.

Darum fällt es uns auch gar nicht auf, dass in dem Begriff "Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft" von Art und Ort der Lebensrettung ja überhaupt keine Rede ist. Weder taucht das Wort "Wasser" auf, noch das Wort "Schwimmen". "Lebens-Rettung" – das könnte sich auch auf ganz andere Gefahren beziehen.

Es mag daran liegen, dass dem Menschen das Wasser seit alters her als besonders bedrohliches, ja: unheimliches, Element erscheint – mir nicht so sehr, ich komme ja von der Küste. Aber wir alle sind eben Landbewohner und daher mag dieses Fremdsein gegenüber dem feuchten Element herrühren.

Dass das Wasser einen Menschen trägt, ist eine Erfahrung, die er nur machen kann, wenn er seine Angst überwindet, wenn er sich traut, schwimmen zu lernen. Uns erscheint das heute selbstverständlich, dass wir das alle können, aber das war nicht in allen Epochen der Geschichte so und in vielen Kulturen überhaupt nicht. Man staunt vielmehr, wie spät und wie langsam – historisch gesehen – die Menschen schwimmen lernten. Noch erstaunlicher: wie umstritten das Schwimmen eine ganze Zeit lang überhaupt war.

In der Aufklärungszeit, in der ansonsten an sehr vieles gedacht wurde, woran wir heute noch anknüpfen, hielten es bedeutende Denker für unvereinbar mit der menschlichen Würde, dass der Mensch den aufrechten Gang verlasse, sich ins Wasser lege, um wie ein Fisch zu schwimmen. Um würdevoll ins Wasser zu gehen, sollte man das aufrecht tun. So erfand man zum Beispiel Korkanzüge mit Bleigewichten an den Füßen, die es erlauben sollten, sich aufrecht im Wasser fortzubewegen.

Wie es mit ideologischen Vorentscheidungen oft geschieht, so auch hier: Die Erfindung erwies sich als unpraktisch, ja sogar als lebensgefährlich.

Was sich aber historisch durchgesetzt hat, das ist die Idee, die hinter der Gründung wie der aktuellen Arbeit der DLRG steht: nämlich die Bereitschaft, anderen das Schwimmen beizubringen, auf andere achtzugeben, anderen das Gefühl der Sicherheit zu geben und – wenn es im Notfall darauf ankommt – andere zu retten aus der Gefahr.

Und damit verbindet sich dann die Freude daran, selber im Wasser zu sein, sich im Wasser bewegen zu können, im Meer, in Flüssen und Seen oder auch in Schwimmbädern.

Die Ideale und die Arbeit in der DLRG sind auch ein Modell für die Gesellschaft als Ganzes: gemeinsam Fähigkeiten entwickeln, um sich gegenseitig zu fördern, aufeinander achtzugeben und einander zu beschützen – und, im Notfall, aus Gefahr zu retten und in Sicherheit zu bringen. Wie könnte man das Funktionieren einer Gesellschaft besser beschreiben?

100 Jahre Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft, das heißt: 100 Jahre Freude am Schwimmen und rettender Einsatz für andere.

Ich bin heute zu Ihnen gekommen, um Ihnen dafür zu danken – und zwar jedem einzelnen Rettungsschwimmer, jeder Schwimmlehrerin und all denen, die die organisatorischen, technischen und finanziellen Voraussetzungen dafür schaffen, dass die DLRG auch in den kommenden Jahrzehnten so segensreich wirken kann, wie es bis heute geschehen ist. Und zu diesem Dank gehört, dass wir uns über das Erreichte freuen und dass wir es feiern dürfen.

Dankeschön!