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Verleihung des Deutschen Umweltpreises 2013

Bundespräsident Joachim Gauck hält bei der Verleihung des Deutschen Umweltpreises eine Ansprache Osnabrück, 27. Oktober 2013 Verleihung des Deutschen Umweltpreises - Ansprache des Bundespräsidenten © Guido Bergmann

Wir haben vorhin die "Green Beats" gehört, und ich möchte diesen Schwung aufnehmen. Es ist nicht nur der Schwung der Rhythmen. Es ist der Schwung von Menschen, die sich trauen und die uns allen etwas zutrauen, die es schaffen, aus visionären Vorstellungen tatsächlich ganz normales Menschenleben zu machen – und oftmals noch in der Weise, dass sie damit sogar Geld verdienen, dass sie sich platzieren können in einem harten Wettbewerb.

Jetzt muss ich aber noch jemanden ansprechen, der mir schon im vorigen Jahr aufgefallen ist und der jetzt seine Arbeit hier bei der Deutschen Bundesstiftung Umwelt beendet hat. Natürlich sind Sie das, lieber Herr Brickwedde. Sie haben in Ihrer Amtszeit als Generalsekretär wie kein anderer für diese Stiftung getrommelt. Sie haben dazu beigetragen, dass der Deutsche Umweltpreis heute nicht nur in der Fachgemeinde, sondern in unserem ganzen Land einen guten Klang hat. Dass der Preis, über den wir uns heute wieder freuen können, für etwas steht, das ich sehr bewundere: Erfindergeist, verbunden mit Bürgermut. Mit Ihrem Abschied als Generalsekretär ist eine Ära zu Ende gegangen, anders kann man das nicht sagen. Und ich danke Ihnen hier für Ihr großes Engagement!

Meine Damen und Herren, Sie haben das heute alle selber erlebt: Umweltschutz ist nicht mehr verbunden mit anstrengenden Ideologien und einem Lebensgefühl, das Anstrengung verspricht. Sondern wir haben Freude empfunden eben, Freude durch kraftvolle, gestalterische Persönlichkeiten. Es sind Freude und Zuversicht, nicht Angststrategien, die uns erlauben, in Zukunftsräume als Ermutigte einzutreten. Das ist eine der Botschaften, die unsere beiden Preisträgerinnen heute hier eintragen, und das müssen wir uns einmal bewusst machen.

Bei vielen Älteren jedenfalls ist es so, dass das Thema Umweltschutz mit allerhand anstrengenden Visionen verbunden ist, aber nicht mit diesem Lebensgefühl von Ermutigung und Freude. Und wir wissen heute auch und sind darauf hingewiesen worden, dass ein Wirtschaftsfaktor entstanden ist, neben einem Lebensstil. Und zu dieser gewandelten Wahrnehmung haben nun all die Menschen beigetragen, die in der Deutschen Bundesstiftung Umwelt tätig sind. Und deshalb freue ich mich, dass ich wieder bei Ihnen sein und den Umweltpreis überreichen kann.

Unsere Lebensgrundlagen zu erhalten, das, wir wissen es, bleibt eine der großen Herausforderungen für uns alle. Mir ist schon klar, dass das für Sie alle hier im Saal keine Neuigkeit darstellt. Die spannenden Fragen für uns verbinden sich eher mit dieser Sorge: Ja, kann das gelingen? Und wird die Stärke in unserer Industriegesellschaft erhalten bleiben, bei dem Wandel, der uns vorschwebt? Wird sie erhalten bleiben, auch wenn wir auf den Raubbau an der Natur verzichten? Wie können wir nachfolgenden Generationen lebenswerte Städte und Dörfer hinterlassen?

Und es war für mich ebenso bewegend, dass ich anhand einer ganz konkreten Familie und nicht nur anhand einer theoretischen Fragestellung gespürt habe, wie dieser Impuls bei unserer Preisträgerin aus Baden-Württemberg zu einer lebensverändernden Entscheidung geführt hat. Ich bin davon überzeugt, dass weder Furcht noch Fatalismus ein gutes Klima für notwendige Veränderungen schaffen können. So normal es auch ist, sich zu ängstigen, sich zu fürchten oder Fluchtstrategien zu entwickeln, es entsteht zu wenig Neues daraus. Und deshalb bin ich so glücklich über die zupackende Haltung, die ich eben erlebt habe, Frau Sladek.

Und als ich vorhin Frau Hock-Heyl gesehen habe, da habe ich mich ganz spontan an Bundesumweltminister Altmaier gewandt und gesagt: Mensch, diesen Typus, ja, den bräuchten wir häufiger im Deutschen Bundestag! Sie wissen dabei, dass ich ein großer Verteidiger unserer aktuellen Struktur des Politischen bin. Aber Optimierungswünsche kann man doch vortragen.

Jetzt zurück zum Umweltpreis: Die Liste der ausgezeichneten Erfindungen, sie macht Mut, dass wir unsere Zukunft tatsächlich gestalten können, nach und nach, das ist ganz klar, wir befinden uns in einem Prozess. Und dass wir dabei eigenverantwortlich und selbstbestimmt handeln können – auch und gerade als Unternehmerinnen, als Ehrenamtliche, aber auch im privaten Leben. Sie zeigt, dass kleine Schritte mitunter Großes bewirken.

Vordenker der Ökologiebewegung – ich habe gerade auch an Ralf Fücks gedacht – werben für "intelligentes Wachstum", und zwar mit Hilfe effizienter Technologien und intelligenter Stoffkreisläufe. Sie, liebe Preisträgerinnen und Preisträger, auch der vergangenen Jahre, haben ja vielfach bewiesen, wie das geht, wie Ökologie und Ökonomie Hand in Hand gehen können.

Mir leuchtet die Idee ein: Wir brauchen in Deutschland Gründer und Erfinder, Unternehmer im besten Sinne, die bereit sind, Risiken einzugehen und Hindernisse zu überwinden, zu investieren und sich auf neue Märkte vorzuwagen. Schon heute ist deutsche Umwelttechnik auf der ganzen Welt gefragt. Wenn der Lebensstandard in den Schwellenländern weiter steigt – und das wollen wir ja alle –, wird Umweltschutz umso dringlicher, und deutsche Ideen für nachhaltiges Wachstum dürften Konjunktur haben.

Wir wissen alle, dass Umweltschutz kein Stillleben ist, und wir wollen auch nicht, dass sich damit eine deutsche Idylle abbildet. Wir sehen durchaus, dass es Konflikte gibt. Eben sind ja einige konkret angesprochen worden. Wir rechnen auch mit Widerständen. Und beide Preisträgerinnen dieses Jahres haben auch Derartiges erfahren.

Und das erleben wir alle. Wir verfolgen das in den Medien oder auch als Akteure – bei der Energiewende. Es gibt einen gemeinsamen politischen Willen, aber wir wissen auch, dass diese Wende erst noch zu einem kompletten Erfolg werden muss. Sie muss für Produzenten und Verbraucher wirtschaftlich tragfähig sein. Auch dies gehört zu den Aufgaben einer neuen Bundesregierung. Die Energiewende kann gelingen, wenn sich überzeugende Innovationen im fairen Wettbewerb in einer offenen Gesellschaft mit freien Märkten und verlässlichen politischen Rahmenbedingungen durchsetzen.

Veränderungen, die die Energiewende bringen wird, werden nicht ohne Diskussionen ablaufen, wohl auch nicht ohne manchen Streit. Ich habe mir gerade während der letzten Sequenz vorgestellt, zwei Ministerpräsidenten oder -präsidentinnen hätten etwas gesagt zu einem der Themen, die eben angesprochen wurden. Es ging da um einen Energierohstoff. Da habe ich mir gesagt: Das wäre ein gutes Beispiel für politische Debatten in einem ganz bestimmten zeitlichen Rahmen. Wir brauchen Entscheidungen. Aber wie sollen sie ausfallen, wer soll sie bezahlen? Wir dürfen nicht davon ausgehen, dass wir mit einem guten Ziel vor Augen in eine Phase hineingeraten, wo eine wichtige gesellschaftliche und ökonomische Innovation ohne Debatten und auch ohne Streit umgesetzt werden kann. Wir brauchen diese Debatten und auch den Meinungsstreit. Und das Thema ist nicht deshalb zu vernachlässigen, weil es unter Umständen auch Interessenkonflikte gibt.

Lassen Sie uns diese Phase der offenen Auseinandersetzung über das Für und Wider wagen. Das müssen wir uns einfach zumuten. Denn wenn wir uns das nicht zumuten würden, dann hätten wir zwar den Anschein einer Harmonie, aber es wäre eine durchaus schläfrige Harmonie, die vielleicht ganz wichtige Weichenstellungen in die Zukunft verschlafen, sozusagen verdämmern würde. Also, was brauchen wir? Es sind die engagierten Bürger, die mit Argumenten für ihre Überzeugungen eintreten, leidenschaftlich, aber nicht dogmatisch und kompromisslos. Denn das ist doch die Stärke unserer Demokratie, auch unserer Marktwirtschaft: die andauernde Suche nach Alternativen, der Wettstreit um den besten Weg.

Und damit komme ich nun zurück auf den Deutschen Umweltpreis: Er sendet doch jedes Jahr ein Signal aus, und so auch heute: das Signal, dass wir etwas tun müssen, damit Menschen, Tiere und Pflanzen auch in Zukunft auf diesem Planeten leben können. Gleichzeitig zeigt uns die beeindruckende Reihe von Preisträgern, dass wir tatsächlich auch viel tun können. Und – nicht völlig nebensächlich, ich erwähnte es bereits –, dass wir dabei mitunter sogar gutes Geld verdienen.

Liebe Frau Hock-Heyl, liebe Frau Sladek, jeder hier im Saal hat eben gesehen, wie Sie es geschafft haben und was Sie geleistet haben. Sie waren beharrlich. Aber Sie waren auch risikofreudig. Sie konnten sich durchsetzen, weil Sie an Ihre Idee geglaubt haben. Aus Hanf Dämmmatten herzustellen, das würde man vielleicht in Berlin-Kreuzberg nicht als Erstes assoziieren. Aber Ihnen ist es gelungen, Menschen von diesem Projekt zu überzeugen. Und Ihnen, Frau Sladek, ist es gelungen, mit einer alten wunderbaren Idee, nämlich mit der genossenschaftlichen Organisation von Menschen, ein kommunales Stromnetz zu übernehmen.

So etwas wird zunächst natürlich belächelt. Das wird immer so sein. Und es ergeht vielen Menschen so und ist vielen so ergangen, dass außergewöhnliche Ideen sich nicht auf Anhieb durchsetzen. Und dennoch haben Sie, unsere Preisträgerinnen, sich nicht beirren lassen. Sie sind Ihren Weg gegangen. Dazu meinen herzlichen Glückwunsch!

Meine Damen und Herren: Wenn ich Sie alle hier sehe, dann ist mir nicht bange. Wir können etwas tun, so ist meine Überzeugung, und sie ist heute wieder gewachsen. Wir können etwas tun mit Erfindergeist, verbunden mit Bürgersinn. Und deshalb freue ich mich heute nicht nur über die Preisträgerinnen von 2013, sondern ich freue mich schon heute auch auf die Preisträger des kommenden Jahres!

Danke.