Navigation und Service

Gedenkkonzert des Brandenburgischen Staatsorchesters zum 75. Jahrestag der Novemberpogrome

Bundespräsident Joachim Gauck hält eine Rede (Archivbild) Archivbild Bundespräsident Joachim Gauck hält eine Rede (Archivbild) © Guido Bergmann

Wir wollen heute Abend gedenken. Wir gedenken der vielen jüdischen Bürgerinnen und Bürger, denen vor 75 Jahren schweres Unrecht geschah – die man verhöhnt, gedemütigt und totgeschlagen, deren Gotteshäuser man geschändet, geplündert und angezündet hat. Wir wissen, wie diese Geschichte der Ausgrenzung und Verfolgung weiterging, wie sie bis zu den Massenmorden in den Ghettos und in den Lagern führte.

Wir gedenken heute der Opfer. Aber wir denken auch an die Täter. Als ich gerade sagte: Man hat ihre Gotteshäuser angezündet, da war mir sehr bewusst, dass sich hinter diesem unpersönlichen "man" sehr konkrete Personen mit Namen und Adresse verbergen. Wir denken heute auch an diese "ganz normalen Menschen", diese ganz normalen Deutschen, bei denen die furchtbare Lehre angekommen war, dass man bei Mitmenschen unterscheiden könne, ja unterscheiden müsse: zwischen lebenswert und lebensunwert, zwischen Mensch und Untermensch, zwischen Herrenrasse und Sklaven, zwischen Ariern und Juden. Das Schlimmste vielleicht ist die Erinnerung daran, dass viele der Täter ohne erkennbar schlechtes Gewissen gehandelt haben. Das Schlimmste ist die Erinnerung daran, wie die moralischen Kategorien, wie das Verständnis von Gut und Böse so vollständig verkehrt wurden.

Das galt aber bei Weitem nicht für alle Zeitgenossen. Und so gehört zu diesem Tag auch die zugleich tröstende wie schmerzliche Erinnerung daran, dass sich damals auch Menschen dem Rassenwahn verweigerten, sich der Verfolgungs- und Vernichtungsmaschine entgegenstellten.

Schmerzlich ist diese Erinnerung, weil sie deutlich macht, dass man sehr wohl wissen konnte, was vorging, was mit den Juden geschah. Dass man sehr wohl die Freiheit hatte, sich so oder anders zu verhalten. Und dass die Mehrheit diese Freiheit eben nicht nutzte, sondern wegsah oder mitmachte.

Tröstlich aber ist diese Erinnerung, weil sie deutlich macht, dass das Gute nicht ganz und gar besiegt werden kann. Dass es immer Menschen gibt – und sei es die Handvoll der in der Bibel schon so genannten "Gerechten" –, die sich die Menschlichkeit weder ausreden noch verbieten lassen, noch sie aus Angst vergessen und die in jedem Menschen das brüderliche und schwesterliche Antlitz sehen.

Ich habe deswegen gestern in Berlin-Mitte die Räume der ehemaligen Blindenwerkstatt von Otto Weidt besucht, in der er während der Verfolgung Juden versteckt hatte. Inge Deutschkron, diese bemerkenswerte Frau, die Sie hoffentlich alle kennen, hat dort überleben können und sie hat mich durch die Räume geführt und erzählt. So konnte ich eine Ahnung bekommen, von dem Mut und der Entschiedenheit, aber auch von dem Witz und der Klugheit, die dazugehörten, wenn man Juden verstecken, retten oder wenigstens für eine Weile untertauchen lassen wollte.

Ich konnte so eine Ahnung davon bekommen, was es bedeutete, sich zur Menschlichkeit zu bekennen, auch in finsterster Zeit. Wenn wir hier im Konzerthaus nun eine Ausstellung aus der Gedenkstätte Yad Vashem eröffnen, dann sollte uns klar vor Augen stehen, wie unterschiedlich, aus welch verschiedenen Motiven und auf welch individuelle Art und Weise Menschen zu den "Gerechten unter den Völkern" wurden. Es ist sicher eine ganz besondere Tatsache, dass im Zentrum dieser Ausstellung aus Yad Vashem davon erzählt wird, wie nach Albanien geflüchtete Juden von ihren muslimischen Nachbarn versteckt und beschützt wurden.

Die Erinnerung daran bedeutet eine besondere Verpflichtung, sonst ist sie ein leeres Gefühl oder ein überflüssiges Gerede.

Beides gehört deswegen zusammen: Dass wir – wie heute Abend hier oder heute Nachmittag, als ich an dem beeindruckenden Mahnmal der niedergebrannten Synagoge von Eberswalde war – der schrecklichen Verbrechen gedenken, die vor 75 Jahren und danach an den Juden Europas verübt wurden – und dass wir aufstehen und aktiv werden gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus in unseren Tagen. Zu welchen schrecklichen Taten diese Einstellungen führen können, haben wir alle durch die Morde des NSU erfahren müssen.

Wir müssen verhindern, dass Neonazis ihr Unwesen in unseren Städten und Dörfern treiben können. Wir müssen verhindern, dass Menschen wie Amadeu Antonio zu Tode geprügelt werden. Wir müssen verhindern, dass Hass und Rassenwahn von neuem die Gehirne vernebeln und die Herzen verderben. Und schließlich: Wir müssen uns selber hindern wegzuschauen, wann immer und wo immer dies geschieht.

Ich danke allen engagierten Menschen, denen ich gestern und heute begegnet bin. Und ich danke allen, die überall in unserem Land aktiv an einer lebendigen Erinnerung arbeiten, und allen, die gegen Rassismus und Menschenverachtung hier und heute tätig sind. Sie wirken mit an einer – doch, das kann man ruhig einmal so schlicht sagen: Sie wirken mit an einer besseren Welt.