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Deutscher Arbeitgebertag

Bundespräsident Joachim Gauck bei seiner Rede Berlin, 19. November 2013 Ansprache beim Deutschen Arbeitgebertag der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) © Sandra Steins

Vielen Dank für Ihr freundliches Willkommen. Erlauben Sie mir zu Beginn einen Gruß aus aktuellem Anlass, einen Gruß an den Mann, der die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände 17 Jahre lang geführt hat. Herr Professor Hundt, vor kurzem konnte ich Sie im Schloss Bellevue persönlich empfangen und Ihnen für Ihr arbeitsreiches Ehrenamt danken. Hier in diesem Saal und vor diesem Publikum will ich gern ergänzen: Sie haben bewiesen, was die drei Buchstaben BDA so alles bedeuten können, zum Beispiel: B wie Beweglichkeit, D wie Durchhaltevermögen und A wie Augenmaß. Danke sehr dafür!

Herr Kramer, Sie haben nun den Staffelstab in der Hand. Wie viel Tempo Sie jetzt machen, wie steil Sie die eine oder andere Kurve nehmen, das liegt bei Ihnen. Sie ahnen es: Ich wünsche Ihnen einen guten Lauf bei all Ihren Aufgaben!

Nicht immer beginnen die Reden der Bundespräsidenten bei großen Arbeitgebertreffen leichtfüßig. Ich denke etwa an Horst Köhler, der vor einigen Jahren, es war 2005, seine Rede wie folgt einleiten musste: "In Deutschland sind offiziell 5,216 Millionen Menschen arbeitslos. Sie werden daher von mir keine Festrede erwarten." –Zitatende.

Heute, acht Jahre später, ist die Situation wahrlich anders. Zu Beginn dieses Monats waren 2,801 Millionen Menschen in Deutschland arbeitslos gemeldet. Wir wissen, dass das immer noch zu viel ist, aber es ist eine Zahl, auf die wir auch mit Genugtuung blicken können. Auf die Kommastelle genau lassen sich die Werte nicht vergleichen. Der Zuschnitt der Arbeitslosenstatistik hat sich ja geändert. Aber Tatsache ist doch: Noch nie waren so viele Menschen in Deutschland sozialversicherungspflichtig beschäftigt wie heute – sogar so viele, dass andere Länder uns fragen, wie das deutsche Jobwunder trotz europäischer Finanzkrise gelingen konnte. Aus der Sicht einer Spanierin oder eines Franzosen hätten wir jetzt durchaus Anlass für eine Festrede.

Gleichwohl: Auch ich werde heute keine Festrede halten. Denn der Blick von außen zeigt nur einen Ausschnitt der Realität. Die Binnensicht, unsere nationale Debatte wird geprägt von der Erkenntnis, dass wir zwar mehrere Krisen gemeistert haben, aber auch jede Menge Handlungsbedarf wie eine Bugwelle vor uns herschieben. Die Themen kennen Sie, die sind Ihnen vertraut. Sie sprechen darüber: hohe Staatsverschuldung und Investitionsrückstand, auch die Finanzierung unserer Sozialversicherungssysteme oder fehlende Aufstiegschancen in unserem Bildungswesen, in unserer Arbeitswelt und damit letztlich in unserer Gesellschaft. All diese Punkte bedürfen erheblicher Anstrengungen.

So vielschichtig wie die Probleme sind die Gruppen und Allianzen der Akteure, die derzeit nach Lösungen suchen. Da ist der Bundestag, der sich gerade neu konstituiert hat. Da ist eine künftige Bundesregierung, die sich erst noch zusammenfindet und programmatisch aufstellt und die wir hoffentlich vor Weihnachten begrüßen können. Da sind die Länder und Kommunen mit ihrer je eigenen Agenda. Da sind auch die Bürgerinnen und Bürger mit ihren Erwartungen an die Parlamentarier und an den Staat. Und da ist die Wirtschaft mit ihren Interessen und mit ihren Verbänden.

Bei einem der stärksten spreche ich hier. Ja, wirklich einem der stärksten! Allerdings: In der breiten Öffentlichkeit scheint die Wahrnehmung der Arbeitgeber oft verkürzt – verkürzt auf die Situation, wie wir sie in den Medien erleben: als harte Verhandler in Tarifkonflikten oder als kaltherzige Vertreter überzogener Gewinnmaximierung. Einige ältere Deutsche, etwa jene, die früher im DDR-Staatsbürgerkundeunterricht die "ewig gültigen" Lehrsätze des Marxismus-Leninismus auswendig lernen mussten, haben noch immer das Bild vom Klassenkampf im Kopf, wenn vom Kapital oder von Unternehmern die Rede ist. Und ich habe gehört, dass auch im Westen alte stereotype Denkweisen gelegentlich noch existieren. Ich glaube, es tut Deutschland gut, die Reste dieser Denkmuster endgültig zu überwinden. Deshalb will ich mich heute der größeren gesellschaftlichen Bedeutung der Arbeitgeber und ihren verschiedenen Rollen im deutschen Pluralismus zuwenden. Denn eines ist doch klar: Arbeitgeber geben mehr als Arbeit.

Sie generieren mehr als Produktivität, Leistung und Lohn, sie bewegen mehr als das Bruttoinlandsprodukt oder die Exportvolumen. Arbeitgeber sind gesellschaftliche Akteure mit einer Wirkmacht wie sie nur wenig andere haben, sie formen und stützen diese Republik. Ich möchte heute die Bedeutung freier, eigenständiger Wirtschaftsverbände in unserem Land betonen. Die Art und Weise, wie die BDA und andere ihre Freiheit nutzen, hat Auswirkung auf Millionen Unternehmen und Millionen Beschäftigte.

Arbeitgeber sorgen dafür, dass Menschen einen Ankerplatz in der Gesellschaft finden. Mittelbar sind sie vielleicht sogar so etwas wie Sinnstifter für den Einzelnen. Sie sind Modernisierer des Landes. Sie sind Sozialpartner, sie sind Bildungsträger und Globalisierungsmotor. Diese Überschriften möchte ich gerne ausbuchstabieren, die Situation heute in den Blick nehmen und anschließend danach fragen, welche Gestaltungsspielräume sich für morgen eröffnen.

Lassen Sie mich mit dem Naheliegenden beginnen: Zuallererst sind Sie diejenigen, die Selbstverwirklichung durch Arbeit ermöglichen. Arbeitgeber stiften Arbeit – und Arbeit stiftet Sinn! Wer sich vor Augen führt, wie viele Stunden des Lebens wir mit unserer Arbeit verbringen, dem wird klar, wie groß der Einfluss von Unternehmern auf individuelle Biografien und auf unser Miteinander sein kann. Menschen definieren sich über ihren Beruf oft genauso stark wie über ihre Familie, ihre Herkunft, ihren Glauben oder ihre politischen Überzeugungen. Häufiger als in früheren Generationen wird die bezahlte Tätigkeit nicht nur als Broterwerb, sondern als Inbegriff von Teilhabe und Status, von Lebensglück oder Scheitern interpretiert. Wer mit Arbeitslosen spricht, bekommt schnell ein Gefühl dafür, dass weit mehr als Geld vermisst wird, wenn die Arbeit fehlt.

Dass uns die Trendwende auf dem Arbeitsmarkt gelungen ist, war ökonomisch wie sozial ein Glücksfall, keine Frage. Aber es war kein Zufall. Diesen Umschwung verdanken wir einer Allianz der Entschlossenen, zu der maßgeblich auch Sie beigetragen haben, verehrte Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber. Sie waren es nämlich, die in Krisenzeiten als Modernisierer zusammen mit der Politik Wesentliches geleistet haben, das den Standort Deutschland heute wettbewerbsfähig und vital macht. Die Politik konnte mit ihren Reformen einen Rahmen setzen, das Bild darin – das haben Sie mitgestaltet.

Ich erinnere mich noch gut: Als Neuling in der Marktwirtschaft – zunächst sehr vom Aufbau Ost eingenommen – erlebte ich die erste bundesweite Krisensituation in den 90er Jahren. Das war die Zeit, als "Reformstau" zum Wort des Jahres avancierte, als man Deutschland den "kranken Mann Europas" nannte, als in den Talkshows der Schrecken einer galoppierenden Globalisierung und das Ende der heimischen Produktion heraufbeschworen wurden und als nicht wenige schlaue Menschen uns Deutschen rieten, die angeblich überkommene "old economy" gehen zu lassen und ganz auf Dienstleistungen, auf "new economy" zu setzen.

Und heute? Deutschland ist immer noch ein Industrieland, sogar ein deutlich effizienteres. Dem Wettbewerbsdruck folgte in den meisten Branchen nicht das Ende der industriellen Produktion, sondern der Anfang eines konsequenten Modernisierungsprozesses, für den uns das Ausland großen Respekt zollt. Das bezieht sich auf DAX-Unternehmen genauso wie auf zahlreiche Mittelstandsbetriebe, die Produktionsanlagen und Verfahren optimiert, Dienstleistungen und Wertschöpfungsketten generalüberholt und damit ihre Existenz trotz schwieriger Marktbedingungen gesichert haben. Und das ist für mich der Teil der Geschichte, der oft zu kurz kommt, wenn wir über die Erfolge der Agenda 2010 oder das hoffentlich bis zuletzt erfolgreiche Management der Finanzkrise reden.

Tatsache ist auch: Ohne Änderungen in der Personalstruktur war die Modernisierung der Unternehmen nur selten realisierbar. Dennoch konnten die größten sozialen Härten zumeist verhindert werden. Die Bündnisse für Arbeit galten bald als geflügeltes Wort. Und hier haben wir einen wesentlichen Punkt unseres Erfolges. Gemeinsam mit den Gewerkschaften als Tarifpartner ist eine vernünftige, maßvolle Lohnpolitik geübt worden. Neues ist entstanden, ich denke etwa an die größere Flexibilität durch neue Arbeitszeitmodelle und Arbeitszeitkonten. Diese Veränderungen haben vielen Enormes abverlangt. Die Diskussionen um den Niedriglohnsektor zeigen uns die daraus erwachsenen Spannungen. Umso wichtiger war und bleibt es, verantwortlich zu handeln, und zwar gemeinsam mit den Gewerkschaften. Für mich sind das die Praxisbeweise für ein Prinzip, das in Deutschland in der Verfassung begründet liegt: für die Sozialpartnerschaft. Es wird Sie nicht wundern, wenn ich dieser Rolle der Arbeitgeber, Ihrer Rolle beim Interessenausgleich in unserem Land, einen ganz besonderen Stellenwert beimesse.

Unsere soziale Marktwirtschaft lebt von einer Balance, die es regelmäßig neu zu finden und neu zu verhandeln gilt. Mir ist völlig bewusst, dass das nicht immer sofort gelingen kann. Der entscheidende Punkt ist aber, dass wir alle wissen: Die Sozialpartnerschaft hat sich bewährt, und zwar gerade auch in der Krise. Wir haben uns an Konflikten eben nicht zerrieben, wie es in anderen Ländern Europas und der Welt der Fall ist. Vielmehr haben Konflikte und Konsenssuche uns vorangebracht. Das bedeutet allerdings nicht, die eigene Position zu nivellieren, die Sie als Arbeitgeber haben. Dass Sie das nicht beabsichtigen, konnte die deutsche Öffentlichkeit ja bereits gestern auch wahrnehmen. – Was deutsche Arbeitgeber und Arbeitnehmer in mehr als 60 Jahren trainiert und zur verlässlichen Routine entwickelt haben, das macht uns handlungsfähig gerade dann, wenn in anderen Ländern endlose Stellungskämpfe und branchenweite Streiks das öffentliche Leben zum Erliegen bringen. Solche Blockaden sind bei uns die Ausnahme. Die Bereitschaft zum Interessenausgleich ist Teil unseres Verständnisses der sozialen Marktwirtschaft geworden. Deshalb überrascht es mich keineswegs, dass heute auch ein Gewerkschafter bei uns im Publikum sitzt. Herr Sommer, ich freue mich ausdrücklich darüber!

Ich habe vorhin erzählt, dass ich Dieter Hundt vor kurzem bei mir im Schloss Bellevue zu einem besonderen Empfang zu Gast hatte – und wer saß an seiner rechten Seite? Das war Michael Sommer. Ja, kleine Botschaft nebenbei. Es geht auch auf diese Weise – wenn Sie etwa Unternehmerkollegen aus anderen Teilen der Welt begegnen, die Sie manchmal fragen, wieso Sie eigentlich mit Ihrem Personalrat so und so umgehen und was das alles ist: Sozialpartnerschaft. Wir Deutschen freuen uns darüber, es ist Teil unserer Erfolgsgeschichte.

Lieber Herr Kramer, nach allem was ich weiß, ist auch für Sie die Sozialpartnerschaft ein hoher Wert und das begrüße ich sehr. Es gibt starke Indizien dafür, dass wir bei einem weiteren Top-Thema sehr nah beieinander liegen. Als eine Ihrer ersten Amtshandlungen werden Sie ja nachher den Deutschen Arbeitgeberpreis für Bildung verleihen. Das ist ein klares und für mich sehr, sehr wichtiges Zeichen. Und es ist der tatsächlichen Funktion der Unternehmen als Bildungsträger in unserem Land durchaus angemessen. Ich habe mir die Zahlen geben lassen: Über 50 Milliarden Euro jährlich investieren deutsche Unternehmen in die betriebliche Aus- und Weiterbildung! Muss ich mehr sagen? –wahrscheinlich nicht. Wenn doch, kann das nur ein Wort der Anerkennung sein.

Ich wende mich nun einer anderen Ihrer vielen Rollen zu: Arbeitgeber sind ein starker Akteur der Globalisierung. Sie internationalisieren Deutschland in einem Ausmaß, das Sie neben unseren Botschaften, Goethe-Instituten und DAAD-Stipendien sogar zu einem kaum zu überschätzenden Akteur der Globalisierung macht. Die Arbeitgeber sind es nämlich, die unseren Bürgerinnen und Bürgern hundertausendfach Wege in die Welt öffnen – als Manager, als Berater, als Experten oder Kreative, nicht nur für die Dauer eines Urlaubs, sondern für Monate und Jahre. Das verändert viel, weit mehr als nur den Horizont der Reisenden. International tätige Arbeitgeber prägen die Bilder, die wir Deutsche von der Welt haben und die sich die Welt von uns macht.

Die Globalisierungsmaschine wirkt nicht nur nach Außen, sondern auch nach Innen. Arbeitgeber holen die Welt nach Deutschland. Seit Jahrzehnten tragen zugewanderte Arbeitskräfte, die auf Zeit oder auf Dauer bei uns bleiben, zur wirtschaftlichen Entwicklung und zu unserem Wohlstand bei. Nicht alles ist uns bei diesem Miteinander gelungen, aber das Bild einer in beiden Richtungen offenen Arbeitswelt und Gesellschaft – es wird immer facettenreicher, nicht zuletzt im Interesse und auf Initiative der Unternehmer. Sie sollten Ihre Gründe dafür, dass unserem Land qualifizierte Zuwanderung guttut, in der Öffentlichkeit beständig deutlich machen.

Ich habe mich auch sehr gefreut zu hören, dass die BDA bilaterale Kooperationen zur dualen Ausbildung unterstützt, etwa bei Modellprojekten ihrer Mitglieder in Bayern oder in Baden-Württemberg. Dort werden jungen Leuten aus Spanien, die in ihrer Heimat augenblicklich wenig Perspektiven haben, Ausbildungsplätze, Sprachkurse und Mentoren vermittelt. Auch einzelne Unternehmen fördern und unterstützen Jugendliche aus verschiedenen europäischen Staaten: die einen im Sinne einer länderübergreifenden Partnerschaft, die anderen im Rahmen ihrer internationalen Beschäftigungskonzepte.

Und die BDA selbst hat gemeinsam mit ihren Schwesterverbänden aus Österreich, Dänemark, den Niederlanden und der Schweiz eine Initiative ins Leben gerufen: "Skilled Youth – Competitive Europe". Qualifizierte Jugend und Wettbewerbsfähigkeit in Europa: Das ist in meinen Augen ein richtiger Ansatz, um Globalisierungsprozesse zu gestalten statt nur über sie zu klagen.

Wenn dies eine Festrede wäre, würde ich jetzt mit einem optimistischen Satz schließen. Ich würde mit Ihnen das Glas erheben, anstoßen und mich dann gemeinsam freuen über das Erreichte, was wir ja gelegentlich auch tun. Aber heute will ich dieser Versuchung widerstehen, denn darin liegt auch eine große Gefahr unserer Zeit: in Selbstzufriedenheit zu verharren – in der wohligen Gewissheit, alles oder doch zumindest vieles richtig gemacht zu haben. Spüren Sie dieses Trägheitsmoment? Meistens verbirgt sich das ja im Schweigen. Oder es kommt lapidar daher in Sätzen wie: Es läuft doch. Irgendwie wird es schon weitergehen.

Genau in solchen Momenten braucht Deutschland stimmkräftige Akteure. Dabei kann sogar ein Forderungskatalog mit zehn Punkten, von denen am Ende nur drei umsetzbar sind, willkommener sein als ein Schulterzucken, eine müde Wartehaltung oder taktisches Zögern.

Der Standort Deutschland braucht Dynamik. Allerdings braucht er keine Dynamik, die aus Angst und Schreckensszenarien herrührt. Der Zusammenbruch der Börsen, der Zerfall der Eurozone, das Ende der deutschen Wertarbeit, meine Güte, wie vieles davon ist schon prognostiziert, einiges auch propagiert worden mit dem Verweis auf die Komplexität globaler Kapitalströme, die Erfordernisse einer Währungsunion oder eine vermeintliche Erschöpfung nationaler Innovationskraft. Solche Untergangsszenarien gehören zwar zur Meinungsfreiheit, aber wir sollten nicht zulassen, dass sie sich zu einer gesellschaftlichen Atmosphäre der Überforderung verfestigen, ein Ohnmachtsgefühl kultivieren und zum Rückzug ins Private führen. Gerade Arbeitgeber haben ein Interesse daran, dass Menschen mehr als Dienst nach Vorschrift leisten, dass Beschäftigte nicht von Existenzsorgen, sondern von der Leidenschaft für ihre Aufgabe angetrieben werden und dass Deutschland sich sein Vertrauen in die eigene Zukunftsfähigkeit erhält oder – wo nötig – neu aufbaut.

Vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen dürfen wir heute schon einen Imperativ für morgen benennen: Ja, deutsche Arbeitgeber werden auch künftig mehr geben müssen als Arbeit. Dazu sollte man sich die Rollen, die ich gerade beschrieben habe, auch auf der Soll-Seite genau ansehen.

Die Funktion als Sinnstifter beispielsweise wird den Arbeitgebern noch erhebliche Adaptionsfähigkeit abverlangen. Erwerbsbiografien werden immer bunter und die Zahl der Lebenskonzepte, die dabei berücksichtigt werden müssen, wird immer größer. Stichwort: Frauenerwerbsquote. Stichwort: Zuwanderung. Stichwort: demografischer Wandel. Oder Stichwort: zweite Chance für bildungsferne Jugendliche und Langzeitarbeitslose.

Erlauben Sie mir an dieser Stelle eine Frage ohne diplomatischen Weichzeichner: Sind alle unsere Unternehmen tatsächlich darauf eingestellt, dass die Bevölkerung binnen sehr überschaubarer Zeit deutlich schrumpfen und deutlich altern wird? Dass der Fachkräftemangel zum echten Problem werden kann für unsere wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung? Oder gilt im Stillen doch eher die Devise: Na, irgendwie wird es schon laufen? Dort, wo das Bewusstsein für den Handlungsbedarf noch nicht geschärft ist, könnte vielleicht ein Motivationsbrief hilfreich sein. Der klänge zum Beispiel so:

Liebe Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber,

Sie sind es, die darüber entscheiden, ob über 50-jährige Mitarbeiter in den Unternehmen noch eine Chance haben, ob Erfahrungen wertgeschätzt und Erwerbsläufe so zugeschnitten werden, dass ein Renteneintrittsalter von 67 de facto erreichbar ist.

Sie sind es, die ein Konzept dafür brauchen, wer in den Büros und Produktionshallen tätig ist: Menschen mit oder ohne Migrationshintergrund, Menschen mit oder ohne familiäre Verpflichtungen, Menschen mit Einserzeugnissen oder solche, die trotz einer "vier" in Deutsch die Ausbildung zur Industriekauffrau oder zum Mechatroniker am Ende doch erfolgreich geschafft haben. Das ist keine Sozialromantik, sondern ein Gebot des demografischen Wandels.

Sie, liebe Arbeitgeber, sind es, die im ureigenen Interesse eine Rolle neu annehmen, die Ihnen schon in den vergangenen Jahrzehnten zugewachsen ist, als die Wirtschaft ausländische Arbeitnehmer brauchte, um den Erfolgskurs fortzusetzen. Jetzt geht es um Integrationsbereitschaft gegenüber jenen, die bislang "draußen" waren, weil das System eben so lange ganz gut ohne sie funktionierte.

Gezeichnet: Der Bundespräsident.

Den Motivationsbrief würde ich handschriftlich mit einer anerkennenden Grußformulierung beenden, denn ich schreibe ihn an Menschen, die zu ihrer erweiterten Verantwortung im Gemeinwesen gestanden haben und stehen.

Verantwortung – das gilt auch für die Rolle der Arbeitgeber als Bildungsträger. Bildungstreiber möchte ich Sie lieber nennen, denn bei aller Anerkennung der schon erwähnten 50 Milliarden Euro wissen wir natürlich: Eine solide Erstausbildung und drei Tage Fortbildung alle paar Jahre genügen häufig nicht mehr für eine volle Berufsbiografie. Das Konzept des lebenslangen Lernens ist hundertfach beschrieben und empfohlen worden, zugleich spüren wir: Deutschland hat bei diesem Thema ein Vollzugsproblem. Das lässt sich nicht durch singuläre Projekte bewältigen, sondern nur durch Anstrengungen auf vielen Seiten.

Allerdings sehe ich einen der größten Hebel durchaus bei Ihnen: Wir brauchen gerade die Unternehmen, um Takt und Tempo der individuellen Bildung an die Erfordernisse einer komplexen Arbeitswelt anzupassen. Innovationszyklen, Sie wissen das besser als ich, sie werden immer kürzer. Nachfrage und Angebot, Produkte und Dienstleistungen, Zulieferer und Kunden – all diese Größen verändern sich ungleich öfter und schneller als noch vor 20 oder gar 50 Jahren. Unsere Bildungsdebatten allerdings atmen noch häufig den Geist von "anno dazumal". Wenn wir über Bildung sprechen, dann denken wir meist an Schulhöfe oder Universitätsbibliotheken, zu selten denken wir dabei an die Werkshallen, wo innerbetriebliche Aus- und Weiterbildung stattfindet. Die Arbeitgeber könnten einer neuen Selbstverständlichkeit zur Entfaltung verhelfen: von der Sprachförderung in der betriebseigenen Kita über Aufsteiger- und Quereinsteigerprogramme bis hin zum IT-Kurs für ältere Arbeitnehmer.

Die Dynamik, die ich meine, wird dann entstehen, wenn viele Einzelfälle auf Arbeitgeber- wie auf Arbeitnehmerseite anders gelöst werden als heute. Wenn wir uns nicht als Getriebene, als Überforderte betrachten, sondern uns leiten lassen von der Haltung:

Wir sind es, die Arbeit leisten und Arbeit gestalten.

Wir sind es, die tiefgreifenden demografischen Wandel oder die Weite der Weltmärkte nicht als Bedrohung interpretieren, sondern als Raum unserer Möglichkeiten.

Und wir sind es, die es schaffen können, marktwirtschaftliches Handeln und die Sozialpartnerschaft auch künftig in Einklang zu bringen.

In dynamischen Gesellschaften entstehen regelmäßig neue Möglichkeiten, Fehler der Vergangenheit zu korrigieren und Schieflagen in eine neue Balance zu bringen. Ich bin überzeugt, bei der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände ist dieses Mandat gut aufgehoben. Die BDA spart nicht mit Kritik, wenn sie die Interessen ihrer Mitglieder für gefährdet oder das Tempo auf den politischen Bühnen in Berlin oder Brüssel für zu langsam hält. Sie werden nicht erleben, dass ich mich in solche Konflikte im Einzelfall einschalte. Aber ein Votum gegen die Trägheit, das möchte ich ausdrücklich vortragen – und zwar an alle gerichtet, die über die Zukunft des Standorts Deutschland nachdenken, darüber verhandeln, darum ringen.

Arbeitgeber geben mehr als Arbeit. Vielleicht fragen Sie sich, warum ich gerade dieses Thema gewählt habe in einer Phase, in der die meisten hier im Saal doch eher darüber nachdenken, was sie bekommen werden und erwarten dürfen – zum Beispiel für die nächsten vier Jahre.

Die Erklärung ist einfach: Als erstes hatte ich ein Zitat von Professor Hundt auf dem Zettel, einen Satz, den er wohl unzählige Male in seinem schwäbischen Unternehmen und bei der BDA gesagt hat: "Das gebe ich, und was gebt Ihr?" Dieses Motto hat mir gefallen, so zeitlos und doch so aktuell. Ich ahne, dass die Mitglieder der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände dieser Tage lange Wunschlisten in den Schubladen haben. Das ist auch gut so. Was sich davon umsetzen lässt, das wird an anderer Stelle verhandelt. Dem kann und will ich nicht vorgreifen. Aber ich möchte Sie darin bestärken, weiterhin der Trägheit zu widerstehen und als wirksamer Lobbyist für Zukunftsfähigkeit zum Wohl unseres Landes beizutragen.