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Gemeindetag des Zentralrats der Juden in Deutschland

Bundespräsident Joachim Gauck bei seiner Rede beim Gemeindetag des Zentralrats der Juden in Deutschland Berlin, 24. November 2013 Gemeindetag des Zentralrats der Juden in Deutschland - Ansprache des Bundespräsidenten © Steffen Kugler

Ich freue mich sehr, hier bei Ihnen zu sein. Ich bin zwar oft bei Zusammenkünften, die mir Freude machen und die mir zeigen, wie reich und vielfältig unser Land ist und wie Menschen etwas für die ganze Gemeinschaft in Bewegung setzen.

Aber hier bei Ihnen bin ich wirklich ganz besonders gern. Und zwar vor allem aus zwei Gründen. Ich freue mich, wenn ich sehe, dass mit Mut etwas Neues probiert wird. Sie haben den Mut gefunden, zum ersten Mal einen jüdischen Gemeindetag in dieser Dimension zu veranstalten.

Eigentlich ist es erstaunlich, dass es das so groß noch nie gegeben hat. Aber nun haben Sie den ersten Versuch in dieser Größenordnung unternommen und nach allem, was ich höre, ist er gelungen. Da kann ich als Bundespräsident nur gratulieren. Und ich wünsche Ihnen, dass nach den vielen guten Erfahrungen mit diesem Gemeindetag dieser nicht der einzige dieser Art bleiben wird. Mögen noch viele jüdische Gemeindetage in Deutschland folgen!

Herr Graumann hat bei verschiedenen Gelegenheiten betont, ich hätte ihn erst darauf gebracht, dass so ein jüdischer Gemeindetag doch so etwas Ähnliches sei wie ein Kirchen- oder Katholikentag. Es liegt doch auf der Hand: Menschen, denen ihr Glauben wichtig ist, feiern, setzen Kommunikationsprozesse in Gang, stellen fest, wie pluralistisch es unter ihnen zugeht, erkennen aber auch immer wieder, was sie im Innersten zusammenhält und über alle Unterschiede hinweg verbindet, setzen sich mit der Gesellschaft und auch mit der Politik auseinander, erinnern sich ihrer Geschichte und entwerfen Pläne für die Zukunft: So ist es auf dem Kirchentag, so ist es auf dem Katholikentag und so, vermute ich, wird es auch auf dem jüdischen Gemeindetag gewesen sein.

Diese Gemeinsamkeit bringt mich auf ein sehr schönes Wort, das ich bei Ihnen, Herr Graumann, gelesen habe: In einem Interview neulich sprachen Sie davon, dass die Kirchen in Deutschland die neuen "Allianzpartner" des Zentralrates der Juden sein könnten. Sie sagten gleichzeitig, dass man das in der Vergangenheit nicht zu träumen gewagt hätte. Ich freue mich darüber. Denn auch auf diese Weise wird ein historisch belastetes Verhältnis tiefgreifend verändert – auf eine gute Zukunft hin.

Es ist viel los in der jüdischen Gemeinschaft, es ist viel buntes Leben in den einzelnen Gemeinden. Es tut sich viel Frommes und viel Weltliches in den Synagogen und Gemeindehäusern und drum herum. Und ich erkenne vor allem auch viel fröhliches und unbeschwertes jüdisches Leben, ich erkenne selbstverständliches jüdisches Hiersein. Das ist etwas, das mich mit tiefer Freude erfüllt.

Es hat sich sicher auch hier auf dem Gemeindetag gezeigt, dass es Probleme, dass es Schwierigkeiten und dass es Ängste und Nöte in den jüdischen Gemeinden und Familien gibt. Es wird zur Sprache gekommen und diskutiert worden sein, wie heimisch und wie fremd man sich fühlt hier in Deutschland, ja: auch in seiner eigenen Gemeinde. Ich weiß auch, dass die Beschneidungsdebatte aus dem vergangenen Jahr noch einmal für leidenschaftliche Gespräche gesorgt hat. Ich will noch einmal sagen, was ich Ihnen im vorigen Jahr zu Rosch ha Schana geschrieben habe: Jüdische Gemeinden, jüdischer Glaube und jüdische Lebenspraxis sind Teil unserer Kultur. Das ist selbstverständlich und das muss selbstverständlich bleiben.

Es wird nicht vergessen werden, welche Geschichte hinter uns liegt. Sie haben ein deutliches Zeichen der Erinnerung gesetzt, als Sie diesen Gemeindetag in Berlin ganz bewusst mit einem Gedenken am Gleis 17 in Grunewald begonnen haben, von wo die Berliner Juden deportiert worden sind.

Nein, diese Geschichte wird nie und von niemandem hier vergessen. Und wenn neue Seiten im Buche der Geschichte aufgeschlagen werden, so bleiben die alten Seiten doch für alle Zeiten lesbar.

Gerade auf diesem Gemeindetag ist nun deutlich sichtbar geworden, dass neue und gute Seiten im Leben der jüdischen Gemeinde in Deutschland und im Zusammenleben zwischen Juden und Nichtjuden aufgeschlagen worden sind und dass neue Kapitel gerade geschrieben werden.

Zwar finde ich Ihr Motto – Unsere jüdische Zukunft ist JETZT! – sehr gut, weil selbstbewusst. Noch besser und zuversichtlicher finde ich aber, dass Sie in den vergangenen Tagen Themen behandelt haben wie "Identität 2.0 Neues Jüdisches Lernen" oder "Gemeindearbeit in der Realität / Gemeinde und Staat" oder "Juden in den Streitkräften" oder "Christlich-jüdische Beziehungen": All das zeigt ja, dass jüdisches Leben im Hier und Heute stattfindet und dass es, noch viel wichtiger, auf Zukunft hin angelegt ist.

Deswegen hat mir im Programm besonders gut folgender Workshop-Titel gefallen: "Jüdische Gemeinden 2050 – Visionen und Perspektiven". Daraus spricht eine Hoffnung, ja eine Zukunftsgewissheit, die mir Mut macht und die uns allen gemeinsam Mut machen sollte. Dazu kommen die Reihe von Synagogenneubauten, die Initiativen zur jüdischen Bildung, die Rabbinerausbildung in der neuen School of Jewish Theology in Potsdam.

All das geht in die gleiche, in die richtige Richtung: Jüdisches Leben wird in Deutschland immer selbstverständlicher und richtet sich auf Zukunft hin aus. Dazu passt schließlich, dass auch in Deutschland zum zweiten Mal der Mitzvah-Day stattgefunden hat, an dem jüdische Einrichtungen oder Gemeinden zeigen konnten, welche sozialen Projekte sie fördern. Dass hier, wie ich höre, alle Richtungen mitgemacht haben – säkular, liberal, progressiv, konservativ, orthodox – ist eine wirklich gute Sache.

Meine Damen und Herren, ich hoffe, dass dieser jüdische Gemeindetag allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern, aber auch allen jüdischen Gemeinden und Initiativen in Deutschland noch einmal neuen Schwung, neue Motivation und neuen Mut gibt. Das tut uns allen gut. Deswegen lassen Sie mich Ihr Motto abwandeln und sagen: Unsere gemeinsame Zukunft ist jetzt!

Shalom und Mazel Tov!