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Adventskonzert beim Bundespräsidenten

Bundespräsident Joachim Gauck begrüßt die Gäste zum Adventskonzert im Großen Saal von Schloss Bellevue   Schloss Bellevue, 5. Dezember 2013 Adventskonzert beim Bundespräsidenten - Begrüßungsworte an die Gäste © Guido Bergmann

Die Advents- und Weihnachtszeit kann, je nach Wetterlage, die kälteste oder matschigste, je nach Terminplan, die hektischste oder durchgeplanteste, je nach Familiensituation, die nervigste, gehaltvollste oder auch peinlichste Zeit des Jahres sein.

Je nach eigener Seelenlage, kann sie auch die streitbarste, die traurigste oder die sehnsuchtsvollste sein.

Für manche, vor allem für die Kinder, ja: hoffentlich für alle Kinder und alle, die noch mit einem Kinderherzen empfinden können, kann sie die schönste Zeit des Jahres überhaupt sein.

Auf jeden Fall aber sollen von dieser Zeit Stille, Freude und Frieden ausgehen. Das wünschen wir immer wieder, obwohl wir wissen, dass das fast unmöglich ist. Gerade wenn es laut und hektisch wird, rührt unser deutsches Gemüt die "Stille Nacht, Heilige Nacht" aus unserem bekanntesten Weihnachtslied.

Tief in unseren romantischen Herzen werden wir angerührt von Eichendorff:

"Markt und Straßen stehn verlassen / still erleuchtet jedes Haus" –

Und auch das "Weißt du noch?" der Kindheitserinnerung spielt uns weihnachtlichen Frieden und vorweihnachtliche Stille vor, wie in einem Gedicht von Mascha Kaléko:

"Weißt du noch? In zarten Wattetupfen
schüttete der Himmel ersten Schnee. […]

Weißt du noch? Es war so still im Zimmer.
Schularbeiten waren längst gemacht.
Überm Frost lag sanft Lamettaschimmer,
Beckers unten übten – "Stille Nacht!"

Wir können es uns ruhig eingestehen – wir brauchen dabei auch vor dem romantischen Sprachbild, ja selbst vor tatsächlichem oder vermeintlichem Kitsch keine Angst zu haben: Wir haben in uns das tiefe Bedürfnis nach dem Frieden und nach der Stille – eine echte weihnachtliche Verheißung.

Wenn wir ganz ehrlich sind, dann wird uns klar: Es gibt diese Sehnsucht danach, dass das ewige Machen und Tun, das ewige Gerede und Geschrei, das ewige Rauschen aus Klatsch, Wichtigtuerei und vorlautem Gehabe einfach einmal aufhöre. Einfach mal Ruhe, mal Stille, mal Nichts! Was für eine Wohltat!

Es kommt nicht von ungefähr, dass sich diese Sehnsucht nach der ganz großen Pause, nach der wirklichen Stille, hier in Mitteleuropa mit dem Weihnachtsfest verbindet. Anderswo ist Weihnachten ja sehr laut und lustig. Hier aber hat sich ganz still der Schnee in die Bilder von Weihnachten geschneit, hier ist das schlafende Kind in der Krippe, dem man Ruhe und Frieden wünscht, ein zentrales Thema, und hier ist die wortlose Anbetung der Hirten und Könige, die vor dem unbegreiflichen Geheimnis ehrfurchtsvoll schweigen, ein immer wiederkehrendes Motiv der Bilder und Texte von Weihnachten.

Noch in den säkularen Gedichten, die heute Abend, wie es hier Tradition ist, die weihnachtlichen Gesänge unterbrechen und sie in unsere Gegenwart hineindeuten lassen, noch in diesen modernen Gedichten also, ist diese Sehnsucht nach innerem Frieden, nach der Stille mit Händen zu greifen.

Instinktiv spüren wir, dass wir etwas brauchen, wenn wir im Innersten berührt werden wollen, wenn uns etwas wirklich ans Herz gehen soll. Das kann eine Stille sein, die uns zu uns selber bringt, das kann eine Botschaft sein, die unserem Leben Richtung gibt, oder die Musik, die uns anrührt, tröstet, beglückt und manchmal unsere Seelen verwandelt, so als hätten wir Flügel.

Das Adventskonzert beim Bundespräsidenten ist in jedem Jahr das Angebot einer solchen besonderen Stunde. Die Lieder und Texte kreisen, so hoffen wir, um eine ruhige, geheimnisvolle Mitte, ohne die niemand erfahren kann, was Weihnachten – für ihn oder sie – bedeutet.

Dieses Konzert ist in jedem Jahr auch als ein großes Dankeschön gedacht. Unter Ihnen sind viele, die das Jahr über mir, Frau Schadt, den Mitarbeitern im Bundespräsidialamt auf vielerlei Weise geholfen haben – durch Rat und Tat, wie man ganz kurz sagen kann. Ohne diese Hilfe von außerhalb der Mauern und des Parks von Bellevue könnten wir hier unsere Arbeit nicht so gut tun, wie wir sie tun möchten.

Zu diesem Dankeschön haben wir auch wieder Hilfe bekommen, für die ich herzlich danke, nämlich von den weltberühmten Leipziger Thomanern unter ihrem Leiter, dem Thomaskantor Georg Christoph Biller. Das wird sicher ein ganz besonderes Ereignis werden, wenn Sie hier gleich singen. Und ein sehr herzlicher Dank geht an Sebastian Koch, der die Gedichte zum Klingen bringen wird.

Das ganze Programm stellt eine Einheit aus Wort und Musik dar. Die Vortragenden wünschen sich deswegen, dass es erst ganz zum Schluss Applaus geben soll – wenn Sie denn applaudieren möchten.

Ihnen und uns allen wünsche ich nun einen im besten Sinne des schönen alten Wortes: besinnlichen Abend.