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Leistungswettbewerb der deutschen Handwerksjugend

Bundespräsident Joachim Gauck hält bei der Abschlussfeier des Leistungswettbewerbs der Handwerksjugend in Dortmund eine Ansprache Dortmund, 7. Dezember 2013 Abschlussfeier des Leistungswettbewerbs der Handwerksjugend - Ansprache des Bundespräsidenten © Kirsten Neumann

Dieses Publikum ist eine wahre Freude für mich: Zunächst Sie, die jungen Handwerkerinnen und Handwerker, die heute geehrt werden, und außerdem ihre Familien aus ganz Deutschland. Ich habe mir gerade einige Siegerstücke angesehen. Beeindruckend! Gratulation zu diesen außerordentlichen Leistungen! Ebenfalls aus dem ganzen Land kommen Sie, die Vertreter von Betrieben. Sie leisten etwas, das unersetzbar ist: Sie bilden aus, Sie bahnen Wege in ein erfülltes Berufsleben. Welcher Ort könnte für eine solche Zusammenkunft geeigneter sein als dieser – die ehemalige Zeche Hansemann mit ihrem modernen Bildungszentrum. Ich finde, diese Umgebung regt an, einen Blick zurück und vor allem einen Blick nach vorn zu wagen.

Für den Blick zurück genügt schon ein Hinweis auf so manchen Namen einer Klassenliste. Die Müllers und die Schmidts sind besonders zahlreich in Deutschland. Auch die Schneiders und Schuhmachers gibt es in großer Zahl, ebenso die Webers und die Zimmermanns, und sogar die Büttners und Sattlers findet man fast überall, obwohl die Handwerksberufe, die so bezeichnet werden, nur noch sehr selten anzutreffen sind.

Sichtbares Zeichen handwerklicher Leistungen sind außerdem die großartigen Bauten, die uns in vielen Städten seit dem Mittelalter erhalten geblieben sind oder nach dem Zweiten Weltkrieg wiederaufgebaut wurden. Das Handwerk sorgt dafür, dass es immer wieder weiter geht! So hat es auch in den vergangenen 20 Jahren unser Land geprägt, indem es in Leipzig und Dresden, in Greifswald und Wismar einen ganz entscheidenden, den im wahrsten Sinne handwerklichen Beitrag dazu geleistet hat, dass diese Städte wieder in altem Glanz erstrahlen.

Im Osten wie im Westen belebt die große Bandbreite unternehmerischer Initiative im Handwerk unsere Alltags- und Geschäftswelt. Sie schafft Innovation und Dynamik, Wohlstand und Arbeitsplätze. In Deutschland arbeiten heute über fünf Millionen Menschen im Handwerk! Vor Ort, in allen Winkeln der Republik, geben diese Menschen dem deutschen Handwerk ein Gesicht.

Das Handwerk selbst hat viele Veränderungen erlebt, doch erhalten geblieben sind die Traditionen der regionalen Verwurzelung, des Zusammenhalts und des hohen eigenen Anspruchs, der bereits die Handwerkszünfte im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit prägte. Schon die Zünfte entwickelten genaue Ausbildungsordnungen und strikte Regeln. Wenn ein Handwerker diese Regeln verletzte, so musste er unter Umständen sein Handwerk niederlegen. Das war – inzwischen kaum noch bekannt – der Ursprung der noch heute gängigen Formulierung "jemandem das Handwerk legen".

Ja, Qualität und Werte spielten und spielen im Handwerk eine große Rolle. Viele Familienbetriebe betonen diese Traditionslinie. Was mir daran besonders sympathisch ist: die Haltung, nicht nur ökonomische Werte schaffen zu wollen, sondern auch gemeinschaftsorientierte Werte zu leben – selbst in Zeiten permanenter Rationalisierung!

Das für Ihre Branche so wichtige Prinzip der Gemeinschaft haben Sie, lieber Herr Kentzler, auf ganz besondere Weise befördert: Sie haben das Handwerk aus Ost und West weiter zusammengeführt und dazu beigetragen, den Zusammenhalt, um den es mir geht, zu stärken. Neun Jahre lang haben Sie Ihr Ehrenamt als Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks mit größtem Engagement und Weitsicht ausgefüllt. Herzlichen Dank dafür!

Mehr noch: Sie haben die Zeichen der Zeit erkannt und sich stark gemacht für Schlüssel-themen in Wirtschaft und Gesellschaft: sei es die Integration von Migranten, die Frage, wie wir Jugendliche an eine für sie passende Berufsausbildung heranführen können oder wie wir dem Fachkräftemangel begegnen.

In Zeiten des demografischen Wandels konkurrieren Branchen und Regionen immer öfter um geeignete – am liebsten um die besten – Bewerber. Die Maßstäbe dafür sind allerdings nicht unumstritten. Ich glaube, wir brauchen ein zeitgemäßes Bewusstsein dafür, dass es nicht unbedingt ein akademischer Berufsweg sein muss, um die eigenen Talente zu entfalten. Angesichts mancher Debatten mag der Eindruck entstehen, dass ein Studium für jeden erstrebenswert und gleichsam der "Königsweg" sei. Die Praxis sieht jedoch anders aus. Und gerade Sie, liebe Gäste hier im Saal, wissen es: Das Handwerk bietet hervorragende Möglichkeiten, im Berufsleben erfolgreich zu sein und die erworbenen Kenntnisse immer wieder zu erweitern oder zu vertiefen. Das hört bis ins hohe Alter nicht auf – und das fängt schon ganz jung an, wie wir gerade bei einem Wettbewerb wie diesem sehen können!

Damit bin ich bei meiner Kernfrage: Was kann uns das Handwerk heute vermitteln, wo kann es Orientierung geben? An erster Stelle steht für mich die Tatsache, dass in den Handwerksbetrieben traditionell langfristig gedacht wird – in Generationen statt in Quartalen. Der Nutzen eines solchen Denkens ließe sich auf viele Bereiche übertragen. Und dabei geht es um mehr als die – freilich materiell wie ideell wichtige – Frage, wem man einmal den eigenen Betrieb übergeben wird. Es geht auch darum, Wissen weiterzugeben, kostbare Expertise zu erhalten und über lange Zeiträume auszubauen – kurz: Wohlstand und wirtschaftliche Prosperität auch für morgen zu sichern.

Nehmen wir noch einmal das Thema demografischer Wandel, die älter werdende Gesellschaft. Da ist das Handwerk in vieler Hinsicht beispielhaft. Im Handwerk arbeiten die Generationen zusammen. Sie unterstützen sich gegenseitig. Das Handwerk ist offen für High-Tech-Innovationen – und sieht keinen Widerspruch darin, gleichzeitig die Erfahrungen der Älteren zu schätzen.

Vermutlich spüren Sie in Ihren Betrieben schon jetzt diesen Wandel, der uns so oft – und manchmal auf durchaus alarmistische Weise – in den Medien begegnet. Sie merken, dass es nicht leicht ist, Nachwuchs zu gewinnen. Der jüngste Ausbildungspakt trägt dieser Sorge Rechnung. Auch Jugendliche ohne "Einser-Zeugnisse" sollen – nein: müssen – eine Chance bekommen und notfalls auch eine zweite! Ich glaube, das Handwerk geht diesen Weg nicht allein aus betriebswirtschaftlichem Kalkül, sondern auch aus der Tradition des Zusammenhalts und des Verantwortungsbewusstseins.

Einen wichtigen Beitrag zur Zukunftssicherung leistet das Handwerk auch in der dualen Ausbildung, die Theorie und Praxis zusammenbringt. Vielerorts in Europa und in der ganzen Welt blickt man voller Anerkennung auf dieses deutsche Erfolgsmodell – das wird mir von Gästen oder bei Auslandsreisen immer wieder bestätigt. Vielerorts ist die Realität der Jugendlichen leider aber oft unerfreulicher als die Ihre, liebe Siegerinnen und Sieger des Leistungswettbewerbs. Das wissen Sie sicher. Ihre guten Zukunftsperspektiven wurden nicht zuletzt durch unser Ausbildungssystem eröffnet. Sein Erfolg beruht darauf, dass Menschen mehr tun als das, wofür sie bezahlt werden, dass sie sich ehrenamtlich in den Kammern engagieren, dass Betriebe sich aus freien Stücken dazu entscheiden, in die Jugend zu investieren und dass Ausbilder von ihrem Tun auch nach Feierabend leidenschaftlich überzeugt sind. Die Ausbilderinnen und Ausbilder von heute haben nur noch wenig gemeinsam mit dem Bild der alten strengen Meister und Lehrherren. Ausbildung im deutschen Handwerk ist – bei aller Tradition – modern, zielorientiert und zukunftsgewandt. Schön, das als Bundespräsident bei vielen Gelegenheiten sagen zu können!

Der Erfolg der dualen Ausbildung ist eng mit der Selbstverwaltung der Wirtschaft verknüpft. Im Handwerk zeigt sich wie in vielen anderen Bereichen, dass sich dezentral – mit bürgerschaftlichem Engagement und Unternehmergeist – oft viel mehr erreichen lässt als mit staatlichen Verwaltungsakten. Das Handwerk hat umfassende Erfahrungswerte mit der selbst organisierten Übernahme von Verantwortung für die Gemeinschaft. Natürlich ist es ein weiter Weg gewesen von den mittelalterlichen Zünften bis zum heutigen Tag. Doch das Handwerk hat diesen Weg – buchstäblich – gut "gemeistert". Deshalb bin ich mir sicher: Das deutsche Handwerk wird auch weiterhin erfolgreich sein und sich auf die Erfordernisse der Zeit, auf Wandel aller Art, einstellen.

Für sich selbst, für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter oder für die Gesellschaft Verantwortung zu übernehmen – damit geht einher, dass wir Entscheidungen fällen und eine Wahl treffen. Mitbestimmung hält unsere Bürgergesellschaft und all ihre Institutionen lebendig. Ich freue mich, dass die Demokratie auch im Handwerk so lebendig sein kann, wie sich vorgestern gezeigt hat. Herr Wollseifer, ich gratuliere Ihnen zur Wahl als neuer Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks! Sie treten in große Fußstapfen. Ich wünsche Ihnen viel Energie, Einfallsreichtum und Mut bei der Aufgabe, die Strukturen des Handwerks weiter zu entwickeln, die Transparenz Ihrer Arbeit zu erhöhen und die Mitbestimmung im Handwerk so lebendig zu halten, wie wir es gerade erlebt haben.

Und Sie, die jungen Menschen unter Ihnen, profitieren Sie ganz bewusst davon! Nutzen Sie Ihre Gestaltungsmöglichkeiten in den Organisationen des Handwerks! Engagieren Sie sich für die Demokratie im Handwerk, diskutieren Sie mit und stehen Sie für Ihre Ideen ein!

Mit Ihren hervorragenden Leistungen für diesen Wettbewerb haben Sie bereits gezeigt, dass Sie eine ganz grundlegende Wahl getroffen haben: mehr als das nur Notwendige zu tun. Sie haben etwas Besonderes geleistet und sich eine Aufgabe gesucht, die Sie gefordert hat und der Sie sich offensichtlich mit Herzblut gewidmet haben. Zu spüren, dass die Familie stolz auf einen ist und man selbst vielleicht auch ein wenig stolz auf das Erreichte ist, das ist wohl eines der schönsten Gefühle. Und wenn Sie mir diese Bemerkung erlauben: Auch ich bin – ohne Sie persönlich zu kennen – stolz auf Sie.

Sie, liebe Gewinnerinnen und Gewinner des Leistungswettbewerbs, sind die Zukunft des Handwerks in Deutschland. Nutzen Sie die Erfahrungen derjenigen, die schon lange in Ihrem Betrieb arbeiten. Seien Sie offen für die Zusammenarbeit über Generationen hinweg und geben auch Sie eines Tages Ihre eigenen Erfahrungen weiter. Ich wünsche Ihnen, dass Sie in Ihrem Berufsleben möglichst oft erfahren werden, wie positiv das Bild Ihrer Branche in unserer Gesellschaft ist. Da erinnere ich an jene Wertschätzung, die aus dem humorvollen Wort des Regisseurs Volker Schlöndorff spricht: "Ich bin Handwerker, weil mir das Wort ‚Künstler‘ verdächtig ist".

Das sollte jetzt noch kein Schlusszitat sein, denn ich möchte auch Ihnen, den Ausbilderinnen und Ausbildern in den Betrieben, sehr herzlich für all Ihr Engagement danken. Bitte nehmen Sie meinen Dank von hier aus mit in Ihre Firmen und Betriebe und geben Sie ihn auch an Ihre Kolleginnen und Kollegen weiter. Sie alle möchte ich ermutigen, die Kultur des Zusammenhalts beständig zu pflegen und unternehmerische Initiative weiter zu fördern und zu beflügeln, wo Sie nur können. Mein wirklich letzter Satz heißt nämlich: Geben Sie guten Traditionen eine lebendige Zukunft!