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Neujahrsempfang zu Ehren engagierter Bürgerinnen und Bürger

Bundespräsident Joachim Gauck hält während des Mittagessens beim Neujahrsempfang eine Ansprache Schloss Bellevue, 9. Januar 2014 Neujahrsempfang für Repräsentanten des öffentlichen Lebens sowie engagierte Bürger - Mittagessen mit Bürgerinnen und Bürgern © Steffen Kugler

Ich werde jetzt eine Rede halten, aber Sie müssen keine Angst haben: das mit dem Essen, das klappt trotzdem! Und ich will Sie natürlich begrüßen – auch weil es für mich eine ganz besondere Freude ist, Menschen wie Ihnen hier im Schloss Bellevue zu begegnen.

Früher waren Schlösser wie dieses den Adligen vorbehalten. Heute sind es oft Häuser, in denen Bürger zu Hause sein können – einer aus Ihrer Mitte ist Präsident geworden. So etwas gibt es in unserem Land! Und das Land ist schön, weil es Menschen gibt wie Sie, weil es Leute gibt, die sich nicht darauf verlassen, dass der Staat schon alles regeln wird.

Stellen Sie sich einmal vor, es gibt ein bedrohliches Unwetter: Flüsse treten über die Ufer, Deiche brechen, Menschen verlieren ihr Hab und Gut. Und nun stellen Sie sich weiter vor, dass keiner hilft, dass wir in einem Land leben, in dem jeder nur an sich denkt.

Man kann das noch weitertreiben: Stellen Sie sich eine Stadt vor, in der ein Mädchen und ein Junge leben, deren Eltern eingewandert sind aus einem anderen Land. Die Kinder können nicht gut Deutsch sprechen, und ihre Mutter kann es auch nicht. Stellen Sie sich vor, dass in dieser Stadt Menschen leben, die das nicht bemerken und daran vorbeisehen. Und die Familie zieht sich zurück, weil alle sagen: Was kümmern mich diese Leute?

Stellen Sie sich vor, Sie sind in einem Dorf, und in dem Dorf wohnt ein alter Mann, der keine Familie hat. Er sitzt allein in seiner Wohnung am Küchentisch. Er hat keine Angehörigen, ist gebrechlich, kränklich. Keiner nimmt ihn wahr, keiner fragt, wie es ihm geht. Alle sagen: Was schert mich dieser alte Mann?

Können wir sagen, dass das alles Fiktion ist? Das meiste ist Fiktion, gewiss. Aber manchmal gibt es doch auch eine erschreckende Gleichgültigkeit. Gerade wenn es um Integration geht oder die Betreuung alter Menschen, dann spüren wir doch: Da gibt es noch eine Menge zu tun.

Ohne engagierte Menschen wie Sie, die diesen Blick für den anderen haben, diese Tatkraft, ohne diese Menschen würde unser Land kulturell veröden. Mit Kultur meine ich dabei nicht nur Musik oder Theater. Es gibt auch eine Kultur des menschlichen Miteinanders. Ein Land, in dem diese Kultur nicht mehr gepflegt wird, wünsche ich mir nicht.

Sie sind heute auch eingeladen in dieses Schloss, weil Sie wissen sollen, dass Ihr Staatsoberhaupt beständig sieht, wie viel bürgerschaftliches Engagement es in diesem Land gibt – dass es Menschen gibt, die sich um die politische Kultur kümmern, denen sie am Herzen liegt, ohne dass irgendein Minister, eine Kanzlerin, ein Präsident es befiehlt. Sie machen das, weil Sie einem anderen Gebot folgen, weil Sie auf Ihr Herz hören, auf Ihr Mitgefühl und Ihre Empathie. Das sind die Dinge, die unser Land so schön machen.

Es gibt auch andere schöne Dinge. Viele Menschen machen sich um die Kultur verdient. Wir haben wunderbare Firmen und eine enorme Wirtschaftskraft. Spitzenprodukte gehen von Deutschland in die Welt hinaus. Und wir haben gute und im Regelfall gut funktionierende Institutionen. Über all das freue ich mich. Vor allem aber freue ich mich darüber, dass die Bürgerkultur, für die Sie hier heute stehen, in diesem Lande blüht und gedeiht.

Denken Sie an die Bilder des vergangenen Jahres, als Donau, Elbe und Schwarze Elster über die Ufer traten. Da gab es riesige Schäden – aber auch enorm viele Menschen, die geholfen haben, ohne dass ihnen irgendjemand einen Auftrag gegeben hatte. Daniela Schadt und ich waren total bewegt von dem, was wir in den Flutgebieten gesehen haben – von dem Elend der Menschen, natürlich. Aber selbst die, die es besonders hart getroffen hatte an der Donau oder auch im Sächsischen, die strahlten, weil sie diese enorme Hilfsbereitschaft erlebt hatten. Einige von diesen Helferinnen und Helfern sitzen hier heute mit an unseren Tischen.

Aber es sitzen ja ganz unterschiedliche Menschen hier: Menschen, die berufstätig sind und trotzdem alte Menschen pflegen, oder Rentnerinnen, die Kindern Sprachunterricht geben, bei den Hausaufgaben helfen oder ihnen einfach vorlesen, was ja manche Kinder überhaupt nicht mehr kennen. Ich kann wirklich nur staunen, was Sie in den Regionen, aus denen Sie kommen, alles geleistet haben.

Manche stellen sich sogar der schwierigen Arbeit in Kinderhospizen, sie betreuen krebskranke Kinder. Andere betteln schlicht und ergreifend um Geld, um anderen helfen zu können. Wieder andere möchten, dass ihr Stadtteil liebens- und lebenswert wird und organisieren Stadtteilfeste. Einige wagen sich gar an die Organisation großer Rockkonzerte heran.

Manche retten Leben, das haben sie gelernt als Rettungsschwimmer oder beim technischen Hilfswerk. Oder sie sind Telefonseelsorger, kümmern sich um Menschen, die nicht fertig werden mit den Problemen ihres Lebens. Andere nehmen einfach ihr Auto und fragen bei den benachbarten Rentnern: Wen kann ich mal wohin fahren oder wer braucht Hilfe bei einem Behördengang?

Manche kümmern sich darum, dass die Verschiedenen nicht so getrennt voneinander leben, sondern dass Zuwanderer und solche, die schon alteingesessen sind, zueinander kommen, dass die Verschiedenen etwas Gemeinsames erleben. Andere kümmern sich um religiöse Minderheiten. Oder sie wollen einfach Gefahren abwehren, durch Gewalt- oder Drogenprävention. Oder sie betätigen sich im Natur- und Umweltschutz.

Ich habe noch gar nicht alles aufgezählt. Und Sie merken schon, bei jedem Beispiel tauchen vor unserem geistigen Auge Gesichter auf, Personen, manchmal sind es auch Themen, von denen wir meinen, sie müssten stärker in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt werden. Da kann ich manchmal helfen, wenn auch nicht immer. Und Sie können Ihre regionalen Medien auch ganz gut auf Themen aufmerksam machen!

Auf irgendeine Weise sind Sie alle besondere Typen, jedenfalls keine Konformisten. Sonst würden Sie sich nicht so einsetzen können. Der Konformist guckt, was machen die meisten? Und die meisten düsen vor sich hin und wollen jeder Anstrengung aus dem Weg gehen. Diese Beschreibung würde ja nun überhaupt nicht zu Ihnen passen. Und so verbindet Sie etwas – bei aller Verschiedenheit – und das ist, dass Sie ein Herz haben für Menschen, die um uns herum sind.

Tatsächlich sitzen hier heute sehr unterschiedliche Menschen zusammen. An meinem Tisch sitzt ein junger Mensch, der ist gerade 17 geworden. Das freut mich natürlich ganz besonders! Denn wenn man früh anfängt, sich zu engagieren, prägt sich das auch tief ein. Dann bleibt man dabei.

Es ist auch eine junge Thüringerin bei uns, die hat Hochwassermeldungen auf Facebook gepostet und dadurch dafür gesorgt, dass Hilfe schnell dahin gelangen konnte, wo sie dann wirklich benötigt wurde. Und dann soll tatsächlich heute der erste männliche Kindergärtner Hamburgs hier sitzen, Jahrgang 1934! Das finde ich toll, Sie kriegen einen Extrabeifall!

Sie spüren schon, das ist eine ziemlich bemerkenswerte und großartige Tischgesellschaft.

Und übrigens, weil ich vorhin über Schlösser und ihre Bewohner sprach: Es sind heute auch adlige Menschen hier. Sie haben Großartiges geleistet als Freiwillige, bei den Maltesern, bei den Johannitern oder in anderen Bereichen – sei es in einer Kirchengemeinde, in einem Verband oder in einer Stiftung. All diese Verschiedenen bilden unsere Bürgergesellschaft.

Die Erfahrungen, die Sie selbst gewonnen haben, sollten Sie bitte nicht für sich behalten. Erzählen Sie davon – hier am Tisch, aber auch dort, wo Sie anderen Menschen begegnen, die noch nicht erlebt haben, welche Freude es macht, ehrenamtlich tätig zu sein. Ich möchte Sie ermutigen, andere zu ermutigen! Seien Sie eine Art Rollenmodell.

Denn wir brauchen in Zukunft noch mehr Bürgerinnen und Bürger, die sich ehrenamtlich engagieren. Jeder Staat kommt auf diesem oder jenem Gebiet einmal an seine Leistungsgrenze. Und da ist es dann wichtig, dass wir trotzdem eine humane Gesellschaft bleiben, dass wir die Humanität als Leitmotiv des gesellschaftlichen Zusammenlebens weiterentwickeln. Ein Menschengesicht und ein menschliches Vorbild sind oft wichtiger als ein Lehrsatz in einem Schulbuch oder einem politischen Referat. Verstecken Sie sich also nicht, stehen Sie zu Ihren Leistungen! Bringen Sie sich selbst ins Gespräch, und ertragen Sie es auch, dass Sie von anderen ins Gespräch gebracht werden.

Unser Land ist ja eins, das älter wird. Da kommt eine Aufgabe auf uns zu. Wir haben die älteste Bevölkerung in ganz Europa. Wir leisten schon viel für Seniorinnen und Senioren, aber wir werden in Zukunft noch mehr machen müssen. Nun bin ich selbst ja auch im Seniorenalter – und habe mich entschlossen, noch einmal ein bisschen was zu tun für das Land. Das geht irgendwie. Und das kann jeder, der in einem ähnlichen Alter ist, auch bezeugen, dass wir noch etwas leisten können, und dass unser Leben dadurch nicht ärmer wird, sondern schöner und reicher!

Deshalb bedanke ich mich bei Ihnen allen für die Haltung, die Sie an den Tag legen, wo auch immer Sie ehrenamtlich tätig sind. Sie haben sich verdient gemacht um das Wohl dieses Landes. Sie schmücken dieses Land, und deshalb bin ich dankbar, Ihnen zu begegnen. Ich erhebe mein Glas auf Sie – auf das, was Sie für unser Land getan haben!