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Abendessen für die Mitglieder des Wissenschaftsrates

Bundespräsident Joachim Gauck bei seiner Ansprache im Langhanssaal Schloss Bellevue, 23. Januar 2014 Abendessen für die Mitglieder des Wissenschaftsrates - Ansprache im Langhanssaal © Sebastian Bolesch

Herzlich willkommen zu einem Abendessen im Zeichen der Wissenschaften! Wir könnten heute über eine große Daueraufgabe sprechen – die Suche nach Wahrheit, die jeder Forschung innewohnt. Bei dieser Suche wird oft darum gerungen, welche Erkenntnis die richtige, welche Theorie die überzeugendere ist. Für Kompromisse ist da kein Platz. Ganz anders als in der Demokratie, für die die Fähigkeit zu Kompromissen ja geradezu konstitutiv ist. Und man könnte fast den Eindruck gewinnen: Sie, liebe Gäste, bekommen diese unterschiedliche Wertigkeit von Kompromissen in der Wissenschaft einerseits und in der Politik andererseits in Ihrer Arbeit im Wissenschaftsrat bisweilen hautnah zu spüren. Immer wieder stehen Sie vor der Aufgabe, das richtige Maß zu definieren: etwa beim Balanceakt, umfassend und anspruchsvoll zu forschen und gleichzeitig mit begrenzten Mitteln auszukommen. Ich könnte auch das Austarieren von Spitzenforschung und breiter Lehre anführen oder die Suche nach einem produktiven Zusammenwirken von akademischer und beruflicher Bildung. Ganz zu schweigen vom Verhältnis zwischen Bund und Ländern!

All das findet sich in Ihren Arbeitsprogrammen und Berichten wieder. Die passenden Handlungsempfehlungen liefern Sie in der Regel gleich mit. Das gleichberechtigte Neben- und Miteinander von wissenschaftlicher und Verwaltungskommission, diese besondere personelle Mischung in Ihrem Gremium hat ja einen Vorzug: Extrempositionen sind am Ende ausgeschlossen. Aus Ihrer Satzung und Ihrem Mandat resultiert die Lizenz zum Visionären und zugleich sind Sie gezwungen – und wollen das auch –, eine gewisse Erdung zu erlangen. Beides tut der Debatte gut, dass wir etwas wollen, und dass wir das, was uns möglich ist, erkennen. Von der breiten Öffentlichkeit oft etwas spät bemerkt, aber in Fachkreisen stark beachtet, nehmen Sie regelmäßig Stellung zu aktuellen Wissenschaftsthemen. Kernfrage: Wie kann das Bild von Deutschland als Heimat der Dichter und Denker, der Erfinder und Entwickler seine kraftvollen Farben bewahren und neue Nuancen hinzugewinnen? Für dieses unermüdliche Wirken – und das schon seit 1957, da war ich zum Beispiel noch Schüler! – möchte ich dem Wissenschaftsrat heute ganz herzlich danken, der Institution ebenso wie jedem Einzelnen und jeder Einzelnen von Ihnen! Danke sehr.

Die jährliche Begegnung hier im Schloss Bellevue oder auch im Kanzleramt ist inzwischen Tradition, aber für mich persönlich ist sie alles andere als Routine. Sie sind unserem Land so vieles: Beobachter und Erklärer, Gutachter und Fürsprecher, manchmal auch Mahner im Dienste der Wissenschaft. Und Deutschland braucht Sie als kritisch-konstruktive Begleiter, als Impulsgeber und oftmals auch als Korrektiv in einem Themenfeld, das mit seinen vielen Partikularinteressen und Konfliktpotentialen kaum noch überschaubar erscheint, für Laien schon gar nicht.

Natürlich ist mir bewusst, dass ich die Konflikte selten im Detail, dafür umso öfter das Beste und die Besten aus Bildung und Forschung sehe. Ich begegne Menschen, die für ihre herausragenden Leistungen einen Orden erhalten oder schon in jungen Jahren große Hoffnungsträger sind. Und ich werde meist dorthin eingeladen, wo das Gelingen zuhause ist. All das gehört – erfreulicherweise – zur Wirklichkeit in unserem Land. Aber es ist eben nur ein Teil dieser Wirklichkeit.

Deshalb werde ich nicht aufhören, auch nach den Problemen und Mängeln zu fragen – gerade hier in Bellevue, gerade bei schönen Anlässen. Im letzten Sommer beispielsweise hatte ich 550 Humboldt-Stipendiaten im Schlosspark zu Gast. Großartig, dass wir Forscherinnen und Forscher einladen, in unserem Land zu arbeiten. So ein bunter Nachmittag birgt dann eine echte Verführung. Dann denke ich, es ist doch eine blanke Freude, in diesem Land zu leben und Präsident zu sein. Immerhin ist Deutschland nach den USA und Großbritannien heute das beliebteste Gastland für ausländische Studierende. Welch wunderbares Kompliment für unser Land! Aber Tatsache ist zugleich: Was diese jungen Leute in manchen Amtsstuben oder an Bushaltestellen unseres Landes erleben, entspricht noch zu oft nicht dem, was wir unter Weltoffenheit verstehen.

In der Auseinandersetzung mit solchen Spannungen sehe ich eine meiner wichtigen Aufgaben – keine leichte, jedenfalls nicht immer leicht, wie Sie sich vorstellen können. Wie beantwortet man zum Beispiel die Frage, was der Bundespräsident dagegen tun will, dass viele Geisteswissenschaftler nur einen Beruf finden, der nicht ihrer Qualifikation entspricht, während Ärzte, Ingenieure und Informatiker zum Teil händeringend gesucht werden? Dann kann ja wohl ein Freiheitsliebhaber keine strengen Quoten fordern. Das habe ich früher mal kennengelernt, als sogar der Zugang zum Abitur quotiert wurde. Und ich kann auch schlecht ein Diktat durch staatliche Steuerung anmahnen. Ich bin sehr froh, dass auch Sie, Herr Professor Marquardt, solchen "Planungsphantasmen" klar widersprochen haben. Allerdings teilen wir ebenso die Erkenntnis, dass sich Deutschland ein beliebiges "weiter so" volkswirtschaftlich und auch aus anderen Gründen eigentlich nicht leisten kann, jedenfalls nicht, wenn wir in Zeiten des demografischen Wandels ein wettbewerbsfähiger Standort bleiben wollen.

Die Bedrohungsszenarien eines schrumpfenden Fachkräftepotentials wurden inzwischen umfassend beschrieben. Was noch fehlt, sind die überzeugenden Gegenkonzepte, die nicht nur punktuellen Projektcharakter haben, sondern in der Fläche wirken, in die Zeit hineinwirken und die jungen Leute, die Bildungsträger, die Arbeitgeber, also möglichst viele Menschen erreichen! Ich werde mit Interesse Ihre "Empfehlungen zur Qualifizierung von Fachkräften vor dem Hintergrund des demographischen Wandels" lesen, von denen in diesem Jahr ein erster Teil veröffentlicht werden soll, wie ich gehört habe.

Haben Sie weitere thematische Empfehlungen für mich? Dann lassen Sie mich das wissen. Ich hoffe sehr, dass Sie heute Abend einige Ideen mit mir teilen, obwohl ich kein Budget habe, auch kein Ministerium verwalte, und trotzdem höre ich gerne auf das, was ich dann eventuell mit Ministern und Abgeordneten besprechen kann. Mein Terrain ist der Diskurs. Nicht jede Kommunikation, das weiß ich wohl, kann große Veränderungen anstoßen, aber im günstigen Fall erwächst uns ja doch im gemeinsamen Bemühen ein Bewusstsein und eines Tages dann eine neue Realität.

Wenn ich von der Wissenschaft spreche, habe ich meist eine Trias vor Augen: zum einen die Strukturen, die verlässlich etabliert sein müssen. Gerade in Ostdeutschland ist so viel Erfreuliches entstanden, das wir zum 25. Jubiläum des Mauerfalls in diesem Jahr hoffentlich ausgiebig würdigen werden. Ich jedenfalls möchte es tun, nicht pflichtgemäß und abstrakt, sondern von Herzen und möglichst konkret. Neulich war ich zum Beispiel zu Gast an der Viadrina und habe mich dort mit Präsident Komorowski getroffen. Wir sind gemeinsam über die Brücke von Słubice nach Frankfurt/Oder gegangen – mein Gott, ich dachte daran, wie das früher war. Es gab ja eine Zeit, da dürften wir Ostdeutsche nicht mal nach Polen, in den Westen sowieso nicht. Aber als die Solidarność aktiv war, durften wir noch nicht einmal nach Polen. Und jetzt ging ich Hand in Hand mit dem polnischen Präsidenten dorthin, wo jetzt junge Leute aus diesen unterschiedlichen Gegenden miteinander gemeinsam für unser gemeinsames Europa studieren und lernen, großartige Erlebnisse!

Der zweite Punkt, der mich umtreibt, sind die Finanzen, mit denen man die Strukturen für Bildung und Forschung aufrechterhält, modernisiert oder nötigenfalls erweitert. Und drittens habe ich noch etwas, das eng mit den ersten beiden Punkten verknüpft ist – ich spreche von etwas, was man nicht in Formeln oder Berechnungen bringen kann, das ist die Mentalität. Die Mentalität, die eine Gesellschaft braucht, um die nötige Dynamik freizusetzen. Für mein Empfinden haben Neuerungen wie die Exzellenzinitiative oder das „Paket der Pakte“ das Entwicklungstempo in Deutschland spürbar beschleunigt. Richtig so, das freut mich! Diese Beweglichkeit dürfen wir jetzt nicht aufgeben, wohl wissend, dass die Knappheit der öffentlichen Haushalte und die Schuldenbremse Grenzen setzen. Die gute Nachricht: Dynamik entsteht nicht allein durch große Summen, sondern durch eine Energie, die in vielen kleinen Qualitätsoffensiven steckt, in der strategischen Kooperation einzelner Einrichtungen und in der engagierten Arbeit von Einzelforschern, Forschungsgruppen, die sich ganz bestimmten Forschungsvorhaben verpflichtet fühlen. Das können Sie im Detail wahrlich weit besser illustrieren als ich. Einig aber werden wir uns darin sein: Eine Bildungs- und Wissenschaftsrepublik wird nie „fertig“, sie bleibt work in progress, ein Produkt ständigen Wandels der handelnden Personen.

Gegenüber der Öffentlichkeit sind die Mühen der Ebene manchmal nur schwer zu erklären. Das ist mir bewusst. Umso erfreulicher, wenn auch die erweiterte Öffentlichkeit merkt, dass durchaus Erfolge vorzuweisen sind, und dass sich die Ausdauer ausgezahlt hat: Das Drei-Prozent-Ziel, lange ein ferner Traum, ist erreicht. Nie zuvor wurde in Deutschland – absolut und gemessen am Bruttoinlandsprodukt – so viel Geld in Forschung und Entwicklung gesteckt wie heute. Der Pisa-Schock hat sich auch ein wenig als heilsam erwiesen: Internationale Vergleichsstudien zeigen, dass unsere Schülerinnen und Schüler im Wettbewerb durchaus aufgeholt haben und inzwischen in allen Bereichen über dem OECD-Durchschnitt liegen. Auch über gerechte Chancen auf Bildung und damit Teilhabe für alle Kinder wird heute mehr gesprochen als vor Pisa. Gleichzeitig, wenn ich das Thema anschlage, wissen Sie, wie viel wir auf diesem Gebiet noch zu tun haben.

Das Allerwertvollste in meinen Augen: Im Gegensatz zu etlichen anderen Politikbereichen kann die Wissenschaft auf einen großen gesellschaftlichen Konsens bauen. Wer bestreitet denn heute noch, dass Bildung, Forschung, Lehre und Innovation ganz vorrangige Ziele unseres politischen Handelns sein sollen, und dass eine bessere Grundfinanzierung der Hochschulen zu den dringenden Aufgaben gehört?

Dieser Konsens ist kostbar, die Umsetzung aber alles andere als trivial. Sie ist eben nicht nur eine Aufgabenstellung für die Politik, sondern auch für die Wirtschaft, die Gesellschaft, jede und jeden Einzelnen: Was sind wir bereit, für Bildung und für Wissenschaft zu leisten? Mit dieser Frage im Sinn bitte ich Sie, Ihr Glas zu erheben auf ein Jahr der ehrgeizigen Ziele! Ohne Kompromisse werden wir auch 2014 nicht auskommen. Aber unsere Motivation für den höchsten Anspruch an uns selbst: die darf unbegrenzt sein!

Ich danke Ihnen.