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Staatsbankett beim Staatsbesuch in der Republik Indien

Bundespräsident Joachim Gauck bei seiner Ansprache Neu-Delhi, 5. Februar 2014 Staatsbesuch des Bundespräsidenten in der Republik Indien - Ansprache beim Staatsbankett, gegeben vom Präsidenten der Republik Indien, Herrn Pranab Mukherjee © Guido Bergmann

Indien fasziniert uns Deutsche. Diese Faszination hat eine lange Tradition. Sie geht zurück auf den enormen Respekt, den die Deutschen der uralten Hochkultur Ihres Landes seit jeher zollen. Wichtige Denker wie August Wilhelm Schlegel und Max Müller studierten die indische Kultur, oder präziser: Sie studierten die indischen Kulturen. Bis heute lesenswert ist der Dialog zwischen den damaligen Nobelpreisträgern Rabindranath Tagore und Albert Einstein in Berlin. Der Theologe Dietrich Bonhoeffer, einer der bedeutendsten Persönlichkeiten des deutschen Widerstands gegen den Nationalsozialismus, war von Gandhis Ideen beeindruckt und unterhielt einen Briefwechsel mit ihm.

Noch lange könnte ich über die Vergangenheit sprechen, aber die Gegenwart ist für uns Deutsche ebenso faszinierend, auch wegen der Gegensätze, die in Indien Alltag sind: Ihr Land strebt mit Hochtechnologie in den Weltraum, aber zugleich bleibt in Indien das Thema Armutsbekämpfung auf der Tagesordnung. Fast jeder deutsche Indienreisende kehrt mit dem tiefen Eindruck der Vielfältigkeit, aber auch der Gegensätzlichkeit nach Hause zurück.

Deutschland begleitet Indiens Weg in die Moderne des 21. Jahrhunderts mit großer Sympathie. Ein erfolgreiches Indien, das seinen Bürgern die Chance eröffnet, ihr Leben in Frieden und Freiheit zu gestalten, ist ein wichtiges Symbol, für Asien und weltweit. Ein solches Indien steht für die Vorzüge der offenen Gesellschaft, für Pluralismus und für Demokratie.

Deutschland betrachtet Indien als Schlüsselpartner in der Region. Indien ist das erste Land in Asien, mit dem Deutschland Regierungskonsultationen durchgeführt hat. Die Kontakte gehen weit über die Regierungen hinaus. Mit besonderer Freude sehen wir in Deutschland, dass sich immer mehr junge Inderinnen und Inder für unsere Sprache und unser Land interessieren. Sie sind bei uns herzlich willkommen.

Unter Freunden ist auch ein offener Dialog über Themen möglich und sinnvoll, in denen wir nicht übereinstimmen. Das schließt zum Beispiel die Todesstrafe mit ein, die wir als Europäer abgeschafft und geächtet haben. Unsere Gesellschaften mögen unterschiedlich sein, aber das Bekenntnis zur Universalität der Menschenrechte hat in beiden Gesellschaften überragende Bedeutung. Ich sehe die enormen Herausforderungen und Schwierigkeiten, vor denen Indien in Fragen der Menschenrechte steht. Ich kann Sie nur ermutigen, alles zu tun, was es den Bürgern Ihres Landes ermöglicht, ihre Rechte wahrzunehmen.

Unsere strategische Partnerschaft erstreckt sich auch auf globale Fragen. Deutschland ist fest in den europäischen Einigungsprozess integriert und wird seine Verantwortung in Europa auch weiter wahrnehmen. Indien wiederum ist wichtiger Stabilitätsanker in Südasien. Ich bin fest davon überzeugt, dass unsere beiden Länder je für sich, vor allem aber auch gemeinsame substantielle Beiträge für die internationale Ordnung des 21. Jahrhunderts erbringen werden – beispielsweise bei der längst überfälligen Reform des Systems der Vereinten Nationen, um nur ein Feld zu benennen.

Es ist wichtig, dass sich Indien und Deutschland in globalen Fragen wie Sicherheit, Entwicklung, Welthandel und Klimaschutz intensiv abstimmen. Wir können dazu beitragen, global anerkannte Regeln für ein friedliches Zusammenleben der Menschheit zu finden.

Ich bitte Sie, mit mir das Glas zu erheben und einen Toast auszubringen: auf die Gesundheit von Staatspräsident Mukherjee und Premierminister Singh, die uns hier so gastfreundlich in ihrem Land empfangen haben, auf das Wohl des indischen Volkes und auf die Freundschaft zwischen Indien und Deutschland.