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Besuch der Jawaharlal-Nehru-Universität in Neu-Delhi

Bundespräsident Joachim Gauck hält eine Rede an der Universität Jawaharlal-Nehru in Neu-Delhi Neu-Delhi, 6. Februar 2014 Staatsbesuch des Bundespräsidenten in der Republik Indien - Rede an der Universität Jawaharlal-Nehru © Guido Bergmann

Ganz herzlichen Dank für diesen warmen, freundschaftlichen Empfang. Wenn Sie in Berlin durch die Straßen gehen, dann brauchen Sie nicht lange zu warten, um auf ein Stück Indien zu treffen. Das kann ein indisches Restaurant sein, ein Filmplakat oder Werbung für einen Yogakurs. Sie werden indische Touristen, Studenten und Geschäftsleute sehen. Und Sie werden jedes Jahr auf mehr Inder in Deutschland treffen.

In diesem Jahr studieren zum Beispiel 25 Prozent mehr Inder in Deutschland als im Vorjahr. In Deutschland steckt viel mehr Indien, als man auf den ersten Blick glaubt. In vielen deutschen Produkten findet sich Soft- oder Hardware, die von klugen Köpfen in Indien entwickelt wurde. Und im letzten Jahr stellten indische Firmen 26.000 Arbeitsplätze in Deutschland, der Trend der Investitionen ist steigend. Die Globalisierung kann zwar unsere Staaten nicht verrücken – aber sie hat Inder und Deutsche einander so nahegebracht wie nie zuvor in unserer Geschichte.

Zweierlei prägt unsere deutsche Sicht auf Indien: Neugier und Respekt. Das gilt schon für die Zeit, als Indien noch eine britische Kolonie war. So gesehen bin ich auch ein sehr typischer Deutscher: Was ich mitbringe nach Indien, sind – Sie ahnen es – beides, Neugier und Respekt.

Ich weiß, dass viele Stimmen der indischen Nation nach der Unabhängigkeit ein schnelles Ende prophezeiten – sie wurden eines Besseren belehrt. Ich weiß auch, wie viele Stimmen der Demokratie keine Chance gaben in Ihrem an Diversität nicht zu übertreffenden Land – auch diese Mahner wurden eines Besseren belehrt.

Als Bewohner der untergegangenen Deutschen Demokratischen Republik, eines Staates, der seinen Bürgerinnen und Bürgern demokratische Rechte und Freiheiten vorenthielt, war die Demokratie mir jahrzehntelang ein Sehnsuchtsziel. Heute, im wiedervereinigten Deutschland, liegt mir die Stärkung der Demokratie noch immer am Herzen. Demokratien sind mir nahe, und Demokraten sind mir nahe. Daher habe ich bewusst Indien als Ziel meiner ersten längeren Asienreise gewählt: Weil ich dieser bevölkerungsreichsten Demokratie meinen Respekt erweisen wollte – und erweisen will.

Natürlich sehe ich auch manche Probleme während meines Besuches. Das ist nun mal in der Demokratie so. Demokratie erschafft keine Paradiese. Das ist auch bei uns in Europa nicht der Fall. Ein Blick in Ihre vielfältigen und robusten Medien genügt, um sich davon zu überzeugen, dass nicht alles perfekt ist. Heute Morgen zum Beispiel sprach ich ausführlich mit Vertreterinnen der Zivilgesellschaft. Es ging hauptsächlich – aber nicht nur – um die Lage der Frauen in Indien. Ein heikles Thema, das auch im Ausland mit großer Aufmerksamkeit betrachtet wird. Schnell kamen wir auch auf andere Herausforderungen, wie Kinderarbeit, Religionsfreiheit, den Schutz von Minderheiten, auch solchen mit unterschiedlichen sexuellen Orientierungen, zu sprechen. Dabei wurde ganz deutlich, wie schwer es ist, angesichts weit verbreiteter traditioneller Mentalitäten, die garantierten Rechte, die das Land doch gewährt, für alle Bürgerinnen und Bürger in die Realität umzusetzen.

Meine Gesprächspartner nahmen übrigens kein Blatt vor den Mund. Die Offenheit, die ich heute erlebt habe, mit Vertreterinnen der Zivilgesellschaft, ist nicht bei allen meinen Besuchen im Ausland üblich. Oft erschweren Tabus meine Begegnungen. Mein Eindruck hier in Indien ist: Es gibt wenig, was ausländische Besucher kritisch ansprechen könnten, was nicht von Indern selber schon in aller Offenheit angesprochen wurde.

Heute war ein ganz besonderer Tag. Der Mut, die Ausdauer, der gute Wille, die Kraft und der Optimismus meiner Gesprächspartnerinnen haben mich und meine Delegation zu Bewunderern dieser Menschen gemacht. Wir fühlten neben Bewunderung auch Inspiration. Wir möchten gerne etwas mitnehmen davon nach Deutschland. Denn auch dort brauchen wir Mut und Kraft in unserem europäischen Politikumfeld.

Auf die Offenheit möchte ich noch einmal zurückkommen. Diese kraftvolle Zivilgesellschaft, die es in Ihrem Land gibt, zu sehen, hat uns mit großer Freude erfüllt. Und Sie alle können darauf stolz sein. Nicht nur auf die Erzeugnisse Ihrer Spitzentechnologie, nicht nur auf die Ergebnisse Ihrer Forscherinnen und Forscher, nicht nur auf die internationale Anerkennung, sondern auf dieses kraftvolle, bürgerschaftliche Leben, das in der Mitte Ihrer Gesellschaft entstanden ist und das sich auch in einer bunten und vielfältigen Presse niederschlägt. Es ist eben wichtig für eine Demokratie, dass sie Menschen Raum gibt, das auszusprechen, was an Missständen oder an Veränderungsnotwendigkeiten besprochen werden muss. Wenn man es ausspricht, dann ist es leichter, Veränderungen und Wandel friedlich zu gestalten.

Dissens und offene Debatten gehören zur Demokratie. Und wir wünschen uns alle, die wir die Demokratie bauen und verbessern wollen, dass immer mehr Länder bereit sind, diese Offenheit zuzulassen. Diese Offenheit hat natürlich auch Feinde. Wenn im Namen von kulturellen oder religiösen Traditionen schon Diskussionen über Veränderungen im Keim erstickt werden sollen, dann ist Misstrauen angebracht. Wenn Andersdenkende gar physisch angegriffen werden, ist der Staat in seiner Schutzverantwortung gefragt.

Indien hat viele leidvolle Erfahrungen mit Angriffen auf die Offenheit gemacht – sowohl von innen als auch von außen. Eine Demokratie muss wehrhaft sein und gleichzeitig immer darauf achten, dass nicht im Namen der Sicherheit Offenheit und Freiheit aufgegeben werden, die eigentlich verteidigt werden sollen.

Die Werber für Terror und Gewalt haben es überall auf der Welt immer dort leicht, wo Menschen chancenlos sind, oder sich ausgeschlossen, oder ungerecht behandelt fühlen. Daher ist es so wichtig, öffentliche Güter wie Bildung und Gesundheit für möglichst viele Menschen, ja möglichst alle Menschen, bereitzustellen. Wie die rechte Balance zwischen Eigeninitiative und staatlicher Grundversorgung zu erreichen ist, darüber wird auch in Deutschland permanent diskutiert.

Wir haben bei uns gute Erfahrungen damit gemacht, der Marktwirtschaft eine starke soziale Komponente hinzuzufügen. Wir haben dafür einen Begriff: Soziale Marktwirtschaft. Dieses Denken ist auch in Indien beheimatet. Ich wünsche Ihnen in der künftigen Entwicklung gute Fortschritte auf dem Weg, diese Komponente des Wirtschaftens miteinander auszuprobieren und positiv zu gestalten.

Wie auch immer ein Staat die verschiedenen Interessen austariert – wirtschaftliche Teilhabe ist für mich ein nicht wegzudenkender Pfeiler einer erfolgreichen Demokratie. Politische Teilhabe alleine bringt keinen Wohlstand. Ohne spürbare Verbesserung der Lebensumstände fällt es den Gegnern offener Gesellschaften leichter, gegen diese Stimmung zu machen. Indien hat mit seinen Wirtschaftsreformen von 1991 einen großen Schritt zu mehr wirtschaftlicher Teilhabe gemacht. Die Folgen haben das Land und damit die Welt verändert. Ich kann Sie nur darin bestärken, auch im wirtschaftlichen Bereich weiter auf Teilhabe und auf Offenheit zu setzen.

"Freiheit und Macht bringen Verantwortung" sagte Jawaharlal Nehru am Vorabend der indischen Unabhängigkeit. Unsere beiden Länder, Deutschland und Indien, verfügen über beides: Freiheit wie auch Macht. Beide empfinden sich dabei nicht als global dominierende Supermacht, müssen sich aber ernsthaft fragen: Was wir tun können, um unserer internationalen Verantwortung gerecht zu werden?

Die Ausgangsbasis für gemeinsames Handeln erscheint mir gut: Seit dem Jahr 2000 besteht eine strategische Partnerschaft. Es gibt sie nicht nur auf dem Papier, sondern auch in der Realität. Die Kabinette unserer Länder treffen sich regelmäßig – für uns ein Zeichen gegenseitiger Wertschätzung und Nähe, eine besondere Form der Partnerschaft, die wir nur mit ganz wenigen Ländern außerhalb Europas unterhalten.

Ich bin mir der unterschiedlichen Größe unserer Länder wohl bewusst. Aber ich spreche nicht nur als Deutscher, sondern implizit auch als Europäer. Und als Europäer sage ich: Deutschland akzeptiert in diesem enger zusammenwachsenden Kontinent seine Verantwortung für das Wohlergehen Europas und es spielt eine zentrale Rolle bei der Lösung der europäischen Krise. Wir sind uns dieser Verantwortung bewusst. Wie die Inder verstecken auch wir Europäer unsere Probleme nicht vor der Außenwelt. Wir reden nichts schön. Aber zugleich möchte ich Sie bitten: Lassen Sie sich nicht täuschen von Schwarzmalerei auf diesem Gebiet.

Sehen Sie Europa nicht ausschließlich durch die Brille der Euroskeptiker, auch wenn die schönsten Werke der apokalyptischen Prognostik derzeit in englischer Sprache erscheinen. Europa hat durch diese Krise die Möglichkeit, sich neu zu orientieren. Irland zum Beispiel ist das erste Euroland, das von der Europäischen Union und dem Internationalen Währungsfonds mit Krediten gestützt wurde, und nun an den Markt zurückgekehrt ist. Andere Länder werden folgen.

Europa ist auf einem guten Weg. Und wir halten entschlossen an der gemeinsamen europäischen Währung fest. Wir sehen gerade in dieser Zeit, wie unausgewogen und fragil die weltwirtschaftliche Entwicklung weiterhin ist. Ob Europa oder Indien: Statt vorschnell Schlüsse aus Krisensymptomen zu ziehen, sollten wir strukturelle Probleme und deren Ursachen vielmehr nüchtern analysieren. Wir erfahren in diesen Jahren aufs Neue, wie schwierig es ist, Reformen durchzuführen. Sie benötigen politischen Willen, sie benötigen gesellschaftliche Akzeptanz und auch Zeit, um wirken zu können. Gerade demokratisch verfasste Gesellschaften sind es gewohnt, zwischen unterschiedlichen Gruppen zu moderieren und Kompromisse auszuhandeln. Das scheint zwar zunächst den Reformprozess zu verzögern, hilft aber, ihn dann später in der Gesellschaft zu verankern.

Auch Sie in Indien haben diesen Erfahrungsschatz, Veränderungen und Reformen im demokratischen Diskurs durchzusetzen. Wir alle wissen, dass auch Indien vor weiteren großen wirtschaftlichen Herausforderungen steht, dass noch viel mehr zu tun ist für eine gesunde Wirtschaft, solide Finanzen und eine stabile Währung.

Jedes Land sollte seinen Beitrag leisten, um strukturelle Schwächen zu überwinden und eine stabile wirtschaftliche Entwicklung zu fördern. Deutschland tritt in den internationalen Gremien wie der G20 und dem Internationalen Währungsfonds für eine konsequente Stabilitätspolitik ein. Indien hat in den letzten Jahrzehnten bedeutende Fortschritte gemacht und ich bin gewiss, dass Indien seinen Kurs der Modernisierung fortsetzen kann.

Meine Zuversicht beruht auf der Überzeugung, dass Offenheit, Teilhabe im Innern und Demokratie die Voraussetzungen für Entfaltung und Fortschritt sind. Diese Prinzipien sollten wir daher auch als Grundpfeiler der internationalen Ordnung vertreten.

Ich freue mich, dass wichtige indische Denker, zum Beispiel der Nobelpreisträger Amartya Sen, auf die indischen Wurzeln von Selbstverwaltung, Mitbestimmung und auch Gewaltenteilung hinweisen. Demokratie hat weltweit viele Gesichter. Demokraten eint der Grundgedanke mündiger Menschen, ihr Schicksal selber in die Hand zu nehmen und das Schicksal ihrer Nation mitbestimmen zu wollen und zu können. Ich begrüße es, wenn Indien sich international zu seinen Werten bekennt und jenen entgegentritt, die Demokratie ausschließlich als "westliche", irgendwie fremde Idee bezeichnen. Indische Denker haben sich an der Formulierung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte beteiligt. Eine Erklärung, die uns doch bis heute alle verpflichtet.

Wie können wir also Demokratie und Menschenrechte weltweit unterstützen? Ich habe großes Verständnis dafür, dass Indien angesichts seiner kolonialen Erfahrung ein sehr feines Gespür dafür hat, wenn im Namen von Werten anderen Ländern der eigene Wille aufgezwungen werden soll. Gleichzeitig sehen wir aber seit Jahrzehnten, dass Diktatoren oder autoritäre Herrscher mit dem Verweis auf die angeblich "westliche" Herkunft der Menschenrechte deren universelle Geltung relativieren oder gar negieren. Unsere beiden Nationen könnten daher gemeinsam noch mehr darüber nachdenken, wie global für Demokratie und die Universalität der Menschenrechte geworben werden könnte, auch darüber, wie wir denjenigen den Rücken stärken, die oft unter Einsatz des eigenen Lebens für das kämpfen, was Bürgerinnen und Bürger unserer Länder für selbstverständlich halten dürfen. Und schließlich darüber, wie diese Standards aufrechterhalten werden können, und zwar nicht nur, wenn es realpolitischen Interessen dient. Ich weiß, das schafft bei der Begegnung mit so manchen Staatenlenkern auch Probleme. Aber die jahrzehntelange Erfahrung der Menschen, die im Herrschaftsbereich des Sowjetkommunismus gelebt haben zeigt mir, wie wichtig die moralische Unterstützung für diejenigen ist, die sich für Freiheit einsetzen auch in Ländern, wo das nicht zum Prinzip der Gesellschaft gehört.

Mit großem Interesse beobachte ich die Entwicklung der Gruppe der BRICS-Länder. Es ist schon erstaunlich, wie aus der Wortschöpfung eines einzelnen britischen Analysten bei einer amerikanischen Bank eine weltumspannende politische Gruppierung werden konnte, deren Klebstoff bisweilen nicht etwa ähnliche Interessen, sondern die Kritik an bestehenden globalen Institutionen zu sein scheint. Aber selbst darin sind sich die Länder nicht einig – ich denke da nur an die Reform des Sicherheitsrates.

Ich kann die Kritik an den überkommenen Strukturen gut verstehen. Aber wäre es nicht besser, gemeinsam das globale Haus so umzubauen, dass sich möglichst alle darin wohlfühlen können, als nebenan ein neues Haus zu bauen?

Der Umbau dieses globalen Hauses wird von den Architekten und Handwerkern aller Seiten Kompromisse erfordern. Beim Design werden Deutschland und Indien eine wichtige Rolle spielen können. Ich möchte drei Bereiche nennen: Sicherheit, Entwicklung und Klimaschutz.

Deutschland engagiert sich im Rahmen der Vereinten Nationen weltweit für Sicherheit. "Den Weltfrieden und die internationale Sicherheit zu wahren", so wie es in Artikel 1 der Charta der Vereinten Nationen heißt – dieses Ziel unterstützen wir derzeit als drittgrößter Beitragszahler und Truppensteller.

Das indische Engagement bei Friedensmissionen der Vereinten Nationen ist ebenfalls signifikant. Immer wieder sind Opfer zu beklagen, jüngst im Südsudan, wo drei indische Soldaten der dortigen VN-Mission getötet wurden. Diese jungen Männer haben im Einsatz weit ab der Heimat den höchstmöglichen Preis für den Frieden bezahlt. Angesichts der Tatsache, dass Indien sich in einem wesentlich unsicheren Umfeld als Deutschland befindet, nötigt mir dieser Einsatz großen Respekt ab.

Konflikte zwischen Staaten sind in der heutigen Welt nur ein Teil dessen, was wir als Bedrohung von Frieden und Sicherheit sehen können. Viele Konflikte spielen sich innerhalb von Staaten ab. Da gibt es Übergriffe staatlicher Sicherheitskräfte, aber genauso Menschenrechtsverletzungen nichtstaatlicher Akteure.

Jede Situation ist anders und muss eigenständig betrachtet werden. Mir ist klar, dass neue Konzepte wie die globale Schutzverantwortung noch nicht ausgereift und auch deshalb nicht überall akzeptiert sind. Wir befinden uns im Spannungsfeld zwischen Wollen und Können, zwischen Realpolitik und Doppelstandards. "Responsibility to Protect" darf kein Vorwand für einen neuen Interventionismus sein. Andererseits wächst in der globalisierten Welt die Verantwortung aller – es gibt keine weißen Flecken auf der Landkarte mehr, wenn Menschenrechte massiv verletzt werden.

Es wäre schön, wenn auch indische Experten sich stärker in die Diskussionen darüber einbringen würden, was die internationale Gemeinschaft schon im Vorfeld von Krisen gemeinsam tun könnte, damit es gar nicht erst zur Eskalation kommt. Je größer der internationale Konsens ist, desto wirksamer können wir Regierungen an ihre Schutzverantwortung gegenüber der eigenen Bevölkerung ermahnen.

Auch zu Hause in Deutschland werbe ich dafür, dass Deutschland verstärkt Verantwortung in der Welt übernehmen möge. Deutschland und Indien teilen die Hoffnung auf eine Reform des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen. Das Gremium sollte die Realitäten der heutigen Welt widerspiegeln, nicht die von 1945. Es wäre für die Legitimität der Vereinten Nationen ein wichtiges Zeichen, spätestens zum Zeitpunkt ihres 70. Jubiläums hier endlich voranzukommen.

Kommen wir zum zweiten Punkt: Entwicklung. Die indische Regierung weist mich auf die weiterhin enormen Herausforderungen bei der Armutsbekämpfung hin. Bei meinem Aufenthalt werde ich mir die Zeit nehmen, um einen Eindruck vom Leben außerhalb der großen Städte zu bekommen. Die Berichte und Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Knapp 70 Prozent der Inder leben laut Weltbank von weniger als zwei Dollar am Tag. Im Globalen Hungerindex, der sich mit Unterernährung bei Erwachsenen und Kindern sowie mit Kindersterblichkeit beschäftigt, wird die Lage Indiens als "sehr ernst" eingestuft.

Daher ist es nur zu verständlich, dass für Indien die Rahmenbedingungen für Entwicklung und Armutsbekämpfung eine zentrale Rolle spielen. Deutschland ist einer der wichtigsten Geber weltweit – nur die USA und Großbritannien leisten höhere Beiträge. Ohne jeden Zweifel werden wir uns auch weiterhin in der Entwicklungszusammenarbeit engagieren. Wir werden auch unsere bilaterale Kooperation mit Indien fortsetzen. Deutschland ist zweitgrößter bilateraler Geber nach Japan. Dazu kommen die deutschen Beiträge zu Programmen der Europäischen Union. Der neue Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung begleitet mich auf dieser Reise – ein Zeichen dafür, wie wichtig uns die Zusammenarbeit mit Indien ist.

Damit Indien sich entwickelt, ist internationaler Handel wichtig, wichtiger noch als Transferleistungen. Es ist ermutigend zu sehen, dass die Ministerkonferenz der Welthandelsorganisation nach langem Stillstand endlich wieder zu einem Ergebnis gefunden hat. Unsere Länder sollten in weiteren Runden darauf hinwirken, den Welthandel weiter so zu gestalten, dass auch unterschiedlichen Interessen Rechnung getragen wird. Wichtig sind transparente, faire und im Zweifel auch einklagbare Normen, denen sich alle Beteiligten unterwerfen. Unser gemeinsames Ziel sollte ein offenes Handelssystem mit freiem Zugang zu Ressourcen für alle beteiligten Akteure sein, keine Aufteilung in exklusive Interessensphären.

Was Exporte und Importe angeht, schaut Indien verstärkt nach Osten. Das ist selbstverständlich angesichts der möglichen Zuwächse. Gleichzeitig ist die Europäische Union nach den Vereinigten Arabischen Emiraten weiterhin Indiens wichtigster Außenhandelspartner. Wäre es da nicht angebracht, auch dem Freihandelsabkommen mit der Europäischen Union neuen Schwung zu verleihen? Mich begleitet auf dieser Reise eine hochrangige Wirtschaftsdelegation. Das Interesse der deutschen Wirtschaft an Indien ist groß, es gibt auch viele traditionelle Verbindungen. Wir haben noch viel gemeinsames Potential. Aber um dieses Potential vollends auszuschöpfen, hoffen wir auf einen gestärkten Standort Indien. Die Unternehmen schauen doch bei ihrem Engagement genau auf die Größe des Marktes und auf die Produktionskosten, gleichzeitig aber auch auf Rechtssicherheit, Patentschutz und transparente Verwaltungsverfahren.

Nun zum dritten Thema: dem Klimaschutz. Die möglichen Folgen der Erderwärmung bedrohen die Menschen in Indien sehr unmittelbar. Kaum auszudenken, was geschieht, wenn die Zahl der Überschwemmungen und Dürren weiter zunimmt. Schon heute sind sie eine bittere Realität für viele Inderinnen und Inder. Die Hauptverursacher des Klimawandels sind – historisch gesehen – nicht in Indien zu suchen, aber Indiens Emissionen fallen dennoch weltweit ins Gewicht. Und sie werden wachsen. Angesichts der großen Herausforderungen Indiens bei der Armutsbekämpfung habe ich Verständnis dafür, dass Indien sich bei seiner wirtschaftlichen Entwicklung keine zu engen Fesseln anlegen möchte. Aber ein international verbindliches System wird nicht ohne die Beteiligung Ihres Landes erfolgreich sein können. Es weist weltweit die dritthöchsten Emissionen aus. Die Welt kann den Klimawandel nur dann einigermaßen in Grenzen halten, wenn es verbindliche Regeln für alle gibt. Es ist deshalb ungemein wichtig, dass wir uns hier gemeinsam um Lösungen bemühen. Und ich bin auch dankbar, dass unsere Entwicklungszusammenarbeit sich auf diesem Gebiet wichtige und ambitionierte Ziele gesetzt hat.

Deutschland geht als hochindustrialisiertes Land einen ambitionierten und schwierigen Weg, indem es mittelfristig auf Kernenergie verzichten und zugleich den Schadstoffausstoß deutlich verringern will. Manche außerhalb unserer Grenzen kritisieren diesen Schritt. Wir meinen aber: Nachhaltiges Wirtschaften und Wachstum müssen sich nicht ausschließen – im Gegenteil, wir sehen darin ein Erfolgsrezept für die Zukunft. Schon heute schafft der Sektor viele Arbeitsplätze. Erneuerbare Energien und Energieeffizienz sind eine wichtige Komponente des im Rahmen meines Staatsbesuchs abgeschlossenen indisch-deutschen Abkommens zur Entwicklungszusammenarbeit. Es bietet Indien die Chance, heute Fehler zu vermeiden, die Andere im Umgang mit Ressourcen früher gemacht haben. Die Kreativität und Schaffenskraft der besten Köpfe aus unseren Ländern können dazu beitragen, dass das umgebaute globale Haus, von dem ich eingangs sprach, nach Passivenergiestandard errichtet wird.

Ich bin erst spät in meinem Leben zu politischen Ämtern gekommen und deshalb bin ich stark von anderen Erfahrungen, als denen der Demokratie geprägt. Wenn ich beobachte, dass Innen- wie Außenpolitik heute nicht nur von staatlichen Akteuren gestaltet werden, dann gefällt mir daran, dass Bürgerinnen und Bürger die Freiräume nutzen, um sich für ihre Vorstellungen einer gerechteren und besseren Welt einzusetzen. Die Menschen, die als zivilgesellschaftliche Akteure mitmachen, sind für mich essentieller Teil jeder gelebten Demokratie. Mir gefällt es ebenso, wenn engagierte Menschen über Landesgrenzen hinweg Kontakte aufbauen, Vorurteile abbauen und Allianzen schmieden, zum Beispiel zum Schutz des Klimas. Das Wohlergehen der Welt ist zu wichtig, um es ausschließlich in die Hände der Regierenden zu legen.

Wir begegnen uns heute in einer Universität. Studentinnen und Studenten waren immer schon wichtige Kraftquellen nationaler Veränderungen. Durch die weltweite Vernetzung können sie auch international wichtige Impulse geben. Ganz gleich ob später in einem Regierungsamt oder als engagierte Bürger, an der Verbesserung und Renovierung des globalen Hauses können Sie alle mitwirken, auch ohne Architektur studiert zu haben. Ich bin überzeugt, viele gemeinsame deutsch-indische Bauteile werden diesem Haus sehr gut tun.