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Konferenz zur beruflichen Bildung in der Republik Indien

Bundespräsident Joachim Gauck bei der Konferenz von Infosys und der Bertelsmann-Stiftung Bangalore, 7. Februar 2014 Staatsbesuch des Bundespräsidenten in der Republik Indien - Austausch bei der Konferenz von Infosys und der Bertelsmann-Stiftung © Guido Bergmann

Ich freue mich, dass ich bei meinem ersten Besuch in Indien hierher, nach Bangalore, kommen konnte. Hier in der Region mit ihrer hochentwickelten IT-Branche und ihrer Hightechindustrie kann ich hautnah erleben, dass dieses Land mit seinen uralten Kulturen auch ein Land der Zukunftstechnologien ist. Zukunftsfähig wird eine Gesellschaft aber nur, wenn sie in die Ausbildung junger Menschen investiert. Die Wertschätzung handwerklicher Berufe ist in Deutschland eine alte Tradition – "Handwerk hat goldenen Boden" hieß es schon im Mittelalter. Viele Berufe haben sich in der industriellen Moderne dann grundlegend verändert, viele neue sind dazugekommen. Der Respekt vor solider Ausbildung und strikten Qualitätsstandards hat sich aber bis in die Gegenwart erhalten.

Auch die Kenntnisse deutscher Facharbeiter, und nicht nur seiner Diplomingenieure, begründen Deutschlands Industriegesellschaft und Deutschlands Erfolg. Darauf sind wir auch ein wenig stolz. Wer heute in Deutschland jung ist, hat gute Chancen im Beruf, nicht nur in den Großstädten. Die Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland ist nicht zufällig geringer als in den meisten anderen Staaten Europas. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Ein Grund ist das Ausbildungssystem, jenes duale System, mit dem Sie sich auf dieser Konferenz dankenswerterweise beschäftigt haben.

Das duale System hat Vorteile für Unternehmen und für Auszubildende. Die Unternehmen können genau diejenigen Fähigkeiten vermitteln, die sie in der Unternehmenspraxis benötigen. Und sie lernen Menschen kennen, die zukünftig ihre Mitarbeiter werden könnten. Die Auszubildenden müssen nichts für ihre Ausbildung bezahlen – im Gegenteil, sie verdienen Geld während sie lernen. Zugleich verbessern sie ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

Am Ende wird daraus auch ein Vorteil für die Volkswirtschaft, der passgenau ausgebildete Fachleute zur Verfügung stehen. Der größte Teil der Kosten für die Berufsausbildung junger Menschen wird in Deutschland von den Unternehmen selbst getragen. Das sind rund 27 Milliarden Euro. Der Staat zahlt nur drei Milliarden Euro aus seinem Bildungsetat.

Wenn ich im Ausland bin, werde ich gelegentlich gefragt: Wie ist es möglich, dass der Staat hier nur eine so kleine Rolle spielt? Nun, die Ausbildung ist Teil eines größeren Systems. Sie ist eingebettet in die Organisation unseres Wirtschaftslebens. Drei prominente Merkmale möchte ich heute herausgreifen, alle drei sind wichtig für die betriebliche Ausbildung.

Erstens: die Übernahme von Verantwortung durch die Wirtschaft. Die historisch gewachsene Selbstverwaltung der Wirtschaft ist ein zentraler Erfolgsfaktor. Hinzu kommt das Engagement einzelner Firmen: Ausbildungsplätze werden nicht vom Staat zugeteilt, sondern von Unternehmen vergeben. Die Unternehmen investieren üblicherweise dort, wo sie zukünftige Geschäftsfelder und Gewinne erwarten. Das gilt eigentlich auch für die Ausbildung – und deshalb wird vor allem dort ausgebildet, wo es gute Zukunftschancen gibt.

Damit unser System funktioniert, muss die Wirtschaft bereit sein, Verantwortung über den eigenen Betrieb hinaus zu übernehmen. Natürlich zielen die Unternehmen darauf, Gewinne zu machen. Aber sie wissen auch, dass es sich meist lohnt, auf kurzfristige Gewinnmaximierung zu verzichten, wenn damit die Aussicht auf langfristig stabile Einnahmen verbunden ist.

Die Präferenz für längerfristiges Denken zeigt sich in der deutschen Wirtschaft auch in der sogenannten Sozialpartnerschaft. Natürlich wird auch in Deutschland zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern gestritten, manchmal heftig. Trotzdem gilt für beide Seiten, dass sie das Wohlergehen des Unternehmens nicht aus dem Auge verlieren wollen. Das hat unseren Firmen auch geholfen, recht gut durch die jüngste Krise zu kommen.

Das führt mich zum zweiten Merkmal der Wirtschaftslandschaft: dem weitgehenden Konsens vieler Akteure, dass es sich für alle lohnt, bei der Ausbildung über den eigenen Betrieb hinauszudenken. Zwar bildet jedes Unternehmen selbst aus, aber der gesamte Ausbildungsgang folgt einem gemeinsamen Standard. Nur so ist zu gewährleisten, dass die Arbeitnehmer später den Arbeitgeber wechseln können. Damit bildet das einzelne Unternehmen nicht nur für sich selbst aus, sondern auch für den Wettbewerber. So steht allen Unternehmern ein Pool von gut qualifizierten Fachkräften zur Verfügung.

Der Staat bringt sich ebenfalls ein, zum Beispiel durch die Finanzierung von Berufsschulen. Hier zeigt sich: Die Verbindung aus staatlichen und privaten Elementen bringt einen erheblichen Mehrwert.

Und drittens sind es in Deutschland nicht nur Abschlüsse von Hochschulen, die zählen. Natürlich schauen auch in Deutschland viele Menschen voller Ehrfurcht auf den Doktortitel. Und natürlich braucht Spitzentechnologie akademisch ausgebildete Spezialisten und Führungskräfte. Gleichwohl, handwerkliche und technische Berufe erfreuen sich auch ohne Universitätsausbildung hohen Respektes. Und diese duale Ausbildung ohne Universitätsabschluss gibt einer Vielzahl von Menschen wirtschaftliche und soziale Sicherheit. Zudem ist dieser Ausbildungsweg der Start in eine Berufslaufbahn, die bis an die Spitze großer und größter Unternehmen führen kann. Dafür gibt es genug lebendige Beispiele.

Wenn wir über das Problem der Implementierung der dualen Ausbildung sprechen, haben wir es oftmals auch mit verfestigten Mentalitäten zu tun. Bei meinen Besuchen im Ausland ist mir oft gesagt worden: Ja, bei Euch gilt der Handwerksmeister halt etwas, aber bei uns gilt nur der akademische Abschluss etwas. Deshalb braucht eine Gesellschaft auch Zeit, dieses Ausbildungsmodell als etwas Gleichwertiges zu akzeptieren. Aber die Zeit ist reif, und besonders auf einem Arbeitsmarkt wie hier.

Ich bin bei Reisen ins Ausland auf viel Interesse für dieses Ausbildungssystem gestoßen, sei es in Europa oder im fernen Lateinamerika. Die deutsche und die indische Regierung haben schon vor fünf Jahren vereinbart, bei der beruflichen Bildung eng zusammenzuarbeiten. Und das, finde ich, ist ein besonders gutes Feld für eine Zusammenarbeit. Die heutige Konferenz belegt das Interesse der indischen Seite. Auch die deutschen Unternehmer, die mich begleiten, kennen dieses Interesse. Ich freue mich daher, dass auch Professor Ludwig Georg Braun dabei ist, der Ehrenpräsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags, also einer jener Institutionen, die für den Erfolg der dualen Ausbildung "Made in Germany" verantwortlich sind.

Bei meinen Gesprächen in Neu-Delhi wurde ganz klar, dass Indien vor einer großen Herausforderung steht: es wird auch in den kommenden Jahren eine der jüngsten Bevölkerungen der Welt haben. Monat für Monat strömen etwa eine Million junger Menschen neu auf den indischen Arbeitsmarkt und suchen dort nach Perspektiven. Die indische Regierung hat sich daher das sehr ehrgeizige Ziel gesetzt, in acht Jahren 500 Millionen Menschen eine berufliche Qualifikation zu ermöglichen.

Deutsche und indische Akteure wollen auf diesem Feld aktiv sein und sie sollen aktiv bleiben. Einige deutsche Unternehmen in Indien, die Deutsch-Indische Handelskammer, und auch einige indische Unternehmen haben schon vor längerer Zeit begonnen, Ausbildungen anzubieten. Sie sind damit sehr erfolgreich. Ich freue mich, gleich im Anschluss an diese Konferenz hier in Bangalore zwei Unternehmen zu besuchen, die in besonderer Weise für Hightech "Made in India" und "Made in Germany" stehen – und zwar Infosys und Bosch. Beide Weltfirmen punkten auch mit ihrer Berufsausbildung. Bosch schickt übrigens seine Ingenieure für ein Jahr an die Werkbank. Anders gesagt: Bosch glaubt, dass die rein theoretische Ausbildung "noch keinen Meister macht"!

Wir erklären unser erfolgreiches System der beruflichen Bildung gern im Ausland. Wir haben in jüngerer Zeit sogar verstanden, dass wir damit ein Exportprodukt haben. Anders als manches Industrieprodukt können wir es aber nicht schlüsselfertig in unsere Partnerländer liefern. Die Anpassung an lokale Gegebenheiten ist immer notwendig, das gilt natürlich auch für Indien. Die Anpassung, die Übersetzung in den indischen Kontext, die können alleine Sie hier in Indien übernehmen. Ich glaube, die Chancen dafür stehen nicht schlecht – und mein kurzes Gespräch über den bisherigen Verlauf der Konferenz bestärkt mich in diesem Optimismus.

Indien ist ein Land mit riesigem Potential. Der indische Unternehmergeist wird weltweit respektiert, ja sogar bewundert. Wir haben gesehen, wie privatwirtschaftliche Dynamik das Land seit den Reformen des Jahres 1991 verändert hat. Zu den vielen großen Unternehmerfamilien des Landes, die oftmals weltweit bekannt werden, kommen unzählige neue Unternehmen hinzu. Dass mit Infosys ein Unternehmen – gemeinsam mit einer deutschen Stiftung – Initiator und Gastgeber der heutigen Veranstaltung ist, unterstreicht, dass Firmen in Indien an die Zukunft denken und an das große Ganze.

Und das, lieber Herr Murthy, ist auch ihr Verdienst. Nicht umsonst werden Sie auf der ganzen Welt als einer der herausragenden Unternehmer geschätzt. Und dass die Bertelsmann Stiftung, nicht nur in Deutschland, sondern weit darüber hinaus, auch hier in Indien wirklich segensreich wirkt, das will ich dankbar würdigen und es Ihnen ausdrücklich sagen. Schön, dass ich Sie hier treffen kann und Ihre Aktivitäten würdigen kann, Frau Mohn.

Indien und Deutschland sind natürliche Wirtschaftspartner der Zukunft. Wie gut die Zusammenarbeit schon ist, kann man in vielen Bereichen erkennen. Unzählige Hochschulpartnerschaften existieren. Das Indo-German Technology Center in Chennai und das im September 2012 eröffnete Deutsche Wissenschafts- und Innovationshaus in Neu-Delhi belegen das. Die akademische Zusammenarbeit ist hervorragend – warum sollte uns das nicht auch beim dualen System gelingen?

Die Konferenz ist ein wichtiger Schritt dazu. Sie basiert auf zwei Faktoren, die die duale Ausbildung in Deutschland erfolgreich machen: private Initiative und Zusammenarbeit vielfältiger Partner. Ich wünsche allen Beteiligten, dass die vielen guten Impulse weiterverfolgt werden können und danke Ihnen für diese Initiative.