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Empfang in der Republik der Union Myanmar

Bundespräsident Joachim Gauck bei der Unterzeichnung des Abkommens über die Reduzierung und Umschuldung der Auslandsschuld der Republik der Union Myanmar Naypyidaw, 10. Februar 2014 Offizieller Besuch in der Republik der Union Myanmar - Abkommensunterzeichnung über die Reduzierung und Umschuldung der Auslandsschuld der Republik der Union Myanmar © Guido Bergmann

Gleich nach meiner Ankunft gestern in Rangun habe ich einen kleinen, aber bewegenden Eindruck von der Schönheit Ihres Landes bekommen, von seiner Vielfalt und seinen Traditionen: Ich konnte die wunderbare Shwedagon Pagode im Abendlicht bewundern.

Wenn ich nun auf das Gemälde hier im Saal blicke, ahne ich, was ich bei meinem Besuch in Myanmar alles nicht sehen werde: den Mount Popa etwa mit seinem Kloster, oder Bagan mit seinen tausenden von Pagoden und Stupas. Aber ich bin – im Wissen um die große Vergangenheit Ihres Landes – vor allem gekommen, um zu würdigen, was gegenwärtig hier geschieht. Und um Ihnen zu sagen: Sie können in Zukunft auf Deutschland zählen, wenn Sie den begonnenen Weg fortsetzen!

"Wieder auf Deutschland zählen" – sollte ich korrekter sagen. Denn mit diesem Besuch knüpfen wir die Bande zwischen unseren Ländern ja keineswegs neu, sondern wir knüpfen an: Vor genau 60 Jahren nahmen unsere Länder diplomatische Beziehungen auf. Über Jahrzehnte hinweg haben wir ein enges und gutes Verhältnis miteinander gepflegt. 1986 war einer meiner Vorgänger, Richard von Weizsäcker, bei Ihnen, wenige Jahre bevor die friedliche Freiheitsrevolution es Deutschland erlaubte, endlich wieder eins zu werden – und Ostdeutschen wie mir, nach Jahrzehnten der Diktatur, endlich wieder Bürger zu sein.

Nun finden wir auch Ihr Land in einer historischen Transformation. Deutschland und die internationale Gemeinschaft verfolgen die Veränderungen in Myanmar mit großer Sympathie und Aufmerksamkeit. Die Waffenstillstandsvereinbarungen mit nahezu allen Minderheiten in Ihrem Land, die Freilassung von politischen Gefangenen, die Zulassung ehemals verbotener Parteien zu Wahlen, die begonnene Verfassungsreform – all das sind Zeichen dafür, wie ernst es Ihnen ist mit dem Reformprozess, den Sie, Präsident Thein Sein, angestoßen haben. Er wurde möglich, weil Regierung und Opposition konstruktiv zusammengearbeitet haben. Das mag bisweilen nicht einfach sein – ist aber ein guter Weg in eine bessere Zukunft.

Sie wissen weit besser als ich, wie groß die Herausforderungen sind, die auf diesem Weg noch vor Ihnen liegen. Sie wissen auch, dass ein Waffenstillstand allein nicht ausreicht, um Frieden zu schaffen. Ich will nicht verschweigen, dass mich die Berichte über die Ausschreitungen im Rakhine State besorgen, genauso die weiterhin ungeklärte rechtliche Lage der Rohingyas. Die gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Buddhisten und Muslimen bringen Leid und Unglück. Viele Konflikte, die jahrzehntelang unterdrückt wurden, treten jetzt zu Tage. Erfahrungen aus anderen Ländern zeigen, wie wichtig es ist, die verschiedenen Parteien in solchen Konflikten zusammenzubringen, auf dass sie miteinander reden, einander zuhören und um Wahrheit und um Kompromisse ringen. "Versöhnung" mag ein großes Wort sein. Bevor sie Wirklichkeit wird, lohnt es sich, für ein Miteinander der Verschiedenen in Form einer friedlichen Koexistenz zu arbeiten.

Deutschland möchte Myanmar auch bei diesem schwierigen Weg unterstützen. Mit meinem Besuch und den Abkommen, die wir gerade unterzeichnet haben, kann ein neues Kapitel in unseren Beziehungen beginnen. An Themen fehlt es nicht. Und die Beziehungen zwischen zwei Ländern beschränken sich auch nicht auf offizielle Besuche auf Regierungsebene. Ich wünsche mir Austausch zwischen Bürgerinnen und Bürgern, zwischen Studierenden und Hochschulen, Gewerkschaftern und Unternehmern, Vertretern von Glaubensgemeinschaften und Künstlern. Kurzum: Die verschiedensten Gruppen aus unseren beiden Gesellschaften sollten dieses neue Kapitel in unseren Beziehungen schreiben.

Ein Kulturabkommen haben unsere Länder schon im vergangenen Jahr geschlossen – morgen Nachmittag besuche ich in Rangun das neue Goethe-Institut in seiner historischen Residenz. Ebenfalls morgen werde ich das neue Delegiertenbüro der Deutschen Wirtschaft eröffnen. Das Interesse der deutschen Unternehmen ist sehr groß – wie groß, das können Sie erkennen, wenn Sie sich hier im Saal umblicken: Eine hochkarätige Wirtschaftsdelegation begleitet mich.

Das alles stimmt mich zuversichtlich. Hier kann etwas Gutes beginnen. Lassen Sie uns nun gemeinsam das Glas erheben: Auf das Wohl von Präsident Thein Sein und seiner Gattin Khin Khin Win – auf einen erfolgreichen Wandel Ihres Landes und auf ein neues, fruchtbares Kapitel in der Geschichte unserer beider Länder!