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Rede an der Universität von Rangun

Bundespräsident Joachim Gauck hält eine Rede vor Studenten der Universität Rangun Rangun, 11. Februar 2014 Offizieller Besuch in der Republik der Union Myanmar - Rede des Bundespräsidenten vor Studenten an der Universität Rangun © Guido Bergmann

Nun stehe ich vor Ihnen – und bin ergriffen von Ihrer Gastfreundschaft, von der Schönheit Ihres Landes, von der Vielfalt der Menschen, Landschaften und Traditionen, vom Reichtum Ihrer Kultur und von den tausenden Jahren Geschichte, auf denen sie ruht.

Vor allem aber bin ich bewegt von der Aufbruchsstimmung, die mir hier begegnet – in den Gesprächen, die ich führe, und an den Orten, die ich besuche. Darum freut es mich besonders, hier an dieser Universität zu Ihnen zu sprechen. Hier lernten viele, die später für Freiheit und Selbstbestimmung eintraten. Hier keimte immer wieder der Widerstand – zunächst gegen die koloniale Herrschaft, später dann gegen die Militärdiktatur.

Unvergessen der Mut der Studierenden und der vielen anderen, die sich 1988 der großen Volkserhebung anschlossen und sich gegen das Regime stellten. Unvergessen ihre Hoffnungen und Sehnsüchte. Unvergessen auch die brutale Reaktion der damaligen Machthaber, die Trauer um die Ermordeten, das Leid der Verschleppten und ihrer Angehörigen.

Wer hätte vor ein paar Jahren gedacht, dass es möglich sein würde, öffentlich an diesen Aufstand zu erinnern, so wie es im vergangenen Jahr, zum 25. Jahrestag, geschah? Inzwischen gibt es viele solcher Zeichen des Wandels in Myanmar – in Deutschland und Europa verfolgen wir sie mit Spannung und Sympathie.

Wir haben aufmerksam registriert, dass Ihre Regierung unter Präsident Thein Sein fast alle politischen Gefangenen freigelassen hat, dass Abgeordnete der einst verbotenen NLD und ihre Generalsekretärin, Daw Suu Kyi inzwischen im Parlament vertreten sind. Zu meiner großen Freude konnte ich sie zweimal treffen. Es ist gut, dass es nun Waffenstillstandsvereinbarungen mit fast allen ethnischen Minderheiten gibt, dass Menschen, zwischen denen lange Jahre Schweigen oder gar Gewalt herrschte, gemeinsam am Verhandlungstisch Platz nehmen. Weil sich die Pressefreiheit entwickelt hat und die öffentliche Meinung ein bedeutender politischer Faktor geworden ist, können Sie Ihre Regierung an deren eigenen Verpflichtungen messen – etwa an dem Versprechen, Zwangsarbeit und die Rekrutierung von Kindersoldaten zu beenden. Alle Veränderungen öffnen Ihr Land auch für Investitionen und Unternehmergeist und damit für die so nötigen materiellen Verbesserungen.

Wenn ich sage: Aufbruchsstimmung ist es, die mich vor allem bewegt hat und mich veranlasst hat, zu Ihnen zu kommen, so hat das einen ganz persönlichen Hintergrund. Ich bin hier als Präsident der Bundesrepublik Deutschland. Ich bin auch hier als Deutscher, der zwei Drittel seines Lebens in dem Teil seines Landes verbracht hat, in dem Unfreiheit und Unrecht herrschten. Ich habe als Kind zum Beispiel erlebt, was es bedeutet, wenn ein geliebter Mensch unschuldig verhaftet wird, verschwindet und erst nach Jahren zurückkehrt, an Körper und Seele gezeichnet. Ich kenne also die Sehnsucht, frei von Angst und Willkür zu leben, das Leben selbst und in Verbundenheit mit anderen gestalten zu dürfen. Und vor allem werde ich mich immer an den Moment erinnern, in dem die Menschen in meiner Heimat ihrer Angst "Adieu" gesagt haben, in dem sie beschlossen, ihre Geschicke selbst in die Hand zu nehmen. Im kommunistischen Osten Deutschlands hat im Herbst 1989 eine rasch anwachsende Demokratiebewegung nichts weniger als eine friedliche Revolution zustande gebracht. Der Moment der Befreiung hat enorme Kräfte freigesetzt. Diese Kräfte sehe ich auch hier in Myanmar und wünsche sie Ihnen, den Menschen in Myanmar, auch weiterhin!

Die Transformation vom Untertanen zum Bürger, vom autoritären zum demokratischen Staat, vom Militärischen zum Zivilen ist schwierig. Ihr Land hat innerhalb kurzer Zeit einen langen Weg zurückgelegt. Aber es liegt auch noch eine Strecke vor Ihnen. Hindernisse werden sich auftun. Denn die Veränderung hat Schwestern: sie heißen Angst und Abwehr. Konflikte, die vorher unterdrückt waren, müssen jetzt offen ausgetragen werden.

Das sagt sich leicht dahin – und ist doch unendlich schwer in einem Land mit so vielen Minderheiten und unterschiedlichen Religionen, vor allem aber mit einer so langen Geschichte von Krieg und Gewalt, Unterdrückung und Vertreibung. Viele Familien und Dorfgemeinschaften haben über Generationen nichts anderes erlebt. Keine staatliche Macht kann das mit einem Federstrich ändern. Toleranz und ein respektvolles Miteinander entstehen nicht auf dem Wege der Verordnung.

Aber ein Staat kann und muss einen Rahmen schaffen, in dem sich alle Bürgerinnen und Bürger des Landes gleichermaßen entfalten können und – vor allem – in dem ihre Rechte an Leib und Leben geschützt sind, egal, wie sie heißen oder aussehen, egal, woher ihre Eltern stammen. Er muss ermöglichen, dass jeder frei seine Meinung sagen und sich mit anderen zusammenschließen kann. Dass jeder seinen Glauben leben kann, ob er oder sie Buddhist, Muslim, Christ oder Hindu ist. In Ihrem Land stehen Pagoden und Tempel, Moscheen und Kirchen. Das ist eine Einladung, Vielfalt zu einem Markenzeichen und zu einem Faktor der Stärke Ihres Landes werden zu lassen!

Besorgt bin ich – wie so viele andere –, wenn ich von der andauernden Gewalt zwischen Buddhisten und Muslimen im Land erfahre. Die Rohingyas gehören – wie viele andere Minderheiten – zu Myanmar. Ich begrüße alle Bemühungen, ihnen einen verlässlichen rechtlichen Status und Perspektiven für ein eigenständiges Leben in ihrem Land zu schaffen.

Es gibt durchaus Anlass, zuversichtlich zu sein: Die Vereinbarung zur vorläufigen Einstellung der Kampfhandlungen in Kachin und die Bemühungen um einen landesweiten Waffenstillstand sind ein wichtiges Fundament für einen politischen Versöhnungsprozess, in dem alle Parteien miteinander verhandeln, statt einander zu bekämpfen. Gelungene Friedensverhandlungen sind auch für die Streitkräfte ein Erfolg, die sich dann der Bewahrung der Einheit des Landes widmen können. Das ist übrigens nicht nur im Interesse der Minderheiten, sondern im Interesse aller Myanmarer. Denn Unfrieden und Willkür sind Gift für die Entwicklung des Landes. Erst eine nationale Versöhnung wird den Boden bereiten, auf dem Myanmar blühen kann.

Wir Deutsche werden Sie auf diesem Weg nach Kräften begleiten, wo immer es sinnvoll und möglich ist und wo immer Sie in Myanmar es wollen. Zum Beispiel, wenn es um die Reform Ihrer Verfassung geht. Auch darüber habe ich gestern mit Vertretern der Regierung, dem Präsidenten, der Opposition und vor allem mit den damit befassten Parlamentariern gesprochen. Ich verstehe durchaus, wie schwierig und zugleich wichtig es ist, die Minderheiten stärker einzubinden. Auch die Zukunft des Militärs im Parlament spielte bei meinen Gesprächen eine Rolle. Interessant für Ihr Land dürften unsere Erfahrungen als föderal aufgebauter Staat sein. Aus unserer Sicht ermöglicht diese föderale Staatsform Einheit in Vielfalt.

Wir alle wissen: Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie sind unerlässlich für ein Leben in Würde. Aber sie sind keine Garantie für sofortige wirtschaftliche Verbesserungen – auch wenn gilt: Auf lange Sicht geht es allen besser in einer Gesellschaft, in der nicht Einzelne über den Reichtum des Landes verfügen oder Gesetze machen, sondern alle ihren Teil beitragen und erhalten. Die weitere Bereitschaft zum Wandel in Myanmar wird davon abhängen, ob die Bürgerinnen und Bürger spüren, dass die bisherigen Reformen auch ihre alltäglichen Lebensbedingungen verbessern. Das wissen gerade wir Deutschen gut: Der Wirtschaftsaufschwung im Westen Deutschlands hat nach dem Zweiten Weltkrieg gleichzeitig auch das Vertrauen in die Demokratie gestärkt.

Darum wollen wir Ihr Land auch gern in seiner wirtschaftlichen Entwicklung unterstützen. Ihr Standort könnte günstiger kaum sein, zwischen den beiden bevölkerungsreichsten Ländern der Welt! Es ist gut, dass Sie die rechtlichen Rahmenbedingungen für mehr ausländische Investitionen in Ihrem Land verbessern. Wenn Sie deutsche Unternehmer fragen, worauf sie warten, um in Myanmar zu investieren, dann werden Sie hören: auf eine bessere Infrastruktur, ein moderneres Finanzsystem, vor allem aber auf Rechtsstaatlichkeit und Transparenz.

Ihr Land ist nicht nur reich an Rohstoffen, sondern auch an Talenten – viele sind hier im Hörsaal versammelt. Sie haben eine große Chance: Sie können von den Erfolgen und aus den Fehlern anderer lernen! Was schafft dauerhaft Wohlstand – und nicht nur kurzfristig oder auf Kosten der Zukunft? Wie bewahrt man im Übergang, was bewahrt werden muss – von den natürlichen Ressourcen eines Landes über die kulturellen Schätze bis hin zum sozialen Zusammenhalt?

Wenn heute offen im Parlament diskutiert wird, wenn öffentlich über die finanziellen, sozialen und ökologischen Kosten und Nutzen von Rohstoffabbau oder Großprojekten gestritten wird, dann ist das kein Zeichen von Schwäche, sondern ganz im Gegenteil: Es ist die Stärke einer offenen Gesellschaft. Es zeigt ja auch: Bürgerinnen und Bürger engagieren sich für ihr Gemeinwesen. Sie wollen sich beteiligen. Sie fragen nach dem Sinn von Entscheidungen und nach ihrem Preis. Politikerinnen und Politiker werden sich bei der Vorbereitung von großen Projekten – nicht nur im Bereich der Infrastruktur – stärker erklären und um öffentliche Zustimmung bemühen müssen. Das mag unbequem sein, oft auch langwierig, und manchmal bleibt ein Projekt sogar auf der Strecke. Das ist übrigens bei uns in Deutschland nicht anders! Aber auf lange Sicht ist eine Gesellschaft, die sich auf die kritische Beteiligung aller Bürgerinnen und Bürger stützt, lernfähiger und offener für neue Wege. Und deshalb freue ich mich über meine heutige Begegnung mit Vertretern der Zivilgesellschaft, mit ermächtigten Bürgerinnen und Bürgern. Und so kann ich nur bekräftigen, was der amerikanische Präsident Obama gesagt hat, als er hier vor Ihnen gesprochen hat: Das wichtigste Amt in einer Demokratie ist das des Bürgers!

Was braucht es, um Sie, die Bürgerinnen und Bürger Myanmars, in Ihren Millionen Ämtern zu stärken? Vor allem braucht es Bildung! Schulen, die für alle zugänglich sind, in denen alle Landeskinder ihre Talente entfalten und lernen können, was sie für ein eigenständiges Leben in ihrem Land und in der Welt brauchen. Es braucht Unternehmen, die ihren Teil der Verantwortung dafür übernehmen, dass junge Leute lernen, was sie in ihren Berufen später brauchen. Und es braucht Universitäten, die Sie wieder mit der Welt verbinden, so wie es diese Universität in ihrer Geschichte glanzvoll getan hat. Die Vision, die am Eingang des Gebäudes steht, besagt heute wie damals, worauf es ankommt: "Ein Erziehungssystem zu schaffen für eine lernende Gesellschaft".

Es ist gut, dass Ihr Land zuversichtlich in die Zukunft schaut. Zugleich dürfen wir von niemandem erwarten, das Vergangene und Erlebte einfach abzuschütteln. Es wäre auch gar nicht gut. Wohl die meisten Menschen in Ihrem Land könnten lange Geschichten von Feindschaft und Unterdrückung, von Angst und Schuld erzählen. Viele werden entscheiden müssen, ob und wie sie aufeinander zugehen wollen, ob sie um Vergebung bitten und vergeben wollen, ob sie Schuld und Fehler eingestehen und so neues Vertrauen aufbauen.

Wahrhaftigkeit und Aufklärung sind unverzichtbar für eine gelingende Transformation. Darum freut es mich, dass die Deutsche Welle Akademie dabei ist, zusammen mit anderen europäischen Partnern eine Journalistenschule in Myanmar aufzubauen. Es freut mich, dass unsere politischen Stiftungen mit eigenen Mitarbeitern nach Myanmar gekommen sind, um Sie beim Umbau Ihres Landes mit ihren Erfahrungen zu unterstützen.

Zusammenarbeit ist keine Einbahnstraße. Wir freuen uns, dass Sie umgekehrt Interesse an Deutschland haben. Ich habe mir sagen lassen, dass das neue Goethe-Institut in Rangun schon deutsche Sprachkurse anbietet, obwohl es doch noch gar nicht offiziell eröffnet ist – das ist ein schönes Zeichen! Heute Nachmittag werden wir die Renovierung des Institutes einläuten. Es soll ein würdiger Begegnungsort für alle sein, die sich für den Kulturaustausch interessieren.

Die Bürgerinnen und Bürger von Myanmar haben in ihrer Geschichte vielfach gezeigt: Es ist möglich, nicht den Ängsten zu folgen, sondern den Mut zu wählen. "Angst ist nicht der natürliche Zustand des zivilisierten Menschen" – so hat Aung San Suu Kyi einmal geschrieben, so lebt sie es seit Jahrzehnten vor. Ohne ihren Einsatz und den so vieler anderer mutiger Menschen in allen Teilen Ihrer Gesellschaft wären die bisher angestoßenen Reformen nicht denkbar gewesen. Ich sehe viele junge Menschen hier im Publikum. Sie alle haben nun die wunderbare Aufgabe, diese Freiheit zu nutzen! Trauen Sie Ihren Kräften! Helfen Sie denen, die sich fürchten, im Wandel abgehängt zu werden. Und hören Sie nicht auf jene, die Zwietracht säen, weil sie um ihre Macht, ihre Reichtümer und Privilegien fürchten!

Wie Sie den vor Ihnen liegenden Wandel bewältigen, ist nicht allein für Myanmar wichtig. Wenn es gelingt zu zeigen, wie viel besser es ist, durch das Volk zu regieren statt gegen es, mit Teilhabe statt mit Angst – dann wird das auf Ihre gesamte Region und weit darüber hinaus ausstrahlen. Es wird auch andere Bürgerinnen und Bürger in Asien ermutigen, die ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen wollen. Ich kann Ihnen heute versprechen: Auf Ihrem Weg zu einem friedlichen, rechtsstaatlichen, demokratischen und wohlhabenden Myanmar werden Sie Deutschland an Ihrer Seite haben!