Navigation und Service

Festakt 60 Jahre Yad Vashem

Bundespräsident Joachim Gauck bei seiner Ansprache anlässlich des Festaktes 60 Jahre Yad Vashem und 50 Jahre Ehrung 'Gerechter unter den Völkern' Berlin, 4. März 2014 Festakt 60 Jahre Yad Vashem und 50 Jahre Ehrung "Gerechter unter den Völkern" - Rede in der Deutschen Oper © Sandra Steins

Dies ist für uns alle eine besondere Feierstunde – 60 Jahre nach der Gründung von Yad Vashem und 50 Jahre nach Einführung der Ehrung "Gerechter unter den Völkern". Und diese besondere Veranstaltung, sie ist eine Ehre für unser Land, und es ist wunderbar und großartig, dass wir uns hier in Berlin zu diesem Festakt versammeln können. Allen, die dies ermöglicht haben, allen voran dem Direktorium von Yad Vashem, dem Freundeskreis Yad Vashem und der Deutschen Oper Berlin, mein herzlicher Dank.

Vor knapp zwei Jahren hatte ich die Gelegenheit, Yad Vashem als Bundespräsident zu besuchen. Ich kam dorthin, wo ich Jahre zuvor schon als Bürger zweimal gewesen war – und ich stand wieder in der "Halle der Namen", jenem kreisrunden Raum mit der Kuppel, gefüllt mit hunderten von Fotos: von Frauen, von Männern, von Kindern, Alten und Jungen, orthodoxen, säkularen, getauften oder assimilierten Juden – allesamt Menschen, die ermordet wurden, allein weil sie Juden waren.

Und wie viele, die diesen Raum betreten, wie wahrscheinlich alle, überfiel mich neu das Entsetzen über das, was uns doch häufig nur als nüchterne Zahl oder verallgemeinernde Darstellung begegnet: Sechs Millionen Juden wurden von den Nazis umgebracht, irgendwo verscharrt, in Massengräbern entsorgt, in Krematorien oder Gruben verbrannt. Sie sollten nicht leben – nicht einmal in der Erinnerung.

Es ist das große Verdienst von Yad Vashem, die meisten Ermordeten der Anonymität entrissen zu haben. Vier Millionen haben ihre Namen zurückerhalten, ihre Gesichter, ihre Biografien, ihre Identität als menschliche Wesen. Yad Vashem hat den letzten Wunsch eines Mannes aus Wilna erfüllt, der 1941 in den Tod geschickt wurde: "Ich möchte," – so schrieb er in einem Brief – "dass sich jemand erinnern wird, dass einst ein Mensch gelebt hat, der David Berger hieß."

An keinem anderen Ort der Welt gibt es mehr Fotos, Briefe, Zeugenaussagen von Überlebenden, die dokumentieren, was das nationalsozialistische Deutschland dem jüdischen Volk angetan hat. Es sind Dokumente auf Jiddisch, Hebräisch, Polnisch, Russisch, Ungarisch, Deutsch, Französisch; es sind Zettel, Briefe, Tagebücher, Memoiren; erschütternde Berichte über Hunger, über Ängste, über Erniedrigung, Verzweiflung, aber auch von den seltenen und kostbaren Momenten der Solidarität und der Liebe.

Yad Vashem stützt seine Arbeit auf einen Vers im Buch des Propheten Jesaja: "Und ihnen will ich in meinem Hause und in meinen Mauern ein Denkmal und einen Namen geben (…) der nicht getilgt werden soll". Yad Vashem – "Denkmal und Name" – Gedenken und Erinnern: das war und blieb die Selbstverpflichtung dieser weltweit bedeutenden Stätte des Andenkens und Archivierens, des Erziehens und Forschens, von seiner Gründung 1953 bis heute.

Die Erinnerung an die Shoah ist wesentlicher Bestandteil israelischer Identität geworden – und Yad Vashem zu ihrer zentralen Gedenkstätte. Jedes Jahr findet auf seinem Gelände die Zeremonie anlässlich des Holocaust-Gedenktages statt.

Deutschland ist der Konfrontation mit den Opfern nationalsozialistischer Vernichtungspolitik in der Nachkriegsära weitgehend ausgewichen. Westdeutschland wollte vergessen, Schuld verdrängen, die Vergangenheit unter den Aufbauleistungen des Wirtschaftswunders begraben. Viele, die im NS-Regime Verantwortung getragen hatten, gingen straffrei aus, die meisten der Widerstandskämpfer hingegen galten als Vaterlandsverräter. Und für die Opfer der deutschen Grausamkeiten fehlte damals jedes Mitgefühl.

Wir wissen, wie für viele erst die erschütternden Zeugenaussagen im Eichmann-Prozess in Jerusalem und im Auschwitz-Prozess in Frankfurt die Mauer der inneren Abschottung langsam durchbrachen. Und für viele andere war es letztlich erst der Film "Holocaust", mit der Geschichte der Familie Weiss. In breiten Teilen der Gesellschaft kam da erst Entsetzen, Scham und Anteilnahme auf.

Im anderen Teil Deutschlands, in der DDR, in der ich wohnte, und in anderen sozialistischen Staaten haben die Verdrängungsleistungen nicht so eklatant gewirkt. Die Naziverbrechen wurden jedenfalls erwähnt und auch erinnert. Doch im Zentrum der Erinnerung standen die "politischen Kämpfer" – die Widerstandskämpfer, Kommunisten und Antifaschisten. Besucher der Gedenkstätte im KZ Buchenwald lernten eine Geschichte des Lagers kennen, die sich an folgendem Leitmotiv orientierte: "Durch Sterben und Kämpfen zum Sieg". Hingegen wurden Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle und andere Opfergruppen aus dem amtlichen Gedenken weitgehend ausgeblendet.

Ähnlich war es in Frankreich. Simone Veil, Überlebende aus Auschwitz und später Präsidentin des Europäischen Parlaments, erzählte nicht ohne Bitterkeit davon, dass ihre Schwester, die eine Widerstandskämpferin war und nach Ravensbrück gebracht worden war, nach dem Krieg als Heldin gefeiert und ständig zu Vorträgen eingeladen wurde. Für sie selbst hingegen, sie war nur ein Häftling aus Auschwitz, interessierte sich niemand.

Dass es auch Israel zunächst nicht leicht gefallen ist, der verhungerten, erschossenen, ins Gas getriebenen Juden aus Mittel- und Osteuropa zu gedenken, habe ich von Tom Segev aus Israel gelernt. Fast tragisch erscheint mir, dass jene, die den Juden nach dem Zweiten Weltkrieg endlich eine sichere Heimstatt errichten wollten, den schutzsuchenden, häufig hilflosen, gedemütigten, kranken und traumatisierten Überlebenden selbst oft nur hilflos begegnen konnten.

Juden als Opfer passten damals nicht so recht in das zionistische Selbstbild vom starken, tatkräftigen, produktiven und kämpferischen Menschen – in das Bild also vom "Sabra", dem "neuen Juden", fähig, die Existenz und das Überleben des jungen Staates zu garantieren. Kein Zufall also, dass in dem Gesetz, auf dem Yad Vashem gründete, nicht allein von der Erinnerung an den Holocaust die Rede war, sondern von der "Erinnerung an Holocaust und Heldentum". Geachtet und respektiert waren die jüdischen Partisanen in den Wäldern Mitteleuropas, jüdische Soldaten in den Armeen der Alliierten, vor allem aber die Kämpfer der Ghettoaufstände in Warschau und Wilna. In diesem Moment denke ich an Arno Lustiger, der uns mit seinen Schriften und Vorträgen dieses Thema des aktiven Widerstandes – all das, was wir in Deutschland so wenig wussten – nahegebracht hat.

Heute zeigt die Ausstellung in Yad Vashem ein anderes Bild. Inzwischen werden die Geschichten der Opfer und der Überlebenden gehört und respektiert, auch wenn sie keine Kämpfer waren – in Israel, in Deutschland, auf der ganzen Welt ist es so. Inzwischen haben wir zu differenzieren gelernt und wissen, dass gerade dies das Besondere des Holocaust war:

Die Verfolgung traf doch Menschen ohne jede persönliche Schuld, auch nicht wegen ihrer politischen, weltanschaulichen oder religiösen Auffassungen, sondern allein, weil sie Juden waren. Allein aus diesem Grund. Juden, denen Yad Vashem nun tausendfach, ja millionenfach ein Gesicht gegeben und sie ins Zentrum des Gedenkens gerückt hat.

"Erinnere dich", schrieb der Auschwitz-Häftling Benjamin Fondane, der in Rumänien geboren wurde und in Frankreich lebte:

"Erinnere dich, dass ich unschuldig gewesen bin, und – genau wie du – sterblich! Auch ich hatte ein Gesicht, das gezeichnet war von Wut, von Mitleid, von Freude; ganz einfach: ein menschliches Antlitz!"

Überlebende konnten sich in dem Maße öffnen und von ihren schmerzhaften, oft schambesetzten Erfahrungen berichten, indem ihre Umgebung, indem wir sie nicht mehr zurückwiesen. Und so haben sie uns konfrontiert: mit den Demütigungen, den Herabsetzungen, der Verachtung und der Gewalt in den Lagern. Mit den Entwürdigungen und oft auch den Selbstentwürdigungen im Kampf ums Überleben. Damit, dass die Solidarität zerfallen konnte und der Häftling dem Häftling oft auch ein Feind wurde.

Und wir, die Außenstehenden und Nachgeborenen, erlernten Schritt für Schritt, derartige Erfahrungen an der Grenze der menschlichen Existenz auszuhalten, ihnen nicht mehr auszuweichen. Wir konnten Mitgefühl entwickeln und Anteil nehmen – wenn auch notwendigerweise begrenzt, da wir selbst nie den "Unmenschen im Menschen" zu Gesicht bekommen hatten.

Yad Vashem ruft uns gerade vor dem Hintergrund millionenfachen Mordes die Kostbarkeit des Lebens und die Kostbarkeit der menschlichen Zivilisation ins Gedächtnis. Das Gute, so lernten wir, das Gute setzt sich nicht von selbst durch, auch nicht in der aufgeklärten Moderne und keineswegs automatisch. Und das Gute, so lernten wir auch, wird nie anders wirksam, als durch das Mitwirken von Menschen, wie wir es sind.

Seit 50 Jahren ehrt Yad Vashem die "Gerechten unter den Völkern" – also Nichtjuden, die Juden unter Gefährdung des eigenen Lebens vor Tod und Deportation gerettet haben. Mehr als 24.000 Menschen tragen diesen Ehrentitel weltweit. Sie sind Ehrenbürger des Staates Israel geworden. Im Garten von Yad Vashem erinnern Plaketten an sie. In den frühen Jahren wurden zu Ehren der Lebensretter Bäume gepflanzt.

Mich haben die Geschichten dieser mutigen Menschen immer auf eine ganz besondere Weise bewegt, weil sie uns etwas sehr Kostbares zeigen können. Sie zeigen uns: Der Mensch hat selbst noch unter den Bedingungen von Unterdrückung und von Todesdrohung eine Wahl. Wahrlich nicht jede, aber er hat immer eine Wahl. Er kann das Gute tun, manchmal durch Unterlassung, manchmal durch aktive Hilfe.

Obwohl so viele dieser Leben erforscht worden sind, wissen wir letztlich nicht genau, warum die Einen dazu fähig sind und Andere nicht. Wir wissen aber: Es gibt keinen richtig zu definierenden gemeinsamen Nenner. Es ist nicht der Glaube, es ist nicht die politische Einstellung, es ist nicht das Geschlecht, es ist nicht der Bildungsgrad. Vielleicht gibt es eins, was sie, diese besonderen Menschen, miteinander verbindet. Eine ganz besondere Fähigkeit zur Anteilnahme am Schicksal Anderer, Fremder sowie zum uneigennützigen Handeln.

Die "Gerechten", an die wir uns dankbar erinnern, sind nun durchaus keine Heiligen, jedenfalls meistens nicht. Nicht selten sind es sogar Personen mit höchst widersprüchlichen Eigenschaften. Wir denken an Oskar Schindler, einen Lebemann und Spieler – und doch bewahrte er 1.200 Menschen vor dem Tod. Die katholische und polnisch-patriotische Schriftstellerin Zofia Kossak-Szczucka begriff die Juden als Feinde Polens – und wurde dennoch zur Initiatorin der Geheimorganisation "Zegota", die Zehntausende von Juden vor dem Tod rettete. "Jede Kreatur, die sich Mensch nennt" – so schrieb sie – "hat ein Recht auf Nächstenliebe." Und als die SS den Warschauer Ghettoaufstand niederschlug, erklärte sie: "Wer angesichts dieses Mordes schweigt, wird zum Komplizen der Mörder."

Für uns Deutsche wird die Erinnerung an den Holocaust immer eine besondere Bedeutung behalten, immer. Denn es waren Deutsche, die die Schuld an der Judenvernichtung trugen, und somit sind es Deutsche, die heute in einer besonderen Verantwortung stehen für das Schicksal der Juden. Und denen heute eine besondere Verantwortung im Verhältnis zum Staat Israel aufgetragen ist.

Die Erinnerung an den Holocaust enthält aber auch eine universelle Bedeutung. Die Judenvernichtung, sie ist zum Symbol für das Böse schlechthin geworden. So blicken wir alle, blickt die ganze Menschheit, zurück, um der Zukunft eine Ausrichtung zu geben: Solche schrecklichen Verbrechen dürfen wir nicht mehr zulassen.

Ich weiß schon, während ich das spreche, davor und danach, wie oft dieses Versprechen bereits gebrochen worden ist. Vor zwanzig Jahren brachten Angehörige der Hutu-Mehrheit in Ruanda bis zu eine Million Angehörige der Tutsi–Minderheit und moderate Hutu um, ohne dass die internationale Gemeinschaft einschritt. 1995 wurden in Europa, in der Gegend von Srebrenica tausende Bosniaken getötet. Die vor Ort stationierten internationalen Truppen haben es nicht verhindert. Gegenwärtig kommt es zu grausamer Gewalt in der Zentralafrikanischen Republik. Ob internationale Kräfte imstande sind, ihr Einhalt zu gebieten, das ist längst noch nicht sicher.

Wir sollten handeln, wie es einst die "Gerechten" taten. Wenn schon nicht alles Unheil zu bannen ist, sollten wir tun, was wir zu tun vermögen: Vor wenigen Tagen ist ein deutsches Gericht zum ersten Mal seiner Selbstverpflichtung nachgekommen, Völkermord zu verfolgen, gleichgültig, in welchem Land er begangen wurde. Ein Täter ist wegen Beihilfe zum Völkermord in Ruanda verurteilt worden. Ich denke, das ist ein kleines, aber wichtiges Zeichen: Niemand darf sich sicher sein, dass er angesichts von Völkermord straffrei ausgeht.

Doch weiterhin gilt der umfassende Auftrag, den der israelische Historiker Yehuda Bauer in seiner großen Rede vor dem Deutschen Bundestag am 27. Januar 1998 in drei Gebote kleidete: "Du, deine Kinder und Kindeskinder sollen niemals Täter werden. Du, deine Kinder und Kindeskinder dürfen niemals Opfer sein. Du, deine Kinder und Kindeskinder sollen niemals, aber auch niemals passive Zuschauer sein."

Wir alle wissen – oder wir ahnen –, wie schwer solche Gebote in den Konflikten dieser Erde politisch umzusetzen sind. Das aber darf uns nicht hindern, jetzt und in Zukunft, immer und immer wieder alles Mögliche zu tun, der Gewalt, der Vertreibung, der Verfolgung ein Ende zu setzen und Menschen zu schützen, die entwürdigt, entrechtet und gemordet werden.