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Besuch der jüdischen Gemeinde Ioannina

Bundespräsident Joachim Gauck hält eine Rede vor Vertretern der jüdischen Gemeinde in Ioannina Ioannina, 7. März 2014 Staatsbesuch des Bundespräsidenten in der Hellenischen Republik - Rede vor Vertretern der jüdischen Gemeinde in Ioannina © Steffen Kugler

Hier, in der Synagoge von Ioannina, nahe der Mauer zum alten jüdischen Viertel, möchte ich Ihnen meinen ganz tief empfundenen Dank aussprechen. Ihnen, Herr Staatspräsident Papoulias, für die Einladung in Ihre Geburtsstadt. Und Ihnen allen für Ihre Bereitschaft, mich heute an diesem besonderen Ort zu empfangen. Sie empfangen mich an einem Ort, der an das unfassbare Leid gemahnt, das Deutsche den griechischen Juden angetan haben.

Und Sie hören jetzt die deutsche Sprache, die Sprache derer, die Sie so drangsaliert haben. Dass Sie mich und meine Delegation hier empfangen, das ist ein großes Geschenk.

Was in der Nacht zum 25. März des Jahres 1944 geschah, hier in dieser Stadt, aber auch anderswo in Griechenland, macht uns noch immer fassungslos. An diesem Tag wollten die Bürger in ihrem besetzten Land den Nationalfeiertag begehen und die drangsalierten jüdischen Gemeinden wollten das Pessachfest feiern. Doch in den frühen Morgenstunden, es war damals eiskalt, weckten die Soldaten der Wehrmacht die jüdischen Einwohner, sie trieben sie zusammen und brachten sie fort. In Ioannina waren es beinahe 2.000 Kinder, Frauen und Männer. Fast alle wurden in den Gaskammern des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau ermordet.

Heute ist der 7. März. In rund drei Wochen jährt sich dieser Tag zum 70. Mal. Nur noch wenige können heute von den grausamen Ereignissen des März 1944 erzählen. Umso dankbarer bin ich zusammen mit meiner Delegation, dass einige der Männer und Frauen, die damals den Massenmord überlebt haben, heute hierhergekommen sind. Das ist das größte Geschenk, das wir hier empfangen. Doch ich möchte Ihnen nicht nur meine Dankbarkeit bezeugen. Ich verneige mich vor Ihnen in tiefer Trauer und Scham, auch im Namen meiner Landsleute. Ich teile Ihren Schmerz um die Opfer. Mir ist bewusst, dass viele in Ihren Familien bis heute unter den Verbrechen leiden, die Deutsche begangen haben.

Dieser Ort, an dem einst das Leben blühte, ist heute ein Ort der Trauer. Mehr als 1.000 Jahre lang war das jüdische Viertel ein Ort des jüdischen wie des nichtjüdischen Lebens, ein Ort des Miteinanders von jüdischen und nichtjüdischen Menschen. Die Stadt Ioannina hat eine einzigartige Kultur verloren – sie wurde ausgelöscht, von einem Tag auf den anderen.

Hier an diesem Ort gedenken wir auch der Tausenden Juden, die in anderen Städten und Dörfern Griechenlands der Shoah zum Opfer fielen. Ich besuche diesen Ort, bin aber im Geiste auch an all den anderen Orten, die um ihr jüdisches Leben gebracht wurden. Ioannina ist ein Sinnbild für das blühende jüdische Leben in Griechenland, das durch Deportation und Massenmord zerstört wurde.

Deutschland widmet sich seit Jahrzehnten der Aufarbeitung der Verbrechen, die es in der Zeit des Nationalsozialismus begangen hat. Dennoch ist in Deutschland wenig darüber bekannt, welche Verbrechen hier in Griechenland begangen wurden. Dass bekannter wird, was im Erinnerungsschatten der Deutschen geschehen ist, dazu soll mein Besuch beitragen. Deutschland bekennt sich ohne Einschränkung zu seiner Verantwortung für den Holocaust und mein Besuch hier soll dazu beitragen, dass mehr Menschen in Deutschland auch das unsägliche Leid bewusst wird, das der jüdischen Gemeinde Griechenlands widerfahren ist. Die Fotos vom Abtransport der Juden aus Ioannina, die am 25. März 1944 aufgenommen wurden, sind ein bewegendes Zeitzeugnis, das uns all das Unfassbare in schmerzhafter Genauigkeit vor Augen führt.

Heute bemühen sich in Deutschland viele Bürger darum – Lehrer und Wissenschaftler, Journalisten und Politiker, Stadtteilinitiativen und Dorfgemeinschaften –, die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus wach zu halten, gerade für junge Menschen und damit die nächste Generation. Denn auch wenn Schuld nicht vererbbar ist, auch wenn alle hier heute Anwesenden keine persönliche Schuld tragen, so verpflichtet uns der Zivilisationsbruch, der von Deutschen begangen wurde, zu besonderer historischer Verantwortung. Gerade weil wir Deutsche uns dieser Verantwortung bewusst sind, wollen wir die Zukunft im Geiste der Humanität mitgestalten, gemeinsam mit unseren Nachbarn und Freunden. Diese Zukunft liegt für uns alle, Juden und Nichtjuden, Griechen und Deutsche, in einem freien, offenen und toleranten Europa.

Griechen und Deutsche teilen dieselben Werte und wollen sie zusammen verteidigen. Für Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit darf es in Europa keinen Platz geben. Es ist unsere gemeinsame Aufgabe, für eine Kultur des Miteinanders einzutreten – gerade auch dort, wo Fremdenhass zu gedeihen scheint. Wir dürfen nicht wegschauen, wenn wir mit dem Übel des Rechtsradikalismus konfrontiert werden.

Die Bundesrepublik Deutschland unterstützt die jüdische Gemeinde Ioannina bei der zentralen Gedenkfeier, die Sie Ende des Monats ausrichten werden. Wir wollen einen Beitrag leisten, damit aus der Erinnerung an das Leid und die Verbrechen der Vergangenheit eine deutsch-griechisch-jüdische Partnerschaft der Zukunft erwächst. Und wir wollen weiter an einem Europa bauen, das auf dem festen Fundament von Demokratie und Menschenrechten ruht. An einem Europa der Kulturen, in dem ganz unterschiedliche Lebensentwürfe gelingen können.

Mein Besuch in Ioannina ist uns stete Mahnung, von diesem Weg nicht abzuweichen.