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Gedenken am Mahnmal von Lingiades

Bundespräsident Joachim Gauck hält eine Rede am Mahnmal in Lingiades Lingiades, 7. März 2014 Staatsbesuch des Bundespräsidenten in der Hellenischen Republik - Rede am Mahnmal in Lingiades © Steffen Kugler

"Als Menschenkinder geboren – vom Feuer verschlungen."

So beschrieb ein Überlebender das furchtbare Schicksal der 83 Menschen, die hier in Lingiades durch Flammen und Kugeln zu Tode kamen.

Am 3. Oktober 1943 haben deutsche Soldaten Kinder, Frauen und alte Menschen hier brutal ermordet – das jüngste Opfer war zwei Monate, das älteste 100 Jahre alt.

Sie alle waren arglos. Sie alle waren wehrlos.

Das Massaker an den Bürgerinnen und Bürgern von Lingiades hat sich tief eingegraben in die Geschichte der Familien, Ihrer Familien, die Sie heute mit mir zusammen hier sind. Kinder und Kindeskinder haben bis heute an der Last zu tragen. Ich danke Ihnen aus tiefstem Herzen dafür, dass Sie gemeinsam mit mir der Opfer gedenken. Das bedeutet mir unendlich viel.

Was hier in Lingiades und an vielen anderen Orten Griechenlands in den Jahren zwischen 1941 und 1944 geschah, verstört bis heute.

Raub, Terror und Mord kamen aus Deutschland, einem Land, das sich in eine gewissenlose Diktatur verwandelt hatte. Deutsche Soldaten und Offiziere exekutierten im besetzten Land, was deutsche Ideologen und Schreibtischtäter in nationalistischer Hybris ersonnen hatten.

Ich weiß: In Deutschland leben heute kaum noch Menschen, die für diese Verbrechen verantwortlich waren. Und ich weiß auch: Wir Nachgeborenen tragen persönlich keine Schuld. Und doch fühle ich an Orten wie diesem tiefes Erschrecken und eine doppelte Scham. Ich schäme mich, dass Menschen, die einst in deutscher Kultur aufgewachsen sind, zu Mördern wurden. Und ich schäme mich, dass das demokratische Deutschland, selbst als es Schritt für Schritt die Vergangenheit aufarbeitete, so wenig über deutsche Schuld gegenüber den Griechen wusste und lernte.

Ich wünschte so sehr, längst hätte einer gesagt, der damals Befehle gegeben oder ausgeführt hat:

"Ich bitte um Entschuldigung." Oder: "Es tut mir so unendlich leid." Oder: "Ich bereue, dass ich verbrecherischen Befehlen gefolgt bin."

Es sind die nicht gesagten Sätze und die nicht vorhandenen Kenntnisse, die eine zweite Schuld begründen, da sie die Opfer sogar noch aus der Erinnerung verbannen.

Und so möchte ich heute aussprechen, was Täter und viele politisch Verantwortliche der Nachkriegszeit nicht aussprechen konnten oder wollten: Das, was geschehen ist, war brutales Unrecht.

Mit Scham und mit Schmerz bitte ich im Namen Deutschlands die Familien der Ermordeten um Verzeihung.

Ich verneige mich vor den Opfern der ungeheuren Verbrechen, die hier und an vielen anderen Orten zu beklagen sind.

Es ist mir besonders wichtig, und es bewegt mein Herz, dass Sie, Herr Staatspräsident Papoulias, mit mir hierher gereist sind. Ich bin Ihnen dafür zutiefst dankbar.

Dass wir uns gemeinsam auch dem schwierigen Teil unserer Vergangenheit stellen können, ist für mich eines der großen Wunder, die durch Versöhnung entstehen. Für diese Versöhnung haben Sie, Herr Präsident, sich ganz persönlich eingesetzt. Für diese Versöhnung stehen Sie selbst.

Als junger Mann haben Sie gegen die deutschen Besatzer gekämpft. Sie haben gelitten, Ihre Familie, Freunde und Weggefährten haben gelitten. Sie haben Menschen verloren, die Ihnen nahe standen. Und doch haben Sie den Deutschen die Hand gereicht, und mir – als Repräsentanten meines Landes – heute an diesem Ort erneut. Sie, Herr Präsident, zeigen, dass Versöhnung selbst nach tiefem Leid möglich ist.

Deshalb empfinden wir Deutschen tiefsten Respekt und tiefe Dankbarkeit Ihnen gegenüber, Herr Präsident.

Die schrecklichen Ereignisse, derer wir gedenken, erlegen uns auch eine große Verpflichtung auf. Die Verpflichtung nämlich, alles in unserer Macht Stehende zu tun, dass nicht in Vergessenheit gerät, was nie hätte geschehen dürfen. Menschen, die sich erinnern, werden aus der Erinnerung an die Schrecknisse, die Menschen anderen Menschen angetan haben, die Verpflichtung ableiten, das Leben und die Rechte aller Menschen zu achten und zu verteidigen.

Ich wünsche mir, dass der heutige Tag in Lingiades Deutsche und Griechen darin bestärken möge, in Zukunft noch mehr gemeinsame Anstrengungen zu unternehmen: damit sich das Wissen in Deutschland über die deutschen Gräueltaten in Griechenland verbreitet.

Damit die Wissenschaft sich intensiver auseinandersetzt mit der deutschen Kriegsführung und dem deutschen Terror, mit dem griechischen Widerstand und seinen antifaschistischen deutschen Unterstützern.

Damit die Kooperation zwischen Gedenkstätten, Museen und Erinnerungsorten in beiden Ländern ausgebaut wird.

Heute begleiten mich junge Menschen aus Deutschland, die Lingiades bereits kennen – sie waren schon hier im Rahmen ihrer Berufsausbildung. In Zukunft sollen durch die Einrichtung eines deutsch-griechischen Jugendwerks noch viele junge Menschen Gelegenheit zu einem Austausch erhalten. Außerdem begleiten mich heute ältere Deutsche, die sich seit vielen Jahren mit den Verbrechen von Lingiades und anderen Orten beschäftigen und sie in Deutschland bekannt gemacht haben.

Ihnen, die als Einzelpersonen und als Bürgervereine Wissen und Versöhnung befördern, gelten meine ausdrückliche Anerkennung und mein Dank. So konnte ich zum Beispiel aus dem vor kurzem in Deutschland erschienenen Buch lernen, in dem Christoph Schminck-Gustavus detailreich das Verbrechen in Lingiades schildert.

Wenn wir Erinnerungswege beschreiten, dann nicht, weil wir auf die Vergangenheit fixiert wären. Auch nicht, weil wir noch in ihrem Bann stehen. Aber wir schauen auf die Vergangenheit, um ihre Botschaft für die Gegenwart und Zukunft zu vernehmen: Vergesst niemals, dass Ihr wählen könnt zwischen Böse und Gut. Schützt und schätzt den Frieden. Lasst allen Menschen ihre Würde und ihre Rechte. Und schließlich: Achtet und sucht die Wahrheit. Sie ist eine Schwester der Versöhnung.