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Verleihung der Zelter- und Pro-Musica-Plakette

Bundespräsident Joachim Gauck überreicht die Pro-Musica-Plakette an den musikalischen Leiter des Bandonion Orchesters Dresden e. V., Bernd Junghans, und an die Vorsitzende des Orchesters, Hannekore Ludewig Zwickau, 30. März 2014 Festakt zur Verleihung der Zelter- und Pro-Musica-Plakette - Überreichung der Pro-Musica-Plakette an die Vorsitzende und den musikalischen Leiter des Bandonion Orchesters Dresden e. V., Hannelore Ludewig und Bernd Junghans © Uwe Meinhold

Es gibt kaum schönere Gründe zusammenzukommen als die gemeinsame Freude an der Musik. Diese Freude am Musizieren und am Singen führt uns heute zusammen, am aktiven Spielen und Vortragen genauso wie am Zuhören und Genießen.

Es gehört zu den mir besonders kostbaren Aufgaben des Bundespräsidenten, dass er, seit den Zeiten der beiden ersten Amtsinhaber, Theodor Heuss und Heinrich Lübke, zwei begehrte Plaketten vergeben kann: die Zelter-Plakette an traditionsreiche Chöre und die Pro-Musica-Plakette an Orchester und Musikvereinigungen, die auf eine mindestens hundertjährige Geschichte zurückblicken können.

Deswegen habe ich mich auf diesen Tag sehr gefreut, und ich darf mich nun selber in diese Tradition einreihen.

Was feiern wir heute mit diesem Festakt?

Natürlich feiern wir, erstens, die Musik, das ist ja klar. Die Musik, die uns aus den Sorgen und Beschwerden des Alltags immer wieder herausholen kann. Die Musik, die unseren Sorgen und Beschwerden, die aber noch viel lieber unseren Hoffnungen, unserer Freude, und unserem Jubel auch unserem Dank Ausdruck geben kann – indem sie diesen tiefen, uns elementaren menschlichen Gefühlen und Empfindungen buchstäblich Töne gibt.

Die Seele kann dann ausschwingen. Die Seele bekommt Flügel, so hat es die deutsche Romantik ausgedrückt. Das war jene Zeit, in der die Wurzel der Bewegung liegt, in der überall in unseren Landen die Musik und die Lieder als ursprünglicher Besitz des Volkes entdeckt, manchmal auch erfunden wurden, das Volkslied und die Volksmusik in der ursprünglichen, unverfälschten und schönsten Bedeutung dieses Wortes.

Wir feiern die Musik, die als vielleicht unmittelbarste aller Künste, uns schon beim Hören Herz und Sinn erweitern kann, erst recht aber, wenn wir selber singen und musizieren. Die Musik ist zuerst und zuletzt ja nicht wirklich nur die Sache der Profis, so sehr wir uns daran freuen, wenn wir Zeugen glanzvoller oder gar kongenialer Interpretationen werden. Die Musik, sie ist zuerst und zuletzt Sache der "Laien" – Laie, das kommt aus dem Griechischen und meint das Volk. Und sie ist Sache von Amateuren, das wiederum kommt aus dem Französischen und meint Liebhaber.

Musik als Sache des Volkes und der Liebhaber, das ist die Musik, wie sie in unseren Chören und Orchestern gemacht wird. Es ist die Musik, die der Bundespräsident auszeichnet – und er empfindet das als einen großen Schatz, über den wir uns alle zusammen nicht genug freuen können.

Und ich möchte an dieser Stelle ein großes Dankeschön sagen an all diejenigen, die in diesem Jahr ausgezeichnet werden. Aber auch an all diejenigen Chöre und Orchestervereinigungen, die noch nicht so alt sind und die darauf warten, dass sie oder ihre Nachfolgerinnen auch einmal diese schöne Plakette bekommen. Aber mit oder ohne Plakette, Ihnen allen gilt mein herzlicher Dank.

Danken möchte ich auch dafür, dass all das, was wir eben beschrieben haben im musikalischen Bereich eine Form des Ehrenamtes ist. Sie, lieber Herr Burkbacher, haben vorhin darauf hingewiesen. Und mir ist das immer besonders am Herzen gelegen, was in diesem Land im Ehrenamt geschieht. Dass wir auf den unterschiedlichsten Gebieten und eben auch im Bereich von Musik, diese Netzwerke von Ehrenamtlichen haben, ohne die dieses Land wahrlich ganz anders und viel weniger schön aussehen würde. Das feiern wir mit.

Wir feiern zum Zweiten die besondere Kultur unseres Landes. Wir merken, wie Musik und Lied in unsere Herzen gehen. Manchmal benutzen wir noch ein anderes Wort für diesen Prozess und wir sagen: Musik und Lied, die gehen ins Gemüt und sie kommen aus dem Gemüt. Dieses ist nun ein eigenartiges deutsches Wort, in viele Sprachen nicht übersetzbar. Im "Gemüt" werden Sinn und Herz und Seele auf eine besondere Art zusammengefasst – und der "Mut" gehört eigentlich sprachlich auch dazu, also das, was uns dann neu zum Handeln und zum praktischen Leben ermuntert und ermächtigt. Die Musik, die aus dem Gemüt kommt und ins Gemüt geht, sie gehört wie weniges sonst zu unserer deutschen Kultur, zu unserer deutschen Identität.

Auch deswegen genießen deutsche Orchester und Chöre Weltruf, deswegen werden die Komponisten, besonders der deutschen Klassik und Romantik, überall als besonders typischer Ausdruck unserer Kultur, unseres deutschen Gemüts angesehen, ja, oft auch verehrt.

Die vielen Chöre und Musikgruppen in unserem Land pflegen deshalb eine sehr besondere Tradition, ein sehr besonderes Erbe: Sie sind – gerade als Laien, gerade als Amateure – in einem eminenten Sinn Träger und Überlieferer unserer deutschen Kultur.

Wir feiern heute, zum Dritten, die Menschen, die sich um diese Chöre und diese Tradition verdient gemacht haben und sich tagtäglich verdient machen. Seit so langer Zeit! Seit 1914, vor 100 Jahren – wenn wir einmal nur auf die schauen, die heute ausgezeichnet werden – vor 100 Jahren, wie sah die Welt so anders aus, wie weniger komfortabel. Übrigens noch vor den großen Kriegen, die Europa so verheert haben. Die Welt damals, die sich unsere Kinder gar nicht mehr richtig vorstellen können, ohne Autos, ohne Kopiergeräte, ohne Radio und Fernsehen, ohne Smartphones und E-Mails. Und da, damals, haben sich Leute versammelt, um regelmäßig gemeinsam Musik für sich selber und für andere zu machen. Engagiert und unbeirrbar und oftmals allen Widrigkeiten zum Trotz haben sie daran festgehalten.

Deswegen sage ich: Wenn wir in diesem Jahr große historische Gedenktage begehen und uns der großen Wendepunkte der Geschichte erinnern – vor 100 Jahren Beginn des Ersten Weltkrieges, vor 75 Jahren des Zweiten Weltkrieges, vor 25 Jahren die friedliche Revolution im Osten Deutschlands und der Fall der Mauer – wenn wir uns daran erinnern, dann wollen wir auch die guten Kontinuitäten nicht vergessen, die durch alle historischen Glücksfälle und Katastrophen, bei allem Unglück und allem Triumph, die Menschen in den Chören und Musikgruppen beieinander gehalten haben.

Ich habe gerade von guten Kontinuitäten gesprochen. Und eben wenn wir das tun und wenn ich es tue, ist mir bewusst, dass die Geschichte des deutschen Chorgesangs natürlich auch geprägt ist von Brüchen und Diskontinuitäten, wie es in der Gesellschaft ja auch war. Musik und Chorgesang stehen ja nicht außerhalb der Gesellschaft. Und so machen wir uns bewusst, dass unendlich oft unter unterschiedlichen Fahnen aufgespielt wurde zu demokratiefeindlichem oder gar menschenverachtendem Tun und Treiben. Wie oft verführten also auch Gesang und Musik Menschen zur Hingabe an falsche Ziele. Es wurde leider auch dort gesungen, wo Schweigen oder Protestgeschrei richtiger gewesen wären.

Aber festhalten wollen wir auch, mit welcher Zähigkeit und Entschiedenheit, mit welcher inneren Stärke und vielleicht auch mit welchem Trotz Menschen in Zeiten der Diktatur als Musiker und Sängerinnen eine Kultur des menschlichen Zusammenlebens bewahrt und sich oftmals eine kulturelle Gegenwelt geschaffen haben. Auch dafür sind wir dankbar. Eine Gegenwirklichkeit übrigens, die Menschen davor bewahren konnte, sich den politischen Verführern auszuliefern, einen Raum der Ermutigung der einen durch die anderen.

All das machen wir uns bewusst, wenn wir heute tausende von Chören, Musikgruppen und Orchestern feiern, die mehr als 100 Jahre alt geworden sind. Das ist – gerade für mich als deutscher Bundespräsident – Grund zu großer Freude und Dankbarkeit.

Wir feiern die Musik, wir feiern unsere Kultur und wir feiern die Menschen, die ihre Kraft und ihre Zeit dafür einsetzen. Dreimal also ein Grund zum Feiern: Wenn das kein schöner Tag ist!