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50. Verleihung des Grimme-Preises

Bundespräsident Joachim Gauck bei seiner Ansprache zur 50. Verleihung des Grimme-Preises in Marl Marl, 4. April 2014 Ansprache bei der 50. Verleihung des Grimme-Preises - Rede im Theater der Stadt Marl © Kirsten Neumann

Wenn im Fernsehen ein Krimi, eine Sportübertragung, eine Quizshow oder eine Talkshow ausgestrahlt werden, dann sitzen Millionen Regisseure, Moderatoren, Programmdirektoren, Intendanten, Reporter oder Hauptdarsteller vor dem Bildschirm. Sie reden mit, fiebern mit oder nehmen übel. Sie wissen alles besser oder haben als Kommissar den Fall längst gelöst, hätten den Traumschiffkapitän ganz anders besetzt oder die Quizfrage nicht mit so einem falschen Lächeln gestellt – und so weiter. Fernsehzuschauer sind Fernsehexperten. Und davon gibt es Millionen.

Das Fernsehen ist ja noch immer das Massenmedium. Zwar erleben wir gegenwärtig einen Strukturwandel großen Ausmaßes und wissen nicht, wie das Fernsehen der Zukunft aussehen wird. Das Internet führt zum Beispiel längst dazu, dass junge Leute immer weniger oder gar nicht mehr fernsehen, sondern sich ihr individuelles Programm selber zusammenstellen.

Aber wie auch immer die mediale Zukunft aussehen wird, die Frage nach der Qualität wird nicht obsolet werden. Diese Frage wird seit der Gründung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens gestellt und hat auch zur Stiftung des Grimme-Preises geführt, der nun ein stolzes halbes Jahrhundert alt geworden ist. Dass das Medium allein eben noch nicht die Botschaft ist, sondern dass es auf die Inhalte und deren Qualität ankommt – darauf immer wieder hinzuweisen, ist das Verdienst des Grimme-Preises und des Grimme-Institutes. Hier haben Sie, Herr Kammann, seit vielen Jahren gewirkt und sich dabei um das Fernsehen und seine Qualität große Verdienste erworben. Herzlichen Dank sagen wir Ihnen heute dafür, wie auch Ihnen, Herr Spies, von manchen, wegen Ihrer jahrzehntelangen verdienstvollen Arbeit, auch "Mister Grimme" genannt. Ohne Sie, Herr Spies, wäre dieser hochangesehene Preis nicht das, was er ist.

Wie nun geht Qualität im Fernsehen? Wenn ich auf diese Fragen die unfehlbare Antwort hätte, dann wüsste ich mehr als alle anderen hier. Das ist aber nicht der Fall – und so kann ich nur einige Vermutungen anstellen und einige Zumutungen formulieren, die mir als einem durchschnittlichen Fernsehzuschauer einfallen.

Eine Meldung aus den letzten Wochen kommt mir in diesem Zusammenhang in den Sinn: Die Stadt Duisburg hat beschlossen, eine ihrer Straßen "Horst-Schimanski-Gasse" zu nennen. Kaum etwas hat Duisburg so bekannt und populär gemacht hat, wie dieser erfundene Kommissar aus dem "Tatort". Dazu passt gut, dass heute der "Tatort" ja auf besondere Weise geehrt wird.

Hieraus kann man etwas für die Frage nach der Qualität von Fernsehen lernen. Erstens: Die Macher hatten bei der Erfindung des Kommissars Schimanski Mut. Sie hatten Mut, die Zuschauer mit einer völlig neuen Polizistengestalt zu konfrontieren, neue Geschichten zu erfinden, in authentische Milieus zu gehen. Sie hatten den Mut zu Innovationen.

Das wurde zu Beginn, wie man weiß, keineswegs allseits gelobt. Es gab wütende Proteste, nicht zuletzt von der Stadt Duisburg, ja, aus dem ganzen Ruhrgebiet gab es vehemente Kritik, man fürchtete ein ganz schlechtes Image.

Das Zweite, das man also lernen kann: Es braucht Durchhaltevermögen. Die Verantwortlichen ließen sich nicht vom ersten Gegenwind umwehen. Sie glaubten an ihre Idee und sie glaubten daran, dass sich das, was sie als gut und richtig erfunden und erkannt hatten, durchsetzen würde. Und sie bekamen Recht, der lange Atem wurde belohnt.

Das Dritte, das wir daraus lernen können: Die Zuschauer lassen sich mitnehmen. Wenn eine Sache gut durchdacht und gut gemacht ist, dann lassen sich die Menschen auch auf neue Töne, neue Bilder, neue Geschichten ein.

Immer mehr von immer demselben: Das kann also nicht das Rezept für Qualität sein.

Dazu ließen sich ganz bestimmt noch mehr und andere Beispiele finden, aber wegen der örtlichen Nähe und wegen des heutigen Preises habe ich gerade dieses hier gewählt.

Es gilt auch für andere Formate. Ich nenne nur wenige Beispiele:

Mut, individueller Zugriff, kontroverse Themen und Thesen, langer Atem: Das sind Voraussetzungen nicht nur für gutes Unterhaltungsfernsehen, sondern auch für gute und aufregende, weil wirklich aufklärerische politische Magazine. Wir brauchen selten den atemlosen Gestus der Empörung, aber andauernd den unbestechlichen Blick aus freiheitlicher und demokratischer Überzeugung.

Geduld, Zähigkeit, präziser Blick und individuelle Perspektive: Das wären auch Voraussetzungen für tiefschürfende und deswegen lange nachwirkende Dokumentationen, die sich auch ruhig einmal mehr Zeit nehmen können als 45 Minuten.

Reportagen aus anderen Ländern und fremden Weltgegenden werden nicht überflüssig, weil wir alle billig überall hinfliegen können. Im Gegenteil: Je weiter wir reisen, umso weniger sehen wir oftmals von der Welt, weil wir kaum hinter die touristische Oberfläche schauen können. Darum wünsche ich mir – zusammen mit vielen Zuschauern – Reporter, die sich Zeit nehmen können für Menschen und für deren Schicksale und Geschichten, die uns bewegen, erstaunen, erschüttern. Gerade in der globalisierten Welt gibt es so viel Unbekanntes, das wir wissen können, um uns dort zu engagieren, wo Abhilfe, Besserung oder Veränderung durch unser Mittun gefördert werden kann.

Zu den beliebtesten Formaten im Fernsehen gehören Gespräche. Gute Gespräche nehmen sich Zeit für Argumente, fürchten die Argumente anderer nicht, sondern hören und prüfen sie. Gute Gespräche können diejenigen klüger machen und vielleicht sogar verändern, die daran teilnehmen. Solche guten Gespräche sind doch auch im Fernsehen möglich.

Ich wünsche mir vom Fernsehen also eigentlich nichts anderes, als was ich mir insgesamt von unserem Land und in unserer Gesellschaft wünsche. Mehr Mut beim Blick über Tellerränder, mehr Innovationen! Das bedeutet aber auch: mehr Mut dazu, Individuelles zuzulassen und Mut, dem Eigensinn der schöpferischen Köpfe zu vertrauen.

Gremiensitzungen oder Beschlüsse der Anstaltsleitungen sollten dem nicht entgegenstehen. Wenn übrigens in diesen Tagen über wichtige Gremien debattiert und über ihre Zusammensetzung streitige Debatten und Verfahren erfolgen, so ist dies Teil eines Diskurses, wie die Freiheit unserer freien Medien gesichert und gefördert werden kann.

Diese Debatte muss ein Bundespräsident genauso wenig kritisieren, wie die Debatte darüber, wie Qualität im Medium Fernsehen auch in Zukunft gesichert werden kann. Derartige Debatten zu akzeptieren und zu bejahen, erfordert gelegentlich auch Mut, auch Mut zur Zumutung.

Wir brauchen gelegentlich Zumutungen, nur dann schauen wir wirklich gerne und neugierig wieder hin. Und genau dies wollen wir ja fördern, wenn wir heute zum 50. Mal den Adolf-Grimme-Preis verleihen!