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Ansprache beim Mittagessen des tschechischen Senats

Bundespräsident Joachim Gauck hält eine Ansprache beim Mittagessen, gegeben vom Senatspräsidenten Milan Štěch Prag/Tschechien, 5. Mai 2014 Staatsbesuch in der Tschechischen Republik - Ansprache beim Mittagessen, gegeben vom Senatspräsidenten Milan Štěch © Jesco Denzel

Mehr als 1.000 Jahre gemeinsamer Geschichte verbinden uns, die wir heute in Tschechien und Deutschland leben. In all diesen Jahrhunderten hat sich eine einzigartige Wechselbeziehung zwischen Tschechen und Deutschen entwickelt. In Ihrer Heimatstadt Budweis, Herr Senatspräsident, war das jahrhundertelang deutlich zu sehen, zu hören und zu schmecken. Der von Deutschland begonnene Zweite Weltkrieg hat dann dieses fast symbiotische Miteinander zerstört. Heute nun zählt es zu unseren Aufgaben, die Erinnerung an dieses Zusammenleben vor dem Zivilisationsbruch nicht verblassen zu lassen. Ich freue mich, dass es Einrichtungen wie das Collegium Bohemicum in Aussig an der Elbe gibt. Heute, bei unserer Begegnung mit Präsident Zeman, kam er zuerst darauf zu sprechen. Es hat sich vorgenommen, beiden, Tschechen wie Deutschen, einen wissenschaftlich fundierten Eindruck von diesem Zusammenleben zu vermitteln.

Vor 25 Jahren, als die Freiheit erkämpft war und die Teilung Europas damit endete, da wurden wir reich beschenkt: Wir durften das Netz unserer Verbindungen wieder so eng und dicht knüpfen, wie es nur eben ging. Und wir haben das Geschenk angenommen. Entstanden ist ein gutnachbarschaftliches, ein freundschaftliches Verhältnis, das vielfältig und vielschichtig ist.

Tschechien und Deutschland sind wirtschaftlich eng miteinander verflochten. Als offene, außenwirtschaftlich erfolgreiche Industrieländer sind beide auf freien Handel, exzellente Wissenschaft und Forschung angewiesen. Ein gutes Bildungssystem braucht auch gute berufliche Bildung – diese Überzeugung teilen wir. Und auf diesem Feld können wir noch viel gemeinsam tun. Ebenso wie uns die Erfahrung lehrt, dass Marktwirtschaft und soziale Gerechtigkeit einander nicht ausschließen müssen.

Bei diesem Besuch kann ich auch erfreut feststellen, dass auch in kultureller Hinsicht der Austausch zwischen Tschechien und Deutschland intensiv ist. Die Foren dieses Austausches sind zum Beispiel das Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren, das Prager Theaterfestival deutscher Sprache oder grenzübergreifende Festivals wie "Mitte Europa".

Sprache ist Verständigung – und deshalb freue ich mich besonders über das gemeinsame Projekt Šprechtíme, das junge Menschen in Tschechien motiviert, Deutsch zu lernen. Für die Unterstützung der tschechischen Seite, gerade durch die Regionalregierungen, bedanke ich mich bei dieser Gelegenheit ganz herzlich.

Herr Senatspräsident,

die Bande zwischen Tschechien und Deutschland sind stark, weil wir uns der Geschichte bewusst sind und doch gleichzeitig nach vorne schauen. Für diese Haltung gibt es wohl kaum einen besseren Ausdruck als den deutsch-tschechischen Zukunftsfonds, der Menschen aus unseren Ländern zusammenbringt. Ob Schulpartnerschaften oder Praktika junger Menschen im jeweils anderen Land, ob Ausstellungen oder das deutsch-tschechische Gesprächsforum – all dies führt uns näher zusammen.

Mögen Tschechen und Deutsche diese Dialoge fortführen und vertiefen!