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Bürgerempfang in Kleve

Bundespräsident Joachim Gauck hält eine Rede bei einem Empfang für Bürgerinnen und Bürger im Museum Kurhaus Kleve, 13. Mai 2014 Besuch im deutsch-niederländischen Grenzgebiet – Ansprache im Museum Kurhaus © Jesco Denzel

Herzlichen Dank für den freundlichen Empfang hier im Museum Kurhaus Kleve.

In wenigen Tagen wählt Europa ein neues Parlament, und ich freue mich, dass ich so kurz vor diesem wichtigen Ereignis bei Ihnen in Kleve bin – in einer ganz normalen Stadt im deutsch-niederländischen Grenzgebiet, in der Europa, wie überall in der Region, gelingt, und zwar seit vielen Jahren.

Moment mal, werden Sie jetzt vielleicht sagen, Kleve, eine ganz normale Stadt? Von wegen! Es stimmt natürlich: Kleve hat viele Besonderheiten, und es hat sich im Laufe seiner Geschichte immer wieder neu erfunden – vom Kur- und Badebetrieb über das traditionsreiche Zentrum von Schuh- und Lebensmittelindustrie bis hin zum modernen Hochschulstandort. Ein beeindruckender Wandel, wie ich finde. Es ist schön, dass ich gleich noch Gelegenheit haben werde, durch die Innenstadt zu gehen und Kleve aus der Nähe kennenzulernen.

In Kleve ist Europa lebendig. Europa ist hier ein Stück gelebter Normalität. Deshalb bin ich gerne zu Ihnen gekommen. Nur zu oft erleben wir die Europäische Union als eine abstrakte Macht auf einer fernen Bühne, mit Gipfeltreffen und Nachtsitzungen in Brüssel, bei denen Politiker um die Lösung wichtiger Fragen ringen, etwa der Euro-Krise oder der Bankenunion. Hier bei Ihnen in Kleve und genauso jenseits der Grenze lässt sich dagegen etwas Anderes beobachten, nämlich der europäische Alltag.

Für die Menschen am Niederrhein und in der Provinz Gelderland ist das Leben und Arbeiten auf beiden Seiten der Grenze, sind vielfältige Verflechtungen längst selbstverständlich. Sie betreiben Unternehmen über Grenzen hinweg, fahren täglich zur Arbeit oder zum Einkaufen ins Nachbarland, haben deutsch-niederländische Freundschaften oder Ehen geschlossen. Mir ist auch berichtet worden, dass viele Klever untereinander einen Dialekt, das "Kleefse Platt", sprechen, das große Überschneidungen mit der niederländischen Sprache hat. Herr Bürgermeister Brauer, mir wurde übrigens auch berichtet, dass Sie – als erster Bürger dieser Stadt – diesen Dialekt besonders gut beherrschen. So ist jeder fest verwurzelt in seiner regionalen und nationalen Identität, und doch leben Sie alle, leben wir alle gemeinsam in einem freien und friedlichen Europa.

Dass diese Ordnung des Friedens und der Freiheit nicht naturgegeben ist, sondern das Ergebnis eines langen, oft schmerzhaften historischen Prozesses – auch das ist hier in Kleve zu spüren, beinahe auf Schritt und Tritt. Viele Bürgerinnen und Bürger können sich noch gut an die Zeit erinnern, als hier an den kleineren Zollämtern abends der Schlagbaum hinuntergelassen wurde. Und auch in Kleve finden sich viele Spuren von Barbarei und Zerstörung, Erinnerungen an die von Nazis niedergebrannte Synagoge, an Bombenangriffe und blutige Gefechte am Ende des Zweiten Weltkriegs.

Nachher werde ich mit Studentinnen und Studenten der Hochschule Rhein-Waal über Europa diskutieren. Die Frage lautet dann: "Warum soll ich zur Europawahl gehen?" Wer Sie hier in Kleve erlebt, dem fällt die Antwort leicht: Es gilt, die Errungenschaften der europäischen Einigung zu bewahren und weiter auszubauen. Errungenschaften, die für uns längst alltäglich sind, von denen viele Menschen überall auf der Welt aber nur träumen können: Freiheit und Wohlstand, Frieden und Menschenrechte, Vielfalt und Toleranz. Für all das lohnt es sich, am 25. Mai zur Wahl zu gehen.

Nun aber freue ich mich erst einmal auf anregende Gespräche mit Ihnen!