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Wiedereröffnung der Meisterhäuser in Dessau

Bundespräsident Joachim Gauck hält eine Rede bei der Wiedereröffnung der Meisterhäuser in Dessau Dessau, 16. Mai 2014 Wiedereröffnung der Meisterhäuser in Dessau – Ansprache vor dem Haus Gropius © Guido Bergmann

Das ist ein schöner Ort und ein schöner Anlass.

Hier in Dessau, wo wir die Meisterhaussiedlung neu eröffnen, geht es vor allem um eines: um Schönheit. Da kann es passieren, dass auch gestritten wird, heute ebenso wie damals. Denn ästhetische Konzeptionen und eine neue Ästhetik, sie verstehen sich nicht von selbst, sondern bilden sich hinein in eine Gesellschaft, die vielleicht einmal ganz anderen Schönheitsidealen gefolgt ist. So machen wir uns bewusst, wenn wir hierherkommen: Es ist eine ganz besondere Schönheit, die wir hier im Garten zwischen dem früheren Direktorenhaus und dem ebenso prächtig rekonstruierten Haus Moholy-Nagy feiern. Und wir begegnen uns hier mit unseren Augen, mit unseren Sehgewohnheiten und staunen zum Teil und freuen uns, was hier so früh an neuer Ästhetik in der Architektur, auch in der Landschaftsarchitektur gewachsen ist. Es geht hier nicht um das – mit Kant zu sprechen – interesselose Wohlgefallen an der Schönheit, es geht nicht nur um die reine Bewunderung oder das schiere Staunen.

Nein, der Ort, an dem wir uns befinden, Dessau, er steht für etwas anderes: für eine praktikable Ästhetik, eine besondere Schönheit, die benutzbar ist, eine Schönheit, die auch dem alltäglichen Leben des Menschen dient.

Das ist die Botschaft des Bauhauses, und sie hat, wie ich finde, bis heute nichts von ihrer Relevanz verloren. Es gibt eine Eleganz des Nützlichen, eine Ästhetik des Brauchbaren, die – jenseits von Ornament und Verhübschung – dem Gelingen des ganzen Lebens dienen soll.

Irgendwie verbinden wir immer noch unbewusst das Schöne und das ästhetisch besonders Ansprechende wie automatisch mit dem Luxus, dem Überflüssigen. Wir verbinden es mit dem Außergewöhnlichen, dem Außeralltäglichen, wir suchen es in den Palästen und Kathedralen.

Das Bauhaus aber wollte das Schöne mitten in den Alltag bringen, zu den ganz normalen Menschen. Eleganz und vollendete Form nicht als das Außergewöhnliche, sondern als das Festliche innerhalb der Normalität.

Vor Jahrzehnten sang Hildegard Knef den Chanson: "Ich möchte am Montag mal Sonntag haben." Was sich so einfach anhört, ist alles andere als trivial. Der Wunsch, am Montag auch mal Sonntag zu haben, drückt auf eine schlichte Weise doch eine tiefe Sehnsucht aus: Dass nämlich der Alltag, dass das tägliche Leben nicht so grau, nicht so eintönig, nicht so hässlich sein möge. Dass ein wenig Glanz, ein wenig Festliches, ein wenig Schönheit und Eleganz auch im Alltag, im normalen Leben des Normalsterblichen aufscheinen möge.

"Ich will meinem Alltag den Abschiedskuss geben": Der Wunsch des Chansons nach einer, wenn Sie so wollen, "Versonntäglichung" des Alltags trifft sich mit den tiefen Intentionen des Bauhauses. Diese Intentionen betreffen nicht nur eine ästhetische Utopie. Es geht – salopp gesagt – um mehr als um "Schöner Wohnen". Das Ziel, möglichst allen Menschen – ohne Schichten- und Einkommensunterschiede – Teilhabe am Schönen zu ermöglichen, ist ja eigentlich eine eminent politische Zielsetzung:

Dass alle Menschen in schönen, in bewohnbaren, in hellen, in praktischen Wohnungen wohnen, dass Städte und Straßen uns nicht durch Lärm und Hässlichkeit erschlagen, sondern erheben, dass unsere Kinder in Kindergärten und Schulen gehen können, die wirkliche Lebensräume sind, dass öffentliche Einrichtungen einladend, freundlich und praktisch zugleich sind.

So verstanden, ging es dem Bauhaus um eine Demokratisierung der Ästhetik. Und das war und das ist doch wohl ein eminent politisches Anliegen.

Dass die Frage der Schönheit nicht von der Frage nach Brauchbarkeit und Benutzbarkeit getrennt werden darf, und dass Schönheit und Eleganz im alltäglichen Leben zu Hause sein sollen, dass es in einer Gesellschaft der Freien und Gleichen geradezu einen demokratischen Anspruch darauf gibt, das ist eine bleibende Botschaft, eine bleibende politische Herausforderung durch das Bauhaus.

Wir können stolz darauf sein, dass diese Ideen in Deutschland entwickelt wurden, hier in Dessau und auch in Weimar. Herr Bürgermeister, es ist nicht nur für Ihre Region von großem Interesse, und, Herr Ministerpräsident, nicht nur für dieses Bundesland. Nein, es ist ein nationales Ereignis, in der Geschichte der Kunst sogar ein Ereignis von globaler Bedeutung. Ich freue mich, dass ich das hier sagen kann. Ihre Stadt Dessau ist auf diese Weise, wenn Sie so wollen, zum zweiten oder, Sie werden noch mehr Gründe finden, zum dritten, vierten, fünften Mal berühmt geworden, weltberühmt. Das Wort "Bauhaus" hat bis heute einen hervorragenden Klang bei Kunstkennern und Architekturliebhabern. Sie pilgern geradezu hierher, und ich wünsche Ihnen Pilgerströme. Sie alle machen sich Gedanken, wenn sie hierherkommen: Was haben die Meister sich gedacht, mit ihren klaren Formen, mit ihrem Willen, etwas Neues anzufangen?

Wir müssen uns den Zeitraum zwischen den großen Kriegen vorstellen, als Künstler damit anfingen, mit ihrer neuen Ästhetik eine neue Welt zu träumen. Ich hätte vorhin fast das Wort "lichte Zukunft" gebraucht. Das ist allerdings durch die DDR so vernutzt worden, dass ich diese Begrifflichkeit hier nicht einführen wollte. Aber damals, als sie noch nicht vernutzt war, hätte man so sagen können. Da gestalten wir einmal etwas, das eigentlich einen Traum von einer Welt widerspiegelt, von einer Welt, die ganz, ganz anders ist als das, was wir vorher erlebt haben und was im Ersten Weltkrieg so eine schreckliche Zuspitzung gefunden hat. Wir wollen das Neue! Das war die Botschaft, an die wir uns auch erinnern sollen, wenn wir heute die Meisterhaussiedlung Dessau wiedereröffnen.

Wir haben keineswegs die Absicht, den Ungeist zu vergessen, der einst diesem Traum ein Ende gemacht hat, der die Meister vertrieb und schließlich den Krieg entfesselte, der so bitter und brutal nach Deutschland zurückkehrte, der auf Deutschland im wahrsten Sinne zurückschlug und auch hier Zerstörung und Elend hervorbrachte. Aber mit der Einladung an die Nachkommen der großen Meister erinnern wir auch noch einmal an die großen Namen, die wir mit Dessau verbinden. Wir erinnern uns an Verfolgte und Verfemte und ins Exil Getriebene.

Eigentlich können wir Deutsche, die nie ins Exil gehen mussten, doch dankbar sein, wie viel von deutschem Geist damals im Exil überlebt hat und wie viel wieder zurückfindet in unsere Zeit, in dieses neue, wunderschöne Land. Das verbinde ich auch mit meinem Besuch hier in Dessau. Ich will nicht nur Ausstellungsstücke bewundern oder teilhaben an ästhetischen oder gar personellen Kontroversen. Sondern ich möchte mit meinem Besuch einen Traum würdigen, einen Traum von Menschen, die ganz genau wussten: Ohne unseren Gestaltungswillen, ohne unseren Willen, etwas Neues zu schaffen, ohne neue Ideen gibt es keine Zukunft für die Menschen, die wir doch lieben. Und wenn Sie so wollen, können Sie beim Gang durch diese so klare Architektur manchmal auch diesen sehr schwierigen, verwirrenden und komplizierten Gedanken begegnen. Und wenn Sie ihnen begegnet sind, dann treten Sie wieder hinaus ins Freie, in dieses Licht der Sonne, das für uns heute auch ein Licht eines demokratischen freiheitlichen Staates ist, der das wiederentdeckt, was andere einfach auslöschen wollen.

Ich bin froh, mit meinem Besuch all dies würdigen zu können und danke allen, die daran mitgewirkt haben, dass wir dieses Fest heute begehen können.