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Eröffnung des 99. Katholikentages

Bundespräsident Joachim Gauck bei seiner Ansprache zur Eröffnung des 99. Deutschen Katholikentages Regensburg, 28. Mai 2014 Eröffnung des 99. Deutschen Katholikentages – Ansprache zum Auftakt © Guido Bergmann

Ich freue mich sehr, hier bei Ihnen in Regensburg zu sein. Ob es nun regnet oder die Sonne scheint, es bleibt eine der schönsten Städte unseres Landes.

Jetzt kommen wir zum Motto des Katholikentages "Mit Christus Brücken bauen". Das will ich nicht überstrapazieren, aber eines möchte ich gleich zu Anfang sagen: Ich bin sehr dankbar dafür, dass die ökumenischen Brücken zwischen unseren Kirchen inzwischen so gut befestigt sind.

Als Christ und als Bundespräsident freue ich mich darüber. Viele evangelische Christen sind hier, als Teilnehmer, als Referenten, als Mitwirkende. Auch orthodoxe Schwestern und Brüder machen mit. Ein Katholikentag ist in gewisser Weise nicht mehr einzig die große Begegnung von Katholiken und bei den Evangelischen Kirchentagen, da treffen sich auch nicht nur die Evangelischen. Und das ist gut so.

Das wissen alle: Die Herausforderungen, vor denen wir heute stehen, sei es in unserem Land oder in der Einen Welt, sie sind so groß, dass wir es uns als Christinnen und Christen eigentlich nicht leisten können, darauf jeweils mit einer katholischen, einer evangelischen oder einer orthodoxen Antwort zu reagieren – um nur die größten Gruppen zu nennen. Abgesehen davon, dass unser gemeinsames Zeugnis dadurch an Gewicht verliert, lässt eine solche Zersplitterung sich in vielen Fällen auch theologisch kaum mehr begründen.

Wir Christen, wir Mitglieder der Kirchen müssen wissen, dass wir in den Staat und die Gesellschaft hinein nur mehr wirken können, wenn wir möglichst mit einer Stimme sprechen. Wenn wir als Christen möglichst eindeutig zu erkennen geben können, wofür wir stehen, was wir zu sagen haben, wozu und wovon wir Zeugnis geben wollen.

Die ökumenische Brücke zwischen den Konfessionen gehört deswegen für mich zu den wichtigsten und kostbarsten geistigen Konstruktionen der vergangenen Jahrzehnte. Und trotz aller Versuche auf der einen oder der anderen Seite, den Zugang zu erschweren oder sich auf der jeweiligen Seite zu verbarrikadieren: Wir müssen diese Brücke erhalten, wir müssen sie ausbauen und befestigen. Das Schöne und Besondere an dieser ökumenischen Brücke ist übrigens, dass sie immer sicherer und fester wird, je mehr man sie benutzt.

Brücken zueinander brauchen wir auch zwischen den Religionen. Natürlich ist das ein etwa anderer Dialog als zwischen sich als geschwisterlich verstehenden Kirchen. Aber es scheint mir doch notwendig zu sein, nicht nachzulassen in dem Bemühen, Wege zueinander zu finden.

Die großen Weltreligionen dürfen einander nicht mit Unverständnis gegenüberstehen. Und da geografische Trennungen in unserer globalisierten Welt immer mehr an Bedeutung verlieren, sind die Religionen heute Nachbarn in den Straßen unserer Städte. Nichts kann erbitterter sein als ein Streit zwischen Nachbarn, wie wir alle wissen. Deswegen: Lasst uns Stege, lasst uns Wege zueinander bauen.

Die Weltreligionen sind unterschiedlich und sie werden auch unterschiedlich bleiben. Aber ich bin mir sicher: Wir Unterschiedlichen, wir können mit gutem Willen eine gemeinsame Sprache finden, in der wir friedlich miteinander teilen und einander mitteilen, was uns trennt und was uns verbindet.

Schließlich will ich noch von einer sicher nicht einfach zu konstruierenden Brücke sprechen. Die säkulare Gesellschaft auf der einen und religiöser Glaube auf der anderen Seite. In der Geschichte der Kirchen in den europäischen Gesellschaften ist ein derartiger Brückenbau Schritt für Schritt Wirklichkeit geworden. Allerdings gab es auch säkulare Gesellschaftsmodelle, die bewusst und entschieden die Brücken zur Religion abgebrochen haben. Heute stellt sich in anderem Kontext die Frage nach solchen Brücken neu. Sie ist vielleicht sogar notwendig und unerlässlich, denn religiöses Leben in Deutschland und in Europa stellt sich doch auch in nichtchristlichem Glauben dar. Ist diese Konstruktion einer solchen Brücke auch immer noch eine Gegenwartsaufgabe?

Das Diskussionsforum, an dem ich morgen teilnehmen werde, stellt sich die Frage: "Wie viel Religion verträgt eine säkulare Gesellschaft?"

Ich will nichts von den Inhalten vorwegnehmen, die wir morgen diskutieren. Aber ich will doch folgendes sagen: In dieser Fragestellung versteckt sich die These, dass die Religion, und das heißt doch der Glaube an Gott, für die Gesellschaft auf jeden Fall eine Zumutung darstellt.

Mit diesem Gedanken kann ich mich dann identifizieren, wenn der Begriff Zumutung nicht als unzumutbare Last verstanden wird. Denn für mich selber, eigentlich für jeden von uns Christen, stellt der Glaube ebenfalls eine Zumutung dar. Er mutet uns zu, uns selber nicht zu wichtig zu nehmen. Er mutet uns zu, einen anderen Maßstab anzuerkennen, als den, den wir uns selber bequem zurechtlegen möchten. Und er gibt uns den Mut und die Kraft, uns den Herausforderungen zu stellen, die unser Leben für uns bereithält.

Ich habe vor einigen Tagen auf einem Zukunftskongress der Evangelischen Kirche in Deutschland formuliert, welche Zumutungen für mich aus dem christlichen Glauben erwachsen, und ich möchte sie hier wiederholen: Zumutungen, die wohl nie zum Mainstream einer Gesellschaft gehören, die aber zur Botschaft des Evangeliums gehören.

Ich will sie hier so formulieren: dass der Schwache geschützt wird, dass Teilen richtiger ist als Behalten, dass der geschlagene Nächste am Wegesrand, in welcher Gestalt er immer auch aktuell auftritt, Herausforderung für unsere Nächstenliebe ist, dass Friedfertigkeit so weit gehen kann, dem Angreifer auch die andere Wange hinzuhalten, dass Gerechtigkeit wirkliches Teilen meint und nicht nur gelegentliche Almosen, dass die Würde des Menschen nicht von seiner Herkunft, nicht von seinem Glauben, nicht von seinem Gesundheitszustand abhängt, dass diese Würde zu achten ist von der Zeugung bis zum letzten Atemzug, dass man nicht alles darf, was man kann.

Ich weiß, dass viele Menschen, die hier auf diesem Katholikentag zusammenkommen, aus diesem Geist und in diesem Sinn leben und handeln wollen und immer wieder versuchen, tatsächlich so zu leben und zu handeln. Ich weiß, dass sie damit der ganzen Gesellschaft einen Dienst erweisen, mag er oft auch nicht gleich erkannt werden. Dafür möchte ich mich ausdrücklich bedanken.

Ich wünsche uns und Ihnen allen hier in Regensburg einen guten, inspirierenden, ermutigenden Katholikentag. Ich wünsche Ihnen Freude an den Zumutungen, die aus dem Glauben kommen. Und ich wünsche mir und Ihnen, dass die Brücken, die hier gebaut werden, halten und Bestand haben. Denn das ist bei einer Brücke doch das Wichtigste: Nicht, dass sie gut gemeint oder gut gedacht oder gut geplant war, sondern dass sie hält und dass sie trägt.