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Orden Pour le mérite für Wissenschaften und Künste

Bundespräsident Joachim Gauck hält eine Ansprache anlässlich des Ordens Pour le mérite für Wissenschaften und Künste Schloss Bellevue, 1. Juni 2014 Orden Pour le mérite für Wissenschaften und Künste – Rede beim Abendessen © Jesco Denzel

Herzlich willkommen an diesem schönen Abend in diesem schönen kleinen Schloss Bellevue!

Sie haben sich inzwischen an die Größenordnung des Dienstsitzes des Bundespräsidenten gewöhnt, obwohl einige von Ihnen aus Paris oder Wien durchaus eindrucksvollere Zeugnisse von staatlicher Repräsentanz in Form von Bauten kennen. Mir passt das ganz gut, ich bin ein Bürgerpräsident und dieses Schlösschen ist so, dass man es jedem vorzeigen kann, ohne sich gleich entschuldigen zu müssen.

Nun sind Sie hier und das gefällt mir sehr. Ich steige ein in eine Tradition, wir treffen uns zum dritten Mal in diesem Kreis und bleiben also miteinander verbunden. Das geht auch gar nicht anders, ich bin Ihr Protektor und werde Sie also immer wieder hier in diesem Schloss Bellevue begrüßen, und das tue ich mit großer, großer Freude.

Denn es tut gut, abzubilden, wovon man überzeugt ist. Unter anderem ist mir aufgefallen, dass Spitzenpositionen keine Männerdomäne bleiben. Da müssen wir gelegentlich noch ein wenig umdenken, aber vor einigen Wochen hatte ich Gelegenheit, mit Frau Professor Nüsslein-Volhard über ihr neues Amt als Kanzlerin des Ordens und über ihre Erfahrungen mit Nachwuchswissenschaftlerinnen zu sprechen. Die Situation für junge Frauen an den Hochschulen und Forschungseinrichtungen ist offenbar weiterhin nicht ganz so einfach. Zwar gibt es gute Vorsätze und mancherorts auch wirksame Programme, aber bei der Mehrzahl von Einrichtungen lässt sich beobachten: Oft sind es befristete Verträge, mangelnde Betreuungsmöglichkeiten und schwer planbare Karrierewege, die immer noch viele Paare von der Familiengründung abhalten. Jedenfalls, wenn man gleichzeitig eine wissenschaftliche Laufbahn im Auge hat. Wer sich trotzdem dazu entschließt, merkt bald, wie sehr die zusätzlichen Pflichten zu Hause und die mit kleinen Kindern verbundene eingeschränkte Mobilität das erfolgreiche Forschen in vielen Fällen behindern. Genau diesem Problem widmet sich die Christiane Nüsslein-Volhard-Stiftung, wie ich erfahren habe. Es hat mich natürlich sehr gefreut, dass es so ein innovatives Unterfangen gibt. Herzlichen Dank dafür – auch im Namen all der Familien, denen Sie mit Ihrer Initiative privat wie beruflich über Engpässe hinweghelfen!

Meinen Dank kann ich sehr leicht ausweiten, und zwar auf alle, die Sie hier in diesem Saal versammelt sind und Ihre Spielräume in Wissenschaft und Kunst dafür nutzen, der Elite von morgen Türen zu öffnen, Wege zu ebnen, als Mentor oder Sponsor Starthilfe zu geben. Das kann im Rahmen einer Stiftung geschehen oder bei einem Kongress, auf der Sommerakademie einer Meisterklasse oder zufällig mit einem persönlichen, motivierenden, weiterhelfenden Gespräch. Sie merken dann: Hier ist ein junger Mensch, der Bestärkung braucht. Und dieser junge Mensch merkt vielleicht gerade in einem Moment geringeren Selbstbewusstseins: Hier ist jemand, der an mich glaubt. Es ist so wichtig, dass wir uns nicht nur in unseren fachlichen Eigenschaften immer weiter vervollkommnen. Dazu gehört, dass wir dieses Maß an Selbstbewusstsein – ich sollte vielleicht besser sagen Selbstbewusstheit – fördern, ohne das an eine erfolgreiche Existenz und an Spitzenpositionen nicht zu denken ist. Auch dazu können Menschen einander verhelfen, zu einer selbstbewussten Haltung.

Ich glaube, es würde unserem Land gut tun, wenn wir den Begriff von Exzellenz und Exzellenzinitiativen deutlich erweitern. Die meisten assoziieren damit im engeren Sinne Fördergelder und Infrastrukturen, man spricht schnell von Investitionssummen, Rankings und Standards – alles markante Anhaltspunkte, ohne Zweifel. Allerdings gibt es daneben eine schwer zu bemessende Größe: die persönliche Ermutigung, über die ich eben sprach, die Ermutigung auf dem Weg an die Spitze. Wer sie in seinem persönlichen Umfeld nicht findet, der ist auf Vorbilder angewiesen. Und Sie, so stelle ich es mir vor und so wünsche ich es mir, können diese Vorbildrolle übernehmen und haben es sicher, ohne dass ich es weiß, schon oft getan.

Sie merken: Mich beschäftigen auch die sogenannten "weichen Faktoren" bei der Frage, wie wir herausragende Leistungen in Wissenschaft, Kunst und Kultur beflügeln können, Faktoren wie Motivation, Bestärkung, Selbstvertrauen. Die nachwachsende Generation hat ja oft den Eindruck: Es wird täglich schwieriger, mit der internationalen Konkurrenz mitzuhalten. Vor allem: Im Vergleich zu Alexander von Humboldt oder Lise Meitner, Frédéric Chopin oder Frida Kahlo scheint es inzwischen so viel aufwendiger, der Welt einen tatsächlich neuen Gedanken, eine nie gehörte Melodie oder ein nie gesehenes Bild zu schenken. Fast alles ist irgendwie schon einmal da gewesen. In einer Zeit der globalen Vernetzung, des offenen Zugangs zu Millionen Quellen und der multimedialen Kommunikation scheint es unwahrscheinlicher denn je, als brillant oder sogar als genial gelten zu dürfen.

Womit trösten wir nun die Jugend – vielleicht auch uns selbst ein wenig –, wenn der Nobelpreis oder der Auftritt in der Carnegie Hall auf sich warten lassen? Am besten mit der Tatsache: Der Raum der Möglichkeiten war eigentlich schon immer größer als die menschliche Vorstellungskraft. Und immer wieder haben Kinder ihre Eltern übertroffen.

Hinzu kommt: Das Selbstvertrauen, von dem ich gerade sprach, das Vertrauen in die eigenen Potentiale, muss auch begleitet werden vom Vertrauen in andere. Wie bedeutend diese Fähigkeit ist, vor allem: wie groß die Lücke, wenn sie fehlt, das sehen wir gerade in der europäischen und der internationalen Politik. Wie viele Konflikte können wir aufzählen, die alle damit begannen, dass eine Seite der anderen die Vertrauenswürdigkeit absprach, Vertrauen enttäuschte oder sogar missbrauchte?

Und wie oft waren wir erleichtert, wenn nach monate-, manchmal jahrelangem Ringen endlich wieder "vertrauensvolle Gespräche" stattfinden konnten. Leider kennen wir auch die Ödnis, in der Vertrauen eben nicht wachsen kann. Wir haben gerade am Rande Europas wieder Anlass, darüber nachzudenken, dass solche Phasen das politische Klima nachhaltig beschädigen. Und sie gehen, wenn sie erst einmal eingetreten sind, auch nicht spurlos an Wissenschaft und Kunst vorbei. Im Gegenteil, dann brauchen wir Menschen wie Sie, die hier im Orden Pour le mérite versammelt sind, wir brauchen Sie über Ihr Fachgebiet hinaus, wenn Sie in angespannten Zeiten als Mahner auftreten oder als Schlichter zur Mäßigung auffordern, wenn Sie die Vernunft der Entscheider anmahnen, wenn Sie an die Solidarität einer breiten Öffentlichkeit oder an den Willen zur Mitgestaltung appellieren. All das sind Aufgaben, die über Ihre eigentliche Profession hinausgehen. Aber sie gelingen, weil Sie sich Vertrauen erworben haben und höchste Achtung in Ihren Expertenkreisen und in der ganzen Bevölkerung genießen. Und Sie haben manchmal auch Fähigkeiten, von denen andere im politischen Raum nur träumen können. Ich möchte Sie ermutigen, diese Fähigkeiten in sich selbst zu entdecken und so anderen Menschen auch abseits von Ihren Fachgebieten Ermutigung und Ansporn zu geben in einer Welt, die immer wieder dazu neigt, destruktiv zu sein.

Destruktivität gehört zu unserem Wesen. Aber gerade weil das so ist, gilt es, immer wieder Räume des Vertrauens zu schaffen und sich dabei nicht zu schonen. Im engeren Sinne gehört das alles nun nicht zu dem, wofür Sie vielfältig geehrt wurden. Aber wenn man den Blick weitet, dann gehört es doch dazu. Denn jeder von Ihnen weiß: Wir sind eben nicht nur große Wissenschaftler oder große Künstler, wir sind eben auch Bürger. Ich mag es, wenn Bürger sich einmischen und über das hinaus, was sie beruflich gelernt haben, Vertrauen schaffen können, das Gemeinwesen bauen. In diesem Sinne freue ich mich, dass wir hier zusammen sind. Und jetzt stoße ich gerne mit meiner Kanzlerin an. Auf Ihr Wohl!