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Empfang für Humboldt-Stipendiaten

Bundespräsident Joachim Gauck empfängt die Stipendiatinnen und Stipendiaten der Alexander von Humboldt-Stiftung in Schloss Bellevue Schloss Bellevue, 3. Juni 2014 Empfang für Stipendiaten der Alexander von Humboldt-Stiftung – Austausch im Schlosspark © Jesco Denzel

Ich freue mich, an einem Fest der Wissenschaft teilnehmen zu dürfen. Und ich freue mich, dass ich Ihnen hier dieses schöne Gelände vom Schloss Bellevue wieder als Treffpunkt zur Verfügung stellen kann.

"In dem Moment, in dem Humboldtianer zusammenkommen, ist es, als würde man sich schon lange kennen." Das hat der Generalsekretär Ihrer Stiftung, Herr Dr. Aufderheide, einmal gesagt. Und genau dieses Gefühl hatte ich eben, als ich hier aus dem Schloss heraus- und auf Sie zukam. Da habe ich den lieben Professor Schwarz gefragt: Kenne ich die eigentlich schon alle? Waren die voriges Jahr auch da? Nein, hat er gesagt, die sind alle neu, bis auf ein paar wenige Ausnahmen. Ich hatte aber das Gefühl, dass ich auf etwas Bekanntes zugehe. Und das spricht für die Atmosphäre, die unter den Humboldtianern gewachsen ist. Es ist eine Verbindung da, die eben nicht nur den Staatsmann freut, sondern die dem Menschen zu Herzen geht.

Also, vielleicht gibt es so etwas wie das legendäre "Humboldt-Gefühl", das dann die Wirkung hat, dass man meint, wenn man zusammenkommt, man sei in einer großen internationalen Familie. Sie spüren, dass ich mich freue, dass Sie meine Gäste sind, und dann freue ich mich auch noch darüber, dass so viele von Ihnen ihre Kinder mitgebracht haben. Herzlich willkommen!

Sie alle sind ausgezeichnete Wissenschaftler, viele von Ihnen sind schon Meister Ihres Fachs. Und trotzdem erwecken Humboldtianer nie den Eindruck, ein exklusiver Klub, eine geschlossene Gesellschaft zu sein. Ganz im Gegenteil: Sie sind offen, Sie sind neugierig, Sie suchen den Austausch, über Fächer- und über Ländergrenzen hinweg. Und das ist eine Haltung, die mir sehr, sehr gut gefällt! Ich glaube nämlich, dass sich schöpferische Kräfte am besten entfalten, wenn unterschiedliche Kulturen und Mentalitäten aufeinandertreffen. Wenn Menschen sich begegnen, gerät etwas in Bewegung, dann werden Seele und Geist beflügelt. Dann kann die zarte Pflanze gedeihen, die wir Inspiration nennen.

Alexander von Humboldt, der Naturforscher und Entdecker, war ein Wanderer zwischen den Welten, der neue Wege beschritt. Ein Mann, den es nicht lange in "Schloss Langweil" hielt, so nannte er seinen heimatlichen Wohnsitz hier in Berlin-Tegel. Das Fernweh trieb ihn hinaus in die Welt, und seine Reiseberichte sind Sternstunden der empirischen Forschung, auf jeder Seite zugleich Neugier, Wissensdurst und Abenteuerlust. Aber es ging Humboldt eben nicht nur um die exakte "Vermessung der Welt". Sein Wunsch sei es, so schrieb er, "gleichzeitig die Phantasie zu beschäftigen und durch Vermehrung des Wissens das Leben mit Ideen zu bereichern". Für Humboldt, den großen Forschungsreisenden des 19. Jahrhunderts, war die Wissenschaft so etwas wie eine Goldmine, die Goldmine des Geistes.

Heute haben wir es, das wissen Sie besser als ich, mit einem hochdifferenzierten Wissenschaftssystem und mit unendlich viel Spezialisierung zu tun. Humboldts Hauptgedanke aber ist nach wie vor richtig: Wir brauchen Synthesen, um neue Ideen zu erschaffen, grenzüberschreitende Zusammenarbeit, um dem Denken einen weiteren Horizont zu geben. Sie alle haben den Mut, zu neuen Ufern aufzubrechen. Und ich danke Ihnen, dass Sie sich entschieden haben, einen Teil Ihrer wissenschaftlichen Laufbahn in Deutschland zu verbringen. Das ist ein großer Vertrauensbeweis, ein großes Kompliment für unser Land. Vor allem aber ist es ein Geschenk, dass Sie nun hier sind: Sie bereichern nicht nur unsere Universitäten, sondern unser Land, unser ganzes Land mit Ihren Gedanken und mit Ihrer Persönlichkeit.

Ich wünsche Ihnen, dass Ihr Aufenthalt Sie weiter voranbringt. Nutzen Sie das Privileg, frei forschen zu können! Nutzen Sie die Gelegenheit, neue Kolleginnen und Kollegen und natürlich auch unser Land und seine Menschen kennenzulernen. Die Humboldt-Stiftung macht ja fast alles möglich, damit Sie und Ihre Familien sich wohlfühlen können. Ich hoffe sogar, dass es vielen von Ihnen so gut gefällt, dass Sie auf Dauer in Deutschland bleiben wollen. Es ist ja schon lange kein Geheimnis mehr, dass wir viele hochqualifizierte Akademiker, vor allem aber Ingenieure und Naturwissenschaftler, ermutigen, bei uns zu bleiben. Staat und Wirtschaft investieren viel, um attraktive Angebote in unserem Wissenschaftsland zu machen.

Universitäten und Forschungsinstitute spielen eine besondere Rolle, wenn es darum geht, Antworten auf große Fragen unserer Zeit zu finden. Wie können wir erneuerbare Energiequellen besser ausschöpfen, um Ressourcen zu sparen und die Erwärmung der Erdatmosphäre aufzuhalten? Wie können wir unser Gesundheitssystem und unsere Arbeitswelt so gestalten, dass auch in alternden Gesellschaften ein gutes Leben für alle möglich wird? Und wie kann es gelingen, in kulturell heterogenen Gesellschaften ein Wir-Gefühl zu schaffen?

Natur-, Geistes- und Sozialwissenschaften weisen uns den Weg in einen Raum der Möglichkeiten. Nicht umsonst sind Universitäten wichtige Quellen des Wandels und lösen damit immer wieder politische Auseinandersetzungen aus – bisweilen auch mit tragischen Folgen. Am heutigen Tag erinnere ich an den Beginn der blutigen Unterdrückung der von Studenten ausgegangenen Proteste in Peking vor 25 Jahren, und ich gedenke der Opfer. Bis heute wird in China jegliche Diskussion der damaligen Ereignisse unterdrückt. Ich erwähne das, weil ich auch an einem so fröhlichen und verbindenden Tag der Begegnung nicht übersehen kann, wie viel engagierte Menschen noch zum Besseren zu verändern haben, was in der Welt im Argen liegt. Und zwar in so vielen Regionen der Welt.

Wir brauchen Forscher wie wir Menschen brauchen, die sich der Annäherung an die Wahrheit ebenso verpflichtet fühlen wie der Freiheit und den Menschenrechten. Vordenker, die den Boden bereiten für ein Leben in Frieden und Wohlstand. Männer und Frauen, die technische Innovationen, wirtschaftliches Wachstum und ethische Standards in Einklang bringen, selbstbewusst und mit vereinten Kräften.

Es ist schön zu sehen, wie gut die internationale Verständigung, wie gut der Austausch in der Scientific Community klappt. Die Humboldtianer sind dafür das beste Beispiel. Wenn ich mir eins von Ihnen wünschen dürfte, dann wäre es dies: Stecken Sie die Menschen an mit Ihrem Tatendrang, mit Ihrem Wissensdurst, mit Ihrem Optimismus – und nehmen Sie möglichst viele mit in den Kosmos der Natur und in die Welt des Geistes!

Aber jetzt wollen wir erst einmal miteinander ins Gespräch kommen, hier im Garten von Schloss Bellevue, das ganz und gar kein Schloss Langweil ist. Ich freue mich auf die Begegnung mit Ihnen.