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Eröffnung des 15. Deutschen Kinder- und Jugendhilfetages

Bundespräsident Joachim Gauck hält eine Ansprache anlässlich der Eröffnung des 15. Deutschen Kinder- und Jugendhilfetages Berlin, 3. Juni 2014 Eröffnung des 15. Deutschen Kinder- und Jugendhilfetages – Ansprache in der Messe Berlin © Sandra Steins

Herzlichen Dank für die Einladung, hier zu sprechen. Bei Kinder- und Jugendhilfe denken viele Laien zunächst oft an die komplizierten Seiten dieser Lebensphase: den schwierigen Weg des Erwachsenwerdens, die Suche nach sich selbst und nach allem, was das Leben zu bieten hat. Das ist für junge Menschen oft eine Gratwanderung, und wir Erwachsene fragen uns: Welche Rechte räumen wir dem Nachwuchs ein und welche Pflichten tragen wir ihm auf? Eine für beide Seiten anstrengende, aber in vielen Fällen auch sehr beglückende Zeit. Ja, auch für die Weichenstellungen zum Gelingen und die damit verbundenen Glücksmomente sind Sie zuständig, meine Damen und Herren! So wird Erziehung und mit ihr Kinder- und Jugendhilfe zu einem vielschichtigen Thema. Und deshalb bin ich gern gekommen, um diesen Fachkongress zu eröffnen.

Einige von Ihnen wissen vielleicht, dass ich Vater, Großvater und Urgroßvater bin. Beim Gedanken an Kindheit und Jugend schwingt die persönliche Prägung ja immer ein wenig mit. Sie lässt sich nicht einfach abstreifen wie ein alter Mantel. Ich gebe deshalb gleich zu Beginn zu erkennen: Hier steht natürlich der Bundespräsident vor Ihnen, aber auch ein Mensch mit Familienerfahrung. Und ich teile einen großen Wunsch mit Ihnen: Möge jedes – wirklich jedes – Kind die Möglichkeit haben, in ein freies und selbstbestimmtes Leben hineinzuwachsen!

Wir alle wissen: Chancengerechtigkeit bleibt in unserem Land ein unverzichtbares Ziel. Sie ist ein Ziel, das jede Gesellschaft permanent im Fokus haben sollte. Und auch in unserer Gesellschaft ist sie noch nicht erreicht. Wenn ich mir aber die lange Liste der Partner dieser Veranstaltung anschaue, dann sehe ich auch: Wir haben Grund zu Zuversicht und Dankbarkeit. Ein so eng geknüpftes, leistungsfähiges Netzwerk, eine solche Vielfalt an Vereinen, Stiftungen und Initiativen, die sich der Kinder- und Jugendhilfe widmen, gibt es nur in wenigen Regionen der Welt. Das ist Ihr Verdienst! Das ist Ergebnis der langen, teilweise jahrzehntelangen Arbeit, die in unzähligen Einrichtungen staatlicher und privater Träger für und gemeinsam mit Familien vollbracht wird. Von A wie ADHS Deutschland e.V. bis Z wie Zentrum Eigenständige Jugendpolitik: ein großes Dankeschön an Sie alle, ganz amtlich und auch ganz persönlich. Ich bin dankbar für Ihren unermüdlichen Einsatz.

"Kinder- und Jugendhilfe: viel wert, gerecht und wirkungsvoll", so haben Sie Ihr Programm überschrieben, liebe Frau Professor Böllert. Ich schließe mich gern an!

Viel wert sind die Aktivitäten Ihrer Arbeitsgemeinschaft AGJ schon seit 1949. Und sie sind wertvoll geblieben, weil sich Ihre Mitstreiter dem Wandel der Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen geöffnet haben. Mehr noch: Sie haben diesen Wandel aktiv begleitet und die sich daraus ergebenden Herausforderungen angenommen. Sie haben erlebt, wie Patchwork- und Regenbogen-Familien alltäglich wurden. Sie haben mit Mentorenprogrammen auf die wachsende Zahl von Einwandererkindern reagiert. Und sie haben den Einzug des Laptops in den Schulalltag zum Thema gemacht.

Wohl nie zuvor wurden junge Menschen mit so vielen Informationen konfrontiert, und nie zuvor wurden ihnen zugleich derart vielfältige Möglichkeiten eröffnet. Es ist heutzutage die schier unbegrenzte Offenheit, manchmal allerdings auch die Überfülle von Angeboten und Optionen, die junge Menschen vor schwierige Entscheidungen stellt. Orientierungsvermögen wird da zur Schlüsselqualifikation.

Die rund 100 Mitglieder Ihrer Arbeitsgemeinschaft fühlen sich für die Unterstützung junger Menschen bei der Identitätssuche genauso zuständig wie für die Durchsetzung ihrer Rechte. Entsprechende Forderungen finden sich hier auf der Messe tausendfach in Broschüren oder auf Plakaten: Jedes Mädchen, jeder Junge soll frei von Gewalt großwerden können. Allen Kindern soll Förderung und Bildung auf eine Weise zu teil werden, die ihre Talente und Fähigkeiten bestmöglich zur Entfaltung bringt. Niemand darf aufgrund körperlicher, geistiger oder seelischer Handicaps diskriminiert werden. Und jeder junge Mensch soll Gelegenheit zur Mitsprache und Beteiligung haben. Das alles klingt so klar, so selbstverständlich und ist doch eine Mammutaufgabe.

Viel wert sind Ihre Aktivitäten gewiss. Viel wert – das wird jedoch oft umgemünzt in eine Frage und die lautet dann: Wie viel darf es kosten? Sie wissen: Ich kann hier keine Summen versprechen. Aber ich möchte Sie zumindest ermutigen: Es lohnt sich, die Wertedebatte eng mit den Budgetverhandlungen zu verknüpfen. Nur wenn immer wieder deutlich gemacht wird, warum Kinder- und Jugendhilfe unverzichtbar ist, werden Mehrheiten zusammenkommen, um Angebote auch zu finanzieren. Mir ist sehr bewusst, dass etliche Städte und Gemeinden schwere interne Kämpfe austragen, wo der Rotstift anzusetzen ist, wenn Sparen unumgänglich wird. Und dass Bund, Länder und Kommunen weiterhin miteinander ringen, ob und wie gemeinsame Finanzierungsmodelle für die Kinder- und Jugendhilfe gefunden werden können.

Außerdem gibt es ein Spannungsfeld, das in puncto Verteilung künftig wichtiger werden könnte: die Generationenfrage – den Hintergrund kennen Sie, den demografischen Wandel. Das Durchschnittsalter unserer Bevölkerung steigt beständig an. Und je höher der Anteil der Lebensälteren unter den Wahlberechtigten wird, desto größer die statistische Wahrscheinlichkeit, dass die Interessen der Jugend weniger vertreten werden.

Aber es muss ja nicht so kommen: Es ist immer noch ein Unterschied, ob jemand in der Demokratie Alterskohorten anschaut und daraus ableitet, es gebe Mehrheiten für reine Generationeninteressen, oder ob er für das, was er selbst als richtig erkannt hat, um eine Mehrheit kämpft. Wo letzteres geschieht, da erfüllt demokratische Politik einen Gestaltungsauftrag, und da können auch ganz neue Allianzen zwischen Alt und Jung entstehen. Diese Form der gelebten Solidarität im Alltag gehört ebenso zur Generationengerechtigkeit wie die Frage der institutionalisierten Verteilungsprozesse.

Damit bin ich mitten in der Gerechtigkeitsdebatte. Dass Kinder- und Jugendhilfe dazu beitragen soll, Gerechtigkeit herzustellen, steht außer Zweifel. Beispiele für Ihre konkreten Forderungen habe ich gerade genannt. Wie dafür jedoch die Rahmenbedingungen optimiert werden könnten, das ist nicht so eindeutig auf den Punkt zu bringen. Wie viel Unterstützung Familien genau brauchen, was gesetzlich unverzichtbar und was gesellschaftlich wünschenswert wäre, das wird immer wieder leidenschaftlich diskutiert – nicht zuletzt unter den Kinder- und Jugendhelfern selbst.

Die breite Öffentlichkeit schaltet sich meist nur in besonders eklatanten Einzelfällen ein, etwa nach Schlagzeilen über schwere Misshandlung von Kindern, oder wenn die Überschrift lautet: "Passant in der U-Bahn von Jugendlichen krankenhausreif geschlagen". Für einen Augenblick ist das Entsetzen dann groß: Wie konnte so etwas geschehen? Wer hat da nicht hingesehen, nicht eingegriffen? Dass hier nicht allein die vielzitierten Ämter, sondern die ganze Gesellschaft gefordert ist, wird schnell verdrängt. Genau dieses Bewusstsein brauchen wir aber, um ein vernünftiges Maß an Kontrolle und Freiheit, an Fürsorge und Selbstverantwortung auszutarieren.

Wir werden wohl auch lernen müssen zu akzeptieren: Einen Königsweg gibt es nicht. Es gibt nur die Mühen der Ebene, den täglichen Anspruch, dass jede und jeder an ihrem und seinem Platz umsichtig handelt. Zum Bespiel die Nachbarin, die ein Kind immer wieder schreien hört und sich entschließt, die Polizei zu verständigen. Oder der Lehrer, der dem verhaltensauffälligen Teenager einen Schulpsychologen vermittelt, bevor es für Prävention zu spät ist. Kinder- und Jugendhilfe funktioniert nur, wenn wir sie als gesamtgesellschaftliche Aufgabe begreifen.

Nicht ohne Grund stehen in jüngerer Zeit vor allem die Übergänge im Bildungssystem, also die potentiellen Bruchlinien in einem jungen Leben, im Mittelpunkt der Betrachtung. Nachhilfe für Kinder aus bildungsfernen Milieus finanzieren, die Schulabbrecherquote senken, schwer vermittelbare Jugendliche in Ausbildungsgänge und in den ersten Arbeitsmarkt integrieren: all das sind Themen, bei denen Bildungs-, Wirtschafts- und Sozialpolitik eng verzahnt werden müssen, damit wir messbare Erfolge erreichen können.

Wirksam sein – auch das haben Sie mit gutem Grund zur Überschrift erhoben, liebe Frau Professor Böllert. Auch wenn ich jetzt viel über Problemfälle gesprochen habe, möchte ich Ihnen versichern: Ich gehöre nicht zu jenen Menschen, die Kinder- und Jugendhilfe allein als Feuerwehr betrachten. Sie leisten schließlich so viel mehr, meine Damen und Herren! Ich denke an bedeutende Aufgaben wie die Breiten- und Spitzenförderung in Sport, Kunst und Kultur, an die Jugendarbeit in Kirchen und Glaubensgemeinschaften, an Pfadfindergruppen, Naturschutzinitiativen oder an den großen Bereich der politischen Bildung. Ich habe oft Gelegenheit, die Ergebnisse solcher Anstrengungen zu erleben, wenn ich reise oder Besucher im Schloss Bellevue begrüße: junge Leute, die bei unserem Geschichtswettbewerb oder dem Wettbewerb zur Entwicklungspolitik beeindruckende Projektberichte einreichen, schlagfertige Teilnehmer von "Jugend debattiert" oder Auszubildende, die sich trotz Behinderung viel vornehmen und ihr Pensum meistern. Auch an diesen Formen der Persönlichkeitsentwicklung haben Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe einen wichtigen Anteil. Sie motivieren erfolgreich zum Mitreden, Mittun, vielfach sogar zum freiwilligen Engagement. Zugegeben: Großorganisationen fällt es schwerer als früher, neue Mitglieder anzuwerben. Aber wer sich auf das Lebensgefühl und auf den Lebensrhythmus der Jugend einlässt, der kann sie für zeitgemäß zugeschnittene Ehrenämter trotzdem gewinnen.

Übrigens auch in Bereichen, in denen es um alles andere geht als um jugendliche Leichtigkeit. Bei einem Besuch im Konzentrationslager Buchenwald habe ich vor kurzem junge Freiwillige kennengelernt, die Gruppen durch die Gedenkstätte führen. Wir sind schnell ins Gespräch gekommen – über die deutsche Vergangenheit und die europäische Zukunft, über das, was sich 17-Jährige von Politik und aktiven Politikern erhoffen. Einmal mehr habe ich dabei gespürt: Die meisten Jugendlichen stehen zu unserer Demokratie, aber sie fragen schon gelegentlich nach der Vertrauenswürdigkeit der gewählten Repräsentanten, ob im Rathaus um die Ecke, in der deutschen Hauptstadt oder der europäischen. Dieser Befund sollte uns zu denken geben und uns fragen lassen: Wie kann Vertrauen aufgebaut werden, Vertrauen in Personen und in Institutionen?

Meine Erfahrung sagt mir: durch offene Worte und durch persönliche Begegnungen. Wahrscheinlich haben das deutsch-französische Jugendwerk und sein deutsch-polnischer Zwilling zum Verständnis Europas mehr beigetragen als jede Broschüre der Europäischen Kommission oder so manches Schulbuch. Deshalb die Bitte an Sie: Fördern Sie den Austausch, wo immer Sie können. Und denken Sie dabei nicht nur an die Abiturienten und an die bildungsnahen Familien. Ich wünsche mir, dass jedes deutsche Schulkind, egal in welche Schule es geht, die europäische Nachbarschaft aus der Nähe kennenlernen kann – und zwar nicht aus touristischer Perspektive, sondern durch die Auseinandersetzung mit Gleichaltrigen über Themen, die uns alle in Europa betreffen, zum Beispiel die inakzeptabel hohe Jugendarbeitslosigkeit in vielen Ländern. Ich glaube, dann können wir in zehn oder 20 Jahren ganz anders über Solidarität und Zusammenhalt in Europa sprechen als heute.

Sie merken, die europäische Dimension Ihrer Arbeit liegt mir am Herzen. Ich begrüße es sehr, dass Sie dazu ein Schwerpunktprogramm hier beim Kongress eingeplant haben. Insgesamt bin ich mir sicher: Dieser Kinder- und Jugendhilfetag hat gute Aussichten, der Professionalisierung neue Wege zu ebnen und mit etwas Glück auch das öffentliche Bewusstsein um aktuelle Belange unserer Jugend zu erweitern. Ich wünsche Ihnen, dass Sie diesen Rückenwind in Ihren Alltag mitnehmen können. Womöglich kann dann die Überschrift bei Ihrem nächsten großen Treffen lauten: "Kinder- und Jugendhilfe: wertgeschätzt, ausgebaut und noch wirksamer als zuvor".