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Gedenken zum 10. Jahrestag des NSU-Anschlages in Köln

Bundespräsident Joachim Gauck bei seiner Ansprache anlässlich des Gedenkens zum 10. Jahrestag des NSU-Anschlages in Köln Köln, 9. Juni 2014 Gedenken zum 10. Jahrestag des NSU-Anschlages in Köln – Ansprache beim Kunst- und Kulturfest „Birlikte – Zusammenstehen“ © Jesco Denzel

Wir waren eben zusammen mit einer Gruppe von Menschen, die in der IG Keupstraße seit vielen Jahren aktiv sind, um ein gutes Miteinander zu gestalten. Und wir waren in dem Friseursalon, vor dem damals diese widerwärtige Fahrradbombe explodiert ist. Ich war gefasst auf eine Begegnung mit Schmerz und Trauer, vielleicht auch mit Frustration. Und ich gehe raus aus der Straße, total begeistert von dem Geist, der mir dort begegnet ist, von diesem: "Ja, wir schaffen das miteinander!". "Ja, das ist unsere Heimat!". Durch dieses Zusammenstehen der Vielen ist es ganz greifbar geworden: Ja, das ist unsere Heimat und wir gestalten sie zusammen.

Natürlich stehen wir heute zusammen in der Erinnerung an den Moment des Anschlages – heute vor zehn Jahren, mitten in einer deutschen Stadt, mitten unter uns.

Wir fühlen mit denen, die damals an Körper und Seele verwundet wurden, mit ihren Familien, mit ihren Freunden, mit den Anwohnern dieser Straße.

Wir trauern auch um Menschen, die unter uns lebten, in Nürnberg, Hamburg, München, Rostock, Dortmund, Kassel, Heilbronn – Opfer einer beispiellosen Mordserie.

Wir denken an alle, denen diese Attentate auch galten, die sich nach dem Willen der Täter nicht mehr sicher fühlen sollten in unserem Deutschland, nicht mehr zu Hause fühlen sollten, dort, wo sie doch zu Hause sind.

Wir denken heute auch daran, wie viele Betroffene sich später allein gelassen oder sogar als Verdächtige behandelt fühlen mussten, wie viel Misstrauen damals gesät wurde.

Mehr als zehn Jahre lang haben die Mitglieder einer rechtsextremistischen Bande unerkannt rauben, morden und Anschläge wie den in der Keupstraße tätigen können. Von Fremdenhass getrieben, haben sie zu zerstören versucht, was uns in Deutschland wertvoll ist: das selbstverständliche Miteinander der Verschiedenen, die offene und freiheitliche Gesellschaft.

Und heute stehen wir zusammen, um dieses Miteinander, diese Offenheit und Freiheit zu stärken: hier in diesem Viertel – und überall in unserem Land.

Dass wir alle hier sind, ist auch eine Botschaft an alle rechtsextremen Verächter unserer Demokratie. In meiner Antrittsrede als Bundespräsident habe ich denen zugerufen: Euer Hass ist unser Ansporn!

Und deshalb erfüllt es mich mit so großer Freude, Sie alle hier zu sehen, zu sehen, wie zahlreich wir sind, wie viele auch zu diesem Fest beigetragen haben: Bürgerinnen und Bürger, kleine und große Unternehmen, politische und öffentliche Institutionen und – ich schaue mich um – diese große Zahl von Künstlern.

Wir sind die Vielen! Wir zeigen, wie wir in diesem Land leben wollen, nämlich respektvoll und friedlich. Wir sind verschieden. Aber wir gehören zusammen. Und wir stehen zusammen, um allen, die von fremdenfeindlicher Gewalt bedroht sind, zu sagen: Ihr seid nicht allein.

Vor einigen Monaten habe ich mit Betroffenen und Angehörigen von Opfern der Attentate gesprochen. Und eben gerade bin ich mit Bürgerinnen und Bürgern zusammengetroffen, die sich miteinander in der Keupstraße engagieren. Sie alle haben viel zu erzählen, natürlich, aber sie haben auch noch viele Fragen. Und manche sind noch offen:

Wie sicher kann ich mich fühlen in diesem Land? Warum ist es ein Jahrzehnt lang nicht gelungen, die Täter zu fassen? Und warum dauert die juristische und politische Aufarbeitung so lange? Warum haben Polizei und Behörden ausländerfeindliche Tatmotive ausgeschlossen? Warum haben sie dem, was die Betroffenen und Angehörigen zu sagen hatten, so wenig Bedeutung beigemessen? Es sind Fragen, die sie gestellt haben und die uns alle angehen.

Auch ich zählte damals zu den Bürgern, die immer wieder in der Zeitung lasen, wie die Fahnder scheiterten. Auch ich glaubte nicht daran, dass in unserem Land eine rechtsextreme Terrorgruppe so lange unerkannt bleiben konnte. Auch ich musste erkennen, dass ein menschenfeindlicher Fanatismus umgeschlagen war in Mord – das war ein böses Erwachen!

Die Gedenkveranstaltung für die Opfer rechtsextremistischer Gewalt, angestoßen von meinem Vorgänger Christian Wulff, hat damals, kurze Zeit nach der Enttarnung der Täter, ein wichtiges Zeichen gesetzt: ein Zeichen der Trauer, des Entsetzens, aber auch des Zusammenstehens und der Entschlossenheit. Ich habe damals – ich war in der Zeit Kandidat für das Präsidentenamt – teilgenommen und in meinen Gesprächen mit Angehörigen gespürt, wie wichtig dieses Zeichen war.

Inzwischen sehen wir um einiges klarer. In Untersuchungsausschüssen in den Ländern und im Bund, auch im laufenden Gerichtsverfahren wird buchstäblich um Aufklärung gerungen. Alle Fraktionen im Bundestag haben zu Beginn der neuen Legislaturperiode die Empfehlungen des NSU-Untersuchungsausschusses noch einmal bekräftigt. Auch journalistische Recherchen haben einen wichtigen Beitrag zur Aufklärung geleistet.

Es ist wichtig, dass unsere Institutionen dem gewalttätigen Extremismus mit geschärften Sinnen und mit den geschärften Waffen des Rechtsstaates begegnen. Und es ist wichtig, dass weiter aufgeklärt wird, wo Fragen offengeblieben sind.

Aber – das will ich heute, an einem solchen Tag, besonders betonen – wichtig ist auch, dass wir, die Bürger, uns immer wieder neu zusammenschließen und nicht nur auf die Institutionen warten.

Wir Demokraten stehen weiter zusammen und bekräftigen unser Versprechen: Wir schenken denen, die Gewalt und Hass verbreiten, nicht unsere Angst. Denn wir wollen sie nicht größer machen, als sie sind. Aber wir reden sie auch nicht klein. Wir wissen: Es sind nur wenige. Doch was sie zerstören wollen, das ist uns unendlich wertvoll. Es ist das, was unser Land ausmacht – der Respekt vor der Würde des Menschen, das "Ja" zu den Menschenrechten, zur Achtung des Rechts und zu einem Leben in Pluralismus und Offenheit. Und wer Menschen, die hier leben, dies abspricht oder ihnen sogar Gewalt antut oder androht, der spricht nicht für dieses, für unser Deutschland!

Ich danke allen Menschen, die für andere einstehen, wo aggressives Verhalten und extremistisches Auftreten sich zeigt. Im Alltag kann und muss jeder von uns etwas tun, damit Vorurteile und Hass das Miteinander der Vielen und der Verschiedenen nicht vergiften: nicht mitlachen über einen rassistischen Witz, nicht mitmachen bei übler Nachrede gegenüber vermeintlich "Fremden", nicht mitschweigen, wenn alle dröhnend schweigen. Sondern: Aufstehen und, wie es hier heißt: Zähne auseinander!

Und wir fühlen es doch an einem Tag wie heute: Dieses Fest schafft Großartiges – es beantwortet den Hass der Wenigen mit dem Mitgefühl und der Solidarität der Vielen!

Das ist ein Geschenk – von der und für die Keupstraße, deren Anwohner sich nicht unterkriegen lassen. Ein Geschenk für diesen Stadtteil, ein Geschenk also für Mülheim, für Köln, das schon immer weltoffen und tolerant war, und für unser Land, das wir uns auch so und nur so – nämlich weltoffen und tolerant – vorstellen mögen. Ein Land, in dem wir ohne Angst verschieden sein können. So wollen wir dieses Land. So gestalten wir es und so verteidigen wir es!