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Diskussion im Nobelinstitut

Bundespräsident Joachim Gauck hält eine Ansprache im Nobelinstitut in Oslo anlässlich des Staatsbesuchs in Norwegen Oslo/Norwegen, 11. Juni 2014 Staatsbesuch in Norwegen – Ansprache im Nobelinstitut © Steffen Kugler

Ende 1969 sprach sich in Deutschland herum, dass Norwegen eine ganz besondere Weihnachtsbescherung erlebt hatte: Am Heiligen Abend jenen Jahres waren vor der norwegischen Küste große Öl- und Gasvorkommen entdeckt worden. Seitdem haben sehr viele Kontinentaleuropäer Norwegen neu kennen und neu schätzen gelernt. Es war ein interessanter Prozess zu beobachten – nicht nur als zuverlässiger Energielieferant und nicht nur als eines der wohlhabendsten Länder der Welt wurde Norwegen dann angeschaut. Nein, wir haben Norwegen neu schätzen gelernt, weil es mit seinem neugewonnenen Reichtum so verantwortungsvoll umgeht. Die Einnahmen aus dem Ölgeschäft – jedenfalls der größte Teil – wurden und werden Jahr für Jahr gespart und in die Zukunft investiert, nämlich in jene Zukunft, in der die Ölquellen einmal nicht mehr sprudeln werden. Auch ist Norwegen wegen seines neuen Reichtums keineswegs selbstzufrieden geworden oder "sich selbst genug". Isolationismus ist nicht zu einem norwegischen Charakterzug geworden.

Die Norwegerinnen und Norweger haben schon immer hinausgeblickt in die Welt. Es ist bemerkenswert, wie viele der großen Entdecker und Pioniere der neueren Geschichte aus Norwegen kamen. Ihre Namen haben in Deutschland und überall in der Welt einen guten Klang: Roald Amundsen, Thor Heyerdahl und Fridtjof Nansen. Auch dass seit mehr als hundert Jahren die international wohl bedeutendste Auszeichnung – der Friedensnobelpreis – hier in Oslo verliehen wird, bezeugt das große Interesse Norwegens am Weltgeschehen.

Auf diese Tradition konnte Norwegen später bauen, als es sich zu einem für Frieden und Versöhnung, für Entwicklung und Menschenrechte arbeitenden Vermittler entwickelt hat. Was mit der ersten Vermittlerrolle, damals in Guatemala, begann, führte für Norwegen in den 1990er Jahren über den "Oslo-Prozess", mit dem sich so große Hoffnungen zur Lösung des Nahost-Konflikts verbunden hatten, bis zum Engagement von heute – in Sri Lanka, in Kolumbien, im Sudan, um nur einige Beispiele zu nennen.

Friedensvermittlung ist also zu einem "Markenzeichen" Norwegens geworden. Und auch Deutschland ist dankbar, von Norwegens politischem Identitätskern zu profitieren, etwa durch seine vier Friedensnobelpreisträger: Gustav Stresemann und Ludwig Quidde – ich habe vor einiger Zeit Quiddes Grab in Genf besuchen können –, Carl von Ossietzky und Willy Brandt.

Norwegen hat zweifellos besonders gute Voraussetzungen für die Rolle des Friedensvermittlers. Dieses Land ist nie Kolonialmacht gewesen und es pflegt gute Beziehungen zu allen wichtigen Akteuren in der internationalen Arena, von den Vereinigten Staaten von Amerika bis zu den Vereinten Nationen.

Schon seit 2002 gibt es im norwegischen Außenministerium eine "Abteilung für Frieden und Versöhnung". Diese Gründung war eine Innovation in der Außenpolitik. Und es ist gelungen, ein eigenes friedenspolitisches Profil zu entwickeln, ja vielleicht ist es sogar ein Modell. Denn die Politik kooperiert eng mit der norwegischen Zivilgesellschaft. Diese Zusammenarbeit öffnet weitere Kanäle und stellt Vermittlungsbemühungen auf eine breitere Grundlage.

Natürlich ist klar: Wer überzeugend für den Frieden eintreten will, muss sich der Wirklichkeit stellen. Freiheit, Demokratie und Menschenrechte können im Ernstfall gelegentlich nicht nur mit Worten verteidigt werden. So schätzt Deutschland den Beitrag Norwegens zur OSZE und im Nordatlantischen Verteidigungsbündnis, seine Beiträge zum internationalen Krisenmanagement und sein Engagement in Fragen der kooperativen Sicherheit, vor allem der Abrüstung und der Rüstungskontrolle. Im Oktober dieses Jahres wird mit Jens Stoltenberg erstmals ein Norweger das Amt des NATO-Generalsekretärs übernehmen.

In der aktuellen Krise um und in der Ukraine gehört Norwegen mit seiner gemeinsamen Grenze zu Russland zu den exponierten Bündnispartnern. Wir alle spüren in diesen Wochen und Monaten, was wir an unseren gemeinsamen Werten und jenem Frieden haben, die unsere Politik und die NATO bis heute sichern. Wir alle merken, dass wir alle gefordert sind, noch stärker zur Wahrung unserer Freiheit, unserer Sicherheit und unserer demokratischen Werte zusammenzustehen – in der OSZE, in der NATO, in der Europäischen Union und in den Vereinten Nationen, kurz: in allen Institutionen, die uns zur Verfügung stehen.

In diesem Saal hielt im Jahr 1926 Fridtjof Nansen, selbst Friedensnobelpreisträger, die Rede für Gustav Stresemann und Aristide Briand, die als Außenminister Deutschlands und Frankreichs diesen hohen Preis erhielten. In seiner Eigenschaft als Flüchtlingskommissar des Völkerbundes war Nansen in Russland, in Griechenland und der Türkei Zeuge fürchterlichen menschlichen Elends geworden. Er beklagte in seiner Rede, dass die Menschen damals, acht Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkrieges, die Leiden und Opfer vergessen hätten, ohne die Lehren daraus zu ziehen.

Damit sprach Nansen über eine notwendige, ja entscheidende Voraussetzung für Versöhnung: sich der Geschichte zu stellen und Lehren aus ihr zu ziehen. Diese Erfahrung hat mein Land unter Mühen gemacht, nachdem es grenzenloses Leid über Europa gebracht hatte. Auch Norwegen, wir wissen es alle, wurde vom nationalsozialistischen Deutschland mit Krieg überzogen und fünf Jahre lang besetzt. Die deutsche Luftwaffe griff die Großstädte an. Die deutsche Militärstrategie der "verbrannten Erde" hinterließ vor allem in Nordnorwegen Spuren der Zerstörung. Beinahe die gesamte jüdische Bevölkerung wurde von der Besatzungsmacht in die Vernichtungslager deportiert.

Nach diesen schrecklichen Ereignissen war es nicht verwunderlich, dass die Menschen in Norwegen lange reserviert blieben gegenüber dem Deutschland der Nachkriegszeit, auch gegenüber der jungen Bundesrepublik. Vielleicht war ein erster Schritt zur späteren Annäherung schon die Stationierung der norwegischen Deutschlandbrigade, zunächst als Besatzungssoldaten, dann als Verbündete und Freunde. Die norwegischen Soldaten brachten nämlich etwas Wertvolles nach Hause zurück: persönliche Eindrücke aus Deutschland.

Immer sind es die Menschen, die zuerst Mittler sind zwischen Staaten und Gesellschaften. Sie entscheiden, ob Versöhnung gelingen kann. Zwischen Norwegen und Deutschland gab es solche Mittler eben schon früh. Dazu zählten auch die jungen deutschen Freiwilligen, die von 1959 an mit der "Aktion Sühnezeichen" und mit Idealismus zu Bauprojekten in Nordnorwegen aufbrachen. Und es waren Persönlichkeiten, die vor dem ideologischen Wahn des Nationalsozialismus hierher nach Norwegen geflüchtet waren, neben Willy Brandt etwa der Schriftsteller Max Tau, dessen Namen heute die Deutsche Schule in Oslo trägt und der 1960 hier eine Deutsch-Norwegische Vereinigung ins Leben rief.

Doch der Krieg hatte auch Wunden innerhalb der norwegischen Gesellschaft gerissen. 50.000 Menschen mussten sich nach 1945 wegen Landesverrats und der Mitgliedschaft in Quislings Nasjonal Samling verantworten.

Die sogenannten Kriegskinder, denen das Unglück widerfuhr, im Krieg mit deutschem Vater und norwegischer Mutter geboren zu sein. Wie lange brauchten sie, um in der Gesellschaft anerkannt zu sein. Ministerpräsident Bondevik entschuldigte sich in der Neujahrsansprache des Jahres 2000 bei ihnen für die erlittenen Ungerechtigkeiten. All diese Schwierigkeiten hat die norwegische Gesellschaft überwunden: Sie war bereit, die Schmerzen auszuhalten, die in der neuerlichen Begegnung mit der Vergangenheit liegen können.

Ich freue mich sehr, dass wir gerade an diesem Ort eine Diskussion über die Friedenssicherung führen können. Gerne möchte ich abschließend einige Fragen nennen, die sich mir im Kontext Ihrer Diskussion stellen:

Was sind eigentlich grundlegende Voraussetzungen für Frieden und Versöhnung?

Wie muss Diplomatie beschaffen sein, damit sie, was wir alle wünschen, präventiv wirken kann?

Welche Erfahrungen haben jene unter Ihnen gemacht, die an Friedenseinsätzen teilgenommen haben? Was sollten wir künftig anders, was besser machen?

Wie kann es gelingen, Konflikte so zu bändigen, dass es nicht zu bewaffneten Auseinandersetzungen kommt?

Und schließlich: Wie kann Opfern ihre Würde zurückgegeben werden, wie ihnen Anerkennung zuteil werden oder auch Wiedergutmachung gewährt werden?

Und noch etwas: Wie kann Schuldigen, Verführten, Unbeteiligten und Opfern ein gemeinsamer Neuanfang in einer demokratischen Gesellschaft gelingen?

Zum Schluss und bevor Ihre Diskussion beginnt, möchte ich Hendrik Ibsen zitieren: "Wo Leben ist, darf Hoffnung sein". Dieser Satz erinnert uns daran, dass Versöhnung nur in der Wahrheit und mit Menschlichkeit gelingen kann und dass wir nicht aufhören dürfen – ob für uns selbst oder für andere – Wege jenseits von Konflikt, Leid und Angst zu suchen, hin zu einer besseren Zukunft.