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Ansprache beim Staatsbankett in Norwegen

Bundespräsident Joachim Gauck hält eine Ansprache beim Staatsbankett, gegeben von König Harald V. und Königin Sonja, im Königlichen Schloss in Oslo Oslo/Norwegen, 11. Juni 2014 Staatsbesuch in Norwegen – Ansprache beim Staatsbankett, gegeben von König Harald V. und Königin Sonja © Steffen Kugler

Herzlichen Dank für die warmherzige Begrüßung in Ihrem Land! Und herzlichen Glückwunsch Ihnen, Königliche Hoheit, zu der Rede, die Sie vorgestern in der Vollversammlung der Vereinten Nationen gehalten haben und zu der hohen Auszeichnung, die Sie als UN-AIDS-Sonderbeauftragte erhalten haben. Daniela Schadt und ich trafen schon heute viele Bürgerinnen und Bürger Norwegens, deren Offenheit und Interesse uns noch freudiger auf die Begegnungen der kommenden Tage hier in Oslo und in Trondheim blicken lassen.

Majestäten,

Ihr eigener Staatsbesuch in Deutschland liegt nun fast sieben Jahre zurück. Sie haben damals Berlin und Düsseldorf besucht. Ich freue mich, dass wir in einem Jahr zusammentreffen, in welchem Norwegen sich eines besonderen Datums erinnert: Die Unterzeichnung der norwegischen Verfassung in Eidsvoll jährt sich zum 200. Mal. Und es ehrt uns Deutsche, dass Norwegen den offiziellen Auftakt dieses Jubiläums auch in und mit Deutschland gefeiert hat: Am 14. Januar 2014 wurde in Kiel des 200. Jahrestages der Unterzeichnung der Friedensverträge von Kiel feierlich gedacht.

Die Verfassung von Eidsvoll, am 17. Mai 1814 verabschiedet, war eine der fortschrittlichsten ihrer Zeit, doch sie war noch mehr: sie war ein Meilenstein der Demokratiebewegung – ihrer Zeit, die in Europa damals von Restauration geprägt war, weit voraus. Mit vollem Recht feiert Norwegen an jedem 17. Mai seine Verfassung als Feiertag der Nation. Wer den 17. Mai als Besucher in Oslo verbringt, so habe ich mir erzählen lassen, wird einen langen Zug fröhlicher Schulkinder durch die Stadt bis zum Königlichen Schloss ziehen sehen. Seit mehr als einem Jahrhundert ziehen sie, meist in Trachten und immer in schönster Kleidung, darunter heute zahlreiche Kinder aus Einwandererfamilien, mit Stolz ihre Landesflagge schwenkend. Dieser Zug bildet die von Kindesbeinen an geübte, ganz natürliche Beheimatung in der eigenen Nation in einem farbenfrohen Bild ab und ist zugleich ein schönes Sinnbild auch der Integration von Zuwanderern.

Zu unserem Bild von Norwegen gehört, dass sich das Land seit seiner Unabhängigkeit seiner Verantwortung in der Weltgemeinschaft stellt und sich engagiert für Frieden und Menschenrechte einsetzt. Dieser Einsatz zeigt sich nicht zuletzt darin, dass immer wieder Norweger und Norwegerinnen hohe Positionen in internationalen Organisationen inne hatten und haben. Der erste Generalsekretär der Vereinten Nationen war der Norweger Trygve Lie. Gro Harlem Brundtland, die erste Ministerpräsidentin ihres Landes, war von 1998 bis 2003 Generalsekretärin der Weltgesundheitsorganisation. Der ehemalige Ministerpräsident Jens Stoltenberg wird in Kürze das Amt des NATO-Generalsekretärs übernehmen – und Thorbjörn Jagland steht seit September 2009 dem Europarat vor. Als Friedensvermittler genießt Norwegen international hohes Ansehen. Das Engagement Ihres Landes in der Entwicklungszusammenarbeit ist beispielhaft.

Wenn ich nun auf die Beziehungen zwischen unseren Ländern blicke, kann ich nicht nur unsere gegenwärtige tiefe Freundschaft rühmen. Ich bin ein älterer Deutscher und als Präsident einer freiheitlichen Demokratie will und kann ich nicht die Augen verschließen vor einer Vergangenheit, in der andere Deutsche Unheil und Krieg über Ihr Land gebracht haben. Wir werden diese schreckliche Phase der deutschen Geschichte nicht vergessen, wir werden unsere Schuld Schuld und unser Versagen Versagen nennen. Und wir, die heutigen Deutschen, fühlen uns all denen nahe, die damals innerhalb wie außerhalb Norwegens den Widerstand gegen die Okkupanten wagten. Und mit großem Respekt und mit Bewunderung schauen wir auf die Haltung der Königlichen Familie in dieser Zeit.

Und dann ist an dieser Stelle auch noch ein Wort des Dankes zu sagen: Dank dafür, dass Norwegen, als es damals noch frei war, Willy Brandt und anderen Verfolgten Asyl geboten hat. Brandt fand allerdings damals noch mehr: Er fand seine zweite Heimat. Im Geist des Brückenbauens und der Versöhnung arbeitet heute die norwegisch-deutsche Willy-Brandt-Stiftung dafür, die Beziehungen zu vertiefen.

Ich freue mich, dass Norwegen und Deutschland heute in allen Politikfeldern eng zusammenarbeiten und sich in ihren gemeinsamen Werten und Zielen einig sind. Zwar könnte ich mir Norwegen auch als Mitglied der Europäischen Union gut vorstellen. Zumindest aber ist es durch seine Mitgliedschaft im Europäischen Wirtschaftsraum schon jetzt eng mit der Europäischen Union verbunden. Die Möglichkeiten der Personenfreizügigkeit nutzen zahlreiche Deutsche, um ihren Wohnsitz Richtung Norden, nach Norwegen, zu verlegen. In unserer kleiner werdenden Welt ist die freie Wahl des Arbeitsplatzes außerhalb des Heimatlandes eine Selbstverständlichkeit geworden. Und Norwegen ist wegen seiner Schönheit ein überaus beliebtes Urlaubsziel meiner Landsleute seit vielen Jahren.

Die Beziehungen zwischen Norwegen und Deutschland sind vielfältig. Das zeigen die unterschiedlichen Formate, die die Begegnungen zwischen den Bürgerinnen und Bürgern unserer Länder ermöglichen und fördern. Ich denke dabei etwa an das Deutsch-Norwegische Jugendforum – im vergangenen Jahr fand es unter dem Motto "Was bewegt dich" in Hamburg statt. Ein solcher Ort der Begegnung bietet Chancen für junge Menschen, Gemeinsamkeiten wie Unterschiede zu entdecken. Besonders freut mich, dass viele der teilnehmenden norwegischen Jugendlichen Deutsch sprechen.

Erfreulicherweise ist die Zahl deutscher Studierender an norwegischen Hochschulen zuletzt gestiegen. Ich würde es begrüßen, wenn noch mehr junge Menschen aus Ihrem Land zu einem Studium nach Deutschland kommen würden. Ich erlebe zurzeit in Berlin, dass sehr, sehr viele junge Menschen außerordentlich gern dort leben, lernen und feiern. Sie haben das Gefühl, dass sie und die Deutschen gut miteinander auskommen, dass wir zueinander passen. Also, wir freuen uns in Deutschland auf weitere norwegische Besucher. Aber heute Abend freuen wir uns besonders über die deutsch-norwegische Freundschaft.

In diesem Sinne bitte ich Sie, mit mir das Glas zu erheben und auf das persönliche Wohlergehen von König Harald und Königin Sonja sowie auf die Zukunft der deutsch-norwegischen Freundschaft zu trinken.