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Ansprache beim Mittagessen der norwegischen Regierung

Bundespräsident Joachim Gauck hält eine Ansprache beim Mittagessen, gegeben von der norwegischen Regierung, in der Festung Akershus Oslo/Norwegen, 12. Juni 2014 Staatsbesuch in Norwegen – Ansprache beim Mittagessen, gegeben von der norwegischen Regierung, in der Festung Akershus © Steffen Kugler

Wer die Festung Akershus besucht, der schaut unweigerlich zurück auf eine ganz lange Geschichte, die Geschichte Norwegens und seiner Regenten. Auch geht der Blick des Besuchers, wenn er an den mächtigen Mauern der Festung entlang wandert, in die Ferne – über den Oslofjord und sein sommerlich grünes Inselreich. Für den großen Künstler Edvard Munch war der Blick auf diesen Fjord Zeit seines Lebens eine besondere Inspiration. Gerade an diesen beeindruckenden Ort eingeladen zu sein – dafür bedanken Daniela Schadt und ich uns ganz herzlich.

Was für ein Ort! Ein Ort, der Zeugnis ablegt von unterschiedlichen Dingen: Demütigung durch Besatzer, Kollaboration und heldenmütigen Widerstand. Das Bild von der Übergabe der Festung Akershus an die "Heimatfront" Norwegens am 11. Mai 1945 wurde bei Kriegsende zu einem Symbol des Erfolges des norwegischen Widerstands in seinem Kampf gegen die deutschen Besatzer. Mit dem Angriff auf Norwegen sowie der Okkupation des Landes hatte das nationalsozialistische Deutschland jene engen kulturellen wie politischen Bindungen zerstört, die das norwegisch-deutsche Verhältnis geprägt hatten.

Diese Bindungen reichen historisch weit zurück – unsere Handelsbeziehungen bis ins Mittelalter. Die Kontore der Hanse in Bergen gaben einem Teil des Hafens damals den Namen "Tyskebrygge". Noch bis in die 1870er Jahre hinein konnten die Bürgerinnen und Bürger Bergens in der ältesten Kirche der Stadt, der Marienkirche, Gottesdienste in deutscher Sprache besuchen. Und seit der Reformation haben viele norwegische Studenten ihre Ausbildung an lutherisch-theologischen Fakultäten deutscher Universitäten absolviert, in Wittenberg und auch in meiner Heimatstadt, in Rostock etwa.

Ich freue mich sehr darüber, dass wir – in Norwegen wie in Deutschland – diese historisch gewachsenen Verbindungen heute wieder zu schätzen und zu feiern wissen. So wird in diesem Herbst eine Ausstellung in der Nationalgalerie Oslo die Werke Johan Christian Dahls und Caspar David Friedrichs beleuchten. Beide vertraten damals in Dresden die nordische Landschaftsmalerei der Romantik – und wirkten dort als Erneuerer der Kunst. Daniela Schadt hat gemeinsam mit Ihrer Majestät, Königin Sonja, sehr gerne die Schirmherrschaft für diese Ausstellung übernommen.

Auch in traurigen Momenten sind unsere Länder einander verbunden. Viele Menschen in Deutschland haben besonders großen Anteil an der Tragödie von Utøya vor nunmehr drei Jahren genommen. Mit großem Respekt haben wir erlebt, wie besonnen Ihr Land damals reagiert hat. Die norwegische Gesellschaft hat deutlich gemacht, dass sie dem Hass des Einzelnen, der aus den furchtbaren Anschlägen sprach, widerstehen will und wird. Und einmal mehr haben Norwegerinnen und Norweger damit gezeigt, was ihnen die erste Zeile der norwegischen Nationalhymne aus der Feder des Dichters und Patrioten Bjørnstjerne Bjørnson bedeutet. Sie lautet: "Ja, wir lieben dieses Land".

Heute, im Jahr 2014, sind Norwegen und Deutschland enge Partner, die auf der Grundlage gemeinsamer Werte in der Außen- und Sicherheitspolitik, im Energiebereich und bei Projekten der Entwicklungspolitik intensiv zusammenarbeiten. Ihre erste Auslandsreise nach dem Amtsantritt hat Sie, verehrte Frau Ministerpräsidentin Solberg, im November 2013 nach Deutschland geführt. Sie haben damals bekräftigt, dass Norwegen Deutschland nicht nur als einen wichtigen europäischen Partner, sondern auch als ein Schlüsselland im Verhältnis Norwegens zur Europäischen Union betrachtet.

Natürlich: Es ist wichtig, dass unsere Regierungen den gegenseitigen Austausch weiterführen und, wo es möglich ist, weiter vertiefen. Doch genauso wichtig ist die Begegnung zwischen den Bürgerinnen und Bürgern unserer Länder. Auch in diesem Sinne ist das Bekenntnis Norwegens zur Freizügigkeit mit der Europäischen Union ein starkes Signal, gerade wenn wir erleben, dass die Personenfreizügigkeit andernorts wieder in Frage gestellt wird.

Norwegen und die Europäische Union sind wirtschaftlich eng verflochten: Heute ist der Handel zwischen Norwegen und der EU größer als jener zwischen der EU und großen Volkswirtschaften wie Japan, Indien oder Brasilien. Norwegen übernimmt Verantwortung, zum Beispiel durch seine finanziellen Beiträge, die wirtschaftliche und soziale Ungleichheiten im Europäischen Wirtschaftsraum verringern helfen.

In sicherheitspolitisch bewegten Zeiten wie diesen werden wir aufs Neue an die Bedeutung der Nordatlantischen Verteidigungsallianz erinnert – und damit an das vertrauensvolle Verhältnis zwischen Norwegen und der Bundesrepublik Deutschland in der NATO. Umso mehr freut es mich, dass mit Jens Stoltenberg der nächste NATO-Generalsekretär aus Norwegen kommt. Er wird umfangreiche politische Erfahrungen und Kompetenzen in sein neues Amt einbringen.

Nicht zu trennen von einem zeitgemäßen Sicherheitsbegriff ist das Thema Energiesicherheit. Norwegen ist der zweitgrößte Energielieferant Deutschlands. Das ist uns besonders wichtig, gerade in einer Zeit, da sich Europa darüber Gedanken macht, wie die Abhängigkeit von Russland auf diesem Gebiet verringert werden kann. Lassen Sie mich unterstreichen, dass wir den zentralen norwegischen Beitrag zur deutschen und europäischen Energiesicherheit sehr zu schätzen wissen. Auch auf neueren Feldern arbeiten wir vertrauensvoll zusammen: Norwegen ist für Deutschland einer der wichtigsten Partner in der Arktispolitik. Deutschland setzt sich mit Nachdruck – und gemeinsam mit Norwegen – für eine friedliche Nutzung der Arktis ein.

Alles dies zeigt, wie gut es um die norwegisch-deutschen Beziehungen steht. Norwegen ist für die Bundesrepublik Deutschland nicht nur ein verlässlicher Partner, sondern ein guter Freund. Und das soll so bleiben.

Ich bitte Sie nun, gemeinsam mit mir das Glas zu erheben und mit mir anzustoßen auf Ihr Wohl, Frau Ministerpräsidentin, und auf eine weitere gute Zusammenarbeit zwischen Norwegen und Deutschland.