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Mittagessen mit deutschen Wirtschaftsverbänden und dem DGB

Bundespräsident Joachim Gauck hält eine Ansprache bei einem Mittagessen mit deutschen Wirtschaftsverbänden und dem DGB in Schloss Bellevue Schloss Bellevue, 18. Juni 2014 Mittagessen mit deutschen Wirtschaftsverbänden und dem DGB – Ansprache in Schloss Bellevue © Steffen Kugler

Herzlich willkommen in Schloss Bellevue! "Treffen mit Spitzen der Wirtschaft" steht heute in meinem Kalender - neue Spitzen, füge ich gern hinzu, denn Sie alle wurden in den vergangenen eineinhalb Jahren in die obersten Ämter der führenden Wirtschaftsverbände und des Deutschen Gewerkschaftsbundes gewählt. Und Sie haben mit Ihren Ämtern große Verantwortung übernommen! Dafür danke ich Ihnen.

Aber ich will es nicht bei einer freundlichen Geste bewenden lassen. Ich möchte eine Hoffnung, ja, eine Erwartung äußern und Sie ermutigen, sich Großes vorzunehmen und den Gestaltungsspielraum, den Sie jetzt haben, zu nutzen. Sie stehen für Wechsel und können für Wandel stehen, für neue Wege und neue Möglichkeiten in der Wirtschaft, im Arbeitsleben, im Sozialen. Und Sie vertreten Millionen von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, Hunderttausende von Unternehmen sowie Hunderttausende von Ehrenamtlichen in Betriebsräten und in Organisationen der Wirtschaft. Ihre Stimme hat Gewicht!

Ja, Ihre Stimme hat Gewicht, weil fast überall dort, wo in Deutschland gearbeitet wird – wo mit Händen und Köpfen etwas bewegt, verändert, neu geschaffen wird –, Ihre Vereinigungen Einfluss geltend machen. Deutschland ist nicht zuletzt deshalb so leistungsfähig, weil bei uns viele Ebenen von Verantwortung und Mitwirkung existieren: in Bund, Ländern und Kommunen bekanntermaßen, zugleich in den Verbänden – und die Vertreter der größten Wirtschaftsverbände darf ich hier begrüßen. Es ist fürwahr ein ausdifferenziertes System. Seit ich Bundespräsident bin und mehr denn je in der Welt herumkomme, habe ich alle paar Wochen Gelegenheit, Vergleiche zu ziehen und mir ein Bild davon zu machen, wie wertvoll solche Errungenschaften sind: die Selbstverwaltung der Wirtschaft, freie Gewerkschaften, gelebte Sozialpartnerschaft, gesamtgesellschaftliche Verantwortung. All das ist eben mehr als die Summe von Partikularinteressen. Diesen Unterschied spüre ich sehr deutlich, wenn ich in Ländern zu Gast bin, in denen Mechanismen zur Ausbalancierung von Macht fehlen und ganze Bevölkerungsgruppen in Unmündigkeit und Abhängigkeit leben.

Das deutsche Modell profitiert von der Tatsache, dass kein Politiker – und auch keine Politikerin! – an den großen Vereinigungen mit ihren Millionen Mitgliedern vorbeikommt. Ihr Einfluss liegt freilich nicht allein in ihrer Mitgliederzahl und ihrer Größe begründet, sondern in ihrer Fähigkeit, mit Expertise und eigenen Konzepten zu überzeugen. So entsteht eine gewollte Reibung im Diskussions- und Entscheidungsprozess. Mit welcher Körnung dabei geschliffen wird, das bestimmen Sie, liebe Gäste. Gelingt nur eine Oberflächenpolitur und die Beseitigung von störenden Ecken und Kanten? Oder entsteht sogar ein völlig neues Werkstück?

Wenn ich über die Aufgaben der kommenden Jahre nachdenke, dann lohnt es durchaus, Grundsätzliches anzugehen. Beispielsweise gilt weiterhin: Es sind die Ursachen, nicht nur die Folgen der Wirtschafts- und Finanzkrise zu beheben. Auch unseren Ansprüchen beim Klima- und Umweltschutz müssen wir gerecht werden. Das Großprojekt Energiewende muss zum Erfolg geführt werden, die hohe Staatsverschuldung soll abgebaut, die Chancen der digitalen Revolution sollen stärker ergriffen und die Risiken besser eingehegt werden. Natürlich ist auch die Frage des sozialen Aufstiegs und der Teilhabe aller am wirtschaftlichen Erfolg weiterhin von immenser Bedeutung. Viele Bürgerinnen und Bürger würden sie weit nach oben auf die Liste setzen. Ich tue es auch.

Es gibt ein Querschnittsthema, das von zahlreichen dieser Aufgaben berührt wird – der demografische Wandel. Wir kennen die Prognosen. Aber handeln wir auch schon mit der nötigen Konsequenz? Haben wir wirklich alle Facetten dieses Phänomens im Blick? Wie gewährleisten wir zum Beispiel, was gemeinhin Generationengerechtigkeit genannt wird? Ich denke dabei nicht allein an die materielle Ebene, an Fachkräfte, Infrastruktur und Sozialversicherung. Ich denke auch an die Innovationsfähigkeit unserer Industrie, unserer Gesellschaft insgesamt. Neues entsteht ja meist dank einer guten Mischung aus Erfahrung und Entdeckergeist, Vorsicht und Experimentierfreude, Alt und Jung. Wie kann diese Dynamik unter neuen Vorzeichen erhalten bleiben? Wie kann sich die Generation von Morgen als Minderheit Gehör verschaffen? Der Ruf unseres Landes als Wirtschaftsstandort und nicht zuletzt unsere Lebensqualität werden davon abhängen, wie es Deutschland gelingt, offen und beweglich zu bleiben.

Meine Hoffnung gründet auf einer einfachen Einsicht: Offenheit ist glücklicherweise nicht nur eine Alters-, sondern auch eine Haltungsfrage. Daran können wir also arbeiten – an der Haltung, Wandel nicht nur hinzunehmen oder gar zu bremsen, sondern als Raum unserer Möglichkeiten zu begreifen.

Diese Beweglichkeit brauchen wir, um neuen Ideen Platz zu schaffen. Produkte und Dienstleistungen "Made in Germany" exportieren wir schon heute erfolgreich in alle Welt. Wünschenswert scheint mir aber auch, dass wir noch mehr aus der Welt in unsere Gesellschaft zurückbringen. Ich meine damit vor allem den Mut und Willen zu neuen Sichtweisen, zu neuen Konzepten!

Lassen Sie uns darauf das Glas erheben: auf die Veränderung als wertvolle gesellschaftliche Kraft und alles, was Sie persönlich – liebe Ehrengäste – in Ihren neuen Ämtern dazu beitragen werden. Ich freue mich auf unseren heutigen Gedankenaustausch, ein Gespräch über die Zukunft unseres Landes. Auf Ihr Wohl!