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Bundesfinale "Jugend debattiert"

Bundespräsident Joachim Gauck hält beim Bundesfinale 'Jugend debattiert 2014' eine Rede Berlin, 28. Juni 2014 Bundesfinale "Jugend debattiert 2014" – Rede im Haus des Rundfunks © Henning Schacht

Das ist ein besonderer Ort für ein Finale von "Jugend debattiert". Ein Ort, der für die Kraft des freien Wortes steht, aber auch für den Versuch der Mächtigen, Worte zu missbrauchen und Meinungsfreiheit nicht zu fördern, sondern zu unterdrücken. Was hat dieses Haus des Rundfunks nicht schon alles erlebt, hier in Berlin: die demokratischen Anfänge des Hörfunks in der Weimarer Republik, dann die Propaganda und Lügen der Nationalsozialisten, den Kampf um die Deutungshoheit zwischen den Siegermächten aus Ost und West und natürlich den "Sender Freies Berlin", die Stimme der Freiheit in der so lange geteilten Stadt.

Die Kraft des Wortes, sie zeigt sich gerade in dem Aufwand, den Unrechtsregime betreiben, um den freien Zugang zu Informationen und den offenen Austausch von Argumenten nicht zu fördern, sondern zu verhindern. Unzählige Menschen in vielen Teilen der Welt haben auch heute noch unter solchen Repressionen zu leiden. Wir machen uns das manchmal viel zu wenig bewusst. Als Bewohner eines unfreien Landes, der DDR, habe ich selbst erlebt, wie die kommunistische Partei mit aller Macht danach trachtete, die freie Rede zu unterdrücken. Viele Worte, die ich damals sagen wollte und oft auch gesagt habe, waren politisch nicht erwünscht. Oft genügen in diesen Zeiten dann eben Anspielungen und Symbole. Die Menschen lernen das dann zu verstehen, aber freie Rede ist das nicht.

Viele Menschen in der DDR, aber auch in anderen Diktaturen Mittel- und Osteuropas, hatten dieses Versteckspiel spätestens Ende der 1980er Jahre satt. Sie wollten das Leben, in das sie hineingeraten waren, nicht länger schweigend und duldend ertragen. Sie wollten endlich den Versuch machen, in der Wahrheit zu leben. So hat es der große Václav Havel damals seinen Landleuten gesagt. Sie wollten sagen können, wovon sie überzeugt waren, laut und deutlich. Vor 25 Jahren erkämpften sie sich die Freiheit, und zwar, das war so etwas wie ein Wunder, auf friedlichem Wege. Die Friedliche Revolution bleibt ein Fanal. Ihre Botschaft an die Despoten dieser Welt lautet: Die Sehnsucht nach Freiheit lässt sich auf Dauer nicht unterdrücken.

Vor 25 Jahren haben Menschen im Osten Deutschlands viel dafür riskiert, dass sie ihre Meinung offen sagen dürfen. In unserem Grundgesetz, das die Konsequenzen aus der Unfreiheit und dem Unrecht des NS-Regimes zog, ist die Meinungsfreiheit als Grundrecht garantiert, sie darf in ihrem "Wesensgehalt" nicht angetastet werden. Aber mit abstrakten Verfassungsartikeln alleine ist es nicht getan. Demokratie braucht auch Leben, braucht Bürgerinnen und Bürger, die von ihren Rechten Gebrauch machen, die sich einmischen, die mitgestalten wollen, und die mutig und selbstbewusst eingreifen in die Debatten, ob es den Politikern nun passt oder nicht. Wir wollen Menschen in diesem freien Land, die sich eigenständig auf die öffentliche Bühne wagen, ihre Meinung kundtun und für ihre Interessen Bündnisse schließen.

Das lernen wir in Wettbewerben, die es an vielen Schulen gibt. Und "Jugend debattiert" trägt dazu bei, dass junge Menschen zu überzeugten und überzeugenden Demokraten heranwachsen können, und das geschieht nun schon seit mehr als zehn Jahren. Dass der Wettbewerb eine großartige Erfolgsgeschichte ist, davon zeugen die mehr als 175.000 Schülerinnen und Schüler, die allein in diesem Jahr teilgenommen haben. Sie lernen, frei zu sprechen und Position zu beziehen. Sie lernen auch, gut zuzuhören, andere Meinungen zu respektieren und im Wortgefecht fair und sachlich zu bleiben. Das Wichtigste aber ist: Wer bei "Jugend debattiert" mitmacht, der merkt schnell – debattieren, das macht auch richtig Spaß! Das ist nämlich die allerbeste Voraussetzung, um sich in gesellschaftliche Diskussionen hineinzubegeben.

Was die demokratische Öffentlichkeit braucht, sind auch Spontaneität und Leidenschaft, Witz und Esprit. Sie dürfen Reflexion und Nachdenklichkeit nicht ersetzen, wohl aber werden sie Hinwendung zu Themen und Aufmerksamkeit für Problemlagen fördern. Was wir nicht brauchen, ist ein seelenloser Jargon, in dem jede Botschaft bis zur Unkenntlichkeit abgeschliffen wird. Ich möchte an dieser Stelle Walter Jens zitieren, den großen Rhetoriker der Bundesrepublik, der im Juni des vergangenen Jahres gestorben ist. Er hat einmal gesagt: "Eine Rede ist (…) dann überzeugend, wenn ich zeige: Dies bin ich, und ich meine es so, wie ich es sage." Klingt ganz einfach, nicht?

Und er hat noch etwas gesagt, was ich wichtig finde: In der demokratischen Debatte ist es durchaus erlaubt, sich von seinem Kontrahenten überzeugen zu lassen. Wie schön ist es, wenn da einer zum anderen sagen kann: "Ich bin mir gar nicht mehr so sicher, dass ich Recht habe in diesem Punkt". So jemand verliert dann nicht unbedingt, sondern er gewinnt – nämlich Ansehen und Glaubwürdigkeit. Ja, Walter Jens hat Recht: Es ist ein Ausdruck von Humanität und auch von Klugheit, einen Irrtum öffentlich einzugestehen. Debattieren ist ja keine sportliche Disziplin, in der es um die schnellste Zunge oder die kräftigsten Stimmbänder geht. Ich weiß, dass das viele so verstehen. Aber eigentlich geht es darum gerade nicht. Debattieren ist ein Wettstreit der Argumente. Und das Schöne an der Demokratie ist, dass wir voneinander lernen können.

Das heißt nicht, dass es immer harmonisch zugehen muss, das sehen wir auch, wenn wir in die Debatten, die die Zeit bewegen, hineinhören. Und wir werden das möglicherweise im Finale auch erleben. In offenen Gesellschaften, die sich durch kulturelle Vielfalt auszeichnen, gibt es Interessenkonflikte, und natürlich gibt es auch Streit. Den gibt es manchmal auch in unfairer Form. Auch das kann der Gesetzgeber nicht verbieten. Das muss man dann einfach durch bessere Beispiele zu verändern trachten. Das müssen wir aushalten und austragen, und wir müssen immer wieder auch nach Kompromissen suchen. Das ist manchmal mühsam, aber es lohnt sich doch! Und es ist spannend, weil im Gespräch oft Ideen entstehen, von denen wir vorher gar nichts geahnt haben. Fast alles kann gesagt werden in einer Demokratie, auch Unbequemes, auch Abwegiges, solange es die Rechte anderer nicht verletzt, solange es den gemeinsamen Boden der Verständigung nicht zerstört, solange es fair und friedlich geschieht.

Heute verwandelt sich dieser Sendesaal in eine Agora, einen Marktplatz wie in einer idealen Republik, in der sich die Kraft des Wortes frei entfalten kann. "Jugend debattiert" bringt junge Menschen zusammen, ermöglicht Begegnungen und Freundschaften, auch über nationale Grenzen hinaus. Hier unter uns sind heute die Sieger der Wettbewerbe in Spanien und China, und im Herbst wird in Warschau wieder ein internationales Finale ausgetragen. Was für ein schönes Symbol für grenzüberschreitende Verständigung! Und unsere Gäste aus dem Ausland begrüße ich hier noch einmal besonders herzlich.

Dieser Wettbewerb ist überhaupt nur möglich, weil zahlreiche Menschen und Organisationen zusammenarbeiten und sich gemeinsam engagieren, mit Bürgersinn und mit Begeisterung und mit Geld natürlich. Ich danke der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung, der Heinz Nixdorf Stiftung, der Robert Bosch Stiftung und der Stiftung Mercator. Und ich danke den beteiligten Landtagen und Kultusministerien. Es ist gerade das konstruktive und sich ergänzende Zusammenwirken von Stiftungen und öffentlicher Hand, das dieses Projekt so stark gemacht hat, ja, ohne das es in dieser Form wohl kaum möglich wäre.

Nicht zuletzt nun gilt mein Dank den Mentoren und Juroren, den Lehrerinnen und Lehrern, den Eltern und Ehemaligen, die diesen wunderbaren Wettbewerb immer wieder mit Leben erfüllen. Sie alle, Ihr Zusammenwirken und Ihr Mitmachen, das macht Lust auf Demokratie, und dafür danke ich Ihnen von Herzen.

Liebe Finalistinnen und liebe Finalisten,

nun endlich zu Euch! Ich kann mir vorstellen, dass Ihr Lampenfieber habt. Ich jedenfalls hätte es ziemlich vor einer solchen Situation. Das geht eigentlich wohl jedem so, wenn nicht, dann stimmt da irgendetwas nicht. Also, Ihr könnt Euch ruhig auf die Bühne wagen. Ihr werdet vor Menschen debattieren, die wissen, was Lampenfieber und Anspannung ist. Und wie auch immer Ihr Euch gleich in Euren Debatten schlagen werdet: Gewonnen habt Ihr ohnehin schon. Ihr seid auf dem Weg ins Finale persönlich gewachsen, und Ihr habt die Kraft des freien Wortes erfahren. Ich freue mich auf das, was Ihr zu sagen habt. Und ich wünsche Euch viel Erfolg. Möge das bessere Argument gewinnen!