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Ordensverleihung "Engagement für Integration"

Bundespräsident Joachim Gauck hält eine Rede im Großen Saal von Schloss Bellevue anlässlich der Ordensverleihung 'Engagement für Integration' Schloss Bellevue, 10. Juli 2014 Ordensverleihung "Engagement für Integration" – Rede im Großen Saal von Schloss Bellevue © Sebastian Bolesch

Das sind die wunderschönen Momente im Leben eines Bundespräsidenten, da macht es Spaß, im Amt zu sein, wenn ich Menschen für ihre Verdienste auszeichnen darf!

Diese Ordensveranstaltung setzt ein Thema fort, das mir sehr am Herzen liegt und mit dem Wort "Integration" nur spröde und sperrig umschrieben ist. "Zusammenleben der Verschiedenen", das trifft es vielleicht besser, und das ist es, was mich bewegt.

Vor kurzem hatte ich zu einer Einbürgerungsfeier eingeladen, genau in diesem Saal, da habe ich Menschen beglückwünscht, die "ja" sagen zu diesem Land. Heute sage ich "ja" zu Ihnen, liebe Ordenskandidaten. Und ich sage Ihnen auch "danke", denn Sie tragen – auf eine je eigene Weise – dazu bei, dass unser Land all den Verschiedenen eine gute Heimat sein kann.

Wer Sie sieht, der kann beides erkennen: was alles nötig ist zu tun – aber auch, was möglich ist zu tun. Denn Vielfalt zu einem Gewinn zu machen, Abschottung und kulturelle Absonderung zu vermeiden, Menschen in diese Gesellschaft hereinzuholen und sie zu ermächtigen, ihr Leben selbst zu gestalten – all das geschieht meistens nicht von allein. Wie könnte es anders sein, wo so viele mit so unterschiedlichen Voraussetzungen zusammenleben – unterschiedlichen Lebenswegen, unterschiedlichen Fähigkeiten, aber auch Bedürfnissen?

Die meisten von Ihnen engagieren sich dort, wo es Schwierigkeiten zu überwinden gibt: dort, wo Mädchen oder Frauen diskriminiert werden, wo es Gewalt auf den Straßen gibt oder wo es religiösen Fundamentalismus zu überwinden gilt. Sie helfen mit Sprachförderung für Kinder oder beim Übergang von der Schule in den Beruf. Sie bieten warmes Mittagessen an oder Hausaufgabenhilfe für Flüchtlingskinder oder sorgen für gute Freizeitangebote – das ist wichtig und zwar gerade dort, wo Kinder und Jugendliche wenig Unterstützung aus ihrem Elternhaus erfahren! Sie begleiten Menschen bei Behördengängen, helfen als Einbürgerungslotsen, beraten in allen verschiedenen Lebenslagen.

Auch in Gemeindevertretungen oder Integrationsbeiräten sind einige von Ihnen anzutreffen. Indem Sie sich im politischen Raum als Migranten oder für Migranten engagieren, geben Sie denen eine Stimme, die sonst leicht überhört werden. Sie testen mit Ihrem Engagement Wege in die Zukunft – und geben dabei auch wichtige Hinweise an die Politik. Wo sind bessere Lösungen zu finden, wo sollen wir sie gestalten? Denn gewiss ist unser Land noch nicht in allem genügend eingestellt auf die Herausforderungen unserer zunehmend vielfältigen Gesellschaft. Wie wird eine Einwanderungsgesellschaft – und das sind wir doch –, wie wird sie altern? Wie sichert sie jedem Kind den bestmöglichen Start ins Leben, egal, in welchem Stadtviertel oder in welcher familiären Situation dieses Kind aufwächst?

Manche von Ihnen haben selbst erfahren, wie schwierig es sein kann, in einem fremden Land, in einer fremden Gesellschaft anzukommen. Und wie gut es ist, wenn jemand kommt, der einem die Hand reicht und dann sagt: "Ich zeig Dir, wie Du Deinen Weg machen kannst." Dieses Glück, wenn Sie es erfahren haben und wo Sie es erfahren, das geben Sie jetzt weiter. Andere haben erlebt, wie wenig ihnen geholfen wurde, als sie Hilfe gebraucht hätten. Und damit das nicht so bleibt, engagieren Sie sich. Wieder andere haben einfach gesehen, wo Mitmenschen Unterstützung brauchen, um ihre eigenen Kräfte dann entfalten zu können.

Oft sind aus Ihrer Arbeit im Laufe der Jahre Netzwerke entstanden, auch Vereine oder Institutionen, die weit mehr bieten als Hilfe zur Teilhabe an der Gesellschaft: nämlich ein Gefühl von Beheimatung und Zugehörigkeit. Das ist gerade dann wichtig, wenn Menschen im Heimatland traumatisiert worden sind oder wenn die Ankunft in der Fremde Wunden hinterlassen und geschaffen hat.

So unterschiedlich Ihre Betätigungsfelder sein mögen, eines zeigt sich immer wieder: Integration gelingt dort, wo Menschen einander begegnen, wo Fremdheit überwunden wird und wo Vertrauen wächst. Wo man Gemeinsamkeiten entdeckt, ob nun beim Müttertreff oder beim Kulturfest, ob es beim Fußballspielen ist oder in einer anderen Sportart.

Dann sehen wir auch: Die offene, kulturell vielfältige Gesellschaft, in der jeder fünfte inzwischen eine Einwanderungsgeschichte hat – sie hat unendlich viele unterschiedliche Geschichten zu erzählen. Und sie ist manchmal anstrengend, aber ganz oft auch enorm anregend. Darum bin ich froh, dass einige unter Ihnen es sich zur Aufgabe gemacht haben zu zeigen, welche Schätze es zu heben gilt. Sie lassen uns teilhaben an aktuellen Strömungen, etwa der türkischen Filmkunst oder am vietnamesischen Vollmondfest, schenken uns Gedichte, die eine Ahnung geben von der Vielfalt der Kulturen, von Fremdheit und von Heimat. Sie laden zum interreligiösen Dialog ein. Wer sich auf diese Angebote einlässt, erfährt die Vielfalt in unserem Land als eine faszinierende Erweiterung von Möglichkeiten.

Besonders imponieren mir diejenigen unter Ihnen, die selbst mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen hatten und dennoch nicht resigniert haben, sondern im Gegenteil fragen: Was kann ich dieser Gesellschaft geben? Einer von Ihnen hat einst als Asylbewerber den Großteil seines Taschengeldes für einen Deutschkurs ausgegeben – heute hilft er anderen, Sprachbarrieren zu überwinden.

Auch Ihre Geschichten, liebe Ehrengäste, gehören zum Besten, was wir in unserem Land finden. Als Wegbereiter, als Brückenbauer lassen Sie sich nicht entmutigen von den schlechten und düsteren Seiten, die es nötigenfalls entschieden zu bekämpfen gilt. Sie helfen uns zu erkennen, was noch zu leisten ist, damit unser Land ein Land des Respekts und der Chancen, auch der Teilhabe für alle wird – aber auch, wie viel schon geschieht, weil es Menschen gibt wie Sie. Von Saliou Gueye, der nachher ein paar Worte an uns richten wird, weiß ich, dass er ursprünglich einmal zurückwollte nach Senegal. Jetzt ist er immer noch hier und wir brauchen ihn auch heute. Er wollte zurückgehen, als Entwicklungshelfer – und nun leistet er in Ulm gewissermaßen auch Entwicklungshilfe, nämlich für eine offene und pluralistische Stadtgesellschaft.

Ja, wir, die Unterschiedlichen wollen unser Land gemeinsam gestalten und mir sagt der Blick auf Ihre Biographien und in Ihre Gesichter einmal mehr: Vielfalt wird immer selbstverständlicher und ist zum Teil schon selbstverständlich geworden. Sie ist eine Bereicherung – vorausgesetzt, wir begegnen einander offen, respektvoll und in dem Bewusstsein, dass wir zusammen gehören. Und dass wir einen gemeinsamen, uns verbindenden Grund haben, der in unserem Grundgesetz und in den kodifizierten Werten steht, die hier gelten. Und die Probleme, die es gibt, die müssen und können wir gemeinsam lösen.

Für das, was Sie getan haben und tun, sagt unser Land heute feierlich "danke". Tragen Sie die Auszeichnung, die Sie gleich empfangen werden, mit Stolz und – ich darf es ruhig sagen – auch ein klein wenig zu Werbezwecken, auf dass möglichst viele sich Ihrem guten Tun anschließen und dazu beitragen, das Miteinander der Verschiedenen in diesem Land freundlich zu gestalten.