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Benefizkonzert des Bundespräsidenten in Mecklenburg-Vorpommern

Bundespräsident Joachim Gauck hält ein Grusswort beim Benefizkonzert des Bundespräsidenten im Rahmen der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern in Neubrandenburg Neubrandenburg, 18. Juli 2014 Benefizkonzert des Bundespräsidenten in Mecklenburg-Vorpommern – Grusswort in der Konzertkirche Neubrandenburg © Henning Schacht

Als Bundespräsident, der aus Mecklenburg stammt, ist es mir eine ganz besondere Freude, gerade heute mit Ihnen dieses Konzert zu feiern. Ich bin sozusagen nach Hause gekommen – als Rostocker nach Mecklenburg.

Vielleicht kennen Sie die Geschichte der Benefizkonzerte: Ursprünglich fanden diese von Bundespräsident von Weizsäcker erdachten Konzerte immer in Berlin statt. Damals war Berlin noch nicht wieder Sitz der Regierung. Und da war es gut und richtig, dass der Bundespräsident mit diesem Konzert an der Spree gleichsam musikalisch Flagge zeigte.

Mit dem Umzug dann von Parlament und Regierung nach Berlin änderte sich der Fokus. Die Bundespräsidenten wollten nun der Tatsache Rechnung tragen, dass die Kultur – und davon gerade auch das Musikleben – in Deutschland überaus vielfältig ist und in allen Bundesländern blüht und gedeiht. Und so finden die Benefizkonzerte nun seit vielen Jahren reihum in den Ländern des Bundes statt. Und ich bin nun heute als Landsmann sehr gerne zu Ihnen gekommen und bin stolz darauf, dass auch mein Mecklenburg-Vorpommern mit seinen Festspielen etwas so Schönes anzubieten hat, dass es eine Bühne für das Benefizkonzert des Bundespräsidenten sein kann.

Zwei Dinge müssen nämlich zusammenkommen bei solch einem Benefizkonzert. Es muss eine außerordentlich hohe, über den Ort und den Anlass hinausweisende künstlerische Qualität haben, und der Erlös muss einem Zweck dienen, der wichtig genug ist, dass er den Gästen – also Ihnen – einleuchtet. Beides zusammen soll also dazu anregen, sich eine Eintrittskarte zu kaufen, damit das Angenehme mit dem Nützlichen, der Genuss mit der Hilfe für andere verbunden ist.

Beides stimmt heute. Wir dürfen uns darauf freuen, dass mit dem Nationalen Symphonieorchester des Polnischen Rundfunks ein erstklassiger Klangkörper für uns musiziert, geleitet von Alexander Liebreich. Das ist kein Mecklenburger, aber ein Deutscher. Dass Sie, Maestro, mit Ihrem Orchester hier spielen, unterstreicht auf eindrucksvolle Weise den guten Ruf, den die Festspiele Mecklenburg-Vorpommern inzwischen genießen. Und dazu möchte ich Ihnen allen, die Sie da aktiv sind, ganz herzlich gratulieren. Unter den Festspielen, die in Deutschland jährlich stattfinden, haben sie ihren festen Platz erobert und ein markantes Profil gewonnen.

Es ist schön, dass die Kultur in Deutschland vor allem aus und in den Regionen lebt. Denn es zeigt, dass es in unserem Land kulturell eigentlich keine "Provinz" gibt – jedenfalls nicht in jenem abwertenden Sinne, wie man diesen Begriff manchmal in Groß- oder Hauptstädten hören kann. In der Kultur ist das ganz und gar unmöglich.

Wie die Ausführenden, so ist auch das Programm von der deutsch-polnischen Nachbarschaft geprägt. Auf dem Programm steht ein Stück von Krzysztof Penderecki, dann folgen Johannes Brahms und Ludwig van Beethoven. Musikalische Sprachen sind oftmals lokalisierbar, sie sind verwurzelt in den Klängen und musikalischen Traditionen der jeweiligen Heimat, aus der die Künstler kommen. Aber gleichzeitig ist Musik jeweils nur ein Dialekt der internationalen Sprache der Musik, die wie keine andere Kunst so ganz direkt in die Herzen der Menschen geht und unser Gemüt anspricht.

Über diese deutsch-polnische Mischung im Programm und bei den Musizierenden freue ich mich sehr. Die friedliche und von gegenseitiger Sympathie getragene deutsch-polnische Nachbarschaft verdient es, in diesem Jahr besonders herausgestellt und gefeiert zu werden. Das werden wir auch im nächsten Jahr tun. Dazu kommt dann noch ein bedeutendes und wunderbar erfreuliches russisches Element: Es handelt sich um den inzwischen schon berühmten Pianisten Igor Levit.

Zurück zu unserem Miteinander mit unseren polnischen Nachbarn: So gut waren die nachbarschaftlichen Beziehungen wahrlich nicht immer. Vor genau 75 Jahren, am 1. September 1939, begann mit dem Überfall Deutschlands auf Polen der Zweite Weltkrieg, der so unendlich viel Leid über unsere Völker gebracht hat. Ich werde zusammen mit Präsident Komorowski dieses Tages gedenken. Und wir alle, Deutsche und Polen, werden uns gemeinsam an diesen Tag, an den Ausbruch des Krieges erinnern.

Bei der Festlegung des Benefizzwecks für das heutige Konzert waren Ministerpräsident Erwin Sellering und ich uns sehr rasch einig. Er passt sowohl zu diesem Jahr als auch zu diesem Konzertprogramm und auch zu diesen Mitwirkenden. Denn gefördert werden soll die Jugendbegegnungs- und Bildungsstätte Golm des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge.

Dort, auf dem Golm, auf der Insel Usedom, nahe der polnischen Grenze, finden sehr viele Begegnungen zwischen Menschen aus beiden Ländern statt. Jener Ort erinnert wie wenige andere – jedenfalls in unserer Region – daran, wie der Krieg, der von Deutschland aus die Welt in Brand gesetzt hatte, letztlich auch Deutschland und die Deutschen selbst heimsuchte. Tausende Zivilisten, zumeist Flüchtlinge, kamen bei Bombenangriffen auf Swinemünde am Ende des Krieges ums Leben. Die Erinnerung an die Millionen ziviler Opfer aus allen Nationen verpflichtet uns zu Frieden, zu Versöhnung und immer zu guter Nachbarschaft.

Dieser historische Rückblick und die damit verbundenen ernsten Gedanken sollen uns aber nicht daran hindern, uns am heutigen Abend vor allem darüber zu freuen, dass wir hier, nahe der Grenze zwischen Polen und Deutschland, in Frieden leben, in derselben Europäischen Union. Wir haben unterschiedliche Sprachen, aber wir haben gemeinsame Werte. Was für ein wunderbarer Wandel für Menschen, die in meinem Alter sind – geboren noch im Krieg und jetzt zu sehen, wie wir zueinander gefunden haben. Wie viel Dankbarkeit können wir dafür empfinden. Und jetzt wollen wir uns darüber freuen, dass es die Musik gibt, die Erinnerungen bewahrt und Träume von einer besseren Welt immer wieder erklingen lässt.