Navigation und Service

Ausstellungseröffnung "Der Warschauer Aufstand 1944"

Bundespräsident Joachim Gauck hält eine Rede bei der Ausstellungseröffnung 'Der Warschauer Aufstand 1944' in der Gedenkstätte 'Topographie des Terrors' in Berlin Berlin, 29. Juli 2014 Ausstellungseröffnung "Der Warschauer Aufstand 1944" – Ansprache des Bundespräsidenten © Steffen Kugler

Es freut mich sehr, dass ich heute bei Ihnen sein kann, um zusammen mit Ihnen, Herr Präsident, – hier in Berlin – diese Ausstellung über den Warschauer Aufstand zu eröffnen. Ich bin mir der Tatsache bewusst, dass es für Sie nicht nur als Präsident, sondern auch als Angehöriger einer berühmten Familie, ein wichtiges Ereignis heute ist: Denn der Führer des Warschauer Aufstandes, General Bór-Komorowski, ist ein Verwandter von Ihnen, und er war der Oberbefehlshaber damals auf der polnischen Seite. Ich freue mich auch, dass Sie, die älteren Zeitzeugen, aus Polen zu uns gekommen sind. Es ist wichtig, dass Sie uns hier bei der Ausstellungseröffnung begleiten. Wir verfolgen mit dieser Ausstellung nicht nur die Absicht, uns erneut die Taten deutscher Täter vor unser geistiges Auge zu holen, sondern wir möchten auch Ihnen, den Zeitzeugen begegnen. Wir möchten, indem wir Ihrem Leiden begegnen, auch Empathie entwickeln für die Leiden der Anderen. Deshalb ist meine Freude besonders groß, dass Sie heute mit uns sind.

Lassen Sie mich beginnen mit einem persönlichen Erlebnis, das mir den Warschauer Aufstand noch einmal nahe gebracht hat: Im Jahre 2004, kurz nach der Fertigstellung, besuchte ich das Museum des Warschauer Aufstands im roten Klinkergebäude des stillgelegten Straßenbahn-Elektrizitätswerks von Warschau. Ich erwartete einen stillen Ort des Gedenkens mit Schautafeln über die Verbrechen der Deutschen, über die gefallenen Aufständischen und über die ermordeten Zivilisten. Umso erstaunter war ich, als ich die multimediale Ausstellung dort erlebte und mich laute Geräusche umgaben: Stimmen von Zeitzeugen, das Pfeifen der Kugeln, Einschläge von Bomben. All das war zu hören und immerfort wie ein cantus firmus schlug dumpf, dröhnend und laut, etwas wie ein Herz – als wäre das Stethoskop eines Arztes mit einem riesigen Lautsprecher verbunden, um der ganzen Welt zu verkünden: Diese Stadt lebt!

Spätestens damals habe ich verstanden, dass für viele Polen der Sieg über die Ohnmacht mehr zählte als die militärische Niederlage. Und ich begegnete so einer fast normativen Konstante des polnischen Selbstverständnisses: Dass es nämlich eine Tugend ist, in einer solch existentiellen Lage selbst dann zu streiten und zu kämpfen, wenn der Erfolg höchst ungewiss ist. Eine der herausragenden Gaben Polens für seine Nachbarn in Europa ist die Botschaft mehrerer Generationen: Freiheit ist so kostbar, so lebensnotwendig, dass Menschen nicht nur von ihr träumen, sondern sie erkämpfen und verteidigen und dies sogar notfalls unter Einsatz des eigenen Lebens.

So bin ich davon überzeugt: Diese Ausstellung ist an diesem Ort notwendig. Sie ist auch überfällig. Und das aus mindestens zwei Gründen: Der deutsche Überfall auf Polen am 1. September 1939 hat sich als Beginn des Zweiten Weltkriegs tief in das Bewusstsein der Deutschen eingegraben. Ich bin Ihnen dankbar, Herr Präsident, dass wir an diesem Tag in Polen gemeinsam werden erinnern können.

Die anschließende, gut fünfjährige Besetzung Polens wird im kollektiven Gedächtnis nicht so stark aufbewahrt. Sie wird vor allem überlagert durch das Kriegsgeschehen in der Sowjetunion und vom Völkermord an den Juden. Es ist deshalb gar kein Zufall, dass der Aufstand im Warschauer Ghetto 1943 hier in Deutschland weit bekannter ist als der Warschauer Aufstand im Spätsommer 1944.

Der zweite Grund, warum ich diese Ausstellung für besonders wichtig halte, ist die spezifisch polnische Perspektive, die das Museum des Warschauer Aufstandes eingebracht hat. Sie hilft uns zu verstehen, welche besondere Rolle der Warschauer Aufstand in der polnischen Geschichte spielt. Sie hilft uns zu verstehen, warum für so viele Polen Fragen von Freiheit und Unabhängigkeit bis heute so essentiell bleiben.

Der Warschauer Aufstand reiht sich ein in eine Serie von Erhebungen in der polnischen Geschichte, die mit einer Niederlage endeten. Für viele Polen führten diese Niederlagen aber keineswegs zu Defätismus und Mutlosigkeit. Die meisten dachten 1944 vielmehr wie der junge Dichter Krzysztof Kamil Baczyński: "Jetzt müssen wir sterben, damit Polen neu leben kann."

Polen wollte sich und der Welt demonstrieren, dass es imstande war, sich aus eigener Initiative von der deutschen Besatzungsmacht zu befreien. Und wie die Widerstandskämpfer an einem anderen Ort in Paris hoffte man damals auf die Hilfe der vorrückenden Truppen der Alliierten. Doch diese Unterstützung von außen blieb ihnen wie wir wissen fast gänzlich versagt. Mehr als 170.000 Warschauer zahlten für den Aufstand mit ihrem Leben.

Nach 63 Tagen voller Begeisterung und Verzweiflung, voller Triumph und Schmerz, voller Hoffnung und Bitterkeit, aber vor allem voller Tapferkeit und Aufopferung, nach 63 Tagen also blieb nur die Kapitulation. In einem der letzten Funksprüche der kämpfenden Heimatarmee an die polnische Exilregierung in London hieß es: "Jene, die starben, haben gesiegt, und jene, die leben, werden weiterkämpfen, werden siegen und wiederum Zeugnis dafür ablegen, dass Polen lebt, solange Polen leben."

Ich habe selbst beobachten können, dass der Warschauer Aufstand einen wichtigen Bezugspunkt für oppositionelle Polen bildete, damals, in der Zeit der Unfreiheit. In kommunistischen Zeiten zogen Hunderttausende am 1. August auf den Warschauer Powązki- Friedhof, wo die Gefallenen des Aufstandes begraben liegen: Väter, Großväter, Ehemänner und Ehefrauen – Vorbilder für die nachfolgenden Generationen.

Auch die Gewerkschaft Solidarność war inspiriert vom Warschauer Aufstand. Auch sie kämpfte für ein freies und unabhängiges Polen, für das Recht eines jeden Volkes, Subjekt seiner Geschichte zu sein. Und schließlich spürten auch wir Ostdeutschen etwas von der Kraft der polnischen Tradition. Sie gab uns Mut, als wir noch mutlos waren, sie gab uns Hoffnung, als wir noch hoffnungslos waren. Das polnische Beispiel dürfte uns schließlich geholfen haben, im Herbst 1989 ein Risiko einzugehen, obwohl der friedliche und befreiende Ausgang unserer Bewegung, die schließlich zu einer Revolution wurde, nicht vorherzusehen war.

Für diese Ausstellung über den Warschauer Aufstand kann es wohl kaum einen geeigneteren Ort in Deutschland geben als das Dokumentationszentrum "Topographie des Terrors", diesen Ort, um den sich die Zentralen der Gestapo und der SS sowie das Reichssicherheitshauptamt gruppierten. Hier wurde das Schicksal der polnischen Hauptstadt endgültig besiegelt, als Hitler den Befehl zur vollständigen Niederschlagung des Aufstandes und zur Zerstörung der Stadt erteilte. Hier, in der Kommandozentrale der einstigen Täter, rufen die Nachkommen der Opfer jetzt die besondere Brutalität des NS-Regimes in Polen in Erinnerung: für Besucher aus Berlin und Deutschland wie für Besucher aus der ganzen Welt, die hierher nach Berlin kommen.

Abgesehen von einem Teil der Tschechoslowakei war kein anderes Land im Krieg von der Wehrmacht länger besetzt als Polen. Kein anderes Land wurde so systematisch durch Verschleppung und Mord entvölkert, um als "Lebensraum" für das deutsche Volk zu dienen. Die polnische Staatlichkeit wurde abgeschafft, das Land wurde wirtschaftlich ausgeplündert. Auf polnischem Boden errichtete das NS-Regime die meisten jener Konzentrationslager, in denen Millionen europäischer Juden, Millionen von Polen ermordet wurden.

Ein besonders erschreckendes Ausmaß erreichten Terror und Gewalt während des Aufstandes: Aufständische wie Zivilisten wurden aus der Luft bombardiert und von Panzern und Minenwerfern beschossen. Auch unbeteiligte Männer, Frauen und Kinder wurden massakriert. Nach der Kapitulation wurden die Häuser gesprengt oder in Brand gesteckt. Die Stadt lag in Schutt und Asche. Diese Mondlandschaft hat das Museum des Warschauer Aufstandes in einer Computeranimation rekonstruiert. Der Film "Die Stadt der Ruinen" wird jeden bewegen, der ihn sieht.

Angesichts dieser Vergangenheit, auch angesichts der Tatsache, dass die Strafverfolgung der Hauptverantwortlichen in der jungen Bundesrepublik zögerlich war oder ganz unterblieb, grenzt es für mich an ein Wunder, dass Polen und Deutsche heute nicht nur gute Nachbarn sind, die sich vertragen, sondern Freunde, die sich mögen.

Polen vermochten zu vergeben, als Deutsche Reue zeigten. Polen vermochten Hass, Wut und Misstrauen zu überwinden, als Deutsche sich zu Schuld und Scham bekannten. Das bewegt uns. Ich spreche das in Ihrer Anwesenheit, meine Damen und Herren, die Sie Zeitzeugen waren, mit besonderem Nachdruck aus. Wie schön, dass wir alle Zeugen sind, dass unsere Völker nicht nur freundschaftlich verbunden sind, sondern auch gemeinsam verbündet in der Europäischen Union, auch in militärischen Bündnissen. Heute wollen wir Frieden, Freiheit und Demokratie gemeinsam schützen.

Das ist für mich die wichtigste Errungenschaft nach einem blutigen Jahrhundert mit zwei Weltkriegen und totalitären Regimen: Dieses gemeinsame Haus Europa, es beruht auf der Achtung der Würde des Menschen und auf dem Respekt vor dem Anderen. Ein Europa, das es wert ist, mit Leben erfüllt und immer wieder neu begründet, aber auch immer wieder verteidigt zu werden, wenn dies notwendig ist.

Wir eröffnen heute in der "Topographie des Terrors" eine Ausstellung, die uns an eine der vielen Topographien des Terrors erinnert, mit der Deutsche einst diesen Kontinent ruiniert haben. Wir führen uns damit vor Augen, wie wichtig der Kampf der Polen und der Anti-Hitler-Koalition war. Wie wichtig es war, der Tyrannei zu wehren, die Befreiung zu wollen und zu vollenden und so den Grundstein zu legen für ein späteres Europa.

Dieses spätere Europa ist unser Europa: eine europäische, Polen und Deutsche dauerhaft verbindende Topographie des Friedens, der Freiheit und der Würde des Menschen.

Dank allen Menschen, die daran mitgewirkt haben.